Frau mit Mundschutz, Schutzbrille und Reagenzglas in der Hand

Die Pharmaunternehmen haben ihre Forschungen seit 2019 wieder verstärkt. (Bild: s_l - stock.adobe.com)

Die Pharmabranche wird (wieder) innovativer und macht auch (wieder) mehr Umsatz. Das zumindest hat eine Untersuchung der Strategieberatung EY herausgefunden.

So steigerten die 21 untersuchten Konzerne ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung in 2019 um 14,6 Prozent – nach einem Minus von 0,8 Prozent im Jahr zuvor. An dem Zuwachs hatten fast alle Unternehmen ihren Anteil – 16 der 21 Konzerne erhöhten ihre F&E-Ausgaben.

Auch beim operativen Ergebnis (EBIT) gelang es den Unternehmen, den Wachstumsrückgang von 3,2 Prozent aus 2018 wieder ins Positive zu drehen: mit einem Plus von 11,9 Prozent.

Mit 12,3 Prozent im Durchschnitt erzielten die Unternehmen auch beim Umsatz einen zweistelligen Zuwachs. Insbesondere Takeda steigerte die Erlöse nach der Übernahme von Shire von 15,6 auf 25,8 Milliarden Euro sehr deutlich. Doch auch ohne die Shire-Übernahme fiel das Umsatzwachstum der Top-Pharma-Unternehmen dank der Markteinführung neuer Wirkstoffe mit 10,1 Prozent zweistellig aus.

Deutsche Unternehmen wachsen prächtig

Die deutschen Top-Pharma-Konzerne entwickelten sich positiv: Das EBIT stieg bei Bayer (plus 53 Prozent), Boehringer Ingelheim (plus 31 Prozent) sowie Merck KGaA (plus 28 Prozent) jeweils deutlich im zweistelligen Bereich.

Beim Umsatz konnte sich lediglich Boehringer Ingelheim überdurchschnittlich entwickeln (plus 11,2 Prozent). Bayer und Merck blieben mit einem Umsatzwachstum von 7,3 Prozent beziehungsweise 7,5 Prozent unter dem Branchenschnitt.

“Im Jahr vor Corona hat sich die Pharmaindustrie weltweit positiv entwickelt“, kommentiert Gerd Stürz, Marktsegmentleiter Life Sciences, Health and Chemicals für Deutschland, die Schweiz und Österreich bei EY. „Einige große Übernahmen haben die Zahlen ein Stück weit beeinflusst – allen voran die Shire-Übernahme durch Takeda.“

Siegfried Bialojan, Leiter des EY Life Science Center in Mannheim, ergänzt: „Big Pharma stand im Vergleich zu den ohnehin forschungsstarken Big-Biotech-Unternehmen unter einem hohen Innovationsdruck. 2019 sind die Top-Pharma-Unternehmen dem in allen Bereichen nachgekommen: Sie haben ihre internen Anstrengungen weiter vorangetrieben, Zukäufe getätigt und sind Allianzen eingegangen.“

Impfstoffe und Therapeutika gegen Corona

Innerhalb kürzester Zeit hat die Gesamtbranche bis Anfang Juni laut der EY-Recherche 161 Impfstoff-Kandidaten und 242 therapeutische Wirkstoffkandidaten identifiziert sowie über 700 Tests entwickelt oder bereits auf den Markt gebracht.

Und das kostet Geld: „Es gibt keine Garantie für einen sicheren und wirksamen Impf- beziehungsweise Wirkstoff. Bei der Suche wird viel Entwicklungsgeld umsonst investiert: Nach unserer Einschätzung werden 97 Prozent der derzeit erprobten Impfstoffe nicht das Licht der Welt erblicken. Unter den Therapeutika bleiben am Ende drei bis vier Präparate übrig, die angewendet werden“, weiß Alexander Nuyken, Leiter der Life Sciences Strategy and Transactions in der Region EMEIA für EY.

