Lieferketten: Welche Versicherungen helfen im Kriegsfall?
Lieferketten werden durch den Ukraine-Krieg aufs Äußerste strapaziert. Welche Versicherungen können für Industrieunternehmen sinnvoll sein? Ein Überblick.
Ralf Bender, SüdversRalf Bender,Südvers
Im Zuge des Ukrainekriegs kommen viele Lieferketten an ihre Belastungsgrenze. Welche Versicherungen helfen, die Folgen abzumildern?(Bild: NVB Stocker - stock.adobe.com)
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Summary: Ralf Bender von Südvers gibt einen Überblick über Versicherungen für Industrieunternehmen im Kriegsfall. Betroffen sind vor allem Transport-, Haftpflicht- und technische Versicherungen. Die Auswirkungen reichen von Deckungslücken über höhere Prämien bis zu mehr Abstimmungsbedarf mit Assekuranzpartnern.
Das produzierende Gewerbe sah sich bereits 2020 infolge der pandemiebedingten globalen Mobilitäts- und Kontakteinschränkungen erheblichen Herausforderungen gegenüber. Innerhalb kürzester Zeit rissen eng getaktete, international verflochtene Supply Chains, ganze Fertigungslinien standen still, bereits gefertigte Waren konnten nicht ausgeliefert werden.
Die Versicherungspartner der Industrie trugen ihren Teil dazu bei, die entstandenen Schäden im vereinbarten Vertragsrahmen zu regulieren. Waren Rückwirkungsschäden in den Ertragsausfall-Policen eingeschlossen, führten auch Beeinträchtigungen Dritter oder gestiegene Beschaffungskosten für Roh- und Zusatzstoffe nicht zu zusätzlichen finanziellen Belastungen.
Der Ukraine-Krieg verschärfte 2022 die Situation für die Industrie in einem erheblichen Maß und 2026 zeigt der Irankrieg eine ähnliche Abhängigkeit auf. Inwieweit verändern Kriegssituationen also die Regulierung der resultierenden Schäden? Wie können Versicherer Unternehmen heute noch schützen?
Lieferketten aus Kriegsgebieten unter Druck
Der Industriestandort Deutschland ist mehr von Energieimporten aus Krisen- und Kriegsgebieten abhängig als andersherum. So war es mit der Russischen Föderation, für die das Institut der Deutschen Wirtschaft in einer Studie die Relevanz Russlands für die hiesigen Wertschöpfungsketten untersucht hatte. Obgleich nur 2,7 % der deutschen Wareneinfuhr aus Russland stammen, bezogen wir zum Zeitpunkt der Ukraineinvasion noch 55 % unseres Erdgases aus der Russischen Föderation, ein Drittel unseres Erdölbedarfs, zwei Drittel an Isopren-Kautschuk (Reifen) und ein Viertel des für die Produktion von Katalysatoren benötigten Palladiums.
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Noch dramatischer wurden (und werden) die Auswirkungen des Irankriegs auf die Verarbeitende Industrie. Zum Vergleich: Während der zwei aufeinander folgenden Ölkrisen in den 1970er-Jahren habe die Industrie pro Tag rund fünf Mio. Barrel Öl verloren. Im Irankrieg waren es elf Mio. Barrel Öl pro Tag, also mehr als das doppelte der beiden Ölkrisen.
Welche Versicherungen springen in solchen Fällen ein?
Transportversicherung – Kriegsdeckung schützt üblicherweise nur See- und Luftwege
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Warentransportversicherungen beinhalten in der Regel nur Deckungszusagen für Ladungen, die durch Kriegseinwirkungen auf dem See- oder Luftweg beschädigt oder zerstört wurden. Transporte über Landverbindungen sind explizit nicht abgedeckt.
Kriegsklauseln beinhalten üblicherweise ein Sonderkündigungsrecht mit einer entsprechend kurzen Frist von 48 Stunden, um auf die sehr dynamischen geopolitischen Lageveränderungen reagieren zu können. Nahezu alle involvierten Versicherer haben diese Option inzwischen genutzt, um das unkalkulierbare Deckungsrisiko auszuschließen.
