Strategische Lieferantenbewertung in volatilen Zeiten
Im Rahmen der Lockerung des EU-Lieferkettengesetzes hat Deutschland im September 2025 die Berichtspflichten abgeschafft. Für Einkaufsleiter bleibt die Analyse von Risiken globaler Beschaffung dennoch wichtig. KI-unterstützte Risikoanalysen, kombiniert mit systematischen Vor-Ort-Prüfungen bieten operative Sicherheit und Wettbewerbsvorteile.
Kathrin IrmerKathrinIrmer
Standardisierungsinitiativen wie die Responsible Supply Chain Initiative (RSCI) in der Automobilindustrie bieten ein einheitliches Programm zur Überprüfung sozialer und ökologischer Standards.TÜV Süd)
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Trotz gelockerter Berichtspflichten bleibt ein systematisches Lieferanten- und Risikomanagement für Unternehmen unverzichtbar, da globale Lieferketten weiterhin durch politische Instabilität, Umwelt- und Arbeitsrechtsverstöße, Qualitätsprobleme oder Extremwetter gefährdet sind. KI-gestütztes Monitoring, risikobasierte Dokumentenprüfungen und gezielte Vor-Ort-Audits helfen, kritische Zulieferer frühzeitig zu identifizieren und konkrete Verbesserungsmaßnahmen einzuleiten. Standardisierte Auditprogramme und die Integration in Einkaufs- und Qualitätsprozesse reduzieren Aufwand, erhöhen Transparenz und stärken langfristig die Resilienz der Lieferkette.
Die Europäische Kommission signalisiert Entspannung: Mit ihrer
Omnibus-Initiative sollen mehrere Gesetze geändert werden. Als Folge wird der
Anwendungsbeginn der europäischen Lieferkettenrichtlinie (Corporate
Sustainability Due Diligence Directive, CSDDD) um zwölf Monate verschoben. Doch
die Gefahr von Produktionsausfällen besteht weiterhin: (Geo)Politische
Differenzen oder wirtschaftliche Instabilität auf Lieferantenseite,
Imageschäden durch Arbeitsrechts- oder Umweltverletzungen bis hin zu Extremwetter
oder Qualitätsproblemen in der Supply Chain können dafür verantwortlich sein.
"Die zentrale Schwierigkeit liegt in der enormen Komplexität
heutiger Beschaffungsarchitekturen", erläutert Dr. Alice Beining,
Fachliche Leitung Product Performance Management Sustainability bei TÜV Süd . "Hunderte Direktlieferanten verfügen
ihrerseits über eigene Zulieferernetze, die integraler Bestandteil der
Gesamtkette sind. Entscheidend für ein effektives Supply Chain Management ist
deshalb die differenzierte Partnerbewertung. Dabei werden die Lieferanten klassifiziert." Und zwar entsprechend ihrer strategischen Bedeutung für das Unternehmen sowie
menschenrechtlichen und umweltbezogenen Gefährdungspotenzialen. Besondere
Aufmerksamkeit erhalten Partner aus politisch instabilen Regionen,
risikoträchtigen Industriezweigen oder mit erheblichen Einkaufsvolumina.
KI-gestützte Monitoring-Systeme revolutionieren die
Früherkennung und bilden potenzielle Sicherheitsprobleme deutlich schneller ab
als manuelle Verfahren. Diese Technologien durchsuchen kontinuierlich
internationale Medienkanäle, Datenbanken und soziale Netzwerke nach Hinweisen
auf Compliance-Verstöße. "Arbeitsrechtsverstöße, Umweltunfälle oder Korruption werden
oft längere Zeit in lokalen Medien thematisiert, bevor sie internationale
Aufmerksamkeit erregen", so Dr. Beining. "Weil dies aber in lokalen Kanälen und Sprachen geschieht,
war es für deutsche Einkaufsabteilungen bisher nicht möglich, die Ereignisse systematisch
zu erfassen. KI-gestütztes Monitoring automatisiert die Überwachung und verkürzt
die Reaktionszeiten auf Auffälligkeiten erheblich."
