Digitaler Produktpass: Warum Unternehmen jetzt handeln sollten
Ab 2027 wird der Digitale Produktpass schrittweise verpflichtend. Er schafft Transparenz über Materialien und Reparaturfähigkeit. Wer jetzt Datenstrukturen und Prozesse anpasst, sichert sich Vorteile über die reine Compliance hinaus.
Ricky ThiermannRickyThiermannRicky ThiermannLeiter des Produktmanagements bei Spherity
Der digitale Produktpass (DPP) ist ein verpflichtender, digitaler Datensatz für Produkte in der EU, der Informationen über Nachhaltigkeit, Materialzusammensetzung, Reparatur und Recycling enthält.The Little Hut-adobestock.com
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Lässt sich die neue Maschine leicht
reparieren? Aus welchem Material besteht sie und wer hat es geliefert? Gibt es
kritische Substanzen oder Gefährdungsrisiken? Solche Fragen wird in Zukunft der
Digitale Produktpass (DPP) beantworten. Er enthält umfassende Daten und unterstützt bei Wartung, Reparatur oder Entsorgung von Produkten
aller Art. Ab 2027 wird er Pflicht, zunächst für Batterien und in den Jahren
danach für immer mehr Produktgattungen. Letztlich betrifft der DPP einen
Großteil aller Industrieunternehmen aus dem Mittelstand. Deshalb sollten sie
sich bereits jetzt auf seine Einführung vorbereiten.
Ein Digitaler Produktpass (DPP) ist ein strukturierter, digitaler Datensatz, der alle relevanten Informationen zu einem physischen Produkt über dessen gesamten Lebenszyklus hinweg bündelt und zugänglich macht. Das sind:
Seit Mitte 2024 gilt innerhalb der EU die
sogenannte Ökodesign-Verordnung ESPR (Ecodesign for Sustainable Products
Regulation), die den Weg zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft aufzeigt.
Sie verpflichtet Hersteller, Produkte langlebiger, reparierbarer und
umweltfreundlicher zu gestalten.
Der Produktpass liefert den
Reparaturbetrieben, Verwertern und Weiterverarbeitern die notwendigen
Informationen. Die EU-Verordnung sieht vor, dass jeder Akteur innerhalb einer
Wertschöpfungskette seine eigenen Produktdaten bereitstellt. Deshalb müssen in
Zukunft fast alle physischen Güter einen Produktpass besitzen, auch Komponenten
oder Baugruppen von komplexer aufgebauten Gütern, etwa Netzteile oder
Steuerungssysteme. Ausgenommen sind Lebensmittel und Medikamente.
Wie wird ein Produktpass genutzt?
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Ein Produktpass ist ein maschinenlesbarer
Datensatz, der mit Software erzeugt, gespeichert und ausgelesen wird. Auf einer
spezialisierten Plattform können Unternehmen diese Produktpässe entsprechend
ihrer Anforderungen erstellen.
Jedes einzelne Produkt erhält eine eindeutige
Kennzeichnung, die gut sichtbar und leicht erkennbar am Gehäuse oder dem
Produkt selbst angebracht werden muss. Die einfachste Möglichkeit ist ein
Aufkleber mit einem QR-Code. Er führt nach dem Scannen via Internet in eine
Anwendung in der Cloud, die die gewünschten Daten anzeigt. Der Vorteil dieser
Lösung: Ein handelsübliches Smartphone reicht bereits aus, um den Produktpass
anzuzeigen und sich über das Produkt zu informieren.
Für industrielle Produkte wie beispielsweise
Maschinen gibt es zudem RFID-Tags, die das Scannen aus größeren Distanzen
erlauben. Das ist hilfreich für automatisierte Prozesse in der Intralogistik,
so dass niemand Aufkleber suchen und manuell scannen muss. Eine Alternative
dazu sind NFC-Chips. Sie bieten eine höhere Sicherheit und können zudem Daten
wie etwa Frachtpapiere direkt speichern.
Sind die Daten eines DPP für jeden zugänglich?
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Die EU-Verordnung legt fest, dass alle
Informationen verifizierbar, manipulationssicher und rollenbasiert zugänglich
sein müssen. Grundlegende Basisinformationen sind auch für Verbraucher ohne
weiteres sichtbar. Sie können den QR-Code scannen und sehen dann auf einer
Website zum Beispiel den CO2-Fußabdruck, eine Liste mit den
genutzten Materialien und ähnliche grundlegende Daten. Hier ist der Zugriff
recht einfach und erfordert keine besonderen Nutzerrollen.