Weltweit sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO seit Januar 2020 weltweit 263 Impfstoffprojekte angelaufen (Stand 12.3.2021). In der klinischen Entwicklung, davon 16 in der entscheidenden dritten Phase. Mittlerweile sind aus den westlichen Laboren vier zugelassene Impfstoffe gegen SARS Cov-2 hervorgegangen: Biontech-Pfizer, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson waren mit ihrer Forschung erfolgreich.

Dagegen hatte Merck im Januar 2021 die Entwicklung seiner beiden Impfstoffkandidaten gestoppt. Auch Sanofi kämpft noch mit Problemen bei der Studienauswertung. Das Tübinger Unternehmen Curevac ist der fünfte Kandidat, auf dessen Impfstoff große Hoffnungen ruhten, er scheint sich jedoch als zu wenig wirksam herauszustellen. Hinzu kommt Novavax aus den USA.

Deutsche Zulieferer für die Covid-Forschung

Die folgenden Unternehmen und Forschungsinstitute unterstützten Forschungseinrichtungen oder Unternehmen bei der Impfstoffentwicklung, als Zulieferer oder in der Produktion:

  • Rentschler Biopharma (Laupheim): übernimmt jeweils einen Herstellungsschritt für die Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und CureVac
  • Dermapharm (Brehna): wirkt an Fertigung des Impfstoffs von BioNTech/Pfizer mit
  • Siegfried (Hameln): wirkt an Abfüllung und Verpackung des Impfstoffs von BioNTech/Pfizer mit
  • Allergopharma (Reinbek) wird künftig an der Abfüllung des Impfstoffs von BioNTech/Pfizer mitwirken
  • Sanofi (Frankfurt a.M.) wird künftig an der Abfüllung des Impfstoffs von BioNTech/Pfizer mitwirken
  • IDT Biologika (Dessau-Roßlau) wirkt an der Abfüllung des Impfstoffs von AstraZeneca mit und wird zusätzliche Produktionskapazität für AstraZeneca aufbauen
  • Vibalogics (Cuxhaven): produziert Komponente für Impfstoff von Janssen (Johnson & Johnson)
  • Cevec Pharmaceuticals (Köln): produziert Komponente für ungenannten Hersteller
  • Richter-Helm BioLogics (Hamburg): produziert DNA-Material für Inovio (USA)
  • Bayer (Wuppertal) wird ab 2022 an der Produktion des Impfstoffs von CureVac mitwirken
  • WuXi (Wuppertal) wird ab Ende 2021 an der Produktion des Impfstoffs von AstraZeneca mitwirken
  • Daiichi Sankyo Europe (Pfaffenhofen bei München) und die Universität München (Abt. Pharmazie) tragen zum Impfstoffprojekt von Daiichi-Sankyo (Japan) und der Universität Tokio bei
  • Sanofi (Frankfurt a.M.): wird Impfstoff aus der Kooperation von Sanofi und GSK abfüllen
  • R-Pharm Germany (Illertissen), Tochter des russischen Unternehmens R-Pharm: wird künftig in Lizenz Impfstoff von AstraZeneca produzieren
  • Celonic (Heidelberg) wird den Impfstoff herstellen, den das niederlänische Unternehmen Intravacc entwickelt
  • Merck (Darmstadt): trägt zu rund 50 Projekten zur Entwicklung und Produktion von Covid-19-Impfstoffen weltweit bei; zudem produziert das Unternehmen Lipide für den Impfstoff von BioNTech/Pfizer
  • Recipharm (Wasserburg): entwickelt Produktionsverfahren für ein anderes Unternehmen
  • Lipoid: liefert Phospholipide für die Herstellung von mRNA-Impfstoffen
  • Evonik wird künftig an zwei deutschen Standorten Lipide für den mRNA-Impfstoff von BioNTech/Pfizer herstellen (bisher nur in Kanada)
  • Universität Gießen: wirkt mit am OpenCorona-Konsortium (Führung: Karolinska-Institut, Schweden), das einen DNA-basierten Impfstoff entwickelt
  • Tropeninstitut der Universität Tübingen: wird Totimpfstoff des dänisch-niederländisch-deutschen Prevent-nCoV-Konsortiums erproben

Wo werden die Corona-Impfstoffe produziert?

