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Beschaffung in Großbritannien: Länderanalyse für Einkäufer

| von Dörte Neitzel

Die britische Wirtschaft ist die fünftgrößte der Welt. Ganze drei Prozent der globalen Wirtschaftsleistung gehen auf das Konto britischer Arbeitnehmer und Unternehmen. Jedoch sind zuverlässige Prognosen über das Wirtschaftswachstum in Großbritannien derzeit aufgrund des am 29. März 2019 anstehenden EU-Austritts schwer zu erstellen.

Zwar legte das Bruttoinlandsprodukt im ersten Halbjahr 2017 nur um 0,7 Prozent zu. Im dritten Quartal profitierten britische Unternehmen jedoch so sehr von dem im Zuge des Brexit abgewerteten Pfund, dass Ökonomen für 2017 nun doch von einem Wachstum von 1,6 Prozent ausgehen. Allerdings verlor das Pfund gegenüber dem Euro seit dem Brexit-Votum 17 Prozent an Wert. Das trieb die Inflationsrate in Großbritannien auf 2,7 Prozent, was das Wachstum im kommenden Jahr wieder auf 0,9 Prozent einbrechen lassen könnte.

Beschaffung in Großbritannien

Bild: Engel Ching/Shutterstock.com

Denn der Anstieg der Preise zwang die Bank of England Anfang November dazu, den Leitzins von 0,25 auf 0,5 Prozent anzuheben. Das schmälert die verfügbaren Einkommen der traditionell hochverschuldeten britischen Haushalte. Ihr Konsum jedoch ist neben dem Finanzsektor eine der wichtigsten Triebkräfte des Wirtschaftswachstums. Die Industrie trägt nämlich  nur rund 14 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei.

Wirtschaftliche Fakten zur Beschaffung in Großbritannien

Offizieller Name: United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland / Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland
Hauptstadt: London
Amtssprache: Englisch
Bevölkerung: 65,11 Millionen
Bruttoinlandsprodukt 2017: 2.318 Milliarden Euro
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf: 35.106 Euro
Wirtschaftswachstum 2016/2017/2018*: 1,5% / 1,6% / 0,9%
Inflationsrate 2017 / 2018*: 2,7% / 2,6%
Importe 2016: 1.587,9 Mrd. US-Dollar
Exporte 2016: 2097,6 Mrd. US-Dollar
Deutsche Importe aus China 2016: 574,9 Mrd. US-Dollar
Deutsche Exporte nach China 2016: 370,0 Mrd. US-Dollar
Freihandelsabkommen EU-Mitglied (bis 29.3.2019)

* geschätzt

Beschaffung in Großbritannien: Die wichtigsten Ausfuhrgüter

Der mit Abstand wichtigste Handelspartner Großbritanniens ist Deutschland. Von den rund 200 Milliarden Euro, die die Briten 2016 durch Exporte in die EU-Staaten verdienten, erwirtschafteten sie ganze 36 Milliarden mit Lieferungen nach Deutschland.

Besonders eng sind die Beziehungen zwischen britischen Zulieferern und deutschen Automobilbauern. Nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie haben deutsche Kfz-Zulieferer rund 100 Fertigungsstätten im Vereinigten Königreich. Britische Maschinenbauer lieferten 2016 Produkte im Wert von 2,4 Milliarden Euro nach Deutschland. Bei britischen Elektronikherstellern beschafften deutsche Einkäufer sogar Waren im Wert von 4,3 Milliarden Euro.

Ausfuhrgüter Prozentualer Anteil an den deutschen Importen
Kfz und -Teile 15,2%
Maschinen 10,2%
Erdöl 6,1%
sonstige Fahrzeuge 5,8%
Arzneimittel 5,8%
Sonstige 56,9%

Die wichtigsten Rohstoffe bei der Beschaffung in Großbritannien

Die Erdöl- und Erdgasreserven Großbritanniens sind seit dem Ende der neunziger Jahre weitgehend aufgebraucht. Das gleiche gilt für Rohstoffe wie Eisenerz, Kohle und Zinn, die einst die industrielle Revolution im Vereinigten Königreich befeuerten.

Diese Rohstoffe exportiert Großbritannien:

Produktivität, Qualität und Kosten im Beschaffungsland Großbritannien

Die Löhne britischer Arbeitnehmer steigen derzeit zwar langsamer als die Inflation. Die mittelmäßige Produktivität der Unternehmen im Vereinigten Königreich wird dadurch jedoch nicht besser. Diese leidet neben den niedrigen Forschungs- und Entwicklungsausgaben Großbritanniens an dem außerhalb der Eliteschulen und
-universitäten schlechten Schulwesen und der rückständigen Berufsausbildung.

Mehr zum Thema: Die 20 größten britischen Industrieunternehmen

Die Abwertung des Pfunds im Zuge des Brexit verhindert darüberhinaus dringend erforderliche Investitionen. Das IW Köln prognostiziert daher, dass Neuanschaffungen britischer Firmen bis 2020 um 30 Prozent gegenüber der Zeit vor dem Brexit-Votum zurückgehen werden. Zudem erwartet jeder dritte britische Unternehmer, dass er nach dem EU-Austritt Schwierigkeiten haben wird, ausreichend Mitarbeiter zu finden. Denn: Großbritannien werde dann den Zuzug von Arbeitskräften aus EU-Staaten behindern, so eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Ipsos Mori.