Die Verknüpfung digitaler Überwachung mit gezielten Vor-Ort-Audits
optimiert Effizienz und Aussagekraft der Bewertung. Über die Identifizierung
von Risiken hinaus können Unternehmen so in den Dialog mit ihren Lieferanten
gehen und ihr Risikomanagement kontinuierlich verbessern. Relevante Direktlieferanten durchlaufen zunächst eine Grundbewertung
anhand von Länder- und Branchenrisiken. Bei potenziell kritischen
Geschäftspartnern schließt sich eine intensive Risikoanalyse mit entsprechenden
Maßnahmen an – einschließlich gezielter Auditierungen. Die Expertin vom TÜV Süd empfiehlt einen risikobasierten Ansatz und unterscheidet drei Bewertungsstufen:
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Stufe 1: Basis-Screening Risikobeurteilung von Lieferanten mit niedrigem Risikoprofil, meist unter
Berücksichtigung von Branche/Herstellungsprozessen/Land.
Stufe 2: Erweiterte Dokumentenprüfung
Partner mit mittlerem Risiko durchlaufen vertiefte Analysen auf Grundlage von
Fragebögen, Selbstauskünften, Zertifikaten und Nachweisen. Diese Dokumente
werden entweder beim Lieferanten selbst eingeholt oder über
Reporting/Ratingplattformen abgefragt.
Stufe 3: Umfassende Vor-Ort-Audits Kritische
Zulieferer erhalten mehrstufige Standortprüfungen. Auditoren bewerten zunächst
implementierte Steuerungsprozesse für Umwelt- und Sozialrisiken.
Standortbegehungen folgen, um die praktische Umsetzung zu beurteilen.
Mitarbeitergespräche und Dokumentenanalysen – etwa von Lohnunterlagen oder
Zeiterfassung – vervollständigen die Bewertung.
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"Die Praxis zeigt regelmäßig Abweichungen zwischen
dokumentierten Standards und der realen Situation. Unzureichender
Arbeitsschutz, mangelhafte Brandschutzmaßnahmen oder fehlerhafte
Arbeitszeitnachweise sind häufige Befunde", bestätigt Dr. Beining.
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Standardisierung reduziert Kosten und steigert Akzeptanz
Viele Zulieferer sehen sich mit einer Vielzahl teils
redundanter Anforderungen unterschiedlicher Geschäftspartner konfrontiert. Das kann
„Audit-Verdruss" erzeugen. Branchenweite Bewertungsprogramme wie die
Responsible Supply Chain Initiative (RSCI) der Automobilindustrie vermeiden das.
So bewertet das RSCI-Assessment 106 Anforderungen in elf Kategorien. Alle
Teilnehmer akzeptieren die RSCI-Ergebnisse gegenseitig. Auch das Sedex Members
Ethical Trade Audit (SMETA), ursprünglich für Einzelhändler, Consumer-Marken
und ihre Zulieferer entwickelt, und das Responsible Business Alliance Validated
Audit Program (RBA VAP) aus der Elektronikindustrie sind Beispiele
standardisierter Auditverfahren, die sich von spezifischen Sektoren zu
branchenunabhängiger Anwendung entwickelt haben.
"Eine nachhaltige Lieferantenentwicklung erfordert zunächst
Investitionen in Ressourcen und Prozesse", betont die Expertin. "Statt Defizite sofort zu
sanktionieren, setzen wirksame Programme auf kollaborative Optimierung.
Spezifische Handlungspläne mit festgelegten Terminen und Folgeprüfungen
bestätigen die vorgenommenen Korrekturen. Langfristig entstehen dadurch
signifikante Vorteile: Unternehmen erhalten präzise Einblicke in ihre
Wertschöpfungsketten und können gezielte Optimierungsmaßnahmen initiieren. Geprüfte
Zulieferer zeigen sich häufig aufgeschlossen. Zahlreiche Unternehmen nutzen
Bewertungsverfahren als Impuls für interne Weiterentwicklung. Erreichte
Fortschritte in Arbeitssicherheit, Umweltschutz oder gesellschaftlichen
Standards werden später gezielt gegenüber anderen Geschäftspartnern kommuniziert."
