shutterstock_374805580_Rawpixel150

ERP-Systeme: Was sie können, welche es gibt

| von Dörte Neitzel

Die Digitalisierung und das Internet der Dinge verändern die Anforderungen an die Unternehmens-IT. Deren Herzstück ist in der Regel ein ERP-System (ERP = Enterprise Resource Planning). Hierüber werden alle Unternehmensfunktionen entlang der Wertschöpfungskette gesteuert (Warenwirtschaft, Produktion, Finanzwesen, Personal, Kundenmanagement).

Wenn es um den Material-, Artikel- oder Kundenstamm geht, sind die ERP-Daten „Single-Point-of-Truth“ – das ist der Anspruch. Auch alle finanzrelevanten Daten stammen aus dem ERP. Das verschafft ERP-Lösungen nicht nur einen mächtigen Umfang, es  macht sie erfolgskritisch für den Geschäftsbetrieb insgesamt. Sprich: Läuft das ERP-System nicht rund oder ist es veraltet, leiden alle Unternehmensbereiche.

Never change a running ERP …

Durchschnittlich 10,2 Jahre im Einsatz sind die ERP-Installationen, mit denen Unternehmen arbeiten. Das ergab die aktuelle ERP-Praxis-Studie von Trovarit, an der 2016 über 2500 Firmen teilnahmen. Neben modernen Lösungen sind dabei ERP-Dinosaurier im Einsatz, die mehr als 30 Jahre auf dem Buckel haben.

Nach dem Motto „Never change a running ERP“ arbeiten viele Firmen mit Lösungen, die wahrlich in die Jahre gekommen sind. Die Systeme scheinen vielen Anwendern schlicht zu groß und bedeutend, um sie schnell mal erneuern zu können. Datenaufbereitung und Migration, Termineinhaltung, Anpassungsumfang und personelle Belastung sehen viele Firmen denn auch als die größten Herausforderungen bei einem ERP-Projekt. Hinzu kommen die Kosten: 6,5% ihres Jahresumsatzes geben Unternehmen für ERP-Projekte im Schnitt aus.

Nicht nur SAP, Oracle, Microsoft

Die größten Player am ERP-Markt sind SAP (weltweiter Marktanteil 20,3 %), Oracle (13,9 %), Microsoft (9,4 %) sowie Infor (7,4%) und – mit deutlichem Abstand zur Spitze und mit Lösungen vor allem für kleinere und mittlere Unternehmen – der deutsche Anbieter Sage (3,5%).  Zu Oracle dazurechnen darf man seit dem vergangenen Jahr zudem den ERP/SaaS-Anbieters NetSuite (2,9% Marktanteil), den Oracle 2016 gekauft hat.

Die 10 größten ERP-Anbieter

Das sind die 10 größten ERP-Anbieter. Quelle: Panorama Consulting Solutions “2016 Report on ERP Systems and Enterprise Software

Neben diesen Big Five ist die ERP-Szene geprägt von vielen kleinen Playern, die oft länder- und/oder branchenspezifisch unterwegs sind. Auf den Short-Lists der Einkäufer landen trotzdem immer wieder die drei ganz Großen: SAP (zu 41%), Oracle (zu 37%) und Microsoft (zu 27%) führen auch hier das Feld an, ergab der Panorama ERP-Report 2016 .

Cloud versus Lizenz

Was verwundert: Entgegen dem, was man in Medien und Werbung wahrnimmt, dominieren in der Neuanschaffung die klassischen Lizenzmodelle (56%). Für eine Cloudlösung haben sich, folgt man dem Panorama-Report 2016, nur 27% der Unternehmen entschieden (damit aber 16% mehr als im Vorjahr). Weitere 17% setzten auf Software-as-a-Service (SaaS). Es sind vor allem Sicherheitsbedenken die Unternehmen vor der Cloud zögern lässt. Doch nachdem die ERP-Elefanten SAP und Oracle ihre F&E-Budgets und Zukäufe schon seit einiger Zeit fast ausschließlich in die Cloud-Technologie stecken, scheint es nur eine Frage der Zeit, bis ihnen noch mehr Kunden folgen.

Denn Cloudlösungen haben unbestrittenen Vorteil:  Sie sind hervorragend skalierbar, flexibel und damit leicht an die sich schnell verändernde Geschäftswelt anpassbar. Updates kommen automatisch, so dass es bald wohl ein Relikt der Vergangenheit sein wird, dass moderne Unternehmen mit ERP-Versionen arbeiten, die Jahrzehnte alt sind.

Unterschiedliche Typen von ERP-Systemen

Einfach soll es sein

Je weniger komplex ein ERP-System ist, desto zufriedener sind die Anwender. Trotzdem wächst der Anspruch an die Systeme und ihre Funktionalität immer weiter – besonders in Bezug auf Sicherheit, Netzwerk, Usability, Schnittstellen und Integrationsfähigkeit. Auch die Möglichkeit über Smartphone oder Tablet zugreifen zu können erwarten User heute auch vom ERP.
Aufgaben eines ERP-Systems

Herzstück für Big Data

Der Technologiewandel ist bitter nötig. Denn auch an die Datenanalyse werden höhere Anforderungen gestellt. Big Data, möglichst in Echtzeit, muss schließlich irgendwo herkommen. Viele Analysen versuchen Unternehmen heute zu erstellen, indem sie ihre Daten aus dem ERP ziehen und in separaten Analyse- und Reportingtools wieder zusammenführen. Auch der Einkauf verfährt mit seinen Procurement-Lösungen vielfach so.

Der Vertrieb tut es mit dem CRM-System. Neue In-Memory-Ansätze, wie sie SAP aktuell mit seinem Produkt HANA am Markt treibt, sollen auch im ERP Business-Intelligence-Analysen ermöglichen. Die In-Memory-Technologie speichert alle Daten, Indizes und Systemeinstellungen direkt im Arbeitsspeicher des Servers (das erspart den Festplattenzugriff), so dass sich auch große Datenvolumina schnell und effektiv (in Echtzeit) abrufen und aufbereiten lassen.

Flickenteppich wächst zusammen

ERP – das ist in vielen Unternehmen heute ein Flickenteppich. Funktionen, die das zentrale System nicht bietet, sind über externe Module oftmals aufwändig angebunden. Schnittstellenmanagement und der reibungslose Datenaustausch zwischen den Systemen ist eine der größten Herausforderungen im ERP-Alltag.

In vielen Firmen gibt es nur wenige Mitarbeiter, die den Flickenteppich wirklich als Ganzes verstehen und überblicken. Auch das ist nicht ohne Gefahr für den Geschäftsbetrieb.  Denn was allein in dezentralen Systemen und verstreuten Files zu finden ist, entzieht sich der zentralen Steuerung.  Deshalb öffnen sich ERP-Systeme weiter für Procurement-, HR- und Kundenmanagement-Funktionen. Die Grenzen zwischen Frontend und Backend verschwimmen. Wer den Kunden auf seiner Reise entlang der Lieferkette begleiten will, braucht die volle Datentransparenz. Wer den wertvollen Datenstrom der Customer-Journey intelligent nutzen will, sowieso.

Autor: Annette Mühlberger

Bild: Rawpixel.com/Shutterstock.com

Lesen Sie auch: