EU Lieferkettengesetz

Strategische Lieferantenbewertung in volatilen Zeiten

Im Rahmen der Lockerung des EU-Lieferkettengesetzes hat Deutschland im September 2025 die Berichtspflichten abgeschafft. Für Einkaufsleiter bleibt die Analyse von Risiken globaler Beschaffung dennoch wichtig. KI-unterstützte Risikoanalysen, kombiniert mit systematischen Vor-Ort-Prüfungen bieten operative Sicherheit und Wettbewerbsvorteile.

Standardisierungsinitiativen wie die Responsible Supply Chain Initiative (RSCI) in der Automobilindustrie bieten ein einheitliches Programm zur Überprüfung sozialer und ökologischer Standards.
Standardisierungsinitiativen wie die Responsible Supply Chain Initiative (RSCI) in der Automobilindustrie bieten ein einheitliches Programm zur Überprüfung sozialer und ökologischer Standards.

Summery

Trotz gelockerter Berichtspflichten bleibt ein systematisches Lieferanten- und Risikomanagement für Unternehmen unverzichtbar, da globale Lieferketten weiterhin durch politische Instabilität, Umwelt- und Arbeitsrechtsverstöße, Qualitätsprobleme oder Extremwetter gefährdet sind. KI-gestütztes Monitoring, risikobasierte Dokumentenprüfungen und gezielte Vor-Ort-Audits helfen, kritische Zulieferer frühzeitig zu identifizieren und konkrete Verbesserungsmaßnahmen einzuleiten. Standardisierte Auditprogramme und die Integration in Einkaufs- und Qualitätsprozesse reduzieren Aufwand, erhöhen Transparenz und stärken langfristig die Resilienz der Lieferkette.

Die Europäische Kommission signalisiert Entspannung: Mit ihrer Omnibus-Initiative sollen mehrere Gesetze geändert werden. Als Folge wird der Anwendungsbeginn der europäischen Lieferkettenrichtlinie (Corporate Sustainability Due Diligence Directive, CSDDD) um zwölf Monate verschoben. Doch die Gefahr von Produktionsausfällen besteht weiterhin: (Geo)Politische Differenzen oder wirtschaftliche Instabilität auf Lieferantenseite, Imageschäden durch Arbeitsrechts- oder Umweltverletzungen bis hin zu Extremwetter oder Qualitätsproblemen in der Supply Chain können dafür verantwortlich sein.

"Die zentrale Schwierigkeit liegt in der enormen Komplexität heutiger Beschaffungsarchitekturen", erläutert Dr. Alice Beining, Fachliche Leitung Product Performance Management Sustainability bei TÜV Süd . "Hunderte Direktlieferanten verfügen ihrerseits über eigene Zulieferernetze, die integraler Bestandteil der Gesamtkette sind. Entscheidend für ein effektives Supply Chain Management ist deshalb die differenzierte Partnerbewertung. Dabei werden die Lieferanten klassifiziert." Und zwar entsprechend ihrer strategischen Bedeutung für das Unternehmen sowie menschenrechtlichen und umweltbezogenen Gefährdungspotenzialen. Besondere Aufmerksamkeit erhalten Partner aus politisch instabilen Regionen, risikoträchtigen Industriezweigen oder mit erheblichen Einkaufsvolumina.

Proaktive Früherkennung statt reaktives Krisenhandeln

KI-gestützte Monitoring-Systeme revolutionieren die Früherkennung und bilden potenzielle Sicherheitsprobleme deutlich schneller ab als manuelle Verfahren. Diese Technologien durchsuchen kontinuierlich internationale Medienkanäle, Datenbanken und soziale Netzwerke nach Hinweisen auf Compliance-Verstöße. "Arbeitsrechtsverstöße, Umweltunfälle oder Korruption werden oft längere Zeit in lokalen Medien thematisiert, bevor sie internationale Aufmerksamkeit erregen", so Dr. Beining. "Weil dies aber in lokalen Kanälen und Sprachen geschieht, war es für deutsche Einkaufsabteilungen bisher nicht möglich, die Ereignisse systematisch zu erfassen. KI-gestütztes Monitoring automatisiert die Überwachung und verkürzt die Reaktionszeiten auf Auffälligkeiten erheblich."

