Blick auf den Container Terminal Tollerort im Hamburger Hafen mit einem angelegten COSCO-Schiff

Der Container Terminal Tollerort (CTT) im Hamburger Hafen wird künftig teilweise chinesisch. (Bild: HHLA/Thies Rätzke)

Cosco Shipping Ports (CSPL) hat eine 35-prozentige Minderheitsbeteiligung am Container Terminal Tellerort (CTT) gekauft. Das teilte die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) mit.

CSPL ist eine Tochtergesellschaft der chinesischen Staatsreederei China Ocean Shipping (Group) Company, kurz Cosco. CTT gehört zu den vier großen Containerterminals im Hamburger Hafen. Drei davon werden von der HHLA betrieben. Über den Preis wurde nichts bekannt, die Kartellbehörden müssen zudem noch ihr OK geben.

Der CTT ist einer der drei Containerterminals der HHLA im Hamburger Hafen. Die Anlage verfügt über vier Liegeplätze und 14 Containerbrücken. Hier werden unter anderem die größten Containerschiffe von Cosco mit einer Stellplatzkapazität von 20.000 TEU (20-Fuß-Standardcontainer) und mehr abgefertigt. Der Terminal-eigene Bahnhof bindet das Hinterland über fünf Gleise an den Hafen an.

Mit der Beteiligung wird CTT zum bevorzugten Umschlagspunkt von Cosco in Europa, einem sogenannten Preferred Hub. Bereits heute werden über den Terminal viele Cosco-Schiffe abgewickelt. Am CTT werden heute unter anderem zwei Fernost-Dienste, ein Mittelmeer-Verkehr und ein Ostsee-Feeder-Dienst von Cosco abgefertigt, heißt es in der Meldung der HHLA. Ungeachtet der Minderheitsbeteiligung von CSP soll der CTT auch weiterhin für andere Reedereien offen bleiben, versichert die Hafengesellschaft.

Warum der Verkauf?

Nach Angaben des Think Tanks MERICS (Mercator Institut for China Studies) reagiert die HHLA damit auf wirtschaftliche Zwänge. Den Ausschlag könnten die sinkenden Containerumschläge im ersten Quartal 2021 gegeben haben. Zwischen Januar und März 2021 fertigten die Hamburger Terminals insgesamt rund 7,2 Prozent weniger Container ab.

Laut HHLA-Vorstandschefin Angela Titzrath werde durch die chinesische Beteiligung die Zukunft von Tollerort gesichert. Bislang waren Beteiligungen von Reedereien an Terminals keine Strategie des Hamburger Hafens. Lediglich an Altenwerder hält Hapag-Lloyd einige Anteile. Diese Vorgehensweise hat die HHLA nun offensichtlich über Bord geworfen. CSPL-Geschäftsführer Zhang Dayu nannte das Terminal eine wichtige Säule der Logistik in Europa. Dabei ist die aktuelle Beteiligung bei weitem nicht die erste von chinesischen Reedereien in Europa.

Seit der weltweiten Finanzkrise investieren chinesische Unternehmen verstärkt in europäische Häfen. Allerdings gehören sie zur kritischen Infrastruktur, daher werden entsprechende Beteiligungen besonders geprüft. Der Einfluss, den sich China mit den Zukäufen sichert, ist immens. Laut MERICS seien diese Deals zwar wirtschaftlich getrieben, allerdings ließen sich die politischen Konsequenzen nicht wegdiskutieren.

Denn als Eigner haben Unternehmen wie Cosco mindestens einen indirekten Einfluss auf die Logistik und damit Versorgung eines Landes. So hatte Peking im August Güterzüge gestoppt, die üblicherweise von China nach Litauen fahren. Es gab dazu zwar keine offizielle Stellungnahme aus China, doch chinesische Staatsmedien drohten, dass es bald zu "solch einer Wirtschaftsstrafe kommen könnte". Und warum das Ganze?

Litauen hatte sich bei Chinas KP unbeliebt gemacht, weil man immer wieder Menschenrechtsverletzungen ansprach und in letzter Zeit vermehrt Kontakte nach Taiwan geknüpft hatte. Anfang August hatte Vilnius angekündigt, eine Handelsvertretung in Taiwan zu eröffnen.

Europäische Häfen mit chinesischer Beteiligung

Übersicht über europäische Häfen mit chinesischer Beteiligung
Europäische Häfen mit chinesischer Beteiligung.(Grafik: MERICS)

Gewerkschaft Verdi hat Bedenken

Besonders die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi sieht den Einstieg der Chinesen beim Hamburger Hafen kritisch. Sie fürchtet, dass sich die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten mittelfristig verschlechtern könnten. „Die Fusionsgespräche gehen zulasten der Arbeitnehmer“, sagt Felix Pospiech, Betriebsrat des Gesamthafenbetriebs (GHB) in der Hamburger Morgenpost. „Ich habe es noch nie erlebt, dass bei einer Fusion alle Arbeitsplätze erhalten geblieben sind.“ Auch der Betriebsratsvorsitzende bei der HHLA, Norbert Paulsen, ist besorgt, dass zum Beispiel Tarifverträge abgeschafft werden könnten.

Dass diese Bedenken nicht weit hergeholt sind, zeigt das Beispiel Piräus, auch dort hält Cosco seit 2016 eine 67-prozentige Mehrheitsbeteiligung. Seitdem wurden Gehälter und Sozialleistungen gekürzt und bei Entscheidungen die Gewerkschaften umgangen. Doris Heinemann-Brooks von Verdi besucht den griechischen Hafen regelmäßig. Ihrer persönlichen Beobachtung zufolge bringen die Chinesen ihre eigenen Leute mit und versuchen, Einfluss auf die Arbeitsorganisation zu nehmen.

Die Einschätzung der China-Experten von MERICS ist klar: Der Trend bei der Containerschifffahrt gehe hin zu einer immer größeren vertikalen Integration und Konsolidierung. Wenn sich Häfen wie Hamburg Marktgrößen wie COSCO annäherten, reagierten sie damit lediglich auf den unausweichlichen Druck des Marktes. Doch würden solche Beteiligungsentscheidungen meist auch mit einem limitierten Bewusstsein für die größeren Zusammenhänge und strategischen Konsequenzen getroffen. Cosco habe gegenüber seinen Konkurrenten den Vorteil der staatlichen Unterstützung. Und für Peking ist die Marktdominanz ein klares geopolitisches Tool - etwas, dem die EU nur gemeinsam entgegentreten kann.

Immer informiert mit den Newsletter von TECHNIK+EINKAUF

Mann drückt auf ein virtuelles E-Mail-Symbol

Hat Ihnen gefallen, was Sie gerade gelesen haben? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter. Zwei Mal pro Woche halten wir Sie auf dem Laufenden über Neuigkeiten, Trends und Wissen rund um den technischen Einkauf - kostenlos!

Newsletter hier bestellen!

Kostenlose Registrierung

Bleiben Sie stets zu allen wichtigen Themen und Trends informiert.
Das Passwort muss mindestens acht Zeichen lang sein.
*

Ich habe die AGB, die Hinweise zum Widerrufsrecht und zum Datenschutz gelesen und akzeptiere diese.

*) Pflichtfeld

Sie sind bereits registriert?