Beschaffung in Spanien: Länderanalyse für Einkäufer
05.09.2018

Beschaffung in Spanien: Länderanalyse für Einkäufer

Für Spanien ist Deutschland ein wichtiger Absatzmarkt, deutsche Einkäufer sollten das EU-Land also auf dem Schirm haben bei ihrer Global-Sourcing-Strategie. Doch was macht Spanien als Beschaffungsland attraktiv? Wir haben die Antwort.

Spaniens Wirtschaft legte im vergangenen Jahr um beeindruckende 3,1 Prozent zu. In diesem und im kommenden Jahr erwartet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Zuwächse von 2,8 beziehungsweise 2,4  Prozent. Die Krise der viertgrößten Volkswirtschaft der Europäischen Union scheint damit vorbei zu sein. Allerdings hat sie zu strukturellen Probleme geführt, die Spanien vor der Banken- und Schuldenkrise 2009 so nicht hatte. Zwar führt die Regierung in Madrid die Staatsverschuldung in Höhe von derzeit 98,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) kontinuierlich zurück. Selbst die Arbeitslosigkeit soll 2018 auf „nur“ noch 15,3 Prozent sinken. Auf dem Höhepunkt der Krise 2013 lag sie bei fast 27 Prozent.

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Foto: Pixabay

Vor allem die Exporte spanischer Unternehmen treiben diese Entwicklung an. Seit dem Beginn der Krise 2009 haben sie ihre Ausfuhren um 55 Prozent gesteigert. Ein Drittel des spanischen BIP erwirtschaften die Betriebe heute im Ausland. Ihre wichtigsten Kunden sitzen dabei in Frankreich, das gut 15 Prozent der spanischen Ausfuhren abnimmt. Auf Platz zwei folgen deutsche Einkäufer. Sie nehmen 11,3 Prozent der spanischen Exporte ab.

Der vermeintliche Boom der spanischen Wirtschaft ist allerdings teuer erkauft. Denn zahlreiche spanische Unternehmen überlebten die Krise nur, weil sie Arbeitsplätze abbauten und Verträge befristeten. Exporterfolge erkauften sie so mit sinkenden Arbeitskosten, nicht mit Investitionen in die Produktivität ihrer Belegschaften und Produktionsstätten.

Wirtschaftliche Fakten zur Beschaffung in Spanien

Offizieller Name Reino de España / Königreich Spanien
Hauptstadt Madrid
Amtssprache Spanisch, regional auch Aragonesisch, Aranesisch, Asturisch, Baskisch, Galicisch, Katalan
Bevölkerung 46,5 Millionen
Bruttoinlandsprodukt 2017 1.164 Mrd. Euro
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf
25.026 Euro
Wirtschaftswachstum 2017 / 2018 / 2019 3,1 % / 2,9 % / 2,4 %
Inflationsrate 2017 / 2018 / 2019
2,0 %  / 1,4 % / 1,4 %
Importe 2017 310,4 Mrd. Euro
Exporte 2017 283,7 Mrd. Euro
Freihandelsabkommen EU-Mitglied

Beschaffung in Spanien: Die wichtigsten Ausfuhrgüter

Deutsche Einkäufer beschaffen in Spanien vor allem Kfz-Teile, chemische und elektrotechnische Erzeugnisse sowie Maschinen. Jeden zweiten Euro verdienen spanische Maschinenbauer im Ausland. Hersteller von Werkzeugmaschinen machen im Export sogar 70 Prozent ihres Umsatzes. Der spanische Maschinenbau hat seine Stärken vor allem in der Fördertechnik sowie bei Windkraft-, Wasserbehandlungs- und Entsalzungsanlagen. Im Werkzeugmaschinenbau ist Spanien der drittwichtigste Standort in Europa. Allerdings stoßen Einkäufer auf der iberischen Halbinsel im Maschinenbau derzeit teilweise auf Kapazitätsengpässe. Die Produktion spanischer Betriebe war im 2. Quartal 2018 zu fast 80 Prozent ausgelastet.

Auch für Einkäufer aus der Automobilindustrie führt an der iberischen Halbinsel kein Weg vorbei. Spanien ist der zweitgrößte Automobilstandort Euroas und der achtgrößte der Welt. Ford, General Motors, Mercedes-Benz, Nissan, PSA-Opel, Renault, Iveco und andere Konzerne betreiben dort 17 Produktionsstätten. Ihre Zulieferer erwirtschafteten 2017 einen Umsatzrekord in Höhe von 36 Milliarden Euro. Gut 55 Prozent davon verdienten sie im Ausland.