Die Verknüpfung digitaler Überwachung mit gezielten Vor-Ort-Audits optimiert Effizienz und Aussagekraft der Bewertung. Über die Identifizierung von Risiken hinaus können Unternehmen so in den Dialog mit ihren Lieferanten gehen und ihr Risikomanagement kontinuierlich verbessern. Relevante Direktlieferanten durchlaufen zunächst eine Grundbewertung anhand von Länder- und Branchenrisiken. Bei potenziell kritischen Geschäftspartnern schließt sich eine intensive Risikoanalyse mit entsprechenden Maßnahmen an – einschließlich gezielter Auditierungen. Die Expertin vom TÜV Süd empfiehlt einen risikobasierten Ansatz und  unterscheidet drei Bewertungsstufen:

Stufe 1: Basis-Screening Risikobeurteilung von Lieferanten mit niedrigem Risikoprofil, meist unter Berücksichtigung von Branche/Herstellungsprozessen/Land.

Stufe 2: Erweiterte Dokumentenprüfung Partner mit mittlerem Risiko durchlaufen vertiefte Analysen auf Grundlage von Fragebögen, Selbstauskünften, Zertifikaten und Nachweisen. Diese Dokumente werden entweder beim Lieferanten selbst eingeholt oder über Reporting/Ratingplattformen abgefragt.

Stufe 3: Umfassende Vor-Ort-Audits Kritische Zulieferer erhalten mehrstufige Standortprüfungen. Auditoren bewerten zunächst implementierte Steuerungsprozesse für Umwelt- und Sozialrisiken. Standortbegehungen folgen, um die praktische Umsetzung zu beurteilen. Mitarbeitergespräche und Dokumentenanalysen – etwa von Lohnunterlagen oder Zeiterfassung – vervollständigen die Bewertung.

"Die Praxis zeigt regelmäßig Abweichungen zwischen dokumentierten Standards und der realen Situation. Unzureichender Arbeitsschutz, mangelhafte Brandschutzmaßnahmen oder fehlerhafte Arbeitszeitnachweise sind häufige Befunde", bestätigt Dr. Beining.

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Standardisierung reduziert Kosten und steigert Akzeptanz

Viele Zulieferer sehen sich mit einer Vielzahl teils redundanter Anforderungen unterschiedlicher Geschäftspartner konfrontiert. Das kann „Audit-Verdruss" erzeugen. Branchenweite Bewertungsprogramme wie die Responsible Supply Chain Initiative (RSCI) der Automobilindustrie vermeiden das. So bewertet das RSCI-Assessment 106 Anforderungen in elf Kategorien. Alle Teilnehmer akzeptieren die RSCI-Ergebnisse gegenseitig. Auch das Sedex Members Ethical Trade Audit (SMETA), ursprünglich für Einzelhändler, Consumer-Marken und ihre Zulieferer entwickelt, und das Responsible Business Alliance Validated Audit Program (RBA VAP) aus der Elektronikindustrie sind Beispiele standardisierter Auditverfahren, die sich von spezifischen Sektoren zu branchenunabhängiger Anwendung entwickelt haben.

"Eine nachhaltige Lieferantenentwicklung erfordert zunächst Investitionen in Ressourcen und Prozesse", betont die Expertin. "Statt Defizite sofort zu sanktionieren, setzen wirksame Programme auf kollaborative Optimierung. Spezifische Handlungspläne mit festgelegten Terminen und Folgeprüfungen bestätigen die vorgenommenen Korrekturen. Langfristig entstehen dadurch signifikante Vorteile: Unternehmen erhalten präzise Einblicke in ihre Wertschöpfungsketten und können gezielte Optimierungsmaßnahmen initiieren. Geprüfte Zulieferer zeigen sich häufig aufgeschlossen. Zahlreiche Unternehmen nutzen Bewertungsverfahren als Impuls für interne Weiterentwicklung. Erreichte Fortschritte in Arbeitssicherheit, Umweltschutz oder gesellschaftlichen Standards werden später gezielt gegenüber anderen Geschäftspartnern kommuniziert."

