Einkauf in China & Alternativen: Abschied von der verlängerten Werkbank

Durch Chinas Aufstieg zur Industrienation ändert sich die Arbeitsteilung in Asien. Wer  beim Einkauf Kosten sparen will, muss deshalb immer öfter auf Staaten in Südostasien ausweichen. Wir stellt die attraktivsten alternativen Beschaffungsmärkte vor.

Einkauf in China & Alternativen: Abschied von der verlängerten Werkbank
Billiglohnland ist China längst keines mehr. Stattdessen entwickelt sich das Reich der Mitte zum Anbieter immer höherwertiger Technologien wie Haushaltsgeräte, Fotovoltaikpanele, Roboter oder Elektroautos und Lithium-Ionen-Batterien. Durch diesen Strukturwandel ändert sich auch die Arbeitsteilung in den Staaten Asiens. Denn was Unternehmen in der Volksrepublik früher selbst produzierten, fertigen oder sourcen sie heute in Billiglohnländern wie Vietnam, Myanmar oder Indonesien. Jenen Ländern also, die in die Lücke vordringen, die frei wird, weil sich China von seiner Rolle als verlängerte Werkbank der Weltwirtschaft verabschiedet.

Arbeiter in Südostasien verdienen drei Viertel weniger als ihre Kollegen in China

Auch deutsche Einkäufer stoßen in den Mitgliedsstaaten der Association of South East Asian Nations (ASEAN) auf Lohnkosten, mit denen chinesische Arbeiter nicht mehr konkurrieren wollen. So liegt der durchschnittliche Tageslohn eines Fabrikarbeiters im Reich der Mitte bei 27,50 US-Dollar, in Indonesien verdienen Angestellte in der Industrie dagegen nur 8,60 Dollar am Tag, in Vietnam sogar nur 6,70 Dollar. Dass sie mit diesem Lohnniveau einen unschlagbaren Kostenvorteil anbieten können, wissen auch die Regierungen der zur ASEAN-Staaten.

Freihandelszone AEC zieht Einkäufer und Investoren an

Um das niedrige Lohnkostenniveau für Investoren und Einkäufer, die von der neuen Arbeitsteilung profitieren wollen, noch attraktiver zu machen, haben die ASEAN-Staaten beschlossen, Waren innerhalb des Staatenverbundes frei fließen zu lassen und 2015 die ASEAN Economic Community (AEC) gegründet. Zwar konnten Unternehmer bereits davor 99 Prozent aller Waren zwischen Brunei, Indonesien, Malaysia, den Philippinen, Singapur und Thailand – den sechs am weitesten entwickelten Mitgliedern des Staatenbundes – zollfrei handeln.

Bis 2025 soll nun aber zwischen allen zehn Mitgliedern der ASEAN, der auch Kambodscha, Laos, Myanmar und Vietnam angehören, ein gemeinsamer Wirtschaftsraum wie in der EU entstehen. Seit 2005 ist auch die Volksrepublik China durch ein Freihandelsabkommen mit der ASEAN verbunden.

Chinesische Unternehmen sourcen längst in ganz Asien

„Für Einkäufer, die Vorprodukte für Fertigungsstandorte in China beschaffen, wird es somit künftig noch interessanter, einzelne Arbeitsschritte in der ASEAN erledigen zu lassen oder Teile und Komponenten von dort zu sourcen“, schätzt Lisa Flatten, stellvertretende Leiterin des Bereichs Asien/Pazifik bei Germany Trade & Invest (GTAI). Allerdings müssen Sourcing-Verantwortliche aus der Industrie in Südostasien gezielt nach passenden Lieferanten suchen.

„Da es in vielen Ländern der Region nur wenige Industriebranchen gibt, finden Einkäufer dort, anders als in China, oft nur ein auf die entsprechenden Branchen beschränktes Know how und  Angebot an Vorprodukten“, erklärt  Minrui Ji. Sie leitet die Niederlassung der Einkaufsberatung Inverto in Shanghai. Wer für eine kleine Zahl an Teilen einen neuen Beschaffungsmarkt erschließe, Lieferanten entwickle und die Logistik aufbaue, müsse daher genau nachrechnen, ob sich dies lohnt.

Im Rahmen einer guten Asienstrategie sollten Einkäufer die ASEAN-Staaten nicht vernachlässigen

Zumal die veraltete und überlastete Verkehrsinfrastruktur in vielen südostasiatischen Staaten zu längeren Lieferzeiten und damit höheren Kosten führt. Auch für Strom zahlen Unternehmer in vielen Staaten der Region doppelt so viel wie in China. Nach Schätzungen der Asian Development Bank in Manila müssten die ASEAN-Staaten bis 2020 gut 750 Milliarden US-Dollar investieren, um ihre Strom- und Straßennetze, Häfen und Flughäfen auf Vordermann zu bringen.

„Aufgrund unter anderem dieser Nachteile bietet es sich noch nicht an, große Teile oder gar die gesamte Lieferkette in die ASEAN zu verlagern. Allerdings sind ausgesuchte Länder für bestimmte Produktionsschritte oder als Beschaffungsmärkte für einzelne Produktgruppen sehr interessant“, erklärt GTAI-Fachfrau Flatten. Deshalb sollten Einkäufer sich im Rahmen ihrer Asienstrategie neben China auch intensiv mit Vietnam, Malaysia, Thailand und den Philippinen beschäftigen.

Was die einzelnen Staaten als Beschaffungsmärkte zu bieten haben, lesen Sie in diesen Länderporträts:

Vietnam – Ehrgeiziger Elektroniklieferant

Thailand – Asiens Drehkreuz für die Automobilindustrie

Malaysia – Wettbewerbsfähiger Digitalisierungsspezialist

Philippinen – Heimlicher Wachtsstar

 

Bild:onmyvespa/Shutterstock.com