Technik und Einkauf im Dialog

Warum TCO zum neuen Maßstab wird

KI, Sensorik, Automatisierung: KraussMaffei denkt Investitionen über den Lebenszyklus. Dr. Alexander Geyer, Forschungs- und Entwicklungs-Leiter für Spritzgießtechnik und Automation, sowie Christian Satzek, Einkaufschef der KraussMaffei Technologie, erklären, wie Technik-Roadmap, Lieferantennetzwerk und Risiko-Strategie zusammenhängen.

Dr. Alexander Geyer (links), Christian Satzek (rechts): „Entwicklungsprojekte sind keine reinen Technik-, sondern Unternehmensprojekte. Einkauf und Technik spielen beide eine zentrale Rolle.“

KraussMaffei-Manager Dr. Alexander Geyer und Christian Satzek sprechen über die wachsende Bedeutung von Entwicklungspartnerschaften mit Lieferanten, den Einsatz von KI im Sourcing und die zunehmende Verzahnung von Einkauf und Entwicklung. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Risikominimierung entlang des gesamten Produktlebenszyklus vereinen lassen – von der Lieferantenstrategie über Multisourcing bis hin zur Verarbeitung von Rezyklaten.

TECHNIK+EINKAUF: Herr Dr. Geyer, welche technologische Entwicklung wird die Kunststoffverarbeitung in den nächsten drei bis fünf Jahren prägen?

Dr. Alexander Geyer: Wirtschaftlichkeit ist für die Kunststoffverarbeitung der wichtigste Technologietreiber. Entscheidend ist dabei der Blick auf den gesamten Lebenszyklus und auf die Gesamtkosten (TCO: Total Cost of Ownership ): Durch Automatisierung, KI-Funktionen und Sensorik hat eine Maschine möglicherweise höhere Anschaffungskosten, ist im Betrieb aber deutlich energieeffizienter, langlebiger und produziert weniger Ausschuss und ist somit auf den gesamten Lebenszyklus betrachtet wirtschaftlicher. Eine weitere Entwicklung ist, dass mehrere Produktionsschritte zusammengefasst werden. Ein Beispiel ist unsere ColorForm-Technologie: Sie verbindet die Bauteilherstellung mit dem Lackiervorgang.

Herr Satzek, was bedeutet die Technik-Roadmap für den Einkauf?

Christian Satzek: Die Anforderungen an den Einkauf sind deutlich gestiegen. Wir steuern den Entwicklungs-Teams die richtigen Partner zu und stimmen uns mit ihnen über die Technik eng ab. Darüber hinaus vernetzen wir uns mit den Lieferanten. Wir brauchen Partner für die Serienfertigung; aber vor allem auch mehr Lieferanten, die eigenes Entwicklungs-Know-how einbringen.

Wird die Zusammenarbeit mit den Zulieferern bei KraussMaffei enger?

Satzek: Ja, die Entwicklungspartnerschaften werden enger. Lieferanten, die bislang nur geliefert haben, können sich zu Partnern weiterentwickeln. Wir öffnen uns und binden Lieferanten stärker in unsere Innovationsprozesse ein. Die Zusammenarbeit und die Kommunikation können dabei mit Einkauf, Entwicklung und Lieferant gemeinsam erfolgen. Aber auch ein direkter Austausch zwischen Einkauf und Lieferant sowie zwischen Entwicklung und Lieferant zu speziellen Themen ist gewünscht. Die Kommunikation läuft in alle Richtungen.

Mehr Entwicklungspartnerschaften: Was heißt das für die Technik?

Geyer: Die Entwicklungszyklen werden kürzer und die technologische Breite nimmt zu. Um das abzubilden, braucht es ein Netzwerk aus Lieferanten, Spezialisten, Universitäten. Hier wird der Austausch deutlich intensiver.

Wie finden Sie diese Partner?

Geyer: Wir finden unsere Netzwerkpartner auf verschiedenen Wegen: über bestehende Lieferanten, über Kooperationen mit Universitäten und Forschungsinstituten sowie über Konferenzen, Publikationen und persönliche Netzwerke. Wichtig ist uns dabei nicht nur die technologische Kompetenz, sondern vor allem die Bereitschaft zur offenen und partnerschaftlichen Zusammenarbeit, die wir auch aktiv einfordern. Beispielsweise haben wir unter Federführung des Einkaufs Ende letzten Jahres einen großen Lieferantentag veranstaltet und die Lieferanten ausdrücklich eingeladen, mit Ideen auf uns zuzukommen.