Unternehmen können in begründeten Einzelfällen den Wiedereinschluss dieser Risiken mit ihren Assekuranzpartnern vereinbaren, wenn zum Beispiel vor jedem Transport eine eindeutige Anmeldung erfolgt und die signifikant gestiegene Verlust- oder Beschädigungsgefahr durch eine Zusatzprämie zumindest teilweise berücksichtigt wird. Dies wird jedoch zunehmend restriktiver gehandhabt.
Ein weiterer fundamentaler Unterschied zu den Lieferkettenstörungen durch die Covid-19-Pandemie basiert auf den gegen Russland als Staat, unterschiedlichsten Personen und Unternehmen verhängten internationalen Sanktionen. Hier empfehlen wir unseren Kunden eindringlich, sich sehr genau und in kurzen Abständen über die für sie als Unternehmen relevanten Konsequenzen und Bedrohungen zu informieren.
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Angesichts der Bandbreite und Wirkungstiefe der Sanktionen, die über Due-Diligence-Systeme Geschäftspartnerschaften beeinträchtigen können, lässt sich der potenzielle Schaden kaum absehen. Mögliche rechtliche Konsequenzen bei Fehlverhalten sind in diesen Überlegungen überhaupt noch nicht enthalten.
Ein erhebliches Risiko entsteht aufgrund von Lieferverzögerungen oder Frachtausfällen durch den Ukraine-Krieg oder die weltweite Störung der Lieferketten auch im Bereich der Vermögensschäden. Werden diese durch solche globalen Ereignisse verursacht, so sind daraus resultierende Umsatzausfälle, Pönalen etc. über die Vermögensschadensklauseln der Transportversicherungen standardmäßig nicht gedeckt. Zu diesem Risiko sind auch hier einzelvertragliche Lösungen vor Transportbeginn zu treffen.
Haftpflichtversicherung – höhere Prämien und niedrigere Deckungssummen
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Im industriellen Haftpflichtbereich ist ein klarer Trend zu Kapazitätskorrekturen nach unten zu erkennen – und entsprechend höherer Prämien und erhöhter Eigentragungsquoten. Besonders im Fokus stehen unter anderem die Automobilzulieferer- oder auch die Baustoffindustrie, insbesondere aufgrund der stetig steigenden Gesamtschadenszahlen.
Diese belastet die Situation, selbst wenn die Einzelrisiken kaum schadensauffällig werden. Die zunehmenden Cyber-Risiken – auch angesichts des Ukraine-Krieges – bedrohen Unternehmen zusehends und führen bereits zu Risikoausschlüssen bei Industrie-Haftpflichtversicherungen.
Technische Versicherung – Inflation und Projektrisiko erhöhen leicht die Preissituation
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Die durch den Ukrainekrieg und die angespannte Lage auf dem Energiemarkt steigende Inflation wirkt sich natürlich auch auf die Höhe der Prämien aus. Hiervon bleibt auch der Bereich der technischen Versicherungen nicht verschont, der bis auf den Montage- und Bauleistungssektor sowie in Spezialfällen eigentlich keine weiteren preistreibenden Impulse aufweist und für die Risikoträger weitestgehend kostendeckend betrieben werden kann.
Fazit – globalen Unwägbarkeiten durch enge Abstimmung begegnen
Corona-Krise, Umweltkatastrophen, Krieg in der Ukraine, internationale Spannungen – die globale Politik- und Wirtschaftslage ändert sich immer schneller und umfassender. Dieser Situation können speziell produzierende Unternehmen nur entgegentreten, wenn sie ihre Betriebsrisiken in engster Abstimmung mit ihren Assekuranzpartnern analysieren, abdecken und aktualisieren sowie die internationale Lage genau im Auge behalten.
Bearbeitet und aktualisiert von Dörte Neitzel (Juni 2026)