Stahlrollen in einer Halle

Stahlrollen in einer Halle: Die Beschaffung der Stahlhersteller ist nicht einfacher geworden. (Bild: industrieblick - stock.adobe.com)

Egal ob Feinblech, Blankstahl oder Stabstahl - die Materialbeschaffung gestaltet sich gerade schwierig. Das hat zum einen schwer abzuschätzende konjunkturelle, zum anderen aber auch technische Gründe. Wo die Probleme auf technischer Ebene bestehen und welches Potential für Veränderungen sich dabei bieten, soll im Folgenden erläutert werden.

Die Pandemie hatte auf die Verfügbarkeit fast alle Rohstoffe direkten Einfluss. Das bekam auch der Stahlmarkt zu spüren. Sank der Stahlpreis zu Beginn der Corona-Krise 2020 anfangs noch rapide, verdoppelte sich dieser bereits im Frühjahr 2021 nahezu.

Das Ganze ist wenig verwunderlich. Mit der sich langsam erholenden Konjunktur stieg auch wieder die Nachfrage nach Stahl, insbesondere in der Bauwirtschaft und im Automobilbau. Diese steigende Nachfrage wurde von einer erschwerten Beschaffung konterkariert.

Es besteht ein genereller Mangel an Transportfahrzeugen und Laderaum steht nur begrenzt zur Verfügung, hinzukommt, dass pandemie-bedingt weiterhin eingeschränkter Grenzverkehr besteht. Obwohl die Produktion im März 2021 in Europa mit 13,6 Millionen Tonnen bereits wieder auf ein Rekordniveau hochgefahren wurde, konnte bisher die starke Nachfrage noch nicht gedeckt werden.

Analoger Materialeinkauf ist komplex

Das ist jedoch nur eine Seite der Herausforderungen für Verarbeiter. Eine weitere besteht in der Interaktion mit Händlern. Anders als konjunkturelle Probleme, die von vielen externen Faktoren abhängig sind, lassen sich Lösungsansätze für die Zusammenarbeit zwischen Stahlhändlern und Stahlunternehmen wesentlicher einfacher finden. Zugleich besteht hier noch viel Wachstumspotenzial für die Branche, nicht zuletzt da selbst einzelne Unternehmen für sich etwas bewegen können.

Geht es an den Einkauf von Materialien, läuft alles sehr analog, wenig normiert und damit sehr komplex ab. Materialanfragen erfolgen durchweg individuell und in Einzelabstimmung mit Händlern via Telefon, Fax oder E-Mail. Diese vielseitigen Wege des Austauschs führen dazu, dass selbst in der Interaktion zwischen einem spezifischen Händler und einem spezifischen Verarbeiter sich selten ein fester Abstimmungsweg herausgebildet hat.

Kurz gesagt, selbst die verschickten Angebote sehen nicht immer gleich aus – enthalten nicht immer die gleichen Angaben und Spezifikationen oder sind optisch verschieden aufgearbeitet. Stattdessen sind eigens erstellte Bestelllisten und mehrstufige Feedback-Schleifen üblich, was zu einem unübersichtlichen und ineffizienten Bestellvorgang führt.

Schwierige Abstimmung zwischen Stahlhändler und Verarbeiter

Die Stahlbranche ist, und damit ist sie sicher nicht allein, ein Netzwerk vieler heterogener Akteure. Unternehmen verschiedenster Größen, aus unterschiedlichen Regionen, und ein Material in diversen Zuständen und Qualitäten – das verhindert Standards.

Zum einen hat das sicher Vorteile – fairer Handel –, aber eben auch Nachteile. So führen Händler auf ihren individuellen Webseiten, meist unterschiedliche Materialbezeichnungen und legen unterschiedliche Schwerpunkte auf die gehandelten Güten, Formen und Maße. Das gestaltet nicht nur das Auffinden von neuen Händlern oft schwierig.

Auch die Abstimmung zwischen den Akteuren wird dadurch gebremst, da Händler und Verarbeiter miteinander erstmal spezielle Qualitätsanforderungen und Güten, Toleranzen und Maße sowie die derzeitige Verfügbarkeit abklären müssen. Das macht deutlich, auf Händlerseite gibt es ebenso Herausforderungen.

Auch hier spielt die aktuelle Konjunktur im Markt eine große Rolle. In Zeiten von Materialmangel, wie wir sie gerade erleben, versuchen Händler verständlicherweise vor allem Stamm- und Großkunden gerecht zu werden, um Grundeinnahmen zu sichern und langfristige Partnerschaften aufrecht zu erhalten. Neukunden geraten dadurch ins Hintertreffen. Das hat auch Folgen für Händler. Denn zu einem anderen Zeitpunkt, wenn wieder Nachfragemangel besteht, gestaltet sich die Neukundenakquise schwierig und sehr zeitaufwendig.

