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Beschaffung in der Türkei: Länderanalyse für den Einkauf

Beschaffung in der Türkei: Länderanalyse für den Einkauf

21.08.2018

Beschaffung in der Türkei: Länderanalyse für den Einkauf

Die aktuelle Krise um die türkische Währung Lira bringt der Türkei wieder mehr internationale Aufmerksamkeit. Zeit, das Land als potenzielles Beschaffungsland für deutsche Einkäufer unter die Lupe zu nehmen.

Die türkische Wirtschaft wuchs 2017 um 7,4 Prozent. Das schaffte nicht mal China. Für dieses und das kommende Jahr erwartete die OECD vor Beginn der aktuellen Währungskrise Zuwächse von rund fünf Prozent. Diese Erwartungen dürften nun jedoch Makulatur sein. Denn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Bosporus-Republik wuchs im vergangenen Jahr nur deshalb so dynamisch, weil die Regierung von Staatspräsident Reçep Tayyip Erdoğan mit umfangreichen Konjunkturprogrammen Geld in die Wirtschaft pumpte und Unternehmen wie private Verbraucher hohe Kredite in Euro und Dollar aufnahmen. Das bricht dem Land in der aktuellen Krise das Genick.

Die Auslandsschulden des türkischen Privatsektors belaufen sich mittlerweile auf 228 Milliarden US-Dollar. Das entspricht knapp einem Viertel des BIP. Ein großer Teil dieser Kredite hat kurze Laufzeiten. Da Investoren durch die Zunahme staatlicher Willkür nach dem gescheiterten Militärputsch im Juli 2016 zudem ihr Vertrauen in die Türkei verloren haben, ziehen sie ihre Einlagen nun ab. Auch die ausländischen Direktinvestitionen brachen zwischen Januar und März des laufenden Jahres um 28 Prozent ein. Türkische Banken können diese Kapitalabflüsse nicht ausgleichen. Sie verlangen inzwischen für Kredite in Lira bis zu 30 Prozent Zinsen. Schon der Leitzins der türkischen Notenbank beträgt derzeit 18,75 Prozent. Ökonomen befürchten einen Credit Crunch sowie zahlreiche Insolvenzen türkischer Unternehmen.

Beschaffung in der Türkei: Länderanalyse für den Einkauf

Foto: Pixabay/xxoktayxx

Zugleich hat die Lira gegenüber dem Dollar seit Jahresbeginn 2018 drei Viertel ihres Werts verloren. Die Verbraucherpreisinflation ist dadurch auf fast 16 Prozent gestiegen. Das ist der höchste Wert seit 2003. Unternehmen zahlen für Rohgüter und Vorprodukte sogar 18 Prozent mehr als noch zu Beginn der Krise. Die Türkei muss viele Rohstoffe sowie Erdöl und –gas zumeist aus Russland importieren. Zwischen Januar und März führte sie bedingt durch die anhaltende wirtschaftliche Dynamik des vergangenen Jahres 22,7 Prozent mehr ein als im ersten Quartal 2017. Insgesamt kosteten das Land die Importe knapp 62 Milliarden US-Dollar. Die Ausfuhren legten dagegen nur um 8,9 Prozent auf gut 41 Milliarden Dollar zu. Das Handelsbilanzdefizit belief sich damit auf 64,1 Prozent oder 20,7 Milliarden Dollar.

Wirtschaftliche Fakten zur Beschaffung in der Türkei

Offizieller Name Türkiye Cumhuriyeti / Republik Türkei
Hauptstadt Ankara
Amtssprache Türkisch
Bevölkerung 80,8 Millionen
Bruttoinlandsprodukt 2017 849,5 Mrd. US-Dollar
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf
10.512 US-Dollar
Wirtschaftswachstum 2017 / 2018* / 2019* 7,0 % / 4,4% / 4,0%
Inflationsrate 2017 / 2018* / 2019*
11,1% / 11,4% / 10,5%
Importe 2017 233,8 Mrd. US-Dollar
Exporte 2017 157,1 Mrd. US-Dollar
Freihandelsabkommen Zollunion mit der EU, Mitglied der Economic Cooperation Organization/ECO (Mitglieder: Afghanistan, Aserbaidschan, Iran, Kasachstan, Kirgisien, Pakistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan) und der EFTA (Mitglieder: Island, Liechtenstein, Norwegen, Schweiz), bilaterale Abkommen mit Ägypten, Albanien, Bosnien-Herzegowina, Chile, Georgien, Jordanien, Israel, Kroatien, Malaysia, Marokko, Mauritius, Mazedonien, Moldawien, Montenegro, Palästina, Serbien, Südkorea, Tunesien

