Salar de Uyuni Lithiumsalzgewinnung (Bild: Gerd Mischler)

Salar de Uyuni in Boliven: Hier liegt der Lithiumschatz im Salzsee. (Bild: Gerd Mischler)

| von Dörte Neitzel
Aktualisiert am: 04. Nov. 2019

Wie die Finger einer grünen Knochenhand greifen die Kakteen auf der Isla de Incahuasi hinaus in die gleißende Weite des Salar de Uyuni. Von den Bergen am dunstblauen Horizont weht ein eisiger Wind über die menschenleere Ebene des Salzsees im Südwesten Boliviens. Seine Kristalle funkeln unter der strahlenden Höhensonne.

Hier, auf gut 3650 Metern Meereshöhe, liegt der größte Reichtum des ärmsten Landes Südamerikas: 9,5 Millionen Tonnen Lithium – und damit nach Angaben der Bundesagentur für Geowissenschaften und Rohstoffe die weltweit größten Ressourcen** des Leichtmetalls. Das entspricht gut einem Fünftel der globalen Ressourcen des silbrig weißen Leichtmetalls.

Das benachbarte Chile verfügt nach Berechnungen des US Geological Survey, der Rohstoffbehörde der Vereinigten Staaten, im Salar de Atacama über weitere 19 Prozent der weltweit rund 40 Millionen Tonnen Lithium. Im Nachbarland Argentinien lagern in den Salzseen Rincon, Oleroz und Hombre Muerte gut 16 Prozent der globalen Ressourcen des zur Gruppe der Alkalimetalle gehörenden Lithiums.

Wo liegt das meiste Lithium verborgen?


Die drei südamerikanischen Staaten führen auch beim Abbau der bislang erschlossenen Lithiumreserven. Gut 80 Prozent des weltweiten Angebots stammen aus einem nur wenige Hundert Kilometer im Durchmesser zählenden Gebiet in der Grenzregion von Argentinien, Bolivien und Chile – dem sogenannten Lithiumdreieck.

Förderunternehmen pumpen die lithiumhaltige Lake der dortigen Salzseen beim Abbau durch eine Kaskade von Verdunstungsbecken, in denen Verunreinigungen auskristallisieren. Dem so entstehenden Konzentrat setzen die Salinenbetreiber anschließend Natriumkarbonat zu und erzeugen so Lithiumkarbonat – die Verbindung, in der das Leichtmetall auf den Rohstoffmärkten gehandelt wird.

In den USA, China und Australien kommt Lithium auch als Erz in Pergmatitgestein vor. Besonders häufig tritt es dabei in Form des Minerals Spodumen auf. Kleinere Vorkommen gibt es darüberhinaus in Simbabwe, Brasilien und Portugal, dessen 60.000 Tonnen aufgrund ihrer Lage in Europa für die europäische Industrie höchst attraktiv sind. Im deutsch-tschechischen Erzgebirge haben Geologen die mit 80.000 Tonnen größten Vorkommen von Lithium in Mitteleuropa gefunden. Der Rohstoff ist hier als Bestandteil des Minerals Zinnwaldit verbreitet.

Hier liegen die größten Lithiumreserven

Diagramm mit den Ländern mit den größten Lithiumreserven
Das sind die Länder mit den größten Lithiumreserven weltweit im Jahr 2018. (Grafik: Statista)

Lithium ist so alt wie das Universum

Grundsätzlich kommt das Element, dessen Isotop 7Li neben Wasserstoff und Helium bereits beim Urknall entstand, überall auf der Welt vor. So ist der Maßeanteil von Lithium in der Erdkruste dreimal höher als der von Blei. Allerdings ist das Metall im Gestein so gleichmäßig verteilt, dass seine Konzentration nur in wenigen Lagerstätten so hoch ist, dass es sich wirtschaftlich abbauen lässt.

Die wenigen Staaten, in denen sich diese Vorkommen finden, zählen deshalb zu den Gewinnern des seit einigen Jahren tobenden Runs auf das Leichtmetall. „Im Gegensatz zu anderen Rohstoffen haben die Lithium-Preise seit 2015 abgehoben“, stellen die Analysten des australischen Finanzdienstleisters Macquarie fest.

Intransparente Preisabsprachen prägen den Markt

Wie Marktbeobachter behaupten, sollen die Preise für eine Tonne Lithium von 7000 Dollar im Jahr 2015 auf über 25000 Dollar im zweiten Quartal 2016 gestiegen sein. Andere Experten sprechen zwar lediglich von einem Anstieg auf 13000 Dollar. Auch dies entspräche jedoch immerhin noch fast einer Verdoppelung.

Da Lithium nicht an der Börse gehandelt wird, sondern Produzenten und ihre Kunden den Preis für den Rohstoff untereinander aushandeln, fehlt es jedoch an belastbaren Informationen dazu, wie sich der Preis für das Element wirklich entwickelt. „Die Absprachen sind relativ geheim. Da haben wir gar keinen Einblick“, erklärt Michael Schmidt, von der Deutschen Rohstoffagentur (DERA).

Fest steht nur: Die Preise für Lithium schießen seit Jahren in den Himmel. Ebenso eindeutig ist auch, weshalb dies so ist: Lithium ist der Stoff, an dem beim Umstieg auf eine nachhaltige und klimaschonende Lebens- und Wirtschaftsweise in einer vernetzten Welt kein Weg vorbeiführt.

