Kleiner Roboter, der aus Ersatzteilen zusammengesetzt ist

Alles neu aufpolieren heißt Retrofit. (Bild: besjunior - stock.adobe.com)

Aufrüsten, umrüsten, anpassen, Leben verlängern: Was im Privaten schon bei einfachen Reparaturen erst allmählich wieder zum Trend wird, ist für Maschinen und Anlagen in der Industrie nie ganz aus der Mode gekommen. Die Nachfrage nach Retrofit-Lösungen ist allenfalls Schwankungen unterworfen.

Länger, produktiver und effizienter

„Gerade in konjunkturschwachen Jahren ist Retrofit ein beliebter Invest“, ist die Beobachtung von Jochen Günnel, Vertriebsleiter bei Lasco-Umformtechnik. Das Unternehmen realisiert seit mehr als 30 Jahren Überholungen und Umbauten von eigenen wie fremden Aggregaten, und die Nachfrage nach Umrüst- und Aufrüstlösungen für Pressen entwickle sich „erfreulicherweise immer besser“, so Günnel.

„Die Nachfrage nach Retrofit-Maßnahmen ist in den vergangenen Monaten stark gestiegen“, stellt auch Dr. Marc Wucherer fest, Mitglied des Vorstands der Bosch Rexroth AG und verantwortlich für den Vertrieb.

Die Gründe für Retrofit sind vielfältig. Sie reichen von Anpassungen, die notwendig sind, um mit sich wandelnden gesetzlichen Vorgaben wie den Unfallverhütungsvorschriften (UVV) Schritt zu halten, über eine Steigerung der Ausbringung bis hin zu einer Einbindung des Altbestands in das Industrial Internet of Things (IIoT). Die Erwartungen der Maschinenbetreiber an einen Retrofit seien klar formuliert, betont Wucherer: „Über die reine Verlängerung der Lebensdauer hinaus sollen die Maschinen nach der Maßnahme vernetzbar sein und energieeffizienter arbeiten.“

 

Energieeinsparungen von bis zu 80 Prozent

Nötig sei dafür ein technologieübergreifender Ansatz – von der Mechanik über die Hydraulik und die elektrischen Antriebe bis hin zur Steuerung mit IoT-Gateway Software. Damit ließen sich dann aber auch ältere Maschinen in vernetzte Fertigungsumgebungen einfügen.

Vernetzung und zusätzliche Sensorik sind außerdem Voraussetzung für ein umfassendes Condition Monitoring, welches die Verfügbarkeit von Maschinen über die gesamte weitere Nutzungsdauer verbessert. Gleichzeitig arbeiten die aufgerüsteten Maschinen und Anlagen in der Regel effizienter, was die Betriebskosten dauerhaft senken kann. „Bei hydraulischen Anlagen sind durch den Umstieg auf den neuen Stand der Technik Energieeinsparungen von bis zu 80 Prozent erreichbar“, erklärt Wucherer.

Richtig angepackt ist Um- und Aufrüsten häufig deutlich günstiger als die Investition in neue Maschinen und Anlagen, beobachtet Martin Folz vom Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Chemnitz. Insbesondere dann, wenn es vor allem darum geht, Maschinen fit für Industrie 4.0 zu machen. „Die Mechanik einer Maschine altert im Vergleich zu der Kommunikations-, Steuerungs- oder Automatisierungstechnik deutlich langsamer“, sagt Folz.

Entsprechend kann sich die Nutzungsdauer der Maschine durch einen Austausch von Komponenten, die schnell veralten, enorm verlängern. „Durch die Ergänzung moderner Sensorik und Kommunikationsfähigkeit erhöht sich die Produktivität der Maschine und Ausfallzeiten werden reduziert. Zudem sinken die Produktionskosten, indem Energieeffizienz und Produktqualität steigen“, stellt er fest.

 

Instandhalter an einer Maschine
Die Mechanik hält in der Regel länger durch als Hydraulik oder Elektrik. (Bild: Ingo Bartussek)

Kürzere Stillstandszeiten

Ein weiterer Punkt für Retrofit ist, dass es sich meist einfacher und damit schneller umsetzen lässt als die Integration komplett neuer Maschinen und Anlagen in eine bestehende Produktionsumgebung. „Viele Unternehmen haben ihre Produktionskapazitäten sehr eng abgesteckt. Hier sind Stillstandszeiten nur in einzelnen Wochen denkbar“, weiß Lasco-Vertriebsleiter Günnel.

Hohe Investitionskosten und extrem lange Lebens- und Einsatzdauern, die sich etwa bei Intralogistikanlagen oder Maschinen wie Pressen in Jahrzehnten bemessen, können den Austausch einzelner Komponenten auch dann noch rentabel machen, wenn die Maschinen längst abgeschrieben sind.

Die älteste Presse, die die Coburger Pressenbauer noch immer von Zeit zu Zeit modernisieren, stammt aus dem Jahr 1956. Im Laufe der Jahre wurde die Steuerung mehrmals umgebaut, 2008 der Hauptzylinder überarbeitet und neu abgedichtet, und aktuell steht wieder ein Austausch der Steuerung an.

Mit zehn bis 15 Jahren habe die Elektrik die kürzeste Lebensdauer – „aufgrund nicht mehr lieferbarer Teile“, erklärt Günnel. Die hydraulischen Komponenten von Pressen können unter Einsatz von Adapterplatten auch nach 15 bis 20 Jahren noch getauscht werden, bevor ein größerer Umbau notwendig ist.

Bei Pumpen sei fast immer ein größerer Umbau notwendig, um ältere Typen zu ersetzen, und viele mechanische Bauteile lassen sich ohne Altersbegrenzung nachgefertigen. „Das Ende der Lebensdauer ist meist erst dann erreicht, wenn der Maschinenkörper – sprich Gestell oder Ständer – eine irreparable Beschädigung aufweist“, stellt er fest.

 

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Regelmäßige Instandhaltung und eine gelegentliche Verjüngungskur machen sich deshalb bezahlt – auch wenn es sich ‚nur‘ um einzelne mechanische Komponenten handelt. „Erfahrungsgemäß wirkt sich ein mechanisches Retrofit lebensverlängernd auf Bauteile aus, welche bisher noch keinen Schaden genommen haben.

Denn einmal begonnener Verschleiß vergrößert sich mit zunehmender Geschwindigkeit aufgrund des immer größer werdenden Spiels“, sieht Günnel immer wieder. Wurde dagegen über längere Zeiträume hinweg nicht in Mechanik, Hydraulik oder Elektrik investiert, können am Ende so hohe Montagekosten anfallen, dass sich eine Generalüberholung nicht mehr lohnt.

Was es beim Thema Retrofit neben der technischen Machbarkeit und der Rentabilität freilich auch zu beachten gilt, ist das Thema Maschinensicherheit: Sobald an einer Maschine Veränderungen vorgenommen werden, die laut Maschinenrichtlinie als ‚wesentlich‘ einzustufen sind, kann das zusätzliche Maßnahmen erforderlich machen. Von einer Anpassung der Schutzeinrichtungen bis hin zu einer Neubewertung der CE-Konformität.

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