Hohe Schulden könnten Logistikern das Genick brechen
07.08.2018

Hohe Schulden könnten Logistikern das Genick brechen

Seit Jahren bewegt sich die Verschuldung von börsennotierten Unternehmen auf Rekordniveau. Besonders in der Papier-, Transport- und Textilbranche sammeln sich ao große Risiken an, so eine Studie von Euler Hermes.

Unternehmen nutzen das „billige Geld“ im Niedrigzinsumfeld. Seit Jahren bewegt sich die Verschuldung von börsennotierten Unternehmen außerhalb des Finanzsektors auf Rekordniveau. Dank guter Umsätze und Gewinne ist 2017 die Nettoverschuldungsquote (Net Gearing Ratio) jedoch weltweit erstmals wieder gesunken. Sie fiel um 3,2 Prozentpunkte (pp) auf 53%. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Studie „Corporate Debt“ des Kreditversicherers Euler Hermes.

Brisanter Mix aus hoher Verschuldung und steigenden Risiken durch Strukturwandel

„Die Bilanzen der Unternehmen hatten zuletzt Rückenwind durch satte Gewinne. Die insgesamt hohe Verschuldung könnte dennoch einigen Unternehmen zum Verhängnis werden“, sagt Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Euler Hermes Gruppe. „Die Papier-, Transport- und Textilbranche weisen nicht zuletzt aufgrund des Strukturwandels und großen Investitionsbedarfs einen brisanten Mix aus hoher Verschuldung und steigenden Risiken auf.“

Klimawandel, steigende Umweltanforderungen, Digitalisierung, veränderte Kundenbedürfnisse und Geschäftsmodelle oder schwierige wirtschaftliche Rahmenbedingungen sowie ein teilweise starker Wettbewerb stellen Unternehmen und ihre Lieferanten vor große Herausforderungen.

„Je schwieriger die Bedingungen und je einschneidender der bevorstehende Wandel in einer Branche, desto größer ist häufig der Kapitalbedarf. Wenn die Umsatzentwicklung nicht Schritt halten kann, steigt die Verschuldung weiter an – und damit auch die Anfälligkeit für externe Schocks“, sagt Subran. Nicht nur bei den Branchen, sondern auch regional gibt es jedoch gravierende Unterschiede.

Schuldenkönige Portugal, Türkei, Griechenland und Spanien

„Regional sind Portugal, die Türkei, Griechenland und Spanien die Schuldenkönige“, sagt Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Deutsche Exporteure sollten hier also genau hinschauen, mit wem sie Handel betreiben. Das kann teilweise mit hohen Zahlungsrisiken verbunden sein – zumal die Zahlungsmoral in diesen Ländern eher schlecht ist. In der Türkei kommt ein Währungsrisiko hinzu. Unternehmen sind vor allem in US-Dollar oder Euro verschuldet. Mit der massiven Abwertung der türkischen Lira seit Jahresbeginn wird die Rückzahlung fälliger Kredite teilweise sehr teuer und entsprechend schwer zu stemmen. Bereits jetzt sehen wir dort eine steigende Zahl an Pleiten und gehen deshalb 2018 von einem Anstieg der Insolvenzen um 5% aus.“

Im Gegenzug sind Unternehmen in Afrika (38%), Australien (41%), Hongkong (42%), Polen und Großbritannien (je 43%) weniger stark verschuldet als der weltweite Durchschnitt.

Transportbranche: wenig Puffer, großer Investitionsbedarf – Schifffahrt im Fokus

Strukturwandel, geringe finanzielle Puffer, steigende Ölpreise, Wetterrisiken und hohe Schulden plagen die Transportbranche. Die Verschuldungsquote der größten Unternehmen in der Transportbranche liegt weltweit durchschnittlich bei 144%. Der Cash-Flow ist branchenweit schwach, so dass ein schneller Abbau der Schuldenberge derzeit auch nicht in Sicht ist.

Insbesondere in der Luftfahrt und der Schifffahrt stieg die Verschuldung sogar noch deutlich an, weil die Unternehmen ihre Flotten erneuern oder zuletzt erneuert haben. Vor allem die Schifffahrt steht seit Jahren unter Druck, ihre Schiffe zu erneuern, um ihre Margen angesichts steigender Ölpreise bei gleichzeitig hohem Verbrauch zu sichern. Neue Schiffe versprechen aufgrund ihrer Größe und einem niedrigeren Verbrauch eine größere Kosteneffizienz. Steigende Umweltanforderungen im Zuge des voranschreitenden Klimawandels werfen jedoch bereits weitere Schatten voraus.

Vorsicht Abwärtssog – Frachtvolumina durch Handelsbarrieren in USA und China unter Druck

„Risiken und Verschuldung sind in der Transportbranche bereits heute sehr hoch und die finanziellen Polster gering, insbesondere in der Schifffahrt. Durch höhere Umweltstandards steht in Zukunft eine erneute Welle der Schiffsmodernisierung und Flottenerneuerung an mit den verbundenen hohen Kosten – ein Teufelskreis“, sagt Van het Hof. „Unternehmen müssen also bei ihren Investitionen sehr umsichtig planen und Umsatz und Kosten eng im Auge behalten, um nicht in den Abwärtssog zu geraten.

Hinzu kommt die starke Abhängigkeit der Branche von der wirtschaftlichen Entwicklung. Der Konjunkturzyklus neigt sich langsam dem Ende zu und der drohende Handelskrieg sowie steigende protektionistische Maßnahmen sorgen für weitere Sorgen in der Branche. Das Wachstum beim Frachtvolumen von Asien nach Nordamerika ist durch Handelsbarrieren seit Jahresbeginn bereits ausgebremst worden.“ Seit Jahresbeginn wurden gerade noch 4% mehr Waren auf der Route transportiert als im Vorjahreszeitraum. Das entspricht einem Rückgang um 3 Prozentpunkte beim Wachstum.

Mehr Handelshemmnisse wirken sich auf Transportrouten aus

2017 haben Regierungen weltweit 467 neue Handelshemmnisse eingeführt, allen voran die USA, die für 90 neue protektionistische Maßnahmen verantwortlich sind. Diese wirken sich auf einigen Transportrouten bereits deutlich aus. Die USA prüfen aktuell zudem noch höhere Zölle auf chinesische Waren.

„Das sorgt für weitere Unsicherheiten, denn diese würden mit hoher Wahrscheinlichkeit zu entsprechenden Gegenmaßnahmen führen“, sagt Van het Hof. „Europa und die USA sitzen aktuell zwar wieder am Verhandlungstisch, um über den Abbau von Handelshemmnissen zu sprechen, der Ausgang ist jedoch unklar und somit sind hier möglicherweise weitere dunkle Wolken am Himmel in Sicht – für die Schifffahrt, aber auch für alle deutschen Exporteure. Bei Handelsbarrieren gibt es am Ende immer viele Verlierer. Insbesondere trifft eine solche Spirale aus Maßnahmen und Gegenmaßnahmen Unternehmen, für die der weltweite Handel dadurch ein Stück unberechenbarer wird.“

Bild: cybrain/Shutterstock.com

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