Auch die chemische Industrie Spaniens ist weltweit erfolgreich. Im vergangenen Jahr steigerte sie ihre Ausfuhren um gut 14 Prozent auf 43,6 Milliarden Euro. Die Branche stellt vor allem Grund- und Kunststoffe sowie Lacke für die Automobilindustrie her. Wichtigster Standort ist die Region um die katalonische Stadt Tarragona. Dort befindet sich das größte Chemiecluster des Mittelmeerraums.

Deutsche Importe aus Spanien 2017 31,6 Mrd. Euro
Deutsche Exporte nach Spanien 2017 43,1 Mrd. Euro
Deutsche Einfuhren aus Spanien nach Warengruppen
(in Prozent der gesamten Importe aus Spanien)
· Kfz und -Teile (32,6%)
· Nahrungsmittel (14,7%)
· Maschinen (6%)
· Elektrotechnik (4,9%)
· Sonstige Fahrzeuge (4,7%)
· Sonstige (37,1%)

Einkauf in Spanien: Die wichtigsten Rohstoffe

Spanien muss Erdöl und –gas sowie viele weitere Rohstoffe importieren. Dabei findet sich auf der iberischen Halbinsel eine breite Palette von Bodenschätzen – von Eisenerz, Uran und Zink über Silber, Blei  und Kupfer bis zu Cadmium und Quecksilber. Allerdings lassen sich die meisten Rohstoffe nicht mehr profitabel abbauen.

Rohstoffe: Kohle, Eisenerz, Kupfer, Blei, Zink, Uran, Wolfram, Quecksilber, Pyrit, Magnesit, Flussspat, Kaolin, Pottasche

Produktivität, Qualität und Kosten im Beschaffungsland Spanien

Bis 2009 die weltweite Bankenkrise ausbrach, sonnten sich Spaniens Regierung und Unternehmer in den Erfolgen des kreditfinanzierten Booms in der Bau- und Immobilienwirtschaft. Die Produktivität ihrer Betriebe und die Wettbewerbsfähigkeit des Landes blieben dabei auf der Strecke. Nach Beginn der Krise steigerten spanische Betriebe ihre Produktivität dann zwar bis 2013 um zwei Prozent pro Jahr. Allerdings nicht, weil sie in Digitalisierung und neue Maschinen investierten, sondern weil sie 3,6 Millionen Arbeitsplätze abbauten und versuchten, die gleiche Arbeit mit weniger Kräften zu stemmen. An dem Produktivitätsrückstand hat sich bislang wenig geändert.

Mit jeder eingesetzten Arbeitsstunde tragen spanische Betriebe Zahlen der OECD zufolge 46,9 US-Dollar zum BIP des Landes bei. Das sind fast 27 Prozent weniger als Unternehmen in Frankreich oder Deutschland pro Arbeitsstunde erwirtschaften. Nur ein Drittel der spanischen Betriebe nutzt Enterprise-Ressource-Planing-Systeme, so ein Bericht der Europäischen Kommission zum Stand der Digitalisierung in Unternehmen in der EU. Pro 10.000 Arbeitnehmern kommen zudem nur 160 Roboter zum Einsatz, weniger als in Italien oder Belgien.

Noch weit schlimmer als der geringe Grad der Digitalisierung und Automatisierung in spanischen Betrieben sind jedoch die Nachwirkungen der Wirtschaftskrise auf die Beschäftigungsverhältnisse spanischer Arbeitnehmer und damit ihre Produktivität. Weit mehr als jeder vierte Beschäftigte hat nur einen befristeten Arbeitsvertrag. Die Bereitschaft der Arbeitgeber in die Weiterbildung dieser Mitarbeiter zu investieren ist entsprechend gering. Zumal viele Betriebe seit den Krisenjahren zunehmend auch ungelernte Kräfte zu niedrigeren Löhnen beschäftigen. Jeder fünfte Spanier, der noch keine 25 Jahre alt ist, hat deshalb nur einen Haupt- oder Realschulabschluss erworben, oder die Schule abgebrochen. Mit dem sinkenden Qualifikationsniveau stieg die Jugendarbeitslosigkeit auf 44 Prozent. Da selbst qualifizierte junge Menschen in ihrer Heimat oft keine oder nur schlecht bezahlte Arbeit finden, wandern sie ins Ausland ab. Spanien erlebt einen gewaltigen „Brain Drain“.

