Beschaffung in der Schweiz: Länderanalyse für den Einkauf

Beschaffung in der Schweiz: Länderanalyse für den Einkauf

17.04.2018

Beschaffung in der Schweiz: Länderanalyse für den Einkauf

Kein Land der Welt ist wettbewerbsfähiger als die Schweiz. Das stellt zumindest das World Economic Forum Jahr für Jahr fest. Für Einkäufer ist die Eidgenossenschaft trotzdem nicht unproblematisch für die Beschaffung.

Denn als die schweizer Nationalbank 2015 den Wechselkurs des Franken gegenüber dem Euro freigab, wertete die Währung der Eidgenossen binnen eines Tages um 20 Prozent auf. Schweizer Zulieferer verloren dadurch an Wettbewerbsfähigkeit. Besonders hart traf es den Schweizer Mittelstand. Über 99 Prozent aller Unternehmen in der Eidgenossenschaft beschäftigen weniger als 250 Mitarbeiter. Im Maschinenbau gerieten viele dieser Betriebe unter die Räder des durch die Wechselkursfreigabe ausgelösten Strukturwandels.

Um mit Wettbewerbern aus der Eurozone mithalten zu können, mussten sie große Rabatte gewähren. Dennoch sank die durchschnittliche Auslastung der Produktion in vielen Betrieben 2017 auf 83,8 Prozent. Im Januar 2015 hatte sie noch bei 90 Prozent gelegen. Für viele Unternehmen bedeutete dies das Aus. Zwischen 2015 und 2017 sank die Zahl der Insolvenzen in der Schweiz um 7,3 Prozent. Erst im dritten Quartal 2017 schien die Krise des Schweizer Maschinenbaus überwunden zu sein. Die Ausfuhren der Branche legten um neun Prozent gegenüber dem gleichen Quartal des Vorjahres zu.

Beschaffung in der Schweiz: Länderanalyse für den Einkauf

Beschaffung in der Schweiz: Länderanalyse für den Einkauf. Foto: Pixabay

 

Das Wirtschaftswachstum dagegen hatte sich 2017 noch nicht von dem Währungsschock erholt. Im vergangenen Jahr legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der Eidgenossenschaft nicht mal um ein Prozent zu. Da der Franken seit Mai 2017 gegenüber dem Euro kontinuierlich an Wert verloren hat, könnte der Zuwachs im laufenden Jahr zwar wieder 1,7 Prozent betragen. Ganze 0,3 Prozentpunkte davon gehen jedoch auf die Konten des Internationalen Olympischen Komitees sowie des Weltfußballverbands, FIFA. Diese verbuchen in Jahren, in denen Olympische Spiele und Fußballweltmeisterschaften stattfinden, Lizenzeinnahmen in Milliardenhöhe. Da beide Institutionen in der Schweiz ansässig sind, rechnen Volkswirte ihre Einnahmen in ihre BIP-Prognosen ein. Im Folgejahr fallen die Impulse dann wieder weg. Zugleich bleibt die höchst exportorientierte Schweizer Wirtschaft stark von der Entwicklung der Weltwirtschaft abhängig. Dieser wird der Handelskrieg zwischen den USA und China sowie der Brexit wohl einen deutlichen Dämpfer verpassen.

Wirtschaftliche Fakten zur Beschaffung in der Schweiz

Offizieller Name Schweizerische Eidgenossenschaft
Hauptstadt de jure: keine, de facto: Bern
Amtssprache Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch
Bevölkerung 8,41 Millionen
Bruttoinlandsprodukt 2017 611,9 Mrd. US-Dollar
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf
72.672 US-Dollar
Wirtschaftswachstum 2017/2018/2019 0,9% /1,7%/1,8%
Inflationsrate 2017 / 2018 0,3% / 0,2%
Importe 2016 269,2 Mrd. US-Dollar
Exporte 2016 304,7 Mrd. US-Dollar
Freihandelsabkommen Ägypten, Albanien, Bosnien-Herzegowina, Chile, China, Costa-Rica, Europäische Union, Färöer-Inseln, Georgien, Hongkong, Island, Israel, Japan, Jordanien, Kanada, Kolumbien, Kooperationsrat der Arabischen Golfstaaten (Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate), Libanon, Marokko, Mazedonien, Mexiko, Montenegro, Norwegen, Palästinensische-Behörde, Panama, Peru, Philippinen, Serbien, Singapur, Südkorea, Türkei, Tunesien, Ukraine, Zollunion Südliches Afrika (Botswana, Lesotho, Nambia, Südafrika, Swasiland)

Beschaffung in der Schweiz: Die wichtigsten Ausfuhrgüter

Die chemische und pharmazeutische Industrie der Schweiz erwirtschaftet fast 45 Prozent aller Ausfuhrerlöse. Auf Platz zwei der exportstärksten Branchen folgt der Maschinenbau. Schweizer Betriebe überzeugen ihre Kunden dabei durch hochinnovative Sonderanfertigungen. Ihre wichtigsten Auslandskunden finden sie in Deutschland. Fast ein Fünftel der Schweizer Ausfuhren geht in die Bundesrepublik. Da die Wertschöpfungsketten vieler deutscher und schweizer Unternehmen eng mit einander verzahnt sind, handelt es sich bei der Hälfte der eidgenössischen Exporte nach Deutschland um Rohstoffe, Halbfabrikate und Investitionsgüter. Für den deutschen Maschinenbau ist die Eidgenossenschaft der zweitwichtigste Beschaffungsmarkt nach Italien.