Dr.-Ing. Alexander Geyer

Alexander Geyer verantwortet seit Januar 2022 als Director Global Development die Technologie- und Produktentwicklung der Spritzgießmaschinen und Automation bei Krauss Maffei Technologies. Zuvor leitete der promovierte Verfahrenstechniker und Experte der Kunststoffverarbeitung am Institut für Kunststofftechnik (IKT) der Universität Stuttgart die Abteilung Verarbeitungstechnik und das mechanische Prüflabor. Sein Schwerpunkt liegt auf innovativer Kunststoffverarbeitung, energieeffizienten Maschinenkonzepten und der Digitalisierung industrieller Fertigungsprozesse.

Wann kommt der Einkauf ins Spiel?

Satzek: Bauteile mit klarer Spezifikation und hoher Verfügbarkeit schreiben wir relativ schnell aus. Entwicklungslieferanten nominieren wir und entwickeln sie weiter. Im Sourcing nutzen wir klassische Methoden wie persönliche Netzwerke und Messen. Wir testen aber auch KI und sehen erste vielversprechende Ergebnisse – unter anderem aus Regionen, die wir für diese Materialien bislang nicht auf dem Radar hatten. Die Kontakte werden im nächsten Schritt durch Besuche vor Ort validiert. Der Einkauf bleibt ein People-Business.

Der Mensch ist auch intern entscheidend. Wo läuft die Zusammenarbeit gut, wo hakt es?

Satzek: Der Einkauf ist in den Produktentstehungsprozessen bei Krauss Maffei über feste Rollen eingebunden. Wir sprechen über Kapazitäten, Prioritäten und die Lieferantenauswahl. Am Ende entscheiden wir als Team mit dem Ziel eines Best Fit zwischen Technik, Preis und Vertragsgestaltung.

Geyer: Wichtig ist Transparenz: Alle Themen müssen angesprochen werden. Der Produktentstehungsprozess ist kein reines Technikprojekt, sondern ein Unternehmensprojekt. Der Einkauf und die Entwicklung spielen beide eine zentrale Rolle. Je früher wir die Beschaffung einbinden, desto mehr lässt sich steuern. Spätestens zum Projektstart ist der Einkauf deshalb im Boot. Das ist auch mit Blick auf Lieferrisiken wichtig.

Wie würden Sie Ihre Risikostrategie beschreiben?

Satzek: Für eine sichere Versorgung ist die frühe Einbindung des Einkaufs in die Projekte entscheidend. Spätestens, wenn wir den Produktionsstandort festlegen, bestimmen wir die Lieferanten. Ein möglichst lokales Liefernetzwerk reduziert die Lieferrisiken.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Multisourcing?

Satzek: Second Sourcing heißt, dass wir zwei Lieferanten für ein Produkt freifahren. Das senkt die Abhängigkeit von einem Lieferanten und einer Region. Für den Einkauf bedeutet das ein geringeres Volumen je Lieferant, eventuell gibt es dabei Auswirkungen auf den Preis. Aber entscheidend ist die „landed Cost“ Betrachtung. Multisourcing heißt außerdem: mehr Verhandlungen und mehr Aufwand im Vertragsmanagement.

Geyer: Wichtig ist, dass wir zu Beginn im Prozess flexibel bleiben, damit der Einkauf mehr Spielraum hat. Natürlich müssen Qualität, Performance und Verfügbarkeit stimmen. Bei komplexen Komponenten kann das herausfordernd sein, deshalb muss man den Aufwand abwägen. Second Sources sind daher immer ein Diskussionspunkt. Für Hochrisikobauteile wird das strategisch entschieden.

Krauss Maffei will bis 2045 einen klimaneutralen Product Carbon Footprint. Wie weit sind Sie auf diesem Weg?

Satzek: Nachhaltigkeit setzt sich nur durch, wenn sie wirtschaftlich ist. Wir betrachten beides im TCO: In der Lieferkette arbeiten wir mit Boni und Mali für Nachhaltigkeit und für Kosten.

Welche Rolle spielt der PCF aktuell in der Konstruktion?

Christian Satzek

Christian Satzek ist Vice President Global Procurement und Prokurist bei Krauss Maffei Technologies. Zuvor leitete er sieben Jahre das Procurement der Lenze-Gruppe und saß im Executive Committee. Weitere Stationen: Stabilus, Thyssenkrupp Bilstein. Satzek studierte Maschinenbau an der RWTH Aachen und durchlief das Strategic Leader Program an der Universität St. Gallen. Seit 2016 ist er im BME-Bundesvorstand, seit 2024 stellvertretender Vorsitzender.

