Straße in Japan bei Nacht, Mann geht über Zebrastreifen

Seit 2019 gilt ein Freihandelsabkommen zwischen Japan und der EU. (Bild: Pixabay)

| von Dörte Neitzel

Der Warenaustausch mit Japan läuft ein wenig unter dem täglichen Radar. In die Schlagzeilen geriet er im Jahr 2011, als ein Erdbeben eine folgenschwere Tsunamiwelle auslöste, die anschließend das Atomkraftwerk in Fukushima zerstörte und zum schwersten Reaktorunfall seit Tschernobyl führte. Neben dem Krisenmanagement vor Ort hatte das Unglück zur Folge, dass weltweite Lieferketten unterbrochen wurden.

 So musste beispielsweise Toyota – Vorreiter in Sachen Just-in-Time-Lieferung – empfindliche Rückschläge seiner Supply Chain hinnehmen. Auch der Pharmakonzern Merck, der am Standort Fukushima sein Werk für Xirallic hat, ein Pigment, für Metallic-Autolacke, musste sein Werk kurzfristig schließen. Eine Katastrophe für die Kunden, denn Merck war weltweit der einzige Hersteller solch spezieller Fahrzeuglacke.

OEMs wie Toyota, General Motors, Ford und Chrysler saßen auf dem Trockenen und mussten Ihren Autokäufern mitteilen, dass es bei mehreren Farben – darunter zwei Schwarztöne und drei Rottöne – Auftragsbeschränkungen gab.  Zwar wurde die Produktionsanlage nicht zerstört und konnte relativ schnell ihren Betrieb wieder aufnehmen, doch seitdem hält das Unternehmen größere Lagerbestände vor, um seine Kunden auch in Krisensituationen bedienen zu können.

Tabelle: Wirtschaftliche Fakten zur Beschaffung in Japan

Offizieller Name Nippon oder Nihon
Hauptstadt Tokia
Amtssprache japanisch
Bevölkerung 126,49 Millonen
BIP 2018 4.971,77 Mrd. US-Dollar
BIP pro Kopf 2018 39.286 US-Dollar
Wirtschaftswachstum 2016/2017/2018 0,61 % / 1,94 % / 0,81 %
Inflationsrate 2017/2018 0,5% / 1,0%
Importe 2018 748,1 Mrd. US-Dollar
Exporte 2018 737,8 Mrd. US-Dollar
Freihandelsabkommen (Auswahl) EU, Schweiz, ASEAN, Singapur, Mexiko, Malaysia, Chile, Thailand, Indonesien, Brunei, Philippinen, Vietnam, Indien, Peru, Mongolei, Australien, USA (geplant), TPP

 

Deutsch-Japanisches Freihandelsabkommen in Kraft

Ein weitaus positiverer Anlass war der Abschluss des Deutsch-Japanischen Freihandelsabkommens, das im Februar 2019 in Kraft trat. Davon sollte besonders die deutsche Automobilindustrie profitieren. Denn bislang gab es eine Reihe technischer Anforderungen und Zertifizierungsverfahren seitens Japan, welche die Ausfuhr deutscher Waren auf die Pazifikinsel erschwerten. Doch auch die Beschaffung aus dem Land der aufgehenden Sonne wurde einfacher – was die wachsenden Importzahlen im Jahr 2018 belegen.

 Die Handelsbilanz zwischen Deutschland und Japan war 2018 nahezu ausgeglichen. Deutsche Unternehmen beschafften für rund 23 Milliarden Euro Waren aus dem Land der aufgehenden Sonne. Damit liegt Japan bei den Beschaffungsländern deutscher Unternehmen – über alle Branchen und Warenkategorien hinweg – auf dem 15. Platz – noch vor der Türkei und knapp nach Ungarn. Im Vergleich zu 2017 haben deutsche Einkäufer rund 3,6 Prozent mehr in Japan eingekauft.

Diagramm zum Warenhandel zwischen Japan und der Europäischen Union bis 2018
So sah der Warenhandel zwischen der EU und Japan bis 2018 aus. (Grafik: Statista)

Für Beschaffer hierzulande sind vor allem fünf Warenkategorien von Bedeutung: Datenverarbeitungsgeräte sowie elektrische und optische Erzeugnisse mit einem Anteil von 23,2 Prozent an den gesamten Importen, Maschinen (20,39%), Kraftwagen und –teile (15%) sowie chemische Erzeugnisse (11%).

Beschaffung in Japan: Die wichtigsten Ausfuhrgüter

Deutsche Importe aus Japan 2018 23,734 Mrd. Euro
Deutsche Exporte nach Japan 2018 20,445 Mrd. Euro
Wichtigste deutsche Einfuhren aus Japan nach Warenkategorien (in % der Importe aus Japan)
  • Datenverarbeitungsgeräte, elektrische und optische Erzeugnisse (23,2%)
  • Maschinen (20,39%)
  • Kraftwagen und -teile (15%)
  • chemische Erzeugnisse (11%)

Quelle: Auwi Bayern 2018

Straße in Japan bei Nacht
Einkäufer beschaffen besonders Hightech und Maschinen aus Japan. (Bild: Pixabay)

Überalterte Bevölkerung ist soziales und wirtschaftliches Problem

Mehr als andere Industrieländer leidet Japan unter dem demografischen Wandel: Mit einem Durchschnittalter von 46,3 Jahren weist das Land die älteste Gesellschaft der Erde auf. Gründe sind die steigende Lebenserwartung, die sinkende Geburtenrate sowie eine fehlende Zuwanderung über die letzten Jahrzehnte. Das wird den Arbeitsmarkt künftig weiter verschärfen: So soll die Zahl der jungen Arbeitnehmer bis 2030 um rund 18 Prozent zurückgehen.

