CO2 wird zum Faktor für die Einkaufsstrategie: Steigende Zertifikatspreise und CBAM können Beschaffungskosten verändern. Entscheidend werden Emissionsdaten, Lieferantenauswahl und Produktalternativen.
Manfred GodekManfredGodek
Der steigende CO2-Preis stellt eine enorme Belastung dar. Deshalb müssen rechtzeitig Schritte eingeleitet werden, die das abfedern.Frank Harms - stock.adobe.com
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CBAM kann CO2-intensive Importe verteuern; fehlen valide Emissionsdaten, kommen Standardwerte mit Aufschlägen zum Einsatz.
Lederer hätte auf Basis seines Importvolumens 2025 nach heutigen Regeln mit CBAM-Kosten von bis zu 6 Mio. EUR rechnen können.
Einkaufspreis, Emissionsintensität und Qualität der CO2-Nachweise fließen zunehmend gemeinsam in Beschaffungsentscheidungen ein.
Material, Konstruktion, Produktionsroute und Bezugsquelle bieten Stellhebel, um CO2- und mögliche Folgekosten zu reduzieren.
Sechs Millionen Euro. So hoch hätten die CBAM-Kosten des Schraubengroßhändlers Lederer aus Ennepetal ausfallen können, wenn man die heute geltenden Regeln auf sein Importvolumen des Jahres 2025 überträgt – bei rund 90 Mio. EUR Umsatz.
Basis ist der Zertifikatspreis im europäischen Emissionshandel (EU-ETS). Unternehmen müssen dort für jede Tonne CO2 eine Emissionsberechtigung, eine sogenannte EU Allowance (EUA), abgeben. Anfang August wurden EU-Emissionsberechtigungen für mehr als 80 EUR gehandelt. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters sieht den Durchschnittspreis im Jahr 2027 bei rund 89 EUR, 2028 bei 95 EUR und 2030 bei 109 EUR. Die niederländische Bank ABN AMRO prognostiziert für 2035 rund 191 EUR je Tonne CO2.
An diesem Marktpreis orientiert sich auch der Preis der CBAM-Zertifikate. CBAM steht für Carbon Border Adjustment Mechanism, den europäischen CO2-Grenzausgleichsmechanismus. Er soll dafür sorgen, dass bestimmte CO2-intensive Importwaren aus Ländern mit geringeren oder fehlenden CO2-Kosten gegenüber europäischen Produkten keinen Wettbewerbsvorteil haben.
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Die Standardwert-Falle
Tatsächlich aber kann der Grenzausgleich Unternehmen selbst dann teuer zu stehen kommen, wenn ihre Lieferanten vergleichsweise CO2-arm produzieren, dafür aber keine nach EU-Standard erhobenen Daten liefern können. In den USA etwa erfasst das bundesweite Berichtssystem vor allem Emissionsquellen auf Anlagenebene, nicht aber einzelne Industrieprodukte. In Indien konzentriert sich die verpflichtende Berichterstattung auf die Unternehmensebene.
China baut sein System für Produkt-CO2-Fußabdrücke zwar weiter aus, und es gibt inzwischen einen nationalen Grundstandard sowie erste produktspezifische Vorgaben. Eine mit den EU-Anforderungen flächendeckend kompatible Basis besteht jedoch noch nicht. Fehlen valide Daten, werden Standardwerte angesetzt und durch Aufschläge verteuert: um 10% 2026, um 20% 2027 und um 30% ab 2028. Dabei war schon die Grundlage umstritten: eine von der EU-Kommission am 13. Februar 2026 veröffentlichte Tabelle mit Standardwerten. So dokumentiert der VDMA chinesische Stahlwaren mit tatsächlichen Emissionen von 1,8 Tonnen CO2/t Produkt. Der EU-Standardwert wurde mit 3,645 Tonnen angegeben – die Zertifikatskosten würden sich mehr als verdoppeln.
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Volker Lederer, Geschäftsführender Gesellschafter Lederer GmbH: Enger Austausch mit Lieferanten ist extrem wichtig.Lederer
Unternehmer Dr. Volker Lederer berichtet von Lieferanten, die für unterschiedliche Produkte identische Werte übermitteln; bei anderen Angaben sei nicht zu beurteilen, ob sie realistisch sind. „Wir haben eine maximale ökonomische Unsicherheit“, sagt er. Um der Standardwert-Falle zu entkommen, hat Lederer bereits zu Beginn der CBAM-Übergangsphase 2023 ein eigenes Projektteam eingerichtet.
