Konserven von oben

Der Rohstoff Zinn wird beispielsweise für Dosen eingekauft. (Bild: Pixabay/ PublicDomainPictures)

Einst marschierten bunte Soldaten durch Deutschlands Kinderzimmer, belagerten den Schreibtisch für die Hausaufgaben und beschossen Gebirge aus Steiff-Teddybären. Heute ist Zinn viel zu teuer, um daraus Spielzeugsoldaten zu gießen.

18.370 US-Dollar zahlen Einkäufer für die Tonne Zinn an der Londoner Metallbörse LME derzeit (Stand: 4.9.2020). Da weltweit jedes Jahr nur etwa 355.100 Tonnen Zinn angeboten werden, Unternehmen aber mehr nachfragen, hat sich der Preis für das silberweiße Metall in den vergangenen 20 Jahren sogar mehr als verzehnfacht.

Während die weltweite Nachfrage nach Zinn unaufhaltsam steigt, geben vor allem die Minen in Indonesien immer weniger von dem Rohstoff her. Der Inselstaat war eine lange Zeit der größte Zinnlieferant der Welt.

In der Hochzeit des Abbaus stammte bis zu 38 Prozent des weltweit angebotenen Zinns aus dem südostasiatischen Staat. Die Nachfrage wurde so groß, dass die Regierung in Jakarta zwischenzeitlich ein Ausfuhrverbot für das Metall verhängte.

Hauptfördergebiet ist die Insel Bangka. Dort wird der begehrte Rohstoff im industriellen Stil sowie in hunderten kleinen Bergwerken und mit Baggerschiffen abgebaut. Das hat allerdings gravierenden Folgen für die Umwelt. Oft ist eine spätere landwirtschaftliche Nutzung der hinterlassenen Flächen nicht mehr möglich.

Balkendiagramm, dass die Produktion von Zinn aus dem Bergbau sowie Raffinadeprodukte zeigt im Zeitraum von 2010 bis 2019
Die Zinnproduktion ist auf einem konstant hohen Niveau. (Quelle: World Bureau of Metal Statistics, Grafik: TECHNIK+EINKAUF)

Wann sind die Zinnreserven erschöpft?

Andere Staaten können das rückläufige Angebot nicht ausgleichen. „Denn Zinn ist der Rohstoff mit den geringsten Reserven“, erklärt Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). „Die bekannten Lagerstätten, die auch wirtschaftlich abbaubar sind, reichen für weniger als acht Jahre“, befürchtet der Zinn-Experte.

Die Kollegen des US-amerikanischen Geological Survey sind zwar etwas optimistischer als Elsner. Doch auch sie gehen nur von globalen Reserven in Höhe von rund 4,7 Millionen Tonnen aus. Diese wären in gut 15 Jahren erschöpft – vorausgesetzt Minenbetreiber bauen mit weltweit 280.000 Tonnen auch künftig nur so viel Zinn ab wie 2016.

Größte Zinnreserven in Asien

Ein großer Teil der Reserven lagert im sogenannten südostasiatischen Zinngürtel, auf dem neben Indonesien auch Myanmar, Thailand, Malaysia und Vietnam liegen. Insgesamt finden sich in diesen Staaten Vorkommen in Höhe von über 1,3 Millionen Tonnen. Das entspricht 28 Prozent der weltweiten Zinnreserven. Außerhalb Südostasiens verfügt vor allem China über große Lagerstätten des Metalls.

Die Volksrepublik hat mit 1,1 Million Tonnen mehr Zinnreserven als jedes andere Land. Weitere nennenswerte Vorkommen finden sich in Brasilien, wo es mit 700.000 Tonnen (14,9 Prozent der globalen Reserven) fast ebenso große Vorkommen gibt wie in Indonesien, sowie Bolivien, Australien und Russland, die jeweils über rund acht Prozent der weltweiten Vorkommen verfügen.

Peru besitzt zwar nur 2,12 Prozent der Reserven an dem silberweißen Schwermetall, dennoch stammen gut neun Prozent des auf dem Weltmarkt angebotenen Zinns aus dem Andenstaat.

Balkendiagramm zur Zinnproduktion nach Ländern
China produziert das meiste Zinn. Drei Länder vereinen 80 Prozent der Produktion auf sich.(Quelle: World Bureau of Metal Statistics, Grafik: TECHNIK+EINKAUF)

Welche Länder produzieren das meiste Zinn?

Das größte Förderland für Zinn im Jahr 2019 war China. Aber auch Indonesien und Myanmar sind nennenswerte Zinnproduzenten. Damit stammen 80,9 Prozent des angebotenen Zinns aus nur drei Staaten. Zwar fördern auch Bolivien, Peru und Brasilien den Rohstoff.

