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07.03.2018

Einkäufer suchen vermehrt alternative Beschaffungsmärkte

Rohstoffeinkäufer sind in Sorge über die weltpolitischen Entwicklungen und befürchten vermehrt Versorgungsprobleme sowie steigende Rohstoffkosten.

Das zeigt die jährliche Rohstoffstudie von Inverto in Kooperation mit dem Handelsblatt. Auch in diesem Jahr äußerten sich über 90 Einkaufsleiter, Geschäftsführer und Vorstände von Unternehmen der DACH-Region im Rahmen der jährlichen Rohstoffstudie zu zentralen Fragen, Prognosen und Herausforderungen bei der Beschaffung von Rohstoffen. Die teilnehmenden Unternehmen stammen aus verschiedensten Branchen, wobei das produzierende Gewerbe und der Maschinen- und Anlagenbau mit knapp 38 Prozent am stärksten vertreten sind. Der Rohstoffanteil der teilnehmenden Unternehmen macht im Schnitt knapp 40 Prozent des gesamten Einkaufsvolumens aus.

Sorge um Preisentwicklung und Versorgungssicherheit

Schwankende Rohstoffpreise sehen 8 von 10 Unternehmen als Handelsrisiko Nummer eins. Nicht weit dahinter rangieren mit gut 70 Prozent politische Unsicherheiten. Mehr als jeder zweite Teilnehmer geht davon aus, dass regulatorische und legislative Änderungen den Rohstoffeinkauf besonders in China, Russland und den USA maßgeblich beeinflussen können. Diese Entwicklung ist wenig überraschend. Denn blickt man hinter die Kulissen der von der WTO und G20 betonten Fortschritte in Sachen Handelsliberalisierung in den letzten zehn Jahren, nimmt der internationale Protektionismus-Wettlauf wieder an Fahrt auf.

Die zentrale Herausforderung, vor der sich Rohstoffeinkäufer im Angesicht der aktuellen Gegebenheiten sehen, ist die Gewährleistung der Versorgungssicherheit zum bestmöglichen Preis. 40 Prozent der Studienteilnehmer geben an, dass die reduzierte Verfügbarkeit von Rohstoffen ihr Geschäftsergebnis deutlich stärker beeinflusst, als es in der Vergangenheit der Fall war. Die Quote der Unternehmen, die keinerlei Versorgungsprobleme verzeichnen, hat dabei drastisch abgenommen. Während in den vergangenen Jahren noch jeder vierte Befragte die benötigten Rohstoffe ohne Probleme beschaffen konnte, war es in diesem Jahr nur noch jeder zehnte. Dabei wird besonders der Bedarf an Industrierohstoffen kritisch eingeschätzt. Für 81 Prozent der teilnehmenden Unternehmen sind diese relevant: über Dreiviertel der Befragten sehen bereits aktuell oder erwarten in Zukunft Versorgungsschwierigkeiten. Besonders drastisch hat sich die Prognose für Kupfer und Chemikalien verschlechtert, doch auch bei Eisenmetallen und Stahl sowie Papier, Holz oder anderen Zelluloseprodukten erwarten Einkäufer zunehmende Probleme bei der Beschaffung.

 Absicherung gegen Handelsrisiken
Auch hinsichtlich der Preisentwicklung von Rohstoffen zeigen sich die Teilnehmer wenig optimistisch. Drei von vier Befragten erwarten einen moderaten bis starken Kostenanstieg bei den für sie relevanten Rohstoffen. Diese Unsicherheit spiegelt sich auch in den abgeschlossenen Verträgen wieder: Die Teilnehmer vereinbaren bei der Beschaffung ihrer Rohstoffe primär Festpreise, wobei 65 Prozent angeben, dass die akzeptierten Zeitspannen für Festpreise weiterhin kürzer werden. Der Einkauf am Spotmarkt ging hingegen von 35 auf 23 Prozent zurück.

 Absicherung gegen Handelsrisiken

Auf Rang zwei der größten Sorgen liegen für 75 Prozent der Rohstoffeinkäufer aktuelle weltpolitische Entwicklungen: Die Mehrheit sieht ihre Arbeit durch potenziell zunehmende Handelsbeschränkungen gefährdet. Mehr als jeder zweite Teilnehmer erwartet im Zuge zunehmenden Protektionismus Versorgungsengpässe und damit einhergehende Preissteigerungen. Besonders beim wichtigsten Lieferanten China, von dem knapp 80 Prozent der Befragten Rohstoffe beziehen, erwartet mehr als jeder Zweite in Zukunft Handelsbeschränkungen durch die chinesische Regierung.