Das Unternehmen steht seither in engem Austausch mit seinen Lieferanten und hat unter anderem Webinare auch in chinesischer Sprache durchgeführt. Die Datenabfrage läuft inzwischen über eine spezialisierte CBAM-Software. Eingehende Angaben werden auf Plausibilität geprüft, Unstimmigkeiten direkt mit den Lieferanten geklärt. Entscheidend sind vor allem Werk, Produktionsroute, Energiemix und Vorprodukte. Flächendeckender Industriestandard ist das allerdings noch längst nicht. Viel Zeit, einen solchen zu etablieren, bleibt nicht, sagt Christian Böhler, Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger.
CO2 frisst Marge
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Die Zahl steht im Raum: 191 EUR je Tonne CO2 im Jahr 2035. Wie empfindlich das auf die Marge wirken kann, zeigt eine Modellrechnung von APPLiA, dem europäischen Verband der Hausgeräteindustrie. Bei vollständiger CO2-Kostenbelastung errechnet APPLiA für eine Waschmaschine 7,18 Euro Mehrkosten bei 75 EUR je Tonne CO2 und 11,50 EUR bei 120 Euro. Das entspreche ungefähr der Herstellermarge beim Verlassen des Werks. Würde man diese Rechnung linear auf die von ABN AMRO erwarteten 191 EUR fortschreiben, wären es bereits rund 18,30 EUR.
Für ein proaktives CO2-Management fehlen in vielen Unternehmen allerdings belastbare Routinen. „CO2-Management entwickelt sich für Unternehmen von einem Nachhaltigkeitsthema zu einer zentralen Geschäftsvariable. Es verlangt dieselbe Aufmerksamkeit wie Kosten, Qualität und Zeit“, sagt Böhler. Erforderlich seien operative Standards, um kritische Beschaffungspositionen zu priorisieren, Datenanforderungen zu definieren und Lieferanten datenfähig zu machen. Insbesondere gelte es, CO2-ärmere Produktalternativen systematisch zu bewerten.
„Zunächst gilt es, die größten Risiken sichtbar zu machen: Produkte, Materialien und Lieferanten danach zu bewerten, wo hohe Emissionen, große Einkaufsvolumina, geringe Datenqualität und lange Laufzeiten zusammentreffen“, sagt Böhler. Dort sind CO2- und Kosteneffekt am größten.
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Für diese Positionen muss die Datenqualität in die Tiefe gehen. Gefragt ist der Wert des konkreten Produkts aus dem tatsächlich liefernden Werk – einschließlich Methode, Zeitraum und Systemgrenzen. Änderungen von Produktionsroute oder Energiemix müssen nachvollziehbar sein; Datenqualität, Aktualisierungspflichten, Prüfrechte und Haftung gehören in Spezifikationen und Verträge.
Strategie frisst CO2
Transparenz allein macht ein Produkt allerdings noch nicht CO2-ärmer. Dafür müssen Material, Konstruktion, Produktionsroute und Bezugsquelle gemeinsam betrachtet werden. Wie groß die Hebel sein können, hat Roland Berger in der Studie „Product carbon footprint – From compliance to competitive edge“ am Beispiel eines Elektromotors durchgerechnet.
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Die Studie setzt einen Carbon Footprint von 980 kg CO2-Äquivalent und Herstellungskosten des Motors von 1.790 EUR für 2035 an. Wird der Carbon Footprint mit einem Preis von 200 EUR je Tonne bewertet, ergeben sich CO2-Kosten von rund 196 EUR – knapp elf Prozent der Herstellungskosten des Motors.
Zugleich beziffert die Studie die Minderungswirkung der einzelnen Stellhebel. Grüner Stahl senkt den modellierten Fußabdruck um 107 kg CO2-Äquivalent, Recyclingmaterial um 98 kg und grünes Aluminium um 71 kg. Magnete ohne seltene Erden bringen 62kg, ein gesinterter Stator 18 kg und eine CO2-ärmere vorgelagerte Lieferkette 383 kg. Vollständig optimiert sinkt der Wert von 980 auf 241 kg – um rund 75%.