Vier Impfstoffe sind mittlerweile in der EU durch die EMA zugelassen. Zwei weitere befinden sich in der letzten Entwicklungsphase. Aufgrund der Dringlichkeit geht es nicht nur um die Zulassung, sondern vor allem um die Großproduktion und die Zulieferung. Dafür gehen die Unternehmen zahlreiche Kooperationen ein und erteilen Lizenzen. Wie der Vfa zusammengetragen hat, entstehen ganze Produktionsnetzwerke. Doch wo stehen die Produktionsanlagen für die Vakzine?

Biontech/Pfizer: Das Unternehmen produziert in Deutschland in Mainz und bald auch in Marburg. Weitere Anlagen stehen in Puurs (Belgien), Kalamazoo (Michigan, USA), Andover (Massachusetts, USA) sowie in Chesterfield (Missouri, USA). Einige der Fertigungsschritte finden bei Rentschler Biopharma (Deutschland), Polymun (Österreich), Dermapharm (Deutschland), Acuitas Therapeutics (Kanada) und Delpharm (Frankreich) statt.

Die Abfüllung übernimmt Siegfried (Hameln, Deutschland). Einige der sterilen Fertigungsdienstleistungen kommen von Baxter BioPharma Solutions in Halle (Westfalen, Deutschland). Der Verband der forschenden Pharmaunternehmen hat am Beispiel von Biontech/Pfizer dargestellt, wie die Unternehmen ihre Produktionskapazitäten Schritt für Schritt ausweiten.

Moderna: Das US-Unternehmen produziert im eigenen Werk in den USA. Darüber hinaus übernimmt Lonza in Portsmouth, New Hampshire (USA) und künftig auch in Visp (Schweiz) einen Teil der Produktion. Die Formulierung steuert Recipharm (Frankreich) bei.

Auch die Abfüllung übernimmt Recipharm (Frankreich) zusammen mit Catalent (USA) und Rovi (Spanien). Die notwendigen Lipide liefert Corden Pharma (Werke in Schweiz, Frankreich, USA). Für den Vertrieb in Japan ist Takeda zuständig.

Astrazeneca: Komplette oder einzelne Fertigungsschritte erfolgen durch Astrazeneca, Halix (Niederlande), Pall Life Science, Cobra Biologics (USA, UK, Schweden), Oxford Biomedica (UK), Novasep (Belgien), Albany Molecular (USA) und Reig Jofre (Spanien). Künftig soll auch im britischen Vaccines Manufacturing and Innovations Centre (VMIC) produziert werden.

In Lizenz produzieren zudem das Serum Institute of India (als "Covishield"), SK Bioscience (Südkorea), R-Pharm (Russland und Deutschland), CSL (Australien), Siam Bioscience Group (Thailand) sowie mAbxience (INSUD Group, Argentinien).

Janssen (Johnson & Johnson): Das belgische Unternehmen ist die Pharmasparte von Johnson & Johnson. Es produziert in eigenen Werken in Bümpliz (Schweiz) und Leiden (Niederlande) sowie durch Catalent Biologics (USA). Zulieferer ist Emergent BioSolutions (USA).

Auch Vibalogics (Cuxhafen) liefert für die klinischen Studien Materialien zu. In Südafrika wird Aspen Pharmacare einen Teil der Produktion übernehmen.

Curevac: Das Tübinger Unternehmen war eines der ersten, die mit dem neuen m-RNA-Impfstoff Aufsehen erregten. Noch ist er nicht zugelassen (Stand: 17. Juni 2021), befindet sich in der dritten Phase der Entwicklung sowie im sogenannten Rolling-Review-Verfahren der Zulassung bei der EMA. Der Impfstoff wird aber bereits vorproduziert. Das geschieht aktuell in einer eigenen Anlage in Tübingen.