Industrie 4.0 spart Beschaffungsprozesse nicht aus

Industrie 4.0 ist längst in der Stahlindustrie angekommen und auch wenn Prozesse in der Fertigung hier bereits ein paar Schritte weiter sind, bieten digitale Informations- und Kommunikationstechnologien auch Vorteile in der Beschaffung. Digitalisierung verändert schließlich nicht nur Werkshallen, sondern auch die Arbeitswelt.

Arbeitsprozesse wie Kundenverwaltung, -gewinnung und Lieferprozesse zu optimieren ist in anderen Branchen längst Usus und auch zwischen den Akteuren im Stahlmarkt hält diese Entwicklung langsam Einzug. Dass Entwicklungen hier bisher eher langsam ablaufen, mag daran liegen, dass die meisten Lösungen schlichtweg zu komplex oder mit hohem Entwicklungsaufwand und -kosten verbunden sind. Das erschwert zurzeit noch eine einfache Integration in etablierte Prozesse.

Dass dieser Digitalisierungsprozess nicht ins Stocken gerät, liegt unter anderem am Interesse seitens Händler und Verarbeiter. Beide Seiten zeigen sich offen neue Lösungen auszuprobieren, die den Verkaufsprozess und die alltägliche Arbeit erleichtern sollen, denn die Herausforderungen sind letztlich für beide die gleichen.

Beispielsweise werden Beschaffungsprozesse erschwert durch teilweise uneinheitliche Verwendungen der verschiedenen oder veralteten, in Teilen auch herstellerindividuellen Bezeichnungen und Normen für Stahl (ISO, DIN, EN). Händler erhalten dadurch häufig noch keine standardisierten Anfragen und investieren viel Zeit in die individuelle Bearbeitung einzelner Anfragen.

Hinzu kommt, dass die Anfragen häufig nicht zum Portfolio passen und neben aufwendigen Abstimmungsschleifen zur Klärung von Rückfragen, meist nur Alternativmaterialien mit Abweichungen angeboten werden können. Je nach Anforderung ist dies nicht für jeden Verarbeiter annehmbar, erhöht den Beschaffungsaufwand und kostet Zeit.

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Digitale Lösungen für die Materialbeschaffung sind vielfältig

Denjenigen, die an digitalen Lösungen für Beschaffungsprozesse in der Stahlindustrie arbeiten, ist mittlerweile klar, dass die Antwort nicht in einem hochkomplexen System mit künstlicher Intelligenz bestehen kann. Der Einstieg in die Digitalisierung, nicht nur in der Stahlbranche, muss niedrigschwelliger sein. Es haben sich dementsprechend eher einzelne Tools herauskristallisiert, die an verschiedenen Ecken ansetzen, um Abläufe zu optimieren.

Sicher nicht neu, aber naheliegend ist, das Nutzen von Internet of Things (IoT), die den Händlern dabei hilft interne Prozesse zu optimieren. Dabei können vernetzte, intelligente Maschinen zum Beispiel den Warenbestand verwalten, automatisch nachbestellen und durch die Überwachung von Anlagen Fehlerquoten reduzieren, Wartung organisieren und so Betriebskosten einsparen und die Produktivität steigern.

Ein weiterer Ansatz sind digitale Beschaffungsplattformen, die den Ein- und Verkauf für Händler und Verarbeiter erleichtern. Verarbeiter füllen ein Anfragenformular aus und Händler erhalten vorselektierte und standardisierte Anfragen, die zu Ihrem Portfolio passen, auf welche sie Angebote abgeben können. Das sorgt nicht nur für deutlich kürzere Abläufe und mehr Effizienz, sondern führt im Gegenzug auch zu mehr Verkäufen.

Ein drittes Beispiel sind ERP-Systeme, welche einen gewissen Integrationsaufwand mit sich bringen. Diese setzen wiederum an einem anderen Punkt der Wertschöpfungskette an, der logistischen Planung und Steuerung von Geschäftsprozessen. Diese Form der Software hilft Stahlhändlern Produktionsmittel, aber auch Kapital und Personal bestmöglich zu verwalten.

Die Lösungsansätze für technische Herausforderungen in der Stahlbeschaffung sind vielfältig. Anders als konjunkturelle Schwankungen im Stahlmarkt beseitigen diese aber bestehende Probleme langfristig. Für Händler mag nicht immer absehbar sein, wann Nachfragemangel entsteht.

Durch bessere Prozesse kann auch in konjunkturell schwierigeren Zeiten für bessere Kundenbindung- und -neugewinnung gesorgt werden. Verarbeiter, insbesondere mittlere und kleine, wiederum können durch harmonisierte und damit effizientere Prozesse in Zeiten von Materialmangel die Bestellabläufe beschleunigen. Je niedriger die digitalen Hürden für beide Seiten sind und je größer die Vorteile, umso schneller wird der technische Fortschritt in den Stahlhandel Einzug halten.

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