Strategien im Einkauf beim Energiepreisschock

Energiepreisschock: Drei Strategien für den Einkauf

Der Energiepreisschock infolge des Irankriegs stellt Einkäufer erneut vor die Frage:  Wie lassen sich Verhandlungsstrategien anpassen, um Risiken für Preise und Lieferketten zu senken? Die NAG hat drei Empfehlungen.

Warum wird der Energiepreisschock zum Risiko für Lieferketten und Budgets? Drei Verhandlungsmechanismen sollen Unternehmen stabiler machen.
Warum wird der Energiepreisschock zum Risiko für Lieferketten und Budgets? Drei Verhandlungsmechanismen sollen Unternehmen stabiler machen.

Summary: Der Irankrieg und die zeitweise Schließung der Straße von Hormuz haben die Energiepreise stark steigen lassen. Unternehmen sehen sich erneut mit volatilen Rohstoff- und Energiemärkten konfrontiert. Hier finden Sie drei Empfehlungen für partnerschaftliche Lösungen zwischen Einkäufern und Lieferanten, wie sich die Risiken für Preise und die Lieferkette reduzieren lassen.

Warum der Energiepreisschock die Einkaufsstrategien verändert

Es ist noch nicht lange her, dass Unternehmen ihre Lager bewusst auf ein Minimum reduzierten, um Kosten zu sparen. Das Ideal war die schlanke Produktion, bei der die Unternehmen Rohstoffe und Vorprodukte zeit- und mengengenau sowie in der richtigen Reihenfolge von ihren Lieferanten in die Produktion einspeisen lassen. Doch dieses Modell ist spätestens seit dem Ukrainekrieg obsolet. Nun hat der Irankrieg mit der Schließung der Straße von Hormuz erneut die Einkaufsplanung vieler Unternehmen durchkreuzt: Der Ölpreis stieg zeitweilig auf fast 120 USD, der Gaspreis auf 63 EUR/MWh – ein Schock für Börsen und Wirtschaft.

Zwar sind die Preise inzwischen wieder etwas gefallen. Ob aber die aktuelle Dramatik schnell abebbt, ist ungewiss. US-Präsident Donald Trump konnte mit seiner Behauptung, „der Krieg sei so gut wie beendet“, die Unsicherheit auf den Märkten jedenfalls nicht beschwichtigen. Die aktuelle Volatilität der Energiepreise ist jedoch keine Ausnahme auf ansonsten ruhigen Märkten. 

Die Energie- und Rohstoffmärkte reagieren heute schneller und stärker auf geopolitische Risiken, Veränderungen in der Regulatorik, Kapazitätsengpässe, Wetterereignisse und Währungsbewegungen. Deshalb müssen sich die Unternehmen darauf einstellen, dass die Preise für Rohstoffe und Energie weiterhin stark schwanken und kaum vorhersehbar sind. Und damit sind sie ein Risiko für Margen, Budgets und Lieferfähigkeit der Unternehmen – eine Herausforderung für das Einkaufsmanagement.

Was passiert, wenn Unternehmen erst in der Krise verhandeln?

Denn wer diese Risiken nicht beherrscht, dem drohen Nachverhandlungen mit Lieferanten als Dauerzustand. Und bei Lieferengpässen oder plötzlichen Preisbewegungen kann sich Verhandlungsmacht abrupt verschieben: Lieferstopps, „take it or leave it“-Zuschläge, Priorisierung anderer Kunden: Wer erst in der Krise verhandelt, zahlt oft mit Preis, Konditionen oder Beziehung.

Und wer in unsicheren, internationalen Märkten nur über den Preis verhandelt, hat den Ernst der Stunde nicht verstanden. Projekte und Serienversorgung brauchen stabile Lieferbeziehungen, nicht nur „gute Preise“. Wenn Material fehlt oder Lieferanten unter Druck geraten, helfen die besten Konditionen nichts.

Aber wie kann das Einkaufsmanagement die Risiken von Volatilität, Kosten, Projektstillstand, Claim-Spiralen und Eskalation entlang der Lieferkette beherrschbar machen? Die Integration der folgenden drei Mechanismen in Verhandlung sichert Verfügbarkeit und Umsetzbarkeit – und schützt Termine, Qualität und Kundenzusagen.

Die Autorin

Katharina Weber, Negotiation Advisory Group

Katharina Weber ist Gründungsmitglied und CEO der Negotiation Advisory Group (NAG). Sie hat Volkswirtschaft mit Schwerpunkt auf Wettbewerbsökonomie und Spieltheorie studiert und verfügt über langjährige Beratungserfahrung in großvolumigen und hochkomplexen Verhandlungen.

1. Warum Preisformeln und Indizes Konflikte reduzieren können

Nachforderungen („Energie ist teurer geworden, wir brauchen x Prozent mehr“) führen fast immer zu Konflikten. Da ist zum einen das Problem, detailliert nachweisen zu können, welche Kosten wirklich gestiegen sind und in welchem Umfang sie genau dieses Produkt betreffen. Zum anderen besteht der der nicht ungerechtfertigte Verdacht, dass Preise fast immer nur erhöht, aber nie gesenkt und Effizienzgewinne nicht fair geteilt werden. Zudem liegt Konfliktpotenzial in der Frage, ab wann und wie lange die Änderung gilt und was passiert, wenn die Preise wieder fallen?

Diese Konflikte lassen sich durch Preisformeln und Indizes lösen, die Konditionsveränderungen berechenbar und nachvollziehbar machen. Dann muss nicht mehr bei jeder Veränderung nachverhandelt werden, sondern es gilt, einmal grundsätzlich eine Preisformel zu erarbeiten, die die variablen Kostenkomponenten wie Energie, Rohstoffe, Transport, Währung (im Unterschied zu den fixen) erfasst, und sich auf dafür akzeptierte Indizes zu einigen.