Anders sieht es bei Behörden oder
unterschiedlichen Geschäftspartnern aus. Nicht jede Information ist für jeden
gedacht, denn zum Teil finden sich auch Geschäftsgeheimnisse in den Daten. Ein
Beispiel sind Rezepturen für Betriebsstoffe, die einem Dienstleister für
Wartung oder Reparatur nicht verfügbar gemacht werden sollten. Durch die
Trennung unterschiedlicher Rollen werden sensible Informationen nicht
unkontrolliert geteilt.
Wie können sich Unternehmen auf den DPP vorbereiten?
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Die Einführung eines digitalen Produktpasses
ist für die Unternehmen kein isoliertes IT-Projekt, das sich im Ausrollen der
entsprechenden DTP-Software erschöpft. Es erfordert stattdessen eine
übergeordnete Datenstrategie. Die Vorbereitung beginnt daher deutlich vor dem
eigentlichen Rollout. Unternehmen benötigen zunächst einen umfassenden
Überblick über die vorhandenen Daten zu allen Produkten und der gesamten
Lieferkette.
Diese Daten sind oft in unterschiedlichen Systemen gespeichert und
manchmal sogar fehlerhaft, unvollständig oder inkonsistent. Die Unternehmen müssen dann alle Informationsquellen
konsolidieren und Datenmodelle vereinheitlichen. Ziel ist eine „Single Source
of Truth“ mit einer hohen Datenqualität. Zudem sind Prozesse zur Pflege und Aktualisierung
der Informationen notwendig, da die Daten im ganzen Produktlebenszyklus
entstehen und genutzt werden. Es muss für die Daten klare Zuständigkeiten und
Verantwortlichkeiten geben, damit der Produktpass alle regulatorischen
Anforderungen erfüllt und zugleich von den Stakeholdern sinnvoll genutzt werden
kann.
Wie führen Unternehmen den Produktpass ein?
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Die Praxis zeigt, dass vor allem frühe und
nicht zu groß dimensionierte Projekte sinnvoll sind. Sie helfen dabei, erste
Erfahrungen mit den beteiligten Prozessen zu sammeln und die Komplexität des
Themas zu verringern. Ein solches Pilotprojekt schafft Transparenz über
Datenflüsse, Schnittstellen und externe Abhängigkeiten, etwa zu Lieferanten
oder Dienstleistern.
Ricky Thiermann
Ricky Thiermann leitet das Produktmanagement bei Spherit. Seine Schwerpunkte sind digitale Produktpässe, Self-Sovereign Identity (SSI)
und Datenräume, die im Einklang mit EU-Vorschriften stehen. Daneben ist er am
European Business Wallet-Ökosystem EUBW sowie der Catena-X-Expertengruppe
beteiligt.
Wie ein solcher Ansatz aussehen kann, zeigt
ein Beispiel aus dem Mobilitätssektor. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)
bauen eine Flotte aus Elektrobussen auf und haben in Zusammenarbeit mit dem
DPP-Anbieter Spherity bereits 2024 den digitalen Batteriepass eingeführt,
deutlich früher als gesetzlich gefordert. So hat die BVG Erfahrungen mit
Prozessen und Anwendungen gesammelt und ihre Lösung in Ruhe optimiert.
Welche Vorteile hat ein Produktpass - außer Compliance?
Der digitale Produktpass sorgt für mehr
Effizienz beim Management des Produktportfolios. Produktinformationen bleiben
über Jahre hinweg aktuell und konsistent. Mit ihm lassen sich interne Abläufe
vereinfachen und Fehlerquellen minimieren. Gleichzeitig wächst das Vertrauen
von Kunden, Partnern und Behörden in die Qualität der bereitgestellten Angaben.
Außerdem kann der Produktpass zu einer
Plattform für neue Geschäftsmodelle werden. Die Software-Architektur eines
Produktpasses erlaubt es den Herstellern, den Basis-Datensatz mit zusätzlichen
Daten anzureichern, um diese für eigene Zwecke zu ergänzen. So ist es möglich,
auf Basis des DPP beispielsweise Wartung, Second-Life-Konzepte oder
Rücknahmesysteme datenbasiert zu steuern. Gleichzeitig eröffnen sich neue
Möglichkeiten für Servicemodelle, etwa im Bereich Refurbishment oder
Wiedervermarktung.
Daran wird deutlich, dass der digitale
Produktpass als strategisches Infrastrukturprojekt betrachtet werden sollte.
Mit einer frühzeitigen Vorbereitung können Unternehmen die Risiken senken und
die notwendigen Investitionen über einen längeren Zeitraum verteilen.