Christian Böhler, Partner bei Roland Berger: CO2-Transparenz ist Wettbewerbsvorteil.Roland Berger
Christian Böhler, Partner bei Roland Berger: „Diese Werte sind nicht pauschal auf andere Motoren oder Maschinen übertragbar. Nicht jede technisch attraktive Maßnahme rechtfertigt zusätzliche Material-, Werkzeug- oder Entwicklungskosten. Die einzelnen Stellhebel können aber ergiebig sein. Eine zunächst teurere Lösung kann im Laufe der Serie günstiger werden, wenn sie steigende Material- und CO₂-Kosten vermeidet.“
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Zwar müssen Unternehmen derzeit nur für einen begrenzten Anteil ihrer Emissionen Zertifikate kaufen, sodass die vollständigen Kostensenkungspotenziale erst in vier bis sechs Jahren wirksam werden. Da die Produkte aber über viele Jahre im Portfolio bleiben, prägen heutige Entscheidungen die Emissions- und Kostenstruktur von morgen.
Eine frühzeitige Umsetzung ist daher strategisch sinnvoll und vermeidet aufwändige Spezifikationsänderungen während der Serienproduktion.
Klare Vergabekriterien
Dass die Rechnung längst praktische Folgen hat, zeigt Ejot. Produktspezifische CO2-Daten seien bei Automotive-Kunden inzwischen gängige Praxis; das Thema „gehört mittlerweile bei einigen sogar schon zur Angebotsvergabe dazu“, berichtet der Verbindungselementehersteller. Ejot setzt unter anderem Green Steel aus der Elektrolichtbogenroute ein. Je nach Produkt seien gegenüber konventionellem Material CO2-Minderungen von rund 60% erreichbar, so ein Sprecher.
Wie unmittelbar das in die Vergabe hineinwirkt, zeigt erneut Lederer. Das Unternehmen berücksichtigt die voraussichtlichen CBAM-Kosten inzwischen in Angebots- und Gesamtkostenvergleichen. Damit zählen nicht mehr nur der reine Einkaufspreis, sondern auch Emissionsintensität und Verifizierungsfähigkeit der Nachweise. Bei neuen Lieferanten wird deshalb die „CBAM-Readiness“ systematisch abgefragt. Ein Anbieter mit höherem Stückpreis kann so unter Einrechnung der CO2-Kosten wirtschaftlicher sein als ein nominell günstigerer Wettbewerber mit hohem oder schlecht dokumentiertem Footprint.
Für Roland Berger-Partner Böhler liegt der entscheidende Punkt deshalb nicht in einem weiteren Datensilo: „Erst wenn Einkauf, Entwicklung und Cost Engineering mit derselben Datengrundlage arbeiten, wird der Product Carbon Footprint steuerbar.“ Dann werde aus dem CO2-Fußabdruck eine Beschaffungsgröße – und aus CO2-Transparenz ein Wettbewerbsvorteil.
Warum wird CO2 für die Einkaufsstrategie wichtiger? – Steigende Zertifikatspreise und CBAM können die Gesamtkosten von Produkten verändern. Dadurch gewinnt die Emissionsintensität neben dem Einkaufspreis an Bedeutung.
Welche Rolle spielt CBAM für die Einkaufsstrategie? – Der CO2-Grenzausgleich kann bestimmte CO2-intensive Importe mit zusätzlichen Zertifikatskosten belasten. Fehlende valide Daten können über Standardwerte zu höheren Kosten führen.
Welche CO2-Daten braucht eine Einkaufsstrategie? – Relevant sind produktspezifische Daten aus dem tatsächlich liefernden Werk sowie Angaben zu Methode, Zeitraum, Systemgrenzen, Produktionsroute und Energiemix.
Wie verändert CO2 die Lieferantenauswahl in der Einkaufsstrategie? – Neben dem Stückpreis können Emissionsintensität, erwartete CBAM-Kosten und Verifizierbarkeit der CO2-Daten in Angebotsvergleiche einfließen.
Welche Bereiche müssen für eine CO2-orientierte Einkaufsstrategie zusammenarbeiten? – Laut Roland Berger sollten insbesondere Einkauf, Entwicklung und Cost Engineering mit derselben Datengrundlage arbeiten.