Dieser Mangel an Fach- ebenso wie niedrigqualifizierten Kräften wird der Wettbewerbsfähigkeit der britischen Wirtschaft genauso schaden, wie die ab 2019 zu erwartenden Zollverfahren. Denn diese stören die komplexen Lieferketten zwischen Unternehmen in der EU und britischen Zulieferern, denn viele Komponenten überqueren heute drei- oder viermal den Ärmelkanal, bevor sie endgültig verbaut werden.

Durchschnittlicher Monatslohn im verarbeitenden Gewerbe 2.675 Euro
Analphabetenquote keine Angabe
Durchschnittliche Dauer des Schulbesuchs 13,3 Jahre
Anteil der Bevölkerung mit sekundärer Schulbildung 82,9%
Anteil der Bevölkerung mit Universitätsabschluss
47,8%
Human Development Index Platz 16 von 188
Global Competitiveness Index
Platz 7 von 138
Offizielle Arbeitslosenquote 2017 4,5%
Arbeitsproduktivität im EU-Vergleich (Durchschnitt der EU-28 = 100; Deutschland = 105,1)
100,6%

Beschaffung in Großbritannien: Infrastruktur und Logistik

Londons wichtigster Flughafen in Heathrow ist der größte Airport in Europa und der siebtgrößte weltweit. Auch der größte Seehafen des Landes, Felixtowe, rangiert im europäischen Vergleich auf Rang sieben.

Das Autobahnnetz des Vereinigten Königreiches kann da nicht mithalten. Mit nur 3.500 Kilometern müssen sich die Motorways der zweitgrößten Volkswirtschaft der EU dem deutschen Autobahnnetz um knapp gut tausend Kilometer geschlagen geben. Auch das Schienennetz auf der britischen Hauptinsel ist mit gut 16.500 Kilometern erheblich kürzer als das deutsche mit gut 43.000 Kilometern. Außerdem sind wichtige Strecken wie die Great Western Main Line zwischen Bristol und London nicht elektrifiziert.

Wichtigste Seehäfen Felixtowe, Tilbury/London, Southampton, Teesport/Middlesborough
Wichtigste Flughäfen London Heathrow, London Gatwick, Manchester
Autobahnnetz 3.500 Kilometer
Eisenbahnnetz 16.536 Kilometer

Risiken bei der Beschaffung in Großbritannien

Das größte Risiko auf dem Beschaffungsmarkt Großbritannien ist derzeit der EU-Austritt am 29. März 2019. Momentan ist noch nicht klar, ob sich das Vereinigte Königreich und die Europäische Union auf ein Freihandelsabkommen für die Zeit nach dem Brexit einigen können. Neun von zehn im Vereinigten Königreich engagierten Unternehmen sind überzeugt, dass dies nicht gelingt (Quelle: Ipsos Mori).

Schließen die EU und Großbritannien kein Handelsabkommen, gelten für den Import aus Großbritannien ab 2019 die Zollsätze, die die EU als Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO) auch anderen WTO-Mitgliedern gegenüber anwendet. Die Tarife variieren je nach Warengruppe und reichen von

  • 2,7 bis 4,2 Prozent auf Pkw-Motoren
  • 3 bis 4,5 Prozent auf Kfz-Teile
  • bis hin zu 7,5 Prozent und mehr für Rohre aus Aluminium.
  • In der Spitze fallen bis zu zehn Prozent des Warenwerts an.

Zu den Zollsätzen kommen nicht-tarifäre Hindernisse für die Einfuhr aus Großbritannien. Das können etwa die Anerkennung britischer Produktzulassung sowie technische, sanitäre oder phytosanitäre Standards in der EU sein. Darüber hinaus verlangsamen Zollformalitäten den Transport der Waren aus Großbritannien in die EU. Dies dürfte vor allem Just-in-Time- sowie Just-in-Sequence-Lieferungen in der Kfz- und Kfz-Zulieferindustrie massiv behindern. “Die komplexen Lieferketten könnten durch den Brexit schlimmstenfalls gesprengt werden“, befürchtet Berthold Busch, Experte für Europäische Integration beim Institut der Deutschen Wirtschaft Köln.

Durch den Brexit steigt auch das Risiko, dass britische Lieferanten in finanzielle Schwierigkeiten geraten und als Zulieferer ausfallen. Durch den EU-Austritt könnten die Gewinne britischer Industrieunternehmen um bis zu 30 Prozent einbrechen. Das befürchtet die Unternehmensberatung Bain. Einkäufer sollten ihre britischen Partner deshalb entsprechend genauer beobachten und alternative Lieferquellen für den Fall der Insolvenz eines Partners aufbauen. Auf gar keinen Fall sollten sie in Großbritannien eine Single-Source-Strategie verfolgen, warnt die auf Beschaffung spezialisierte Unternehmensberatung Kloepfel Consulting.

Quellen:gtai, Auswärtiges Amt, UNESCO, UNDP, WEF

Bild: STILLFX/Shutterstockcom (Teaser)

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