Werden Bewertungsprogramme in etablierte Qualitäts- und Einkaufsprozesse eingebunden, reduziert sich der administrative Aufwand spürbar. Aktuelle ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning) lassen sich so konfigurieren, dass Nachhaltigkeitsanforderungen unmittelbar in Bestellabläufe einfließen – von automatischer Zertifikatsprüfung bis zur Warnung vor auslaufenden Audit-Zyklen. In diesem Bereich kann KI dabei unterstützen, die gesamte Lieferkette lückenlos zu erfassen: Jede Transaktion und Warenbewegung wird manipulationssicher dokumentiert; QR-Codes am Endprodukt können Informationen über Produktursprung, soziale Bedingungen und Umweltauflagen entlang der gesamten Lieferkette verfügbar machen – entsprechend dem geplanten Digitalen Produktpass der EU.

Änderungen im Lieferkettengesetz

Das Bundeskabinett beschloss a weitreichende Änderungen am deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz. Die wichtigsten Neuerungen im Überblick:

Deutsche Regelungen:

  • Berichtspflicht entfällt: Unternehmen müssen keine jährlichen Berichte mehr beim BAFA einreichen oder veröffentlichen
  • Sanktionen nur bei schweren Verstößen: Kleinere Mängel oder unvollständige Nachweise werden nicht mehr bestraft
  • Grundlegende Sorgfaltspflichten bleiben bestehen: Risikoanalysen, Präventionsmaßnahmen und interne Dokumentation sind weiterhin verpflichtend
  • Übergangslösung: Das nationale Gesetz gilt bis zur Umsetzung der EU-Lieferkettenrichtlinie (CSDDD)

EU-Entwicklungen:

  • Verschiebung der CSDDD: Anwendungsbeginn soll von 2027 auf 2028 verschoben werden
  • Omnibus I-Initiative: Weitere Vereinfachungen der Lieferkettenregulierung im Rahmen der Trilog-Verhandlungen
  • Geplante Einschränkungen der Sorgfaltspflichten: Die Schwellenwerte zur Anzahl der Mitarbeitenden und zum jährlichen Nettoumsatz werden derzeit noch verhandelt

FAQ

1. Warum bleibt Lieferkettenmanagement wichtig, obwohl Berichtspflichten gelockert werden?
Weil operative Risiken unabhängig von gesetzlichen Berichtspflichten bestehen bleiben. Produktionsausfälle, Reputationsschäden, Qualitätsprobleme oder Verstöße gegen Umwelt- und Sozialstandards können Unternehmen weiterhin erheblich belasten.

2. Welche Rolle spielt KI bei der Lieferantenbewertung?
KI-gestützte Systeme können internationale Medien, Datenbanken und soziale Netzwerke kontinuierlich nach Risikohinweisen durchsuchen. Dadurch lassen sich Compliance-Verstöße, Umweltvorfälle oder politische Risiken schneller erkennen als mit rein manuellen Verfahren.

3. Wie funktioniert ein risikobasierter Bewertungsansatz?
Lieferanten werden je nach Risikoprofil unterschiedlich intensiv geprüft. Bei geringem Risiko reicht ein Basis-Screening, bei mittlerem Risiko folgt eine vertiefte Dokumentenprüfung, und bei kritischen Lieferanten kommen umfassende Vor-Ort-Audits zum Einsatz.

4. Warum sind Vor-Ort-Audits trotz digitaler Tools notwendig?
Digitale Systeme liefern wichtige Hinweise, ersetzen aber nicht den Blick auf die tatsächlichen Bedingungen vor Ort. Audits zeigen, ob dokumentierte Standards tatsächlich umgesetzt werden – etwa bei Arbeitsschutz, Brandschutz, Arbeitszeiten oder Umweltmaßnahmen.

5. Welche Vorteile bieten standardisierte Auditprogramme?
Programme wie RSCI, SMETA oder RBA VAP vermeiden doppelte Prüfungen, senken Kosten und reduzieren den Aufwand für Lieferanten. Gleichzeitig schaffen sie vergleichbare Ergebnisse und erhöhen die Akzeptanz bei allen Beteiligten.