Ein Mann hält ein Tablet vor einem Lagerregal hoch und wählt Produkte aus

Lieferanten dürften ruhig etwas mehr Verantwortung bekommen, meint unser Gastautor. (Bild: Blue Planet Studio - stock.adobe.com)

Heute konkurrieren schon längst nicht mehr einzelne Unternehmen miteinander, sondern vielmehr deren Lieferketten. Wer über die innovativsten und agilsten Lieferketten verfügt, der bekommt seine Versorgungsengpässe besser in den Griff und wird an seinen Märkten die Nase vorn haben. Doch dazu müssen die Unternehmen ihren wichtigen Lieferanten viel mehr zutrauen und dürfen sie nicht mehr nur als gehorsame Beschaffungsquelle ansehen. Ein Umdenken ist gefragt.

Trotz Lieferengpässen und Preisexplosionen geht es der deutschen Wirtschaft nach wie vor gut. Der IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI) stieg im Juli 2021 zum zweiten Mal in Folge.

Doch mit Blick auf die Zukunft zeigen sich Einkäufer, Unternehmer und Verbände skeptisch. Lieferengpässe und die Corona-Pandemie könnten die Konjunktur massiv bedrohen. Bisher hat kaum jemand so massive Herausforderungen in Bezug auf Preissteigerungen und Materialverfügbarkeit erlebt.

Umso wichtiger ist es jetzt für Einkäufer und Unternehmer, ihre Einstellung gegenüber Lieferanten radikal zu ändern und auf ganz neue Art und Weise mit diesen zusammenzuarbeiten. Die Losung lautet: Brecht das Korsett der Spezifikationen auf!

Der lösungsorientierte Einkauf

Vor zwanzig Jahren hatten wir deutlich mehr Flexibilität in der Versorgungskette als heute. Damit will ich nicht der alten Zeit huldigen, denn der Einkauf hat sich massiv weiterentwickelt und deutlich an Bedeutung gewonnen. Aber die Techniker haben seinerzeit mit ihren Lieferanten mehr über Funktionalitäten als über spezifische Produkte gesprochen.

Und genau hierin liegt die Lösung für Lieferengpässe, Preisexplosionen und wettbewerbsfähige Lieferketten.

Thomas Wandler, Senior Partner Kloepfel Consulting
Thomas Wandler, Senior Partner Kloepfel Consulting (Bild: Kloepfel)

Wenn wir uns heute damit beschäftigen, warum wir keine elektronischen Baugruppen bekommen, dann beginnt die Problematik mit dem unnötigen Korsett der Spezifikationen.

Es werden durch den Einkauf und die Technik alle zu beschaffenden Vormaterialien mit Herstellernamen, Artikelbezeichnungen und noch vielen weiteren Merkmalen eingegrenzt. Somit gibt es kaum oder keine Ausweichmöglichkeiten und der Einkauf beraubt sich seiner Wettbewerbsfähigkeit.

Die einkaufenden Unternehmen haben sich inzwischen so weit in ihre Versorgungskette vorgearbeitet, dass sie genau festlegen, bei welchem Lieferanten welches Produkt zu welchen Konditionen zu kaufen ist. Das klingt im ersten Schritt absolut sinnvoll und hatte lange Zeit auch seine Berechtigung. Denn der Kunde möchte dadurch beispielsweise seine Instandhaltungskosten und Lagerkosten reduzieren.

Das Korsett der Spezifikationen mag früher sinnvoll gewesen sein, doch heute grenzt es den Einkauf zu stark ein und nimmt dem Unternehmen Möglichkeiten, um Lieferengpässe zu vermeiden oder Innovationen zu befeuern.

Beispiele, wie es nicht laufen sollte

Nehmen Sie als Beispiel eine bestückte elektronische Baugruppe. Hier wird schon der Basismateriallieferant für die Leiterplatten vom Endkunden verhandelt. Es wird kein zweiter Lieferant mehr freigegeben! Natürlich werden sämtliche Bauteile (Widerstände, Kondensatoren usw.) nicht über deren Funktion beschrieben, sondern genau nach Hersteller und Artikelnummer sowie Namen spezifiziert. Wie soll hier ein Lieferant noch sicherstellen können, dass er immer lieferfähig ist?

Solche Beispiele zeigen sich vielfach. Nehmen wir einen Maschinenbauer, der von seinem Kunden viele Komponenten vorgeschrieben bekommt. Wenn wir aber berücksichtigen, dass ein wichtiger Lieferant seine Bauteile günstiger an den Maschinenbauer verkauft, weil er beim späteren Endkunden durchgesetzt hat, dass dieser nur seine Bauteile vorschreibt, dann sitzen wir in der gleichen Falle. Der Endkunde bekommt keine Maschine, weil der Lieferant das vorgeschriebene Bauteil nicht liefern kann.

Lieferanten mehr vertrauen

Es wird viel darüber gesprochen, dass man seine Lieferanten zu Partnern machen muss, aber nur solange diese auch gehorchen! Leider vertraut heute fast kein Unternehmen seinen Partnern und deren Know-how. Mit diesem wichtigen Vertrauen aber könnten wir Funktionalitäten beschreiben, die wir einkaufen, und müssten nicht jedes einzelne Produkt bis zum letzten Komma spezifizieren und zeichnen.

Mittlerweile sind wir im 21. Jahrhundert angekommen und sollten die neuesten digitalen Tools und Möglichkeiten nutzen, um wieder mehr Flexibilität in unsere Versorgungsketten zu bekommen. Aber auch der massive Mangel an Technikern wird uns wieder zu einem Umdenken zwingen. Ich hoffe daher, dass wir nicht zu sehr in diesen alten Denkmustern festhängen.

Fazit: Habt Vertrauen zu Euren Partnern in der Lieferkette und lasst jedes Unternehmen genau die Dinge machen, die es besser kann als Euer eigenes.

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