Im Interview erklärt Beschaffungsexperte Manfred Schmid, warum zu einem guten Einkauf das Warengruppenmanagement gehört und warum der Mensch trotz perfekter Strategien der entscheidende Erfolgsfaktor bleibt.
Kathrin IrmerKathrinIrmer
Schrauben und Muttern: Manfred Schmid hält ein Plädoyer für die Warengruppenstrategie.Kara - stock.adobe.com
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TECHNIK+EINKAUF: Was macht eine gute
Beschaffungsabteilung aus - sind es die guten Prozesse oder die gut
aufbereiteten Daten?
Ich würde sagen beides. Prozesse und Daten sind Hygienefaktoren. Natürlich
helfen klare, einfache Daten, vielleicht
auch nicht zu komplexe und gelebte Prozesse. Wenn ich das nicht habe, wird es
schwierig. Bei Daten setze ich meine Hoffnung ein bisschen auf KI. Mit der
perfekten Datenlage waren wir vor 20, 30 Jahren schon imstande super
Analysen zu fahren. Aber die KI hilft enorm, auch
mit einer diffuseren Datenlage klarzukommen.
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Eine gute Beschaffungsabteilung
braucht aber auch Mitarbeiter, die mit komplizierteren Prozessen zurechtkommen, also gut ausgebildet und motiviert. Und dann gehört auch ein gutes
Lieferantenportfolio dazu. Das hat man zwar nie auf den ersten Blick, aber an
dem kann ich arbeiten und optimieren. Und dann gehört natürlich auch eine Strategie
dazu, der Blick in die Zukunft. Gerade beim
strategischen Einkauf geht es auch darum, kontinuierlich besser und
umsetzungswirksam zu werden.
Was braucht der strategische Einkauf konkret, um gut
arbeiten zu können?
Zum strategischen Einkauf gehört
für mich Warengruppenmanagement . Dann gehört natürlich auch eine gewisse Struktur
dazu, die die Möglichkeit gibt, strategisch zu denken. Wenn ich mir im Tagesgeschäft
operative und strategische Aufgaben anschaue, gewinnen immer die operativen
Aufgaben. Irgendein Teil fehlt gerade noch, irgendein Lieferant ruft an,
irgendein Bedarfsträger braucht noch irgendwas dringend.
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Das heißt, ich muss die Möglichkeit
schaffen, strategisch arbeiten zu können. Wenn ich eine Vier-Mann-Abteilung
bin, brauche ich keinen separaten operativen und strategischen Einkauf. Das heißt,
ich muss mir tatsächlich persönlich die Freiräume schaffen. Wenn ich
entsprechend große Einkaufsabteilungen habe, muss man strukturieren und in der
Organisation verankern - operativ und strategisch trennen.
Man sagt immer, die Digitalisierung des Einkaufs
beschleunigt die operativen Geschäfte und die Einkäufer haben mehr
Zeit fürs Strategische. Sehen Sie das auch so?
Auf jeden Fall. Ein großer
Schritt in der Digitalisierung, den man zurückblickend wahrnimmt, ist vor allem im indirekten Einkauf Online-Bestellen und Katalogmanagement. Ich kann als Mitarbeiter in
meinem Büroartikelkatalog anklicken, sehe was ich habe, und dann kommt das ein
paar Tage oder Wochen später auf meinen Schreibtisch. Früher waren Einkaufs-
und Logistikabteilungen damit beschäftigt, Bedarf zu pflegen, zu bündeln und zu
bestellen, zum Beispiel bei Werkzeugen,
Arbeitsschutz oder Büromaterial. Das ist
heutzutage selbstverständlich. Die Einführung war viel Arbeit, aber es bringt
extrem viel Effizienz, die man nicht mehr missen
möchte.
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Und was bringt die KI?
Vita: Manfred Schmid
Der
Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieur war in Managementpositionen und als
Geschäftsführer bei verschiedenen Hidden Champions tätig. Seit mehr als 10
Jahren unterstützt er mit Hand-on-Mentatlität und unkonventionellen Ansätzen
Unternehmen bei Beschaffungsprozessen und Verhandlungen.
KI bringt nochmal eine immense
Einsparung für ganz profane Dinge wie automatisches Rechnungslegen. Früher hat
man die Rechnung eingetippt, das macht heute kein Buchhalter mehr. Trotzdem
haben wir nicht weniger Leute in der Buchhaltung, weil die Aufgaben vielfältiger
werden - mehr in Richtung Risikomanagement und andere Themen. Und natürlich
machen die meisten Unternehmen einfach mehr Umsatz und mehr Menge mit den
gleichen Mitarbeitern.