Geyer: Wir betrachten den PCF unserer Maschinen, die Daten werden auch von unseren Kunden nachgefragt. Bei einer Maschine beeinflusst allerdings die spätere Nutzung den CO₂-Fußabdruck stärker als die Herstellung der Maschine selbst. Deshalb schauen wir auch hier auf den gesamten Lebenszyklus, inklusive der Lebensdauer und (Energie-)Effizienz. Lange Lebenszyklen und effiziente Fertigungsprozesse wirken sich wirtschaftlich und im Sinne der Nachhaltigkeit positiv aus. Darauf richten wir unsere Entwicklung aus, etwa mit Assistenzsystemen, die es Kunden ermöglichen, sehr energieeffizient zu fertigen.

Grünstahl ist noch kein Thema?

Christian Satzek: Noch nicht, auch weil die Spezifikationen und Materialzusammensetzungen oft nicht passen. Wir haben Grünstahl im Blick, aber branchenweit ist die Innovation noch nicht flächendeckend im Einsatz. Der Zeitpunkt, zu dem sich das Geschäft in diese Richtung dreht, ist unserer Beobachtung nach noch nicht da.

Auch beim Einsatz von Rezyklaten ist die Industrie zögerlich. Kommen Ihre Maschinen mit unterschiedlichen Rezyklatqualitäten denn klar?

Geyer: Prozesstechnisch ist die Spritzgieß-Verarbeitung von Rezyklaten meist kein großes Problem mehr. In der Aufbereitung der Schmelze liegt unsere Kernkompetenz. Außerdem können die Fluktuationen von Rezyklat-Eigenschaften über große Bereiche zuverlässig mit unseren digitalen Assistenzprogrammen kontrolliert und beherrscht werden. Die Maschine optimiert sich dabei so, dass Kunden am Endprodukt keinen Unterschied sehen. Die Sorge vor erhöhtem Ausschuss ist allerdings nach wie vor in der Industrie verbreitet. Daneben lassen auch Geruchsproblematiken, fehlende Zulassungen und insbesondere der Werkstoffpreis Kunden zögern: Die Preise für Neuware liegen teils unter denen der Rezyklate. Solange dies der Fall ist, wird sich an der Situation trotz aller Apelle nicht viel ändern.

Das heißt, Sie ermutigen zum Rezyklat-Einsatz?

Geyer: Definitiv. Die Regulierungen und damit die Kosten für Neuware werden weiter steigen. Daher sollte man früh mit dem Know-how-Aufbau beginnen. Rezyklate sind technisch meist gut beherrschbar: In unseren Maschinen gleicht ein Programm die Materialschwankungen aus und sichert bei Rezyklaten eine gleichbleibende Bauteilqualität. Die heutigen Möglichkeiten sind vielen Kunden nicht bewusst. Sie haben die Funktion in ihren Maschinen, nutzen sie aber nicht.

Wieviel Innovation kommt aus dem Haus, wieviel von Lieferanten?

Geyer: Die beschriebenen Assistenzprogramme gehören neben vielen anderen Themen zu unseren Kernkompetenzen, die wir selbst entwickeln. Andere Themen lösen wir über Zulieferer. Um Innovationen entstehen zu lassen, können unterschiedliche Perspektiven helfen. Und am Ende gilt: Nicht alles, was machbar ist, ist auch wirtschaftlich sinnvoll.

Satzek: Für Innovationen gehen wir drei Wege. Erstens entwickeln wir unsere Produkte weiter. Zweitens betreiben wir klassisches, technisch getriebenes Innovationsscouting aus Technik und Einkauf. Drittens kommt klassisch der Einkauf ins Spiel: Was bieten Lieferanten, was sehen wir auf Messen, welche neuen Materialien und Prozesse kommen in den Markt? Das spiegeln wir an die Entwicklung zurück.

Krauss Maffei hat Entwicklungs- und Produktionsstandorte in Deutschland und China. Wie steuern Sie dieses Netzwerk?

Satzek: Im Einkauf arbeiten wir in einem Procurement-Netzwerk, stimmen uns regelmäßig ab und treffen uns jährlich. Im März kamen zum Beispiel alle Einkäufer und Einkäuferinnen in unser Headquarter nach Parsdorf. Die internationale Zusammenarbeit ist Teil der Strategie, die wir weiter vorantreiben.

Geyer: Technisch ist die Produktdifferenzierung entscheidend. Wir haben beispielsweise Produkte für den chinesischen Markt und wir haben globale Produkte, die wir an beiden Standorten produzieren und für die wir teils lokale Lieferquellen nutzen. Selbstverständlich tauschen wir uns über Lieferanten und Lösungen aus. Chinesische Lösungen können für Europa interessant sein und umgekehrt. Auch für unsere globalen Qualitätsstandards brauchen wir eine enge Vernetzung.

