OSR Shuttle

Das Plus an Flexibilität im Lager: OSR Shuttle Evo+ (Bild: Knapp)

| von Hans Jürgen Jüngling
Aktualisiert am: 28. Nov. 2019

Sie wurden schon oft totgesagt. Doch trotz der anhaltenden Shuttle-Euphorie behaupten sich Regalbediengeräte hartnäckig sowohl im AKL- als auch im HRL-Einsatz. Mehr noch: Vor allem angesichts der gestiegenen Bedeutung von E-Commerce und Versandhandel erlebten Regelbediengeräte in den vergangen Jahren sogar einen regelrechten Boom mit laut FEM-Statistik jährlichen Zuwachsraten im zweistelligen Bereich.

Für die meisten Hersteller ist die Frage, ob Regalbediengerät oder Shuttle, eine ganz nüchterne Abwägung, welches der beiden Systeme im jeweiligen Anwendungsfall für den Kunden die beste Lösung darstellt. Oder wie Andreas Koch, Leiter Produktmanagement bei SSI Schäfer in Giebelstadt, formuliert: „Es kommt darauf an, dass ein Anbieter in der Intralogistik das gesamte Spektrum abdeckt, um wirklich in der Lage zu sein, eine auf die Kundenanforderung zugeschnittene Lösung zu entwickeln.“ Ähnlich äußert sich Detlef Ganz, Chief Operating Officer bei Viastore in Stuttgart: „Für unsere Kunden ist vor allem die Gesamtleistung eines Intralogistik-Systems wichtig. Alle Prozesse müssen einfach, intuitiv und fehlerfrei funktionieren. Deshalb greifen wir auf die Technologie zurück, die unseren Kunden am meisten nützt.“

Regalbediengeräte für Anlagen mit geringem Durchsatz

Diese übergreifende und ganzheitliche Sichtweise ist bei Herstellern und Systemintegratoren wie Dematic, Gebhardt, Knapp, SSI Schäfer, TGW und Viastore von vornherein gegeben, die beide Technologien in ihrem Portfolio führen. Generell gilt in der Branche das Prinzip, dass für Anlagen mit geringerem Durchsatz und hoher Lagerkapazität eher Regalbediengeräte in Frage kommen. Darüber hinaus sind sich die Experten weitgehend einig, dass Regalbediengeräte im Schwerlastbereich auf Dauer eine sichere Nische finden werden.

 

Shuttles für mehr Schnelligkeit

Shuttle-Systeme zahlen sich vor allem bei hochdynamischen Anwendungen aus, bei denen extreme Schnelligkeit, Platzeinsparung und noch flexiblere Handhabung im Vordergrund stehen. Durch Maßnahmen wie Leichtbau, energiesparende Antriebe, Energierückspeisung und Energierückgewinnung sowie eine ständig verbesserte Fahrdynamik haben Regalbediengeräte ein kaum noch zu überbietendes technisches Niveau erreicht. Den größeren Spielraum für künftige Innovationen bieten daher zweifellos Shuttle-Systeme. Die starke Begeisterung, die in den vergangenen Jahren den zunehmenden Einsatz von autonomen Kanal- oder Satellitenfahrzeugen im Lager begleitete, rührt vor allem daher.

Anforderungen an Lagerlogistik steigen

In Zukunft muss die Intralogistik immer neue Hürden nehmen. Durch Online-Shopping und die damit dem Konsumenten eingeräumten Möglichkeiten wie dem weit verbreiteten „Kaufen auf Probe“ sind Bestellfrequenzen dramatisch nach oben geschnellt, obwohl sich das Bestellvolumen nur leicht erhöht hat. Parallel dazu lässt sich eine klare Tendenz zu mehr dezentralen Lagern beobachten, mit denen Handelsunternehmen ihre Kunden noch schneller und flexibler bedienen wollen.

Die sich daraus ergebenden Anforderungen an die Distributions- und Lagerlogistik lassen sich oft mit Hilfe von Shuttle-Systemen effizienter umsetzen. Auch in der Produktionslogistik – etwa bei der sequenzgenauen Bereitstellung von Werkstücken und Montagematerialien – ergeben sich Vorteile für das Shuttle. So sieht zum Beispiel Roman Schnabl, Leiter Produktmanagement bei Knapp im österreichischen Hart/Graz, keine neuen Trends bei Regalbediengeräten. Deshalb werde sich sein Unternehmen künftig stärker auf die Weiterentwicklung seiner Shuttle-Produktpalette konzentrieren.

Generell herrscht jedoch Konsens, dass – in den Worten von Dematic-Geschäftsführerin Barbara Wladarz – „beide Systeme sehr gut nebeneinander existieren“ können. Denn laut Christoph Wolkerstorfer, Managing Director bei TGW Mechanics im österreichischen Wels, habe jedes dieser Systeme seine Berechtigung in einer gesamten Logistiklösung.

Regalbediengeräte und Shuttle ergänzen sich

Gar nicht so selten sind deshalb Anlagen, in denen Regalbediengerät und Shuttle sich perfekt ergänzen. Gebhardt hat beispielsweise für die französische Modekette Beaumanoir an deren Hauptsitz in St. Malo ein vollautomatisches Lager realisiert, in dem beide Lösungen Hand in Hand arbeiten. Dieses „Dynamic Hand­over System“ biete – so der Sinsheimer Logistikanbieter – die doppelte Leistung eines Regalbediengerätes. Gleichzeitig werde der Energieverbrauch halbiert.

Die Kombination beider Systeme schaffe eine vorteilhafte Lösung für Anforderungen, die sich im Grenzbereich zwischen Shuttle und Regalbediengerät bewegen. Lagersysteme mit automatischen Regalbediengeräten gibt es seit über 50 Jahren. Bei durchschnittlichen Renovierungszyklen von zehn Jahren und weit darunter liegenden Update-Sequenzen bei Software für Anlagensteuerung und Datenanbindung rechnen alle Logistikanbieter in den nächsten Jahren mit großen Modernisierungswellen.

Für Dematic-Chefin Wladarz erweist sich Retrofitting als eine willkommene Gelegenheit zur weiteren Kundenbindung: „Nicht nur bei der Erstinstallation, sondern auch bei der Wartung haben wir einen guten Ruf. Grund genug für einen Anlagenbetreiber, bei der Modernisierung wieder auf uns zurückzukommen.“