 

Abgebaut wird Zinn sowohl industriell als auch im artisanalen und Kleinbergbau (ASM). ASM hat mit rund 27 Prozent einen hohen Anteil an der weltweiten Zinnproduktion und damit eine große Bedeutung für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in den Förderländern. Das gilt zum Beispiel für die indonesischen Zinninseln Bangka und Blitung, in Zentralafrika oder auch in Bolivien.

Andererseits ist der Sektor sehr kritisch zu sehen: Die Arbeitsbedingungen sind in der Regel schlecht, der Abbau wird selten kontrolliert und es findet keine Renaturierung statt. Im Osten des Kongo haben sich sogar bewaffnete Gruppen durch den Abbau von Zinnerz finanziert. Daher fällt Zinn unter die sogenannten Konfliktmineralien. Nach einer EU-Verordnung müssen EU-Importeure entsprechende Sorgfaltspflichten in ihren Lieferketten einhalten.

Bei den Unternehmen ist die Konzentration zwar nicht ganz so dramatisch, zeigt aber ähnliche Tendenzen: PT Timah, Yunnan Tin und Malaysia Smelting produzieren zusammen zwei Drittel des weltweiten Zinns. Hauptverbraucherländer von Zinn sind jedoch China (45 Prozent), USA (9 Prozent) sowie Japan (8 Prozent) und Deutschland (6 Prozent).

In Sachsen lagert Zinn für 2,8 Milliarden Euro

Trotz dieser bedenklichen Entwicklung, müssen sich deutsche Einkäufer keine Sorgen machen, dass sie eines Tages kein Zinn mehr für ihre Unternehmen beschaffen können. Denn in Sachsen hat die Deutsche Rohstoff AG vor wenigen Jahren eines der weltweit größten Zinnvorkommen entdeckt.

In Gottesberg im Vogtland sowie in Geyer im Erzgebirge lagern knapp 160.000 Tonnen Zinn. Das entspricht der gemeinsamen Jahresförderung von Indonesien und China und ist beim gegenwärtigen Preis für den Rohstoff ein Schatz im Wert von über 2,9 Milliarden Euro.

Neben Zinn sollen die Lagerstätten auch größere Mengen Indium, Zink, Kupfer sowie Molybdän enthalten. Wann Unternehmen den Rohstoff aus sächsischen Minen als Lötzinn oder zur Herstellung von Konservendosen verarbeiten können, steht allerdings noch nicht fest.

Lötkolben und Lötzinn auf einer Platine
Etwa die Hälfte des jedes Jahr in Deutschland verarbeiteten Zinns dient als Lötzinn. (Bild: Dimitrii/Adobestock)

Wofür wird Zinn verwendet?

Etwa die Hälfte des jedes Jahr in Deutschland verarbeiteten Zinns dient in Metalllegierungen als Lötzinn, mit dem die Elektronikindustrie ihre Bauteile verbindet. Zinn bietet sich dazu aufgrund seines niedrigen Schmelzpunkts von nur 231 Grad Celsius sowie seiner guten elektrischen Leitfähigkeit an. Etwa 23 Prozent der verfügbaren Menge dienen der chemischen Industrie als Zusatzstoffe.

Mit weiteren 17 Prozent des Angebots stellt die Metallindustrie Weißbleche her, die unter anderem zu Konservendosen weiterverarbeitet werden. Gut fünf Prozent des Zinns legiert die Metallindustrie mit Kupfer zu Bronze. Außerdem kommt Zinn in zahlreichen weiteren Legierungen zum Einsatz. So stellen Medizintechniker damit Amalgam für Zahnfüllungen her.

Orgelbauer legieren Zinn mit Blei, um daraus Pfeifen zu gießen. Die Hersteller von Supramagneten verschmelzen Zinn mit Niobium. Die Stahlindustrie setzt das Metall Stählen zu, die in besonders salzhaltigen Umgebungen wie Küstenregionen die Korrosion von Brücken oder Stromleitungsmasten verhindern.

Die korrosionsgeschützten Stähle kommen auch in kalten Klimazonen zum Einsatz, in denen Straßenmeistereien im Winter viel Streusalz ausbringen.

Donut-Diagramm, wie Zinn in der Industrie verwendet wird
So wird Zinn verwendet. (Quelle: DERA - Zinn, Informationen zur Nachhaltigkeit, Grafik: TECHNIK+EINKAUF)

Recycling von Zinn

Aufgrund seines hohen Preises ist Zinn ein begehrtes Recyclingprodukt. Je nach Ausgangsmaterial ist der Aufwand jedoch unterschiedlich hoch.