Als Reaktion verlagern über 80 Prozent der Befragten ihre Bedarfe teilweise oder vollständig in alternative Beschaffungsmärkte, und knapp 60 Prozent versuchen sich durch Lieferantenwechsel gegen die wahrgenommenen Risiken abzusichern. Auch die Prüfung alternativer Rohstoffe sowie die Absicherung der Bezugspreise durch längerfristige Verträge, wurden von jeweils rund 40 Prozent der Teilnehmer als Maßnahme genannt. Jeder dritte Teilnehmer beschränkt seine Sourcing-Strategie auf die EU-Grenzen und sieht sich folglich von derartigen Entwicklungen nicht betroffen.

Aktives Risikomanagement ermöglicht frühzeitige Reaktion

Während die Risikoprävention in vollem Gange ist, werden Potenziale der Digitalisierung von Rohstoffeinkauf und -management nur teilweise ausgeschöpft. Knapp 50 Prozent der Befragten fanden den Einsatz von Business Intelligence Tools sinnvoll, doch nur jeder Fünfte wendet sie tatsächlich an. Immerhin: In der Rohstoffstudie 2016 war es noch jeder Zehnte. 42 Prozent der befragten Unternehmen konnten dank Digitalisierung die Materialeffizienz im Herstellungsprozess verbessern, während noch 52 Prozent davon ausgehen, dass Digitalisierung auch in Zukunft keinen Einfluss auf Materialeffizienz und den Rohstoffbedarf ihres Unternehmens haben wird.

Aktives Risikomanagement ermöglicht frühzeitige Reaktion

In Zeiten politischer Unsicherheiten und protektionistischer Tendenzen ist eine fortlaufende Überwachung der Rohstoffmärkte und handelspolitischer Entwicklungen in den Beschaffungsländern unumgänglich. Dabei sollten sowohl interne, als auch externe Quellen wie Fachverbände, zum Beispiel das World Economic Forum mit dessen jährlichen Global Risks Report sowie Informationsportale wie Global Trade Alert oder ePing der WTO zu Rate gezogen werden. Wer agil auf handelspolitische Veränderungen reagieren kann, hat am volatilen Markt einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Bei der Sourcing Strategie bedarf es, abhängig von Branche und Unsicherheiten in der Rohstoffbeschaffung, eines verstärkten Risikomanagements. Dazu gehört der Aufbau strategischer Partnerschaften mit Schlüssellieferanten, um die Versorgung mit relevanten Rohstoffen zu gewährleisten. Auch die Diversifizierung des Lieferantenpools und damit die Streuung des Rohstoffeinkaufs über mehrere Länder ist empfehlenswert und wird von der Mehrheit der befragten Studienteilnehmer bereits in die Wege geleitet. Dabei sollten Unternehmen unbedingt die Option der Beschaffung innerhalb der EU und anderer geopolitisch stabiler Länder überprüfen.
Zur Absicherung von Rohstoffpreisrisiken empfehlen sich Verträge mit langen Laufzeiten. Aufgrund der erwarteten Preissteigerungen sollten auch Hedging Maßnahmen erwogen werden, um die volatile Versorgungssituation einzelner Rohstoffe abzusichern.

Fazit

Die jährliche Rohstoffstudie von Inverto zeigt, im Gegensatz zu den letzten Jahren, stark besorgte Rohstoffeinkäufer, die sich vermehrt mit Problemen wie steigenden Rohstoffkosten und Versorgungsengpässen konfrontiert sehen. Diese sind Großteils ausgelöst durch weltpolitische Unsicherheiten und Protektionismus. Neben einer generellen Senkung der Rohstoffbedarfe durch Rohstoffrecycling und Materialsubstitution empfiehlt sich für betroffene Unternehmen ein aktives Risikomanagement, um sich Reaktionszeit für den Ernstfall zu „erkaufen“ und die Rohstoffversorgung in möglichen kritischen Situationen zu sichern.

Autor: Kathrin Irmer

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