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Werden Bewertungsprogramme in etablierte Qualitäts- und
Einkaufsprozesse eingebunden, reduziert sich der administrative Aufwand
spürbar. Aktuelle ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning) lassen sich so
konfigurieren, dass Nachhaltigkeitsanforderungen unmittelbar in Bestellabläufe
einfließen – von automatischer Zertifikatsprüfung bis zur Warnung vor
auslaufenden Audit-Zyklen. In diesem Bereich kann KI dabei unterstützen, die
gesamte Lieferkette lückenlos zu erfassen: Jede Transaktion und Warenbewegung
wird manipulationssicher dokumentiert; QR-Codes am Endprodukt können
Informationen über Produktursprung, soziale Bedingungen und Umweltauflagen
entlang der gesamten Lieferkette verfügbar machen – entsprechend dem geplanten
Digitalen Produktpass der EU.
Änderungen im Lieferkettengesetz
Das Bundeskabinett beschloss a weitreichende Änderungen am deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz. Die wichtigsten Neuerungen im Überblick:
Deutsche
Regelungen:
Berichtspflicht entfällt: Unternehmen müssen keine jährlichen Berichte mehr beim BAFA einreichen oder veröffentlichen
Sanktionen nur bei schweren Verstößen: Kleinere Mängel oder unvollständige Nachweise werden nicht mehr bestraft
Grundlegende Sorgfaltspflichten bleiben bestehen: Risikoanalysen, Präventionsmaßnahmen und interne Dokumentation sind weiterhin verpflichtend
Übergangslösung: Das nationale Gesetz gilt bis zur Umsetzung der EU-Lieferkettenrichtlinie (CSDDD)
EU-Entwicklungen:
Verschiebung der CSDDD: Anwendungsbeginn soll von 2027 auf 2028 verschoben werden
Omnibus I-Initiative: Weitere Vereinfachungen der Lieferkettenregulierung im Rahmen der Trilog-Verhandlungen
Geplante
Einschränkungen der Sorgfaltspflichten: Die Schwellenwerte zur Anzahl der
Mitarbeitenden und zum jährlichen Nettoumsatz werden derzeit noch verhandelt
1. Warum bleibt Lieferkettenmanagement wichtig, obwohl Berichtspflichten gelockert werden? Weil operative Risiken unabhängig von gesetzlichen Berichtspflichten bestehen bleiben. Produktionsausfälle, Reputationsschäden, Qualitätsprobleme oder Verstöße gegen Umwelt- und Sozialstandards können Unternehmen weiterhin erheblich belasten.
2. Welche Rolle spielt KI bei der Lieferantenbewertung? KI-gestützte Systeme können internationale Medien, Datenbanken und soziale Netzwerke kontinuierlich nach Risikohinweisen durchsuchen. Dadurch lassen sich Compliance-Verstöße, Umweltvorfälle oder politische Risiken schneller erkennen als mit rein manuellen Verfahren.
3. Wie funktioniert ein risikobasierter Bewertungsansatz? Lieferanten werden je nach Risikoprofil unterschiedlich intensiv geprüft. Bei geringem Risiko reicht ein Basis-Screening, bei mittlerem Risiko folgt eine vertiefte Dokumentenprüfung, und bei kritischen Lieferanten kommen umfassende Vor-Ort-Audits zum Einsatz.
4. Warum sind Vor-Ort-Audits trotz digitaler Tools notwendig? Digitale Systeme liefern wichtige Hinweise, ersetzen aber nicht den Blick auf die tatsächlichen Bedingungen vor Ort. Audits zeigen, ob dokumentierte Standards tatsächlich umgesetzt werden – etwa bei Arbeitsschutz, Brandschutz, Arbeitszeiten oder Umweltmaßnahmen.
5. Welche Vorteile bieten standardisierte Auditprogramme? Programme wie RSCI, SMETA oder RBA VAP vermeiden doppelte Prüfungen, senken Kosten und reduzieren den Aufwand für Lieferanten. Gleichzeitig schaffen sie vergleichbare Ergebnisse und erhöhen die Akzeptanz bei allen Beteiligten.