Die mRNA-Produktion übernimmt zudem das Unternehmen Wacker in Amsterdam, die Formulierung steuert Polymun (Österreich) bei. Abgefüllt und verpackt wird durch Fareva (Frankreich). Ebenfalls in die Produktion (mRNA, Aufreinigung und Formulierung) eingebunden ist Rentschler Biopharma (Laupheim) und künftig auch Novartis in Kundl (Österreich) und Bayer in Wuppertal.

Allerdings, so neueste Meldungen, scheint der Impfstoff nicht so wirksam zu sein wie gedacht. Für eine Zulassung reicht es daher aktuell nicht.

Novavax: Der fünfte vielversprechende Impfstoff wird aktuell durch Emergent BioSolutions (USA), das National Research Council’s Biologics Manufacturing Centre in Montréal (Kanada) und künftig durch Tochter Praha Vaccines (Tschechien) produziert.

Das Adjuvans liefern AGC Biologics (USA und Dänemark) und PolyPeptide Group (USA und Schweden) zu. Das Antigen produzieren Fujifilm Diosynth (UK), Biofabri (Spanien), SK Bioscience (Südkorea) und Takeda Pharmaceuticals (Japan). Die Abfüllung erfolgt auch durch Par Sterlie Products (USA). In Lizenz ist auch das Serum Institute of India (Indien) eingebunden. Es produziert Antigene und füllt ab.

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Schwerpunkte auf der Onkologie – Verschiebung durch Covid-19?

Im Jahr 2019 haben die größten Pharmaunternehmen ihren Schwerpunkt wie auch schon in der Vergangenheit auf Krebswirkstoffe gelegt. 2.586 Wirkstoffe befanden sich dazu in der klinischen Entwicklung. Zum Vergleich: Gleichzeitig befanden sich 605 Wirkstoffe gegen Infektionskrankheiten in klinischen Studien.

In der Onkologie erzielen die Unternehmen auch die größten Umsätze. Im vergangenen Jahr steigerten sie die Erlöse in dem Bereich um ein Fünftel auf 174 Milliarden Euro – auch getrieben durch große Blockbuster-Medikamente mit einem Umsatz von mindestens einer Milliarde US-Dollar. Mit Infektionskrankheiten erzielten sie dagegen „nur“ 46 Milliarden Euro Umsatz – eine Steigerung von 5,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

„Es ist zu erwarten, dass die Themen Infektionen und Antibiotika-Resistenzen vor dem Hintergrund der aktuellen Coronakrise stärker in den Fokus rücken“, sagt Bialojan. „Allerdings werden die großen Firmen nicht ihre langfristigen Programme stoppen und ihre Hauptaktivität auf Covid-19 verschieben.“ Pandemien seien als Businessfaktor nicht planbar – eben weil man nicht weiß, wann und in welcher Form sie auftreten.

Corona bremst Übernahmen

Einen Effekt hat Covid-19 schon jetzt: Viele Fusionen und Übernahmen werden ausgesetzt. „Die Konzerne warten derzeit eher ab, wie es nach der Sommerpause aussieht. Im Moment gibt es zu viel Unsicherheit und dadurch auch viel Uneinigkeit über den Preis sowohl auf Käufer- als auch auf Verkäuferseite“, so Nuyken.

Langfristig könne die Pharmaindustrie aber von Lerneffekten aus der aktuellen Krise profitieren, erwartet Stürz: „Die Unternehmen lernen derzeit viel über ihre Prozesse. Das wird einen nachhaltigen Effekt haben.“ Ebenso erwartet er, dass sich der Umgang mit Daten ändert: „Wir haben gesehen, dass wir keine Bedarfsplanung hatten, die schnell verfügbar war. Die Zukunft liegt darin, genügend Daten zu erfassen. Zum einen lassen sich so Prozesse besser abstimmen. Zum anderen kann man Patienten dadurch aber auch zielgerichteter und wirksamer helfen.“

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