Shaping Future Transportation - Campus Connectivity

Bild: Daimler

| von Dörte Neitzel
Aktualisiert am: 22. Okt. 2019

Autobahn A6, Ausfahrt Heilbronn/Neckarsulm. Seit zwei Stunden fließt der Verkehr auf der linken Fahrbahn nur noch zäh. Auf dem rechten Streifen geht nichts mehr. Dort steht ein Lkw hinter dem anderen – so weit das Auge reicht.

Fast 2.000 Mal am Tag kam 2018 irgendwo in Deutschland der Verkehr zum Erliegen, meldet der ADAC. Insgesamt zählte der Automobilclub vergangenes Jahr gut 745.000 Staus. Für Einkäufer und Supply-Chain-Manager, die just-in-time- und just-in-sequence-Lieferketten steuern, ist das eine Katastrophe. Entweder steht ihre Fertigung, weil Material nicht rechtzeitig eintrifft. Oder sie zahlen hohe Konventionalstrafen, weil sie Kunden nicht pünktlich beliefern.

Jeder zweite Lkw hat Telematiksysteme an Bord

Moderne Telematiksysteme sollen verhindern, dass die just-in-time-Belieferung „just im Stau“ endet. Sie vernetzen laut einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte schon heute jeden zweiten Lkw mit Routenplanungssystemen, Staudatenbanken sowie dem Enterprise-Ressource-Planning der wartenden Kunden.

Über den Mobilfunkstandard 5G tauschen die Fahrzeuge Daten über die aktuelle Verkehrslage künftig auch untereinander aus. Zugleich steigt der Anteil vernetzter Trucks bis 2030 auf über 80 Prozent, erwartet die Unternehmensberatung McKinsey.

Telematik: Wie der Einkauf von vernetzten Lkw profitiert

Bild: fotoschlick/AdobeStock

Der Nutzen steigt mit der Dichte der Daten

Dadurch steigt der Nutzen, den Telematiksysteme Supply-Chain-Managern bringen. „Je engmaschiger Fahrzeuge untereinander sowie mit anderen Systemen vernetzt sind und je häufiger sie ihre Geschwindigkeit und Position melden, desto exakter lässt sich ermitteln, wann sie beim Kunden oder in einem Depot ankommen“, erklärt Christian Schütz, Fachbereichsleiter Technik, Technischer Einkauf bei der Spedition Dachser.

Mit den von den Fahrzeugen gemeldeten Informationen sowie Daten zur Staulage in einer Region, berechnen Routenplanungssysteme zudem die Strecke, auf der das Fahrzeug mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit möglichst schnell sein Ziel erreicht, sobald es wieder aus dem Stau herausfährt.

Belastbare Ankunftszeiten sind echter Kundenservice

Die von den Systemen ermittelte neue Ankunftszeit melden sie den Empfängern der Lieferungen. Dachser nutzt diese Anlässe zudem, um gegenüber seinen Kunden Gesicht zu zeigen. „Wenn unsere Routenplanung erkennt, dass ein Lkw sich verspätet, generiert sie über unser Supply-Chain-Event-Management-Tool eine Warnung für unseren Kundenservice und zugleich für den Kunden“, erklärt Schütz.

Auftraggeber können dann ihre Fertigung frühzeitig auf die Verspätung einstellen. „So wird der Lkw, der durch unvorhersehbare Ereignisse wie Staus oder Unfälle das störungsanfälligste Modul der Lieferkette ist, durch die Vernetzung berechenbarer“, fasst Schütz zusammen.

Telematik verkürzt Ladezeiten

„Vernetzte Fahrzeuge können Umschlagdepots zudem melden, wann sie ankommen“, erklärt Bernd Heid, Seniorpartner und Leiter der Nutzfahrzeugsparte bei McKinsey. Lagersysteme könnten dann Fracht vorkommissionieren. „Das verkürzt die Zeit, die Transporter am Loading Dock warten. Normalerweise stehen sie dort zwischen einer dreiviertel und einer Stunde“, so Heid. In dieser Zeit fahren sie kein Geld ein. Der Fahrer will aber trotzdem bezahlt werden.

Dynamische Routenplanung macht Lieferketten bis zu 20 Prozent effizienter

„Effizienzgewinne in der Lieferkette von weiteren 15 bis 20 Prozent entstehen, wenn die Fahrzeuge nach Verlassen des Depots der Strecke folgen, die Routenplanungssysteme in Abhängigkeit von der geladenen Fracht sowie der aktuellen Verkehrslage und -dichte als die Route errechnet haben, auf der Fahrer Sendungen möglichst schnell allen Empfängern zustellen können“, ergänzt Heid.