So kann Zinn aus Weißblech nur dann zurückgewonnen werden, wenn der Weißblechschrott kein Aluminium enthält. Denn dabei wird das Zinn mittels Elektrolyse in heißer Natronlauge entfernt. Allerdings werden diese Zinnüberzüge immer dünner, sodass sich diese Entzinnungsanlagen kaum noch wirtschaftlich betreiben lassen. Daher dient eingesammeltes Weißblecht meist direkt der Produktion zinnhaltiger Spezialstähle. So muss das Zinn erst gar nicht entfernt werden.

In Legierungen enthaltenes Zinn wird hingegen überwiegend recycelt. Das gilt nicht für Zinn-Lote aus der Elektro- und Elektronikindustrie. Zinn aus chemischen Produkten wird ebenfalls nicht oder kaum wiederverwendet.

Dagegen ist die End-of-Life-Recyclingrate (EOL) von zinnhaltigen Primärschrotten und Legierungen sehr hoch. Sie liegt im Schnitt aller Anwendungsfelder laut der Deutschen Rohstoffagentur bei mehr als 50 Prozent. So lag die Recycling Input Rate (RIR) im Jahr 2016 bei 30,7 Prozent. Die RIR gibt den Anteil des recycelten Materials am gesamten produzierten Material an - inklusive raffinierter und nicht raffinierter Handelsprodukte.

Preisentwicklung Zinn

Die Nachfrage nach Zinn erlebt in der Finanzkrise 2008/2009 einen drastischen Einbruch. Mit Folgen: Zwischen Mai 2008 und März 2009 sinkt der Preis für Zinn auf 12.000 US-Dollar pro Tonne.

Ab 2010 steigt die Nachfrage nach dem Metall wieder, das Angebot kann damit nicht Schritt halten. Denn zur gleichen Zeit wird in Indonesien zunehmend gegen illegal betriebene Minen vorgegangen. Im Februar 2011 erreicht der Preis, unterstützt durch Börsenspekulationen, ein Rekordhoch von knapp 24.700 US-Dollar pro Tonne.

Danach sinkt die Nachfrage nach Zinn wieder. Den Tiefpunkt erreicht der Zinnpreis im Januar 2016: Eine Tonne Zinn ist für 13.250 US-Dollar zu haben. Der Markt erholt sich anschließend wieder sehr schnell, bereits ein Jahr später knackt der Preis die Marke von 20.000 US-Dollar pro Tonne. Mit einigen zwischenzeitlichen Schwankungen erreicht Zinn noch einmal die Marke von 21.700 US-Dollar, stürzt im Sommer 2019 aufgrund der weltweiten Konjunkturabkühlung ab. Auf dem Höhepunkt der Coronakrise im April 2020 fällt er unter 14.000 US-Dollar.

Seitdem berappelt sich der Preis für Sinn wieder und strebt der 19.000-Dollar-Marke entgegen.

Preisentwicklung Zinn
Preisentwicklung Zinn: Schwankend und von der Konjunktur abhängig. (Quelle: World Bank, Grafik: TECHNIK+EINKAUF)

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Einkauf Rohstoff Zinn

Beschreibung · chemisches Element ‚Sn‘ (vom lateinischen Begriff stannum für Zinn) mit der Ordnungszahl 50
· Zinn ist ein silbrig-weiß glänzendes Schwermetall, das gut dehn- und formbar ist. Es schmilzt bereits bei 231,9 Grad Celsius
· Das Metall ist so weich, dass es sich mit dem Fingernagel anritzen lässt
· An der Luft überzieht sich Zinn mit einer grauen Oxidschicht
Verwendung (einzelne Anteile unbekannt) · Lötzinn (52%)
· Zusatzstoff in Chemikalien (23%)
· Herstellung von Weißblechen (17%)
· Legierung von Bronze (6%)
Größte Förderländer · China (32%)
· Indonesien (25,6%)
· Myanmar (15%)
Größte zinnfördernde Unternehmen (2019) · PT Timah (Indonesien)
· Yunnan Tin (China)
· Malaysia Smelting Corp (Malaysia)
· Minsur (Peru)
· Yunnan Chengfeng (China)
Vorhandene Reserven* 4,7 Mio. Tonnen
Vorhandene Ressourcen** k.A.
Statistische Reichweite der Reserven 16,8 Jahre
Statistische Reichweite der Ressourcen k.A.
Recyclingquote k.A.
Substituierbarkeit Zinn kann in Verpackungen durch Aluminium, Glas, Papier oder Kunststoffe ersetzt werden. Als Lötstoff lässt es sich durch Epoxidharze substituieren, in einigen Chemikalien durch Blei-Natrium-Verbindungen.
Jahresproduktion von Zinn 2019 weltweit 355.100 Tonnen

Quelle: Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, US Geological Survey

*Reserven = aktuell bekannte, mit der vorhandenen Technologie rentabel ausbeutbare Vorkommen
**Ressourcen = aktuell bekannte, aber noch nicht rentabel ausbeutbare Vorkommen

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