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| von Dörte Neitzel

Die Chinesen kaufen weniger Unternehmen in Europa. Die Zahl chinesischer Unternehmenübernahmen sank von 126 auf 111. Das Investitionsvolumen hat sich sogar mehr als halbiert: von 31,6 auf 14,9 Milliarden US-Dollar. Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, die M&A-Investitionen chinesischer Unternehmen in Deutschland und Europa untersucht.

Deutschland und Großbritannien am beliebtesten

Nach wie vor die meisten Transaktionen führten chinesische Investoren in Deutschland und Großbritannien durch, in beiden Ländern sank die Zahl der Zukäufe aber von 26 auf 22. Da es sich in Großbritannien aber überwiegend um kleinere Deals handelte, schrumpfte das Investitionsvolumen von 16,2 auf 0,6 Milliarden US-Dollar. In Deutschland wurde hingegen ein Anstieg von 6,7 auf 9,9 Milliarden US-Dollar registriert – vor allem aufgrund des Einstiegs des chinesischen Autobauers Geely bei Daimler mit einem Volumen von geschätzt 8,9 Milliarden US-Dollar.

In Frankreich stieg die Zahl der Übernahmen von 10 auf 13, während sie in Italien von 12 auf 11 sank.

Größter Deal der Geely-Einstieg bei Daimler

Der europaweit mit Abstand größte Deal war der Einstieg von Geely bei Daimler. An zweiter Stelle folgt die Übernahme des französischen Computerspielproduzenten Ubisoft durch eine Investorengruppe, zu der auch der Internetgigant Tencent gehört, für eine Milliarden US-Dollar.

Im Ranking der größten Investoren in Deutschland landet China im ersten Halbjahr gemeinsam mit Frankreich und den Niederlanden auf dem vierten Platz – hinter den USA (73 Transaktionen), Großbritannien (64) und der Schweiz (39). China ist also nach den USA der zweitgrößte außereuropäische Investor in Deutschland.

Klassische Industrieunternehmen verlieren an Attraktivität

Allerdings verschieben sich derzeit die Investitionsschwerpunkte, beobachtet Yi Sun: „Investitionen in klassische Industrieunternehmen verlieren für die Chinesen an Attraktivität, obwohl in diesem Bereich nach wie vor die meisten Transaktionen stattfinden. Wir sehen aber ein deutlich steigendes Interesse an Zukäufen in den Bereichen Infrastruktur, Energie, High Tech und Pharma – auch wenn einige der geplanten Transaktionen nicht zustande kommen. Gerade bei High-Tech-Firmen und Energieversorgern sind die politischen Widerstände zum Teil groß. Hier bedarf es eines langen Atems und intensiver Verhandlungen.“

Chinesen kaufen mehr Energie- und Konsumgüterunternehmen

Im ersten Halbjahr sank die Zahl der gekauften europäischen Industrieunternehmen massiv von 43 auf 23. Auch im Finanzsektor war die Transaktionsaktivität rückläufig: von 17 auf acht Deals. Gestiegen ist hingegen die Zahl der Transaktionen in den Bereichen Energie (von sechs auf neun Transaktionen) und Rohstoffe (von sieben auf zehn). Vor allem aber gewann der Konsumgütersektor stark an Bedeutung: Hier stieg die Zahl der Deals von fünf auf 19.

Einige große Transaktionen scheiterten oder befinden sich immer noch in der Schwebe. Im Mai hat beispielsweise Three Gorges knapp 11 Milliarden US-Dollar für den portugiesischen Energieversorger EDP geboten – die Summe wurde vom Unternehmen aber als zu niedrig zurückgewiesen. In Deutschland plante der chinesische Staatskonzern State Grid einen Einstieg beim Netzbetreiber 50 Hertz – die Transaktion kam aber letztlich nicht zustande, obwohl das Bundeskartellamt sie bereits genehmigt hatte.

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Zudem haben sich die Finanzierungsbedingungen für die chinesischen Investoren erschwert, beobachtet Sun: „Die Verkäufer sind vorsichtiger geworden – sie fordern heute oft schon bei der Vertragsunterzeichnung hohe Garantien von den chinesischen Käufern. Und auch Bankbürgschaften sind für chinesische Investoren deutlich schwieriger zu erhalten. Dadurch verzögern sich viele Abschlüsse – das Geschäft ist schwieriger geworden.“

Seit Ende 2016 gelten in China zudem strengere Auflagen für die Übernahme ausländischer Unternehmen – so sind beispielsweise die Investitionen in Fußballvereine oder Hotels nicht mehr erwünscht. Die chinesischen Aufsichtsbehörden haben zudem strengere Kontrollen für Übernahmen im Ausland eingeführt und Auflagen verabschiedet, um den Kapitalfluss ins Ausland zu kontrollieren.

Weniger große Transaktionen

Auffällig ist, dass die Zahl sehr großer Transaktionen rückläufig ist – nachdem im ersten Halbjahr 2017 europaweit noch elf Deals mit einem Volumen von mehr als 500 Millionen Euro über die Bühne gegangen waren, sank die Zahl im laufenden Jahr auf fünf.

Nach wie vor stelle für etliche der übernommenen deutschen Unternehmen ein chinesischer Investor einen Glücksfall dar, so Sun: „Zahlreiche Transaktionen betrafen auch in diesem Jahr wieder insolvente Unternehmen, für die der chinesische Investor die letzte Chance zum Überleben darstellte. Auf der anderen Seite stoßen aber auch viele deutsche Mittelständler an Wachstumsgrenzen – sie können die von ihren Kunden erwartete Expansion und die nötigen Investitionen nicht aus eigener Kraft stemmen und verfügen außerhalb der angestammten Absatzmärkte nicht über den nötigen Marktzugang. Ein chinesischer Investor mit der entsprechenden Finanzkraft und Zugang zum chinesischen Absatzmarkt ist da häufig genau der richtige Partner.“

Sun erwartet für die zweite Jahreshälfte ein anhaltend großes Interesse chinesischer Investoren an deutschen und europäischen Unternehmen – auch wenn die Chinesen nicht mehr überall von Anfang an mit offenen Armen empfangen würden: „Heute müssen die chinesischen Investoren ihre Absichten deutlich besser kommunizieren als vor einigen Jahren und zum Teil auch Zugeständnisse in Bezug auf Arbeitsplätze und Unternehmenssitz machen, um Ängsten zu begegnen. Andererseits könnten die veränderte politische Großwetterlage und die handelspolitischen Spannungen mit den Vereinigten Staaten zu einer größeren Bereitschaft in Europa führen, chinesische Investoren ins Boot zu holen.“

 

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