Das belastet die Produktivität spanischer Unternehmen ebenso wie die sinkenden Einkommen älterer Arbeitnehmer. Sie verdienen heute oft bis zu 30 Prozent weniger als 2008. Da die Preise im vergangenen Jahr um 1,9 Prozent stiegen, nimmt die Unzufriedenheit der Belegschaften zu. Zwischen Januar und Mai 2017 stieg die Zahl der Streiks gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres um 18 Prozent – eine Herausforderung  für Zulieferer, die Liefertermine einhalten wollen.

Durchschnittlicher Bruttomonatslohn eines Arbeiters
1.926 Euro
Analphabetenquote 2,1%
Durchschnittliche Dauer des Schulbesuchs 9,8 Jahre
Anteil der Bevölkerung mit sekundärer Schulbildung 73,7%
Anteil der Bevölkerung mit Universitätsabschluss
40,9%
Human Development Index Platz 27 von 188
Global Competitiveness Index
Platz 33 von 138
Offizielle Arbeitslosenquote 2018 15,3%
Arbeitsproduktivität im EU-Vergleich (Durchschnitt der EU-28 = 100; Deutschland = 105,1) 100,5

Neben den Problemen am Arbeitsmarkt setzen auch die in vielen Betrieben veraltete Technik und die indische Bürokratie der Produktivität des Landes Grenzen. Vor allem im Bergbau, der Eisen- und Stahlverarbeitung sowie der Bauwirtschaft sind viele Betriebe so hochverschuldet, dass sie sich Investitionen in moderne Anlagen nicht leisten können. Zugleich schützt der Staat als Eigentümer viele Unternehmen in diesen Branchen ebenso wie im Transportwesen und der Schwerindustrie vor dem Wettbewerb.

Legendär ist auch die indische Bürokratie. Allerdings hat die Regierung von Premierminister Narendra Modi im Sommer 2017 eine wegweisende Reform in die Wege geleitet. Durch die Einführung einer allgemeinen Mehrwertsteuer entstand auf dem indischen Subkontinent erstmals ein einheitlicher Binnenmarkt. Da Unternehmen Güter beim Transport von einem Bundesstaat in einen anderen nun nicht mehr deklarieren und verzollen müssen, erwartet die Weltbank, dass die indische Wirtschaft künftig allein durch den Wegfall des mit dem Transport verbundenen bürokratischen Aufwands um bis zu einem Prozentpunkt stärker wachsen wird.

Beschaffung in Spanien: Infrastruktur und Logistik

Madrids Airport in Barajas ist der sechstgrößte Flughafen Europas. Barcelonas Flughafen El Prat folgt auf dem siebten Platz. Auch Spaniens größte Containerhäfen spielen in Europa ganz vorne mit – Algeciras auf Rang fünf noch vor Marseille und Le Havre, Valencia auf Platz neun.

Das spanische Straßen- und Schienennetz ist hervorragend ausgebaut – ein Ergebnis des Baubooms, der das Land 2009 in die Krise stürzte. Das Autobahnnetz ist mit gut 16200 Kilometern das längste Europas und das drittlängste der Welt nach China und den USA. Das Schienennetz umfast ebenfalls gut 16000 Kilometer. Davon sind fast 3000 Kilometer hochgeschwindigkeitstauglich. Ein ausgedehnteres Hochgeschwindigkeitsnetz hat nur die Volksrepublik China.

 

Wichtigste Seehäfen Madrid-Barajas, Barcelona, Palma de Mallorca
Wichtigste Flughäfen Valencia, Algeciras, Barcelona
Autobahnnetz 16.204 Kilometer
Eisenbahnnetz 16.102 Kilometer

Risiken bei der Beschaffung in Spanien

Länderspezifische Risiken gibt es in Spanien kaum. Allenfalls können Waldbrände in den Sommermonaten die Infrastruktur in betroffenen Gebieten lahmlegen. Zudem könnte die Staatsverschuldung zu einem Risiko für die spanische Konjunktur werden. Sie belief sich 2017 auf 98,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Quellen: gtai, Eurostat, WEF

Bild: Pixabay

Autor: Gerd Meyring

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