*Prognose der GTAI

Beschaffung in der Türkei: Die wichtigsten Ausfuhrgüter

Die verarbeitende Industrie erwirtschaftet in der Türkei fast ein Fünftel der Wirtschaftsleistung. Wichtigste Branchen sind die Textil-, Automobil- sowie Kfz-Zuliefer- und die Nahrungsmittelindustrie. Der türkische Maschinenbau ist der siebtgrößte Wirtschaftszweig des Landes. Abgesehen von der Automobilbranche führen türkische Unternehmen vor allem Güter aus, deren Fertigung wenig Know-How aber einen hohen Anteil an Handarbeit erfordert. Der vor allem im Nordwesten des Landes sowie rund um Izmir und Ankara ansässige Maschinenbau produziert auch Werkzeuge für Autobauer und Hersteller von Haushaltsgeräten – vorausgesetzt, die Spritzguß-, Blechumform-, Guss- und Stanzwerkzeuge sind technologisch nicht zu komplex.

Deutsche Importe aus der Türkei 2017 16,2 Milliarden Euro
Deutsche Exporte in die Türkei 2017 21,5 Milliarden Euro
Deutsche Einfuhren aus der Türkei nach Warengruppen
(in Prozent der gesamten Importe aus der Türkei)
· Textilien/Bekleidung (26,9%)
· Kfz und -Teile (16,1%)
· Maschinen (13,7%)
· Nahrungsmittel (8,2%)
· Elektrotechnik (5,1%)
· Sonstige (30%)

Einkauf in der Türkei: Die wichtigsten Rohstoffe

Kein Land der Welt hat größere Reserven als Bor als die Türkei. Ganze 73 Prozent der globalen Vorkommen des vor allem in der Raketen und Rüstungsindustrie verwendeten Rohstoffs lagern dort. Außerdem gibt es in dem Land am Bosporus nennenswerte Kohle-, Kupfer-, und Eisenerzvorkommen sowie Industrierohstoffe wie Chrom, Strontium, Antimon, Gold oder Quecksilber.

Rohstoffe: Bor, Schwefel, Magnesit, Feldspat, Strontium, Gold, Quecksilber, Antimon, Chrom, Kupfer, Eisenerz, Kohle

Produktivität, Qualität und Kosten im Beschaffungsland Türkei

Türkische Unternehmen überzeugten Einkäufer lange Jahre mit Produktionskosten, die rund ein Drittel unter dem mitteleuropäischen Niveau lagen. Allerdings steigen die Löhne auch in der Republik am Bosporus derzeit um acht bis zehn Prozent pro Jahr.

Ein türkischer Arbeitnehmer verdiente in der verarbeitenden Industrie 2016 im Schnitt 856 Euro im Monat. Das war deutlich mehr als seine Kollegen in Ungarn, Rumänien oder Bulgarien bekamen und nur geringfügig weniger wie der Verdienst eines Industriearbeiters in Tschechien. Der gesetzliche Mindestlohn liegt in der Türkei derzeit bei umgerechnet 292 Euro. Die Produktivität türkischer Unternehmen wird diesem Lohnniveau nicht mehr gerecht. Sie sinkt seit 2012 jedes Jahr um 0,1 Prozent. Gründe dafür gibt es viele.

So belegt die Türkei im Human Capital Index, mit dem die Weltbank das Qualifikationsniveau der Arbeitnehmer in einem Land misst, nur den 73. von 130 Ländern. Die türkische Industrie ist zudem weit weniger automatisiert als die anderer Staaten. Pro 10.000 Arbeitern setzen die Betriebe nur 8,5 Roboter ein. Im weltweiten Durschnitt kommen auf 10.000 Arbeitnehmer 74 Roboter. Zahlreiche türkische Betriebe haben ihre Produktionsprozesse zudem kaum standardisiert und müssen ihre Produkte daher aufwändig per Hand nachbearbeiten.

Volkswirte, internationale Institutionen und Ratingagenturen fordern die Türkei außerdem seit Jahren zu Strukturreformen auf, um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Industrie zu steigern. Entsprechende Maßnahmen blieben aber bislang aus. Vielmehr behindert das hohe Ausmaß der Korruption in dem Land die Unternehmen. Die labile türkische Lira macht es den Betrieben zudem fast unmöglich, Kosten und Preise zuverlässig zu kalkulieren. Dies sowie das schwierige makroökonomische Umfeld und die Politik von Staatspräsident Erdoğan veranlasste die Ratingagentur Moody’s die Kreditwürdigkeit von elf türkischen Konzernen darunter Turkish Airlines, dem Mischkonzern Koç und der Holding des Militärs, Oyak, zuletzt herabzustufen. Insgesamt bewertet Standard & Poor’s die Bonität der Türkei seit Mai 2018 nur noch mit „BB-„. Sie rät damit von Investitionen in der Bosporus-Republik ab.