Das Unternehmen: Krauss Maffei

Die Krauss Maffei Group mit Sitz in Parsdorf entwickelt und baut Systeme für Spritzgießtechnik inklusive Automation, Extrusions- und Reaktionstechnik sowie additive Fertigung. Für das Unternehmen arbeiten rund 4.000 Mitarbeitende, davon 2.500 in Deutschland. Der Umsatz liegt bei rund einer Milliarde Euro.

Welche Ziele verfolgen Sie 2026/27?

Satzek: Wir wollen unsere Kostenstrukturen verbessern und unsere Risiken minimieren. Deshalb gilt es, die Lieferanten- und Warengruppenstrategien immer wieder zu überprüfen. Gleichzeitig wollen wir digitaler werden, Künstliche Intelligenz weiter nutzen und in unsere Prozesse integrieren. Entsprechend erproben wir derzeit verschiedene KI-Use Cases. Trotzdem bleibt es dabei: Procurement ist People Business, unterstützt von KI, Systemen und Automatisierung.

Geyer: Wir haben mit unserer vollelektrischen Produktreihe ein neue Maschinengeneration gelauncht. Eine große Rolle spielt Energieeffizienz, die über das gesamte Produktportfolio eine noch größere Rolle haben wird. Hinzu kommen erweiterte Assistenzprogramme und verschiedene Neuerungen. Damit heben wir die Gesamtwirtschaftlichkeit und Performance der Maschinen auf ein neues Niveau. Gemeinsam mit unseren Partnern in Europa geht es um den maximalen Kundennutzen durch den Einsatz neuer Technologien.

FAQ - TCO-Strategie bei Krauss Maffei

Welche Technologien prägen die Kunststoffverarbeitung in den nächsten Jahren?

Im Vordergrund steht die Wirtschaftlichkeit über den gesamten Lebenszyklus. Automatisierung, KI-Funktionen und Sensorik erhöhen zwar die Anschaffungskosten, senken aber Energieverbrauch und Ausschuss im Betrieb. Zudem werden mehrere Produktionsschritte zunehmend zusammengefasst – etwa bei der ColorForm-Technologie, die Bauteilherstellung und Lackiervorgang verbindet.

Wie verändert sich die Zusammenarbeit mit Lieferanten bei Krauss Maffei?

Lieferanten werden stärker in Innovationsprozesse eingebunden und können sich von reinen Zulieferern zu Entwicklungspartnern weiterentwickeln. Die Kommunikation läuft dabei in alle Richtungen – zwischen Einkauf, Entwicklung und Lieferant. Ende 2024 veranstaltete KraussMaffei unter Federführung des Einkaufs einen Lieferantentag, bei dem Lieferanten ausdrücklich eingeladen wurden, eigene Ideen einzubringen.

Wie geht Krauss Maffei mit Lieferrisiken um?

Der Einkauf wird spätestens zum Projektstart eingebunden, um Lieferrisiken frühzeitig zu steuern. Ein möglichst lokales Liefernetzwerk reduziert Abhängigkeiten. Beim Second Sourcing werden zwei Lieferanten für ein Produkt freigefahren – das senkt die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern und Regionen, bedeutet aber auch mehr Verhandlungsaufwand und kann Auswirkungen auf den Preis haben.

Welche Rolle spielen Rezyklate in der Kunststoffverarbeitung?

Prozesstechnisch ist die Verarbeitung von Rezyklaten laut Dr. Geyer meist kein großes Problem mehr – digitale Assistenzprogramme gleichen Materialschwankungen aus und sichern gleichbleibende Bauteilqualität. Dennoch zögern viele Kunden, da Neuware teils günstiger ist als Rezyklate und Zulassungen sowie Geruchsproblematiken hinzukommen. Krauss Maffei empfiehlt, frühzeitig mit dem Know-how-Aufbau zu beginnen, da Regulierungen und Kosten für Neuware weiter steigen werden.

Wie integriert Krauss Maffei Nachhaltigkeit in seine Einkaufsstrategie?

Nachhaltigkeit wird nur dann konsequent umgesetzt, wenn sie wirtschaftlich ist. Im Einkauf werden Nachhaltigkeitskriterien über ein Bonus-Malus-System in die Lieferantenbewertung einbezogen. Bei der Produktentwicklung steht der gesamte Lebenszyklus im Fokus: Da die Nutzungsphase einer Maschine deren CO₂-Fußabdruck stärker beeinflusst als die Herstellung, richtet Krauss Maffei seine Entwicklung auf Energieeffizienz und lange Lebenszyklen aus.