In Ihrem Buch sprechen Sie von Einkauf neu denken.
Was ist dieses Neudenken? Was meinen Sie damit?
Vielleicht mal zuerst: Was ist
Neudenken? Oft denken die Leute bei Neudenken: Wir optimieren ein bisschen.
Sicher, ich bin ein großer Freund von kontinuierlicher Weiterentwicklung,
kontinuierlicher Verbesserung und Kaizen gehört auch dazu. Aber Neudenken ist
dann schon Radikaldenken, es erfordert auch Mut.
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Was steckt hinter dem
„Radikaldenken“?
Für mich gehört das
Warengruppenmanagement dazu, auch wenn das jetzt nicht neu ist. Aber
Warengruppenmanagement ist immer diese crossfunktionale Zusammenarbeit, also
nicht nur im Einkaufsumfeld denken. Und das wird
immer noch viel zu wenig getan. Die großen Effekte - seien es Einsparungen oder
Innovationen - kommen vor allem, wenn man
abteilungsübergreifend zusammenarbeitet.
Als Einkäufer sind wir immer
noch sehr auf Preise und Kosten reduziert. Das ist leider oftmals der externe Blickwinkel auf den
Einkauf. Da müssen wir als Einkäufer mehr in Wertschöpfungslogik denken. Und wir müssen darauf hinarbeiten, dass die das Management uns in diese Richtung neu denken lassen.
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Wie können Einkäufer Lieferanten dazu bringen, auch
Innovationen einzubringen?
Die Lieferanten sind innovativ,
wenn ich den Lieferanten als Innovationsquelle sehe. Wenn ich ihn als
Preisquelle sehe, bekomme ich auch nur
Preise. Das hat viel mit der eigenen Einstellung zu tun. Ich glaube, wenn die
eigene Einstellung passt, dann passt auch die
Ausstrahlung zum Lieferanten und das, was vom Lieferanten zurückkommt. Und natürlich hilft der persönliche
Kontakt. Ein Besprechungszimmer ist schon besser als nur Mail oder Telefon. Aber wirklich raus an den Markt gehen, zu den
Lieferanten, vor Ort sein - das hilft enorm.
Was bedeutet es, aus Methoden Wirkung entstehen zu
lassen?
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Viele haben theoretisches Wissen, wissen aber nicht, wie sie es in der
Praxis anwenden. Nehmen wir ein ganz profanes
Thema wie eine SWOT-Analyse. Die machen wir vielleicht auch mit anderen
Abteilungen zusammen - über einen Lieferanten oder über eine Warengruppe. Und
dann habe ich eine tolle SWOT-Analyse erhalten mit viele interessante Daten und
Einschätzungen. Ich habe es diskutiert mit Kollegen, wir haben vielleicht
ein gemeinsames Bild, aber dann habe ich noch keine Wirkung, nur eine Analyse. Ich muss aus einer
SWOT-Analyse auch meine Maßnahmen ableiten. Wirkung ist profan: Wer macht was
bis wann? Wenn ich irgendwas tue und am Ende nicht irgendein konkretes To-do herauskommt,
dann fehlt die Wirksamkeit. Es muss am Ende eine konkrete Maßnahme mit klaren
Verantwortlichkeiten stehen, eben auch bei einer
SWOT-Analyse, dadurch entsteht Wirkung.
Wo liegt der größte Stolperstein zwischen guter
Strategie und erfolgreicher Umsetzung?
Buchvorstellung
Beschaffungsstrategie kompakt – Ein Leitfaden für das Warengruppenmanagement
Warengruppenmanagement ist im Einkauf etabliert, doch
es fehlt an klaren Standards und konkreten Handlungsanleitungen. Hier
setzt das Fachbuch von Manfred Schmid, Trainer und Berater für strategischen
Einkauf, an. Auf 272 Seiten liefert es eine praxisorientierte Anleitung für den Aufbau und die Umsetzung robuster Warengruppenstrategien.
Wir denken alle wunderbar
strategisch, aber wir handeln emotional. Das zeichnet uns
gegenüber einer KI aus. Das hat aber seine
Vor- und Nachteile. Das heißt: Die gut gedachte, logisch entwickelte Strategie
muss zu mir passen. Sonst setze ich sie nicht um. Am Ende muss sie auch zu
meiner Emotion passen. Wenn im Unternehmen ein Vorstand eine Strategie entwickelt,
diese auch auf den Einkauf runtergebrochen
wird, aber nicht greift, nicht zu meiner Situation
passt, dann wird es schwierig mit der
Umsetzung.