Durchschnittlicher Bruttomonatslohn eines Arbeiters
940,80 Euro
Analphabetenquote 4,4%
Durchschnittliche Dauer des Schulbesuchs 7,9 Jahre
Anteil der Bevölkerung mit sekundärer Schulbildung 54%
Anteil der Bevölkerung mit Universitätsabschluss**
61,5%
Human Development Index Platz 71 von 188
Global Competitiveness Index
Platz 55 von 138
Offizielle Arbeitslosenquote 2018* 10,7%
Arbeitsproduktivität im EU-Vergleich (Durchschnitt der EU-28 = 100; Deutschland = 105,1) 86,6

*Prognose der GTAI
**enthält auch den Anteil der Personen, die an einer Weiterbildung auf einem Niveau oberhalb einer weiterführenden Schule teilgenommen haben.

Beschaffung in der Türkei: Infrastruktur und Logistik

Istanbuls Atatürk-Airport ist der fünftgrößte Flughafen der Welt. Derzeit baut die türkische Regierung in der Stadt einen weiteren Airport mit sechs Startbahnen. Er soll den Drehkreuzen in Dubai und Qatar Konkurrenz machen und drei Mal so groß sein wie der Frankfurter Flughafen sein. Die übrige Infrastruktur des Landes ist allerdings in keinem sehr guten Zustand. Mit 390000 Kilometern ist das Straßennetz des Landes so groß wie jenes des Vereinigten Königreichs oder Polens. Allerdings ist die Türkei mit einer Fläche von 783562 Quadratkilometern mehr als drei Mal so groß wie Großbritannien. Nur 2155 Kilometer ihrer Straßen hat die Türkei zudem zu Autobahnen ausgebaut. Das Eisenbahnnetz des Landes ist mit gut 12000 Kilometern in etwa so groß wie das Rumäniens, dessen Staatsgebiet weniger als ein Drittel des türkischen ausmacht.

Insgesamt profitiert die Türkei als Beschaffungsmarkt allerdings von ihrer Nähe zu Mitteleuropa. Da das Land am Bosporus zudem nahe an den Märkten im Nahen und Mittleren Osten liegt, haben internationale Logistikdienstleister dort große Lager und Warendrehkreuze gebaut. In den Planungen der Volksrepublik China, eine neue Seidenstraße vom Fernen Osten nach Europa zu bauen kommt der Türkei außerdem eine bedeutende Rolle zu. Durch das Land soll eine Eisenbahnverbindung von der Ägäis über den Iran und Pakistan bis in den chinesischen Westen führen.

Wichtigste Seehäfen Istanbul-Atatürk, Antalya, Izmir, Ankara
Wichtigste Flughäfen Istanbul, Izmir, Mersin
Autobahnnetz 2.155 Kilometer
Eisenbahnnetz 12.008 Kilometer

Risiken bei der Beschaffung in der Türkei

Wie weit die Türkei vom Staatsbankrott entfernt ist, können derzeit auch Experten nur schwer einschätzen. Fest steht: Die aktuelle Lira-Krise könnte zu zahlreichen Insolvenzen unter in Fremdwährung verschuldeten türkischen Lieferanten führen.

In der wirtschaftlich aktuell angespannten Situation dürfte auch die Korruption in der Türkei zu einem immer größeren Problem werden. Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International ist das Land bereits in den vergangenen fünf Jahren um 28 Plätze auf Rang 81 abgerutscht.

Zu einem Risiko für  Einkäufer ist in den letzten Jahren auch der Niedergang des Rechtsstaats in der Türkei geworden. Seit dem Putschversuch im Juli 2016 verstaatlichte die Republik rund 1.000 ihr unliebsame Unternehmen. Die türkische Polizei inhaftierte zudem willkürlich deutsche Staatsangehörige. Die Festnahmen erfolgten oft in Zusammenhang mit regierungskritischen Stellungnahmen in sozialen Medien.

Das Auswärtige Amt rät aus Sicherheitsgründen von Reisen in das Grenzgebiet zu Syrien und dem Irak ab und weist auf die seit 2015 deutlich gestiegene Gefahr terroristischer Anschläge in der gesamten Türkei hin.

Quellen: GTAI,Eurostat, WEF, OECD

Bild: Pixabay

Autor: Gerd Meyring

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Autor: Dörte Neitzel

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