Beim Kauf von Investitionsgütern sind die Kosten oft noch im Griff. Doch was, wenn im Betrieb teure Abhängigkeiten entstehen? Ein Anreizsysteme zeigt, wie Einkäufer hohe Folgekosten vermeiden.
Kathrin IrmerKathrinIrmer
Mit Forward Bonus/Penalty kann der Anlageneinkauf neu definiert werden.Industrial Arts-adobestock.com
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Millionenschwere Investitionen in langlebige Anlagen (Capex) stellen den
Einkauf vor besondere Herausforderungen. Solche Entscheidungen sind seltene Ausnahmefälle, oft fehlt es daher an entsprechender Expertise. Zwar werden
Wettbewerbsvergaben professionell aufgesetzt und die Total Cost of Ownership
(TCO) berücksichtigt, genau wie Vergabekriterien wie Anschaffungspreis,
Energieeffizienz, Nachhaltigkeit sowie Wartungs- und Betriebskosten.
Doch nach dem Kauf kippt das Machtgefüge nicht selten, wenn aus einem
im Wettbewerb stehenden Lieferanten ein Quasi-Monopolist wird. Gerade im
Anlagenbau, wo Ersatzteile und Service exklusiv beim Lieferanten liegen,
schlägt diese Abhängigkeit in steigende Betriebskosten (Opex) um. Anreize für
Innovation oder Mehrleistung sind so gut wie nicht vorhanden, da die Anbieter nur Pönalen
vermeiden müssen.
Aus der Praxis: Wenn Versprechen nach dem Zuschlag verpuffen
Wie schnell die Kostenfalle zuschnappen kann, zeigt ein Praxisfall aus der
Industrie: Ein globaler Hersteller entschied sich für eine Anlage mit mehr als
30 Jahren Laufzeit. Im Vergabeverfahren wurden nicht nur Preis, sondern auch
Energieeffizienz, Nachhaltigkeit sowie Wartungs- und Betriebskosten bewertet.
Die Kriterien flossen in ein Bonus/Malus-System ein, wodurch ein
Vergleichspreis als Basis für die Zuschlagsentscheidung entstand. Der
Ausschreibungsgewinner versprach erhebliche Einsparungen und lieferte
vertragsgemäß – zunächst.
Doch die Ernüchterung folgte rasch: Bereits nach kurzer Zeit sank die
Uptime der Anlage von zugesagten 95 auf 83%. „Es kam vermehrt zu
technischen Störungen und längeren Reparaturzeiten. Einige Prozessschritte
mussten aufwendig manuell ersetzt werden“, sagt Alexander Bergmann von Kerkhoff. Die Folge: zusätzliche Wartungs- und Energiekosten
sprengten nicht nur das Budget sondern trieben auch noch die CO₂-Emissionen spürbar in die Höhe. Deutlich wurde: Ohne Anreize zur Einhaltung und Verbesserung der zugesagten
Leistungskennzahlen verliert das Bonus-Malus-Prinzip nach Vertragsabschluss
seine Wirkung.
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Was ist Forward Bonus/Penalty?
Sanktion: Der Barwert der
zusätzlichen Kosten aus der Verschlechterung des Wirkungsgrads müssen durch die
Rückerstattung kompensiert werden. Beispiel: Eine Verschlechterung des
Wirkungsgrads im Betrieb um einen Prozentpunkt führt zu einer 2%-igen
Rückerstattung vom Auftragswert.
Anreiz: Eine Verbesserung des
Wirkungsgrads im Betrieb um einen Prozentpunkt führt zu einer 50/50 Aufteilung
(Gain Share) der erzielten Einsparungen zwischen dem Anlagenbauer und
seinem Kunden.
Die Lösung: Anreize über den Kauf hinaus
Genau hier setzt das Forward Bonus/Penalty-System an. Es erweitert
klassische Bonus/Malus-Mechanismen in die Betriebsphase, indem es
Vergabekriterien mit klaren Konsequenzen für die Zeit nach dem Zuschlag verbindet.
