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Wie Einkäufer auf den Brexit reagieren sollten

Wie Einkäufer auf den Brexit reagieren sollten

05.04.2017

Wie Einkäufer auf den Brexit reagieren sollten

Der Brexit beschäftigt den Einkauf. Der Austritt Großbritanniens verlangt von Einkäufern strategische Grundsatzentscheidungen.

Ein Hype hat die Besonderheit, dass immer ein weiterer folgt, der ihn an Dramatik noch übertrifft. Zum Beispiel ist es im Frühjahr 2017 eine allgemeine Erkenntnis, dass die wirklichen Gefahren nicht vom Brexit, sondern von der Abschottungspolitik Donald Trumps ausgehen. Rund 77% von 700 von Kloepfel Consulting befragten Managern sehen dem EU-Austritt Großbritanniens inzwischen gelassen entgegen. Aber 73% sind über die Entwicklung in den USA beunruhigt.

Risiken für globale Beschaffung durch Abschottung

Im Vordergrund steht die Sorge um den Export. Dass allerdings die sich durch den Brexit abzeichnende Nationalstaaterei durchaus Risiken für die globale Beschaffung birgt, betont Marc Kloepfel: „So kann es passieren, dass deutsche Unternehmen lediglich lokal beschaffen und damit die Vorteile des Global Sourcings außer Acht lassen.“ Denn es stiegen mittel- bis langfristig die auch Bürokratie und die Handelszölle. Kloepfel: „Am heutigen Tag steht noch nicht fest, wie schwerwiegend das Aufwandsplus für europäische Einkäufer ausfallen wird, dass es entsteht, ist allerdings gar keine Frage.“

Alternative Beschaffungsquellen: eine strategische Entscheidung

Die im Vereinigten Königreich beschaffenden Unternehmen wissen bei aller zur Schau getragenen Gelassenheit, dass die Gestaltung von Lieferantenbeziehungen vor allem bei strategischen Gütern ein aufwendiger Prozess ist. „Denn womöglich ab März 2019 greifen die neuen gesetzlichen Regelungen und das Phase-Out/Phase-In eines neuen Lieferanten bedarf auch einer gewissen Zeit. Ich gehe davon aus, das noch innerhalb des nächsten Ein-Jahres-Zeitraumes interne strategische Grundsatzentscheidung getroffen werden im Sinn von Wechsel oder Verbleib beim Lieferanten aus Großbritannien“, so Klaus Jeschke, Managing Director bei Expense Reduction Analysts DACH. Damit stehe aktuell zunächst das Sourcing nach Alternativlieferanten im Vordergrund, sofern dies möglich sei. Jeschke: „Der Einkauf beginnt ‚heute‘ – schon mit dem Prozess, alternative Bezugsquellen zu identifizieren und mit diesen gegebenenfalls Kontakt aufzunehmen.“

Gespräche ja, neue Vertragsverhandlungen nein

Die komplexe weltwirtschaftliche Lage erfordere Maßnahmen zum aktiven Risikomanagement und entsprechend strategisches Handeln von Einkäufern, unterstreicht John Dowling, Principal bei Inverto. Einkäufer sollten die Chance nutzen und frühzeitig den Dialog mit ihren Lieferanten suchen, um gemeinsam Störfaktoren und mögliche Lösungsszenarien zu diskutieren. Dowling, der durch seine langjährige Erfahrung in international agierenden Industrieunternehmen mit Sitz in Deutschland und Großbritannien, beide Kulturen sehr gut kennt, schätzt die Bereitschaft britischer Lieferanten zu einem solchen Austausch „sehr hoch“ ein. Für konkrete Vertragsverhandlungen sei es aber noch zu früh, da unklar sei, ob und in welcher Höhe es künftig Zölle oder andere Hindernisse für Warenlieferungen geben werde.

Kostenrisiko noch nicht absehbar

Hinzukomme die fehlende Quantifizierungsmöglichkeit des Kostenrisikos sowie der Kostentreiber, ergänzt Klaus Jeschke. Ohne diese Informationen bestehe die Gefahr, wirkungslose Passagen in den Vertrag zu verhandeln – und sinnvolle Klauseln außer Acht zu lassen. Beispielsweise könnte der britische Staat eventuell erhobene Schutzzölle in Steuererleichterungen reinvestieren, um GB-Firmen wettbewerbsfähig zu halten. Diese wiederum hätten die Möglichkeit, solche Entlastungen den deutschen Kunden in Form von reduzierten Einkaufspreisen weiterzugeben. Das vielfach diskutierte Kostensteigerungsproblem auf EK-Seite wäre vom Tisch. Jeschke: „Hier kann aber erst ab einer adäquaten inhaltlichen und erkennbaren Substanz agiert werden.“

Eine vorrangige Frage dagegen ist, inwieweit Schlüssellieferanten durch wirtschaftliche Verwerfungen in Mitleidenschaft bezogen werden. Für die GB-Firmen bestehe ein latent höheres Gefährdungspotential, worauf im Rahmen eines Risk-Monitorings und Business-Continuity-Managements besonders zu achten sei. Es sollten für die wichtigsten Lieferanten dementsprechende Verfahren existieren und Alternativen bekannt sein.

Kein Single-Sourcing mit britischen Lieferanten

Als allerersten Schritt im Einkauf empfiehlt auch der Experte von Expense Reduction Analysts, mit dem existierenden Lieferanten Kontakt aufzunehmen, um sich mit ihm konstruktiv hinsichtlich seiner eigenen zukünftigen Strategie auszutauschen. „Ich bin mir sicher, dass in diesen Gesprächen auch das Thema Produktionsverlagerung eine Rolle spielt.“ Den Partner dazu zu ermuntern, sieht Jeschke allerdings skeptisch. Ein solcher Schritt sei vor dem Hintergrund „Zeit, Kosten und Qualität“ für beide Seiten risikobehaftet. Zwar treffe dies auch auf einen Lieferantenwechsel zu. Bei einem solchen sei es allerdings möglich, eine qualifiziertere Risikoabschätzung vor dem Hintergrund existierender Produktionsumgebungen mit etablierten Prozessabläufen vorzunehmen.

Sollten Zölle und damit einhergehend aufwendige Prozesse eingeführt werden, könnte Irland eine attraktive Option darstellen, so John Dowling von Inverto. Irland sei ein agiler Beschaffungsmarkt, insbesondere für Leistungen und Produkte in den Engineering- und Life-Sciences-Branchen. Von einer Singe-Sourcing-Strategie mit britischen Lieferanten sei in jedem Fall abzuraten, betont Marc Kloepfel. „Ohne einen Plan B in der Hinterhand kann der Brexit schnell zur Kostenfalle werden.“

Bild: Melinda Nagy/Fotolia.de

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Autor: Dörte Neitzel

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