Die Optimierung der Streckenführung halten zwei von drei von der Unternehmensberatung Deloitte befragte Logistikexperten daher für den größten Vorteil vernetzter Fahrzeuge.

Telematiksysteme rechnen sich

Telematik- und Konnektivitätssysteme rechnen sich für Einkäufer, die Lkw für den eigenen Fuhrpark beschaffen, noch aus anderen Gründen. Zwar steigen die Mehrkosten für Telematik-Soft- und -Hardware bis 2026 um knapp ein Drittel auf rund 2.500 Euro pro Fahrzeug.

Dafür lassen sich mit einem vernetzten Lkw aber bis zu 32.000 Euro im Jahr sparen, hat die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers berechnet. Das entspricht mehr als einem Drittel der jährlichen Betriebskosten. Diese setzen sich in der Regel zu je einem Drittel aus der Abschreibung des Fahrzeugs, den Spritkosten und dem Gehalt des Fahrers zusammen.

Gleiche Transportleistung mit weniger Lkw

Vernetzte Lkw sparen ihren Betreibern dabei an vielen Stellen Geld. Da sie dank Telematik seltener im Stau stehen, sind sie mehr Stunden mit Fracht unterwegs. Ihre Anschaffungskosten amortisieren sich schneller. Fahrergehälter geben Unternehmen dann nicht dafür aus, dass die Kollegen hilflos das Stauende herbeisehnen.

Supply-Chain-Manager, die Lkw über optimierte Routen ans Ziel schicken, sparen laut der Deloitte-Studie zudem fünf Prozent Treibstoffkosten. Wenn Unternehmen Lkw produktiver nutzen, lässt sich außerdem die gleiche Transportleistung mit weniger Fahrzeugen erbringen. Dadurch sinken die Kosten des gesamten Fuhrparks.

Wartungskosten sinken um bis zu 30 Prozent

Zugleich verursachen vernetzte Lkw um bis zu 30 Prozent geringere Wartungskosten, berichten die Experten von Deloitte. Denn die Fahrzeuge melden frühzeitig, wann Verschleißteile wie Radnaben oder Komponenten im Antriebsstrang ausgetauscht werden müssen. Mit der Information lassen sich Werkstattbesuche so legen, dass sie die Terminplanung der Trucks möglichst wenig stören.

Gibt die Telematik der Werkstatt vor dem Besuch auch die aktuellen Fehlermeldungen des Steuergeräts im Fahrzeug durch, können Mechatroniker benötigte Ersatzteile vorab bestellen. Auch das spart Zeit. Zwei von drei von Deloitte befragte Supply-Chain- und Fuhrparkmanager sehen daher in der Möglichkeit, Lkw präventiv zu warten, den größten Nutzen vernetzter Systeme zur Überwachung des Fahrzeugzustands.

Konnektivität verbessert Kundenservice

„Die Möglichkeiten, die die Vernetzung der Fahrzeuge bietet, sind dabei noch gar nicht alle ausgeschöpft“, räumt Markus Olligschläger, Leiter nationaler Straßengüterverkehr beim Bundesverband Spedition und Logistik ein. McKinsey-Experte Heid stimmt zu. Er kann sich beispielsweise vorstellen, dass Unternehmen mit smarten Konnektivitätssystemen ihren Kundenservice verbessern.

So könnten die Customer-Management-Systeme des Supports Wartungsaufträge an die Fahrzeuge der Servicetechniker übermitteln und das für die Jobs benötigte Material an Zulieferer oder das eigene Lager melden. Deren Mitarbeiter bestücken die Wägen über Nacht. „Der Fahrer muss sich sein Material dann bei Arbeitsbeginn nicht erst mit einer Packliste zusammensuchen“, erklärt Heid.

Nach Abfahrt des Monteurs melden Telematiksysteme dem Kunden, wann der Fachmann ankommt. „Dadurch wird der gesamte Serviceablauf eines Unternehmens zuverlässiger und pünktlicher“, fasst Heid zusammen. Doch nicht nur das. Techniker kommen künftig auch entspannter und konzentrierter bei Auftraggebern an. Schließlich sinkt dank Telematik das Verkehrsaufkommen und die Zahl der Staus – egal, ob bei Heilbronn oder anderswo.

Autor: Gerd Meyring

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