Ein Containerschiff verlässt voll beladen einen Hafen

Unternehmen sind zunehmend besorgt über ausbleibende Lieferungen von Rohstoffen und Materialien. (Bild: Kalyakan - stock.adobe.com)

Die aktuelle Corona-Krise erschwert das Global Sourcing deutscher und europäischer Einkäufer. „Gleichzeitig zwingt es sie, ihre bisherigen Beschaffungsstrategien zu überdenken“, meint Olaf Holzgrefe, Leiter International & Affairs des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik.

Der Ausbruch der Pandemie in Asien habe 2020 praktisch über Nacht zu Lieferantenausfällen geführt. Daher überprüften mittlerweile viele westliche Unternehmen ihre Global-Sourcing-Aktivitäten und wollen mit Blick auf die Sicherheit ihrer Lieferketten langfristig wieder stärker auch mit europäischen Lieferanten Local for Local zusammenarbeiten.

Global denken, lokal einkaufen?

Da die EU auf bestimmte Waren aus China Strafzölle erhoben hat, kommen noch drohende Zollschwierigkeiten für deutsche und europäische Firmen hinzu. Holzgrefe: „Es zeigt sich, dass die durch Corona geänderte Situation auch Auswirkungen in Asien hat und Unternehmen hier ebenfalls neu denken müssen. Dies umso mehr, da sich die Wirtschaft in China schneller erholt als in Europa.“

Local for Local sei spätestens seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie wieder eine Option für deutsche und europäische Einkäufer geworden – und das sowohl in Asien als auch in Europa. Dank ihres flexiblen Risikomanagements hätten die Unternehmen die direkten Auswirkungen der Pandemie bisher relativ gut im Griff.

Lockdown lässt Rohstoff- und Materiallieferungen versiegen

Allerdings treibe jetzt der erneute staatlich verordnete Lockdown den Puls in den Lieferketten nach oben. Immer mehr Einkäufer klagten über ausbleibende Rohstoff- und Materiallieferungen; manche von ihnen sprächen sogar schon von Mangelwirtschaft. So habe das Hauen und Stechen um industrielle Ressourcen längst begonnen.

Einkäufer aus dem BME-Netzwerk berichteten, dass sie in Schreiben ihrer Lieferanten auf mögliche Lieferverzögerungen und -ausfälle hingewiesen würden. Die Folge seien zusätzliche Transport- und Logistikkosten. Alles in allem erwiesen sich die Lieferketten aber bisher als stabil und trotzten erfolgreich der Pandemie. Das signalisiere auch der IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI), der sich im Februar 2021 bereits den achten Monat in Folge deutlich über der 50-Punkte-Wachstumslinie bewege.

China als Lokomotive der Weltwirtschaft

Erfreulich sei zudem, dass China wieder zur Lokomotive der Weltwirtschaft avanciere. Zahlreiche ausländische Firmen, darunter auch etliche deutsche, profitierten von der wieder anspringenden Konjunktur im Reich der Mitte. Holzgrefe: „Viele von ihnen erzielen zurzeit Rekordumsätze im Geschäft mit der größten Volkswirtschaft Asiens und benötigen deshalb Produktionsmaterial ohne Ende.“

Einige BME-Mitgliedsunternehmen berichteten, dass die Corona-Krise ihr Lieferanten-Netzwerk zunehmend belaste. Es komme beispielsweise im Bereich Elektrotechnik/Elektronik zu akuten Verzögerungen bei der Belieferung mit Halbleitern. Die angespannte Situation im Elektronikmarkt führe dazu, dass abgeschlossene Kontrakte von einigen Chip-Herstellern nur noch als „Papier“ angesehen würden und bereits zugesagte Lieferungen ausblieben.

Auch Industriemetalle, Granulate sowie andere Produktionsmaterialien und Vorprodukte, insbesondere aus Mittel- und Osteuropa, Japan, Indien und Mexiko, seien zunehmend knapp. Gravierende Engpässe gebe es in der Lieferkette Stahl, die immer mehr Verarbeitungsfirmen über Nachschubprobleme klagen lasse.