Der zweite Punkt ist, dass die
Strategie gut sein muss, damit sie umgesetzt wird. Hat auch damit zu tun:
Verstehe ich sie? Ist sie gut kommuniziert? Macht sie Sinn? Wie bringe ich sie
in die Mannschaft rein? Wie bringe ich sie in den Tagesablauf, damit alle in die richtige Richtung gehen? Das hat
vor allem mit guter Kommunikation zu tun.
Und zu einer guten Strategie
gehört für mich auch immer, nein zu sagen. Eine gute Strategie ist vielleicht auch
ein mutiges Nein sagen - ist ja nicht so ganz einfach. Auch mal Dinge zu sagen:
Die tun wir nicht mehr. Das können im
Einkauf profane Dinge sein: In der Warengruppe haben wir jetzt drei
Lieferanten, und wir bauen jetzt keinen vierten auf. Nein. Wir versuchen, mit
diesen dreien zurechtzukommen, müssen uns vielleicht um die drei besser
kümmern. Lean-Strategien sind meines Erachtens viel zu selten. Meist versuchen wir alles zu tun, und da das nicht
umsetzbar ist, priorisieren wir es in der Strategie über längere Zeiträume.
Aber hinter allem, was wir besprochen haben, steht
immer der Mensch, der Mitarbeiter im Einkauf als das Prägende - nicht eine
Software, oder?
Genau, gut ausgebildete
Mitarbeiter, die brennen für das Thema. Und ich glaube, das wird immer
wichtiger, auch durch KI. Vielleicht verhandelt eine KI in ein, zwei oder drei
Jahren - zum Teil sind diese Roboter jetzt schon im
Einsatz - mit dem Lieferanten die Preise. Also etwas, bei dem ich sage: zutiefst Einkäufergeschäft.
Selbst solche klassische Einkäufer-Thematiken werden noch mehr automatisiert.
Und damit werde ich als Mitarbeiter noch strategischer. Ich kann mich, und muss mich noch mehr um die wirklich wichtigen
Themen kümmern. Ich habe überhaupt keine Angst, dass KI uns Arbeitsplätze
wegnimmt. Im Gegenteil: KI hilft uns strategischer
zu werden.
FAQ - Beschaffungsstrategie mit Warengruppen
Was macht eine gute Beschaffungsabteilung aus?
Eine gute Beschaffungsabteilung braucht klare Prozesse, saubere Daten und gut ausgebildete, motivierte Mitarbeiter. Hinzu kommen ein solides Lieferantenportfolio und eine zukunftsorientierte Strategie. KI kann dabei helfen, auch mit unvollständigen Datensätzen sinnvolle Analysen zu ermöglichen.
Warum ist Warengruppenmanagement so wichtig?
Warengruppenmanagement ist ein zentrales Element des strategischen Einkaufs, weil es crossfunktionale Zusammenarbeit fördert. Die größten Effekte – ob Einsparungen oder Innovationen – entstehen dann, wenn Abteilungen übergreifend zusammenarbeiten, statt im eigenen Silo zu denken.
Wie können Einkäufer Lieferanten zu mehr Innovation bewegen?
Entscheidend ist die eigene Einstellung: Wer Lieferanten als Innovationsquelle begreift, bekommt auch Innovationen. Persönlicher Kontakt spielt dabei eine große Rolle – ein Besuch vor Ort wirkt deutlich stärker als Kommunikation per Mail oder Telefon.
Wo scheitert die Umsetzung guter Strategien?
Häufig daran, dass Menschen zwar strategisch denken, aber emotional handeln. Eine Strategie, die nicht zur eigenen Situation oder Überzeugung passt, wird nicht konsequent umgesetzt. Ebenso wichtig ist klare Kommunikation: Nur wer eine Strategie versteht und nachvollziehen kann, wird sie im Alltag leben.
Welche Rolle spielt KI im Einkauf der Zukunft?
KI übernimmt zunehmend operative und repetitive Aufgaben – von der Rechnungsverarbeitung bis hin zu Preisverhandlungen. Das gibt Einkäufern mehr Raum für strategische Themen. Arbeitsplatzverluste sind dabei nicht zu befürchten – im Gegenteil: KI macht den Menschen im Einkauf wertvoller, nicht überflüssig.