Deutsche Importe aus der Schweiz 2016 43,9 Milliarden Euro
Deutsche Exporte in die Schweiz 2016 50,2 Milliarden Euro
Deutsche Einfuhren aus der Schweiz nach Warengruppen
(in Prozent der gesamten Importe aus der Schweiz)
· Arzneimittel (18,7%)
· Maschinen (13,9%)
· Industriechemikalien (9,6%)
· Mess- und Regeltechnik (5,3%)
· Elektrotechnik (4,8%)
· Sonstige (47,7%)

Einkauf in der Schweiz: Die wichtigsten Rohstoffe

Industrierohstoffe lagern in der Schweiz keine. Allerdings haben die größten Rohstoffhändler der Welt ihre Firmenzentralen in der Eidgenossenschaft – darunter Glencore, die Vitol-Gruppe und Cargill International.

Rohstoffe: Kies, Kalkstein, Ton, Granit, Salz

Produktivität, Qualität und Kosten im Beschaffungsland Schweiz

Schweizer Arbeitnehmer gehören zu den globalen Spitzenverdienern. Auf ihrem Lohnzettel stehen im Durchschnitt rund 5960 Euro im Monat. Jeder vierte Angestellte bekommt außerdem einen Bonus. Allerdings stagniert das Lohnwachstum seit einigen Jahren bei etwas unter einem Prozent pro Jahr. Trotz der hohen Kosten ist die Schweiz der wettbewerbsfähigste Standort der Welt. Denn die Produktivität der Eidgenossen steht ihren Verdiensten nicht nach. Sie sind hervorragend ausgebildet. Außerdem klappt die Zusammenarbeit von Unternehmen mit Universitäten und Forschungseinrichtungen hervorragend.

Die Schweizer Wirtschaft setzt neue Technologien daher ein, bevor Wettbewerber in anderen Ländern dies tun. Zugleich ist der eidgenössische Arbeitsmarkt einer der am besten funktionierenden der Welt. Obwohl das Streikrecht seit dem Jahr 2000 in der Verfassung der Eidgenossenschaft festgeschrieben ist, fiel Schweizer Arbeitgebern zwischen 2006 und 2015 pro 1000 Beschäftigten nur ein Arbeitstag aufgrund eines Streiks aus. In Deutschland waren es in der gleichen Zeit sieben Ausfalltage. Allerdings findet über ein Drittel der Schweizer Arbeitgeber nicht mehr ausreichend Fachkräfte. Im Maschinenbau leidet sogar jeder zweite Betrieb an Personalmangel.

 Durchschnittlicher Bruttomonatslohn in Industrie- und Dienstleistungsbranchen
5.588 Euro
Analphabetenquote 0,4%
Verpflichtende Dauer des Schulbesuchs 13,4 Jahre
Anteil der Bevölkerung mit sekundärer Schulbildung 96,7%
Anteil der Bevölkerung mit Universitätsabschluss
26%
Human Development Index 2 von 188
Global Competitiveness Index
Platz 1 von 138
Offizielle Arbeitslosenquote 2017 4,6%
Arbeitsproduktivität im europäischen Vergleich (Durchschnitt der EU-28 = 100; Deutschland = 105,1): 122,7

Beschaffung in der Schweiz: Infrastruktur und Logistik

Mit einem Autobahnnetz von 1447 Kilometern Länge kommt die Schweiz pro Einwohner auf mehr Schnellstraßenkilometer als die Bundesrepublik. Trotzdem sind die Autobahnen in der Eidgenossenschaft chronisch überlastet – vor allem rund um Ballungszentren wie Zürich oder zwischen Genf und Lausanne. Die Schweizer Bahn dagegen ist die pünktlichste der Welt. Ihr 5251 Kilometer umfassendes Streckennetz ist gemessen an der Fläche des Landes das dichteste aller Industriestaaten. Der größte Flughafen der Schweiz in Zürich ist der 15. größte Airport Europas.

Wichtigste Seehäfen keine
Wichtigste Flughäfen Zürich, Genf, Basel-Mühlhausen
Autobahnnetz 1.447 Kilometer
Eisenbahnnetz 5.251 Kilometer

Risiken bei der Beschaffung in der Schweiz

Die Schweiz ist eines der sichersten Länder der Erde. Ihre Unternehmen jedoch sind extrem exportorientiert. Damit hängt die wirtschaftliche Entwicklung der Eidgenossenschaft stark von der Konjunktur der Weltwirtschaft ab. Der Handelskrieg der USA mit China könnte Zulieferer in der Schweiz daher ebenso in Schwierigkeiten bringen wie der Brexit oder ein Zusammenbruch des Bankensektors beim zweitwichtigsten Handelspartner der Schweizer – Italien.

Zugleich könnte eine Verschärfungen des Konflikts zwischen der NATO und Russland oder der Spannungen auf der koreanischen Halbinsel dazu führen, dass Anleger Kapital in der Schweiz in Sicherheit bringen. Dadurch steigt der Außenwert des Franken, die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Zulieferer sinkt.

Quellen:gtai, Eurostat, UNDP, WEF

Bild: Pixabay

Autor: Gerd Meyring

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Autor: Dörte Neitzel

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