Viele Ältere arbeiten bis weit über das gesetzliche Renteneintrittsalter von 65 hinaus – der durchschnittliche Landwirt ist in Japan 70 Jahre alt. Alle drei Jahre sinkt die Bevölkerungszahl um eine Million, so die Aussenwirtschaft Austria in ihrem Wirtschaftsbericht Japan. Ein weiteres Indiz für die Zuspitzung der Lage: Auf dem Stellenmarkt lag das Angebot-Bewerber-Verhältnis im April 2018 bei 1,59. Das ist sensationell niedrig und impliziert einen ersthaften Mangel an Fachkräften.

Hohe Staatsschulden

Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf ist Japan zwar ein reiches Land, doch liegen – ähnlich wie in der EU – die Zinsen seit langem bei Null Prozent. Auf einem ähnlichen Niveau liegt die japanische Inflation in den vergangenen Jahrzehnten – abschnittweise schlug sie sogar in eine Deflation um. Kurios: Zwar werden Politiker nicht müde, immer wieder das Ziel einer 2-prozentigen Inflation zu bekräftigen und jeden halben Prozentpunkt Preissteigerung zu feiern, doch die Japaner selbst haben sich so an die niedrigen und teilweise sinkenden Preise gewöhnt, dass sie zum Teil Unternehmen abstrafen, die ihre Preise erhöhen. Die Belebung der Konjunktur wurde mit einem massiven Anstieg der Staatsschulden auf mittlerweile 230 Prozent des BIP erkauft. Zum Vergleich: Das ist mehr als Griechenland ausweist (181%, Stand 2018).

 Überstunden und der Verzicht auf Urlaub sind in Japan an der Tagesordnung – es wird einfach erwartet. Diese längeren Arbeitszeiten sind jedoch nicht mit einer höheren Produktivität gleichzusetzen. So landete das Land auf dem letzten Platz bei der Arbeitsproduktivität der G7-Nationen. Generell gilt Japan als ein Land hochqualifizierter Arbeitskräfte, allerdings gilt häufig noch das Prinzip des lebenslangen Arbeitens bei ein und demselben Unternehmen.

Produktivität, Qualität und Kosten in Japan

Durchschnittlicher Monatslohn 2.917 Euro
Analphabetenquote 0,1%
Durchschnittliche Dauer des Schulbesuchs 12,8 Jahre
Anteil der Bevölkerung mit Universitätsabschluss 8 Prozent
Human Development Index 19 von 188 Ländern
Global Competitiveness Index 6 von 141 Ländern
offizielle Arbeitslosenquote 2018 2,4 Prozent
Korruptionswahrnehmungsindex 18 von 180 Ländern
Ease of Doing Business 2020 29 von 190 Ländern
Hermes Länderkategorie keine Risikoeinstufung

 

Japan verfügt über ein sehr gut ausgebautes Bahnnetz. Weltweit belegt es damit den 11. Platz in der Welt. Häfen und Flughäfen sind in jeder großen Stadt vorhanden.

Beschaffung in Japan: Infrastruktur und Logistik

Wichtigste Seehäfen Tokio, Yokohama, Osaka, Kobe, Nagoya
Wichtigste Flughäfen Tokio (Narita und Haneda), Osaka, Fukuoka, Tokoname, Chitose/Tomakonai
Autobahnnetz 14.114 Kilometer
Eisenbahnnetz 27.311 Kilometer, davon 20.534 elektrifiziert

 

Die wichtigsten Rohstoffe in Japan

Japan ist ein rohstoffarmes Land, die meisten seiner Grundstoffe muss es importieren. Zu den wichtigsten Bodenschätzen Japans zählen Bauxit, Kohle, Eisen und Erdöl, die jedoch dem Eigenbedarf dienen. Aktuell begehrte Rohstoffe wie Platin und Palladium wurden zuletzt im Jahr 2009 abgebaut.

Allerdings haben Forscher im Jahr 2018 ein großes Vorkommen von Seltenen Erden vor der Minamitori-Insel, etwa 1.850 Kilometer südöstlich von Tokio, im Meer entdeckt. Sie vermuten rund 16 Millionen Tonnen der wertvollen Metalle im Meeresboden: Yttrium für die Versorgung in den nächsten 780 Jahren, der Vorrat an Dysprosium soll für 730 Jahre reichen, Europium für 620 Jahre und Terbium für 420 Jahre.

Risiken beim Einkauf in Japan

Größtes soziales Risiko für Geschäfte mit Japan bleiben die alternde Bevölkerung und der damit verbundene Fachkräftemangel. Fiskal sind die ausufernden Staatsschulden und eine immer wieder ins Spiel gebrachte mögliche Staatspleite ein Risiko. Darüber hinaus sind natürlich die geografischen Risiken nicht wegzudiskutieren – etwa Erdbeben oder Überschwemmungen durch Taifune. Durch die Rohstoffarmut müssen zudem viele Ausgangsmaterialien oder fossile Brennstoffe teuer auf die Insel importiert werden.

Quellen: gtai, Auswärtiges Amt, UNESCO, UNDP, WEF

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