Voraussetzung für die Effektivität des Systems ist die Definition von KPIs
sowie die Erfassung und Auswertung von Messdaten. Der Verhandlungsexperte
Bergmann formuliert es so: „Was man nicht messen kann, kann man auch nicht managen. Ohne
präzise definierte KPIs bleibt jede Vereinbarung ein Papiertiger.“
Damit entsteht Transparenz schon im Ausschreibungsprozess und ein Anreiz,
die zugesagte Performance langfristig zu sichern und zu verbessern. Für
Lieferanten bedeutet dies: Sie profitieren über ein vertragliches Gain Sharing,
wenn sie ihr Leistungsversprechen übertreffen. Sollten sie unter das
vertraglich zugesicherte Leistungsniveau sinken, müssen sie dafür kompensieren.
Für Einkäufer heißt das: Risiken der Abhängigkeit sinken und es werden
effektive Anreize zur Reduktion der Opex geschaffen.
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Das Forward Bonus/Penalty-System
verhindert somit nicht nur zusätzliche Kosten in der Betriebsphase, sondern schafft
Mehrwert sowohl für den Einkauf als auch für den Lieferanten – eine echte
Optimierung des Total Value of Ownership (TVO).
Im konkreten Fall war der Wirkungsgrad der Anlage ein zentrales Kriterium.
Schon vor der Vergabe wurden Bonus und Malus definiert: Wer über 80% bot, erzielte einen entsprechenden Preisabschlag, wer darunter lag, einen
Preisaufschlag.
Nach der Vergabe wurde jährlich gemessen. Sank der Wirkungsgrad
unter den Zielwirkungsgrad von 80%, musste der Hersteller kompensieren.
Verbesserte er sich, teilten sich Lieferant und Kunde die Einsparungen. Die
vollständige Transparenz bereits im Request-for-Order-Prozess (RfO) stellte sicher, dass die Bieter
die Konsequenzen kannten und entsprechend agieren konnten.
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Im Kern bedeutet das: die
Bonus-/Malus-Logik greift nicht nur bei der Auswahl des Lieferanten, sondern
steuert den quasi-monopolistischen Vergabegewinner zielorientiert über die
gesamte Vertragslaufzeit. Von der Frage „wie minimiere ich meine TCO zum Zeitpunkt
der Vergabe“ lenkt das Forward Bonus/ Penalty-System den Fokus auf die Frage
„Welchen Mehrwert generiert die Investition über die Kosten hinaus und über den
gesamten Lebenszyklus der Anlage?“
Basis: Geringe Capex nicht über hohe Opex stellen
Ein solches System verlangt mehr als Technik. Es braucht den Willen des
Managements, kurzfristige Capex-Einsparungen nicht höher zu gewichten als
langfristige Opex-Kosten. Außerdem müssen Messpunkte, Dashboards und
Datenflüsse definiert werden. „Der Aufwand ist nicht unerheblich. Aber nur so
bekommt man volle Transparenz und echte Wertschöpfung in eine
Lieferantenbeziehung“, sagt Prof. Dr. Christian Steiner von der Fachhochschule
Dortmund.
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FAQ - Forward Bonus/Penalty
Was ist das Forward Bonus/Penalty-System?
Das Forward Bonus/Penalty-System erweitert klassische Bonus/Malus-Mechanismen aus Vergabeverfahren in die Betriebsphase einer Anlage.
Warum ist das Forward Bonus/Penalty-System für Capex-Investitionen relevant?
Bei langlebigen Anlagen entstehen viele Kosten erst im Betrieb. Das System schafft Anreize, zugesagte Leistungswerte langfristig einzuhalten oder zu verbessern.
Welche Rolle spielen KPIs im Forward Bonus/Penalty-System?
Klar definierte KPIs bilden die Grundlage für die Messung der Anlagenperformance und die Berechnung von Bonus- oder Maluszahlungen.
Wie verbessert das Forward Bonus/Penalty-System den Total Value of Ownership?
Durch kontinuierliche Leistungsanreize können Betriebskosten reduziert und zusätzliche Effizienzgewinne zwischen Lieferant und Betreiber geteilt werden.