Verhandlungen werden dadurch sachlicher. Indem Regeln für den Fall von Veränderungen vorab vereinbart sind, entsteht weniger Konfliktpotenzial.

2. Wie Caps , Floors und Triggerpunkte Planungssicherheit schaffen

Die bloße Indexierung ist jedoch nicht völlig unproblematisch: Zwar macht sie Preise fair und nachvollziehbar, aber sie machen Einkauf und Budget noch nicht planbar. Deshalb sollten Indizes immer mit Leitplanken verbunden sein. 

Caps (Obergrenzen) schützen Budgets und Margen des Käufers vor Extrembewegungen und zwingen die Verhandlungspartner, über Alternativen nachzudenken, wenn diese erreicht werden – etwa eine Anpassung der Laufzeit oder des Volumens als Gegenleistung.

Umgekehrt sind Floors (Untergrenzen) festzulegen für den Fall, dass Preise und Indizes stark fallen – im Interesse des Lieferanten. Caps und Floors fördern insofern die Akzeptanz auf beiden Seiten, da sie die Volatilität nach oben und unten begrenzt. Der Einkauf kann so Risiken besser quantifizieren (Worst/Best Case) und die Lieferanten müssen bei Preiserhöhungen nicht ständig nachverhandeln und sich rechtfertigen.

Zusätzlich sollten Triggerpunkte vereinbart werden, damit nicht jede kleine Indexbewegung zu Rechnungsänderungen, Gutschriften und Diskussionen führt. Das senkt den administrativen Aufwand und verleiht der Zusammenarbeit mehr Stabilität, weil nicht ständig Anpassungen erfolgen müssen.

Key Facts für den Einkauf 2026

  • Hedge-Quote: Führende Industrieunternehmen sichern 2026 bis zu 60 bis 70 % ihres Energiebedarfs über langfristige PPA (Power Purchase Agreements) oder Derivate ab.

  • Resilience Scoring: Der Einkauf bewertet Lieferanten nicht mehr nur nach Preis, sondern nach einem Geopolitical Risk Score.

  • Digitaler Zwilling: Der Einsatz von KI-gestützten Tools zur Echtzeit-Überwachung von Lieferketten ist zum Standard geworden, um auf Triggerpunkte sofort reagieren zu können.

3. Welche Prozesse für Energieklauseln entscheidend sind

In der Praxis scheitern viele Preis- und Energieklauseln nicht am Konzept, sondern an der Umsetzung. Ohne definierte Nachweise und Prozesse entstehen zwangsläufig Konflikte, etwa über Art und Umfang der Belege, die Anrechnung von Subunternehmerkosten, den genauen Zeitpunkt der Preisanpassung oder wenn nicht geklärt ist, wie man sich im Streitfall einigt.

Wichtig ist deshalb, vorab sauber die Prozesse zu klären und Einigung zu erzielen über die Dokumentationspflichten (Indexauszug, Rechnungen, Zuschlagsbelege, Berechnungsblatt), die Fristen (Ankündigungsfrist, Prüffrist, Gültigkeitszeitraum), die Zuständigkeiten (wer prüft fachlich, wer genehmigt kaufmännisch) und den Prozess im Fall von Streitigkeiten (Zahlung unter Vorbehalt, Mediation, außergerichtliche Einigung unter Einschaltung von Experten).

Wettbewerbsvorteil durch stabile Lieferbeziehungen

In volatilen Märkten gewinnen die Unternehmen an Resilienz, die fair und transparent Risiken teilen, schnell entscheiden können und die Lieferbeziehungen stabil halten. Die Integration dieser drei Mechanismen in die Verhandlung eröffnet Managementteams mehr Handlungsspielraum, wenn die Märkte mal wieder nervös werden.

Leute fragten auch

    Wie berechnet man eine Preisgleitklausel im Einkauf?

    Antwort: Eine Preisgleitklausel kombiniert einen Festpreisanteil (ca. 70-80 %) mit einem variablen Anteil, der an Indizes wie den Erzeugerpreisindex gebunden ist.

Welche Rolle spielt die Straße von Hormuz für den Ölpreis 2026?

Antwort: Da ca. 20 % des weltweiten Erdöls und Flüssigerdgases (LNG) durch dieses Nadelöhr fließen, führt jede Schließung zu einem sofortigen Risikoaufschlag von schätzungsweise 15-25 % auf die Weltmarktpreise.

Sind Just-in-Time-Strategien 2026 noch sinnvoll?

Antwort: Nur noch bedingt. Viele Unternehmen sind zu "Just-in-Case" übergegangen, erhöhen also ihre Sicherheitsbestände bei kritischen Rohstoffen (strategisches Stockpiling).

FAQ: Energiepreisschock

Welche Auswirkungen hat der Energiepreisschock auf den Einkauf?

Der Energiepreisschock führt zu stark schwankenden Energie- und Rohstoffpreisen, die Budgets, Margen und Lieferketten der Unternehmen unter Druck setzen.

Wie können Unternehmen den Energiepreisschock in Verhandlungen berücksichtigen?

Preisformeln und Indizes ermöglichen transparente und nachvollziehbare Preisanpassungen ohne ständige Nachverhandlungen.

Warum sind Caps und Floors beim Energiepreisschock sinnvoll?

Sie begrenzen extreme Preisbewegungen nach oben und unten und schaffen mehr Planungssicherheit für Käufer und Lieferanten.

Welche Rolle spielen Prozesse beim Umgang mit dem Energiepreisschock?

Klare Regeln zu Nachweisen, Fristen und Zuständigkeiten verhindern Konflikte und erleichtern die Umsetzung von Preis- und Energieklauseln.