16.02.2016

China-Sourcing: Alles bleibt anders

Einbrechende Exporte, verlangsamtes Wirtschaftswachstum und ein fallender Yuan – es sind keine guten Nachrichten, die China aussendet. Doch welche Auswirkungen haben die Turbulenzen auf den Beschaffungsmarkt China?

Nein, das Jahr der Ziege endete nicht gut für die chinesische Wirtschaft. Und auch das Jahr des Affen lässt sich nicht besonders gut an. Im Januar ging von den Börsen in Shanghai und Shenzhen ein Erdbeben aus, das den Rest der Welt aufschreckte: Die Aktienkurse brachen ein, sogar der Handel an den Börsen wurde kurzzeitig ausgesetzt, was zu noch mehr Panik führte. Das Wort „Crash“ machte die Runde. Auslöser waren vor allem geringere Exporte – ein deutlicher Beleg, dass die Wirtschaft mit angezogener Handbremse unterwegs ist. Darauf reagierte die chinesische Regierung und wertete die Währung mehrfach ab. Was aber bedeutet diese Entwicklung für Einkäufer hierzulande? Können Sie von der fallenden Währung profitieren? Wird China als Beschaffungsmarkt nun vielleicht sogar interessanter?

China-Sourcing

Günstige Währung, günstige Beschaffung?

Die Fakten sind klar: Deutschland ist wichtigster Handelspartner für China in Europa. Importe im Wert von fast 80 Mrd Euro fanden ihren Weg 2014 aus dem Land der Mitte hierher. Besonders gefragt sind Maschinen, Textilien, Metalle und Chemieprodukte. Eine abgewertete Währung sollte Einkäufe aus China daher eigentlich beflügeln. Das sieht auch Heiko Müller, Deutschlandchef des Finanzdienstleisters Ebury so: „Grundsätzlich wirkt sich die Abschwächung des Yuan positiv für Einkäufer aus Deutschland aus, da sie nun bei der Konvertierung mehr Yuan pro Euro erhalten.“ Da bisher der Großteil der Einkäufe in US-Dollar abgewickelt werde, sei das außerdem die Chance für Einkäufer, bisherige Lieferbedingungen neu zu verhandeln und auf Yuan umzustellen.

„Immer noch teuer“

Doch ganz so einfach scheint die Situation nicht zu sein. „Man darf die Abwertung des Yuan nicht überbewerten, denn auf Euro-Basis ist er im Vergleich zu Werten vor fünf bis zehn Jahren immer noch sehr teuer“, relativiert Marc Kloepfel, Geschäftsführer von Kloepfel Consulting, einem auf China-Sourcing spezialisierten Beratungsunternehmen. Das belegen die Zahlen: Musste man im Jahr 2007 noch 9,6 Euro für 100 Yuan zahlen, waren es 2015 gut 50% mehr, nämlich 14,4 Euro. Aktuell sind es mit 13,7 Euro (Stand 4. Februar 2016) nur etwas weniger. Für die Zukunft gehen deutsche Einkäufer allerdings mehrheitlich von einem weiter fallenden Yuan aus. In der Januar-Umfrage von Kloepfel Consulting erwarten insgesamt 54% der Befragten, dass die chinesische Währung weiter fallen oder sogar stark fallen wird.

Beschaffung in ChinaZulieferern auf den Zahn fühlen

Besonders in automobilindustrienahen Bereichen setzen deutsche Beschaffer nach wie vor auf ihre chinesischen Zulieferer. „Hier hat China in den letzten Jahren eine beeindruckende Anzahl an Unternehmen aufgebaut“, so Kloepfel. Zudem profitierten die dortigen Zulieferer auch von rückläufigen Öl- und Stahlpreisen. Kloepfel ist daher vorsichtig optimistisch: „China weist immer noch beeindruckende Wachstumsraten von über sechs Prozent auf, daher ist das Wort Krise genau zu überlegen“. Er empfiehlt deutschen Unternehmen, ihrer bestehenden China-Strategie treu zu bleiben. Natürlich solle man die finanzielle Situation des Zulieferers prüfen. „Chinesische Unternehmen, denen aktuell massiv Kunden wegbrechen, laufen Gefahr, die gewohnte Qualität nicht mehr produzieren zu können oder sogar in die Insolvenz zu gehen“, mahnt Kloepfel zur Vorsicht. Daher müsse sich der deutsche Einkauf stärker als bisher mit dem Risikomanagement auseinandersetzen. Solide Unternehmen seien nach seiner Erfahrung jedoch nicht von dem Abwärtstrend betroffen.

Hohe Hürden fürs China-Sourcing

Doch die Währung ist nicht das einzige Kriterium für eine erfolgreiche Beschaffung. „In China gibt es ganz andere Herausforderungen zu meistern“, weiß Stefanie Schmitt von Germany Trade & Invest (gtai). Für sie steht der Yuan bei der Entscheidung für oder gegen den Einkauf in China daher nicht so sehr im Vordergrund. „Die institutionellen Hürden, also Zoll, Quarantäne und Steuerbehörden, werden höher und komplexer– und das in einem ohnehin schon eher komplizierten Umfeld“, so Schmitt. „China-Sourcing wird also eher schwieriger als leichter.“

Wirtschaftswachstum in ChinaFür die China-Expertin hat die Wettbewerbsfähigkeit als Zulieferer deutlich abgenommen, denn China ist mitnichten mehr die billige verlängerte Werkbank. Seit 2008 ziehen die Lohnkosten an, ohne dass jedoch die Produktivität in gleichem Maße Schritt halten kann. Das kann Schmitt aus erster Hand bestätigen: „Abgesehen von den höheren Kosten klagen viele Arbeitgeber hierzulande darüber, dass die Arbeitskräfte der jüngeren Generation nicht mehr so leistungsbereit und leidensfähig seien wie die Älteren – und das schlägt sich in der Produktivität nieder.“ Speziell für arbeitsintensive Sparten rechnet die gtai daher damit, dass China künftig als Beschaffungsland an Bedeutung verlieren könnte.

Sourcing-Alternativen in Mitteleuropa

Was aber wären Alternativen zum Sourcing in China? Die Umfrage von Kloepfel Consulting gibt eine eindeutige Richtung vor: 72% der Einkäufer sehen große Einkaufspotenziale vor allem in Osteuropa, wobei Russland mit 23% außen vor bleibt. Dicht dahinter betrachten 44% der Einkäufer die Türkei als interessanten Beschaffungsmarkt, noch vor Indien (33%).

„Neben China rücken die osteuropäischen Märkte immer stärker in den Fokus”, sagt auch Olaf Holzgrefe, Leiter Business Development & Affairs beim Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME). Länder wie Tschechien, Ungarn und vor allem Rumänien oder Bulgarien profitierten von Arbeitskosten, die deutlich unterhalb des Niveaus in Westeuropa liegen. Aber auch in Fernost beobachtet Holzgrefe, dass sich im Schatten Chinas eine weitere Alternative entwickeln: Der ASEAN-Raum, dem unter anderem Länder wie Malaysia, Thailand oder Indonesien angehören. Doch trotz aller widersprüchlichen Signale betont er, gehöre China für Einkäufer noch immer zu den wichtigsten Beschaffungsmärkten weltweit.

Fotos: Fotolia.de (Oleksandr-Dibrova, Eisenhans, kalpis, MR.LIGHTMAN)

Autor: Dörte Neitzel

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