Viele Hüttenwerke hätten 2020 auf dem Höhepunkt der Corona-Krise ihre Produktion gedrosselt und könnten jetzt die wieder anziehende Nachfrage kaum befriedigen. Einkäufer berichten dem BME von Stahl-Service-Centern, die ihnen 2020 kein einziges Kaufangebot unterbreitet hätten. Deshalb seien sie in den ersten zwei Quartalen dieses Jahres ausschließlich auf dem Spotmarkt aktiv. Denn dort könnten die Stahlverarbeiter kurzfristig und unmittelbar ihre Bedarfe decken.

Alle Stahlsorten von Preisanstieg betroffen

Nicht nur bei zusätzlich bestellten Stahlmengen gebe es Lieferzeiten von mehreren Monaten; auch bei schon geschlossenen Verträgen komme es zu Verzögerungen und verringerten Zuteilungen. Angesichts der Knappheit im Markt explodierten derzeit die Stahlpreise. Diese lägen zum Teil weit über dem Vorjahresniveau und trieben die Beschaffungskosten der Einkäufer nach oben.

Während zunächst vor allem Flachstahl betroffen gewesen sei, breite sich das Problem nun auch auf Produkte wie Walzdraht und auf Spezialstähle aus.

Auch Verpackungen werden knapp

Aus der BME-Community war zu hören, dass vielen Betrieben die aktuelle Situation der Verpackungsindustrie massive Probleme bereite. Der Grund: Sie kommen mit ihrer Produktion nicht hinterher. Das gelte vor allem für braune Standardboxen, die im Moment sehr gefragt seien.

Beispielsweise erhebt Bedrunka+Hirth ab dem 1. April 2021 einen zeitlich befristeten Materialteuerungszuschlag von 4,6 Prozent auf alle Preise. Als Grund nennt das Unternehmen "Engpasse und hohe Preissteigerungen bei den Rohstoffen Stahl, Pulverlack, Kunststoff und Kartonagen".

Die Logistik sorge in Einkauf, Logistik und Supply Management ebenfalls für wachsenden Unmut. Es fehle an Transportschiffen und Flugzeugen. Vor allem bei der Buchung von Frachtmaschinen schössen die Preise derzeit durch die Decke. Ein weiteres Ärgernis seien die sich immer länger hinziehenden Zollformalitäten. Diese dauerten beispielsweise in Hamburg um zwei Wochen länger als noch vor Corona. Der Zoll verfüge nicht über genügend Mitarbeiter, um Containerware zügig aus den Containern herauszuholen.

Schiene am zuverlässigsten, Container verzögern sich

Hinzu kämen die aktuell geltenden Quarantäne-Bestimmungen für Lkw. Die Corona-Regeln erschwerten den Transport und führten zu zahlreichen Verspätungen. Da freie Kapazitäten rar seien, kletterten die Transportpreise stark nach oben. Von allen Verkehrsträgern sei die Schiene noch am verlässlichsten.

Dagegen verzögerten sich Containertransporte per Schiff, weil viele Frachter entweder coronabedingt stillgelegt wurden, an den Grenzen aufgehalten würden oder komplett ausgebucht seien.

Kein Thema sei Luftfracht, die aufgrund der extrem hohen Preise vor allem für Klein- und Mittelunternehmen derzeit nicht infrage komme. „Viele Einkäufer haben auf die steigenden Transport- und Frachtkostenpreise, inklusive den horrenden Leihgebühren für Container, reagiert und diese mittlerweile in ihre Beschaffungsstrategien eingepreist“, so Holzgrefe.

Brexit bringt Speditionen in Not

Ein großer Störfaktor im Güterverkehr zwischen der EU und Großbritannien sei der Brexit. Einkäufer, Logistiker und Supply Manager fühlten sich besonders herausgefordert. Erste Speditionen hätten bereits wegen der Schwierigkeiten mit den Zollformalitäten kapituliert, da diese ihre Kunden überforderten.

Der Mehraufwand wegen ausbleibender oder sich verzögernder Lieferungen und zusätzlicher Frachtpapiere führe zu steigenden Kosten.

Bearbeitet von Dörte Neitzel

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