Ohne Lithium keine Energiewende

Denn ohne Lithium können Automobilproduzenten wie Tesla und Elektronikkonzerne wie Samsung, LG, Panasonic und Sony die Lithium-Ionen-Batterien nicht herstellen, die sie für ihre Elektrofahrzeuge, Smartphones, Laptops und Tablet-PCs oder als Speicher für den aus Wind- und Sonnenenergie gewonnenen Strom benötigen. Kein Rohstoff eignet sich so sehr wie Lithium für die Produktion hochleistungsfähiger Akkus.

Der globale Bedarf an Batterieleistung aus Lithium-Ionen-Akkus wird bis 2020 dementsprechend um 350 Prozent auf 122 Gigawattstunden zulegen. Die weltweite Lithiumproduktion wird so der australische Informationsdienst für erneuerbare Energien von 190.000 auf 340.000 Tonnen anwachsen. Bis 2035 wird die globale Nachfrage nach Lithium das heutige Produktionsniveau sogar um das Vierfache übersteigen, erwartet die DERA.

Wo wird Lithium gebraucht?

Hinter dem gewaltigen Zuwachs stecken zwar überwiegend die Hersteller von Lithium-Ionen-Batterien, allerdings verlangt auch die Luft- und Raumfahrt nach dem Rohstoff. Sie braucht Lithium zur Herstellung leichter, aber fester Aluminiumlegierungen. Die Nuklearindustrie setzt das Element zur Abschirmung von Neutronen und als Brennstoff ein.

In der Glasindustrie kommt es bei der Fertigung von Ceranfeldern zum Einsatz, Chemiekonzerne produzieren damit Schmierfette. Anlagenbauer schließlich benötigen Lithium bei der Herstellung von Klimaanlagen. Nicht zuletzt ist das Element wichtiger Bestandteil von Psychopharmaka.

Umso deprimierender ist es daher, dass die Versorgung der Weltwirtschaft mit dem Rohstoff alles andere als sicher ist. Durch die Konzentration der wirtschaftlich verwertbaren Vorkommen in wenigen Staaten, können Ausfälle einzelner Förderanlagen sowie Umweltkatastrophen oder politische und soziale Krisen in einzelnen Abbauländern schnell zu Störungen der Lieferketten mit globalen Auswirkungen führen.

Hier wird am meisten Lithium gefördert

Diagramm mit den Ländern, in denen am meisten Lithium gefördert wird.
Diese Länder bauen das meiste Lithium ab. (Quelle: Statista)

Gefährliches Anbieteroligopol

Zumal Unternehmen wie die chilenische Sociedad Quimica y Minera de Chile S.A. (SQM), die US-amerikanische FMC Corporation oder die zum US-Chemiekonzern Albemarle gehörende Rockwood Corporation, die in Argentinien, Bolivien und Chile Lithium abbauen, auf dem Weltmarkt für den Rohstoff ein Oligopol bilden.

Die Übermacht dieser Anbieter ist so groß, befürchtet Armin Reller, Professor für Ressourcenstrategie und Leiter des Wissenschaftszentrums Umwelt an der Universität Augsburg, dass Staaten wie Australien oder China, diese Dominanz mit ihrer Förderung von Lithiumerzen lediglich ergänzen, aber nicht ausgleichen können. Zumal die Volksrepublik mit ihrer Rohstoffpolitik vor allem einheimische Unternehmen fördert.

Allerdings erwartet Ressourcenstratege Reller, dass die heute noch kaum genutzte Möglichkeit, Lithium-Ionen-Batterien zu recyceln, in Anbetracht der rasant steigenden Nachfrage nach dem Element künftig zunehmend lukrativer wird. Denn anders als Rohöl, lässt sich der Treibstoff der Zukunft fast unbegrenzt wiederverwenden.

Einkauf Rohstoff Lithium

Beschreibung · chemisches Element ‚Li‘ mit der Ordnungszahl 3
· silbrig-weißes Leichtmetall der Alkalimetallgruppe
· hochreaktionsfähig, kommt daher in der Natur nicht in Reinform sondern nur in Verbindungen vor
· hat die geringste Dichte der festen Elemente und ist deshalb so leicht, dass es in Wasser schwimmt
· elektrische Leitfähigkeit von Lithium entspricht in etwa der von Eisen
Verwendung · Herstellung von Batterien (31%)
· Produktion von Schmierfetten (12%)
· Keramik- und Glasindustrie (10%)
· Herstellung von Polymeren (9%)
· Aluminiumherstellung (6%)
· Pharmazeutische Industrie (5%)
Größte Förderländer · Australien (39%)
· Chile (38%)
· Argentinien (8%)
Größte lithiumfördernde Unternehmen (mit Anteil an der weltweiten Lithiumförderung)                                                           Aus Sole:       Aus Erzen:
· Talison                                                                         65%
· Volksrepublik China                                                 23%
· SQM S.A. (7,8%)                              42%
· Albemale/Rockwood Corp.            28%
· FMC Corp.                                         22%
Vorhandene Reserven* 13,5 Mio. Tonnen
Vorhandene Ressourcen** 39,5 Mio. Tonnen
Statistische Reichweite der Reserven stark abhängig vom künftigen Anstieg des Verbrauchs
Statistische Reichweite der Ressourcen stark abhängig vom künftigen Anstieg des Verbrauchs
Recyclingquote Experten rechnen damit, dass künftig bis zu 98 Prozent des Lithium aus Lithium-Ionen-Batterien recycelt werden könnte. Derzeit wird diese Möglichkeit aber noch kaum genutzt.
Substituierbarkeit Bislang kaum erforscht
Globale Produktion von Lithium 2016 35.000 Tonnen

Quelle: Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Statista

*Reserven = aktuell bekannte, mit der vorhandenen Technologie rentabel ausbeutbare Vorkommen
**Ressourcen = aktuell bekannte, aber noch nicht rentabel ausbeutbare Vorkommen