Stromkosten im verarbeitenden Gewerbe unterscheiden sich je nach Standort erheblich. Eine Auswertung von mehr als 26.000 Unternehmen zeigt große Differenzen bei Verbrauch und Energiepreis.
Philip Gutsschke, Wattline Philip Gutsschke, Wattline
Die Stromkosten für das verarbeitende Gewerbe variieren stark nach Region.studio v-zwoelf - stock.adobe.com
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In Kürze: Der Gewerbestrom-Report 2026 von Wattline wertet Energiedaten von über 26.000 Unternehmen aus zwölf Branchen und allen 16 Bundesländern aus. Im verarbeitenden Gewerbe schwanken sowohl Verbrauch als auch reine Energiepreise erheblich. Bremen liegt beim Preis rund 28 % über dem Bundesdurchschnitt. Für Einkauf und Produktion werden Standort, Verbrauchsprofil und Beschaffungsstrategie damit zu wichtigen Kostenfaktoren.
Zwei Betriebe, vergleichbare Fertigung, dieselbe Auftragslage und am Jahresende trennt ihre Stromrechnung eine vierstellige Summe. Der Unterschied liegt im Standort. Was lange als Bauchgefühl galt, lässt sich für das verarbeitende Gewerbe inzwischen mit Zahlen belegen.
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Für technische Einkäufer sind Energiekosten längst ein harter Planungsfaktor. Wie groß die regionalen Unterschiede im verarbeitenden Gewerbe tatsächlich sind, blieb bislang jedoch unklar: Belastbare Vergleichswerte für den Mittelstand fehlten. Der Gewerbestrom-Report 2026 der Energieeinkaufsgemeinschaft wattline schließt diese Lücke und wertet dafür die Energiedaten von über 26.000 Unternehmen aus zwölf Branchen und allen 16 Bundesländern aus.
Erstmals eine Datenbasis für den Mittelstand
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Für private Haushalte existieren regionale Strompreisvergleiche seit Jahren. Kleine und mittlere Industriebetriebe tappten bei dieser Frage dagegen im Dunkeln. Genau hier setzt die Auswertung an: Sie zeigt, wie weit Verbrauch und Preis zwischen Regionen und Branchen auseinanderliegen und das auf einer Grundlage, die vorher nur Großverbrauchern zur Verfügung stand.
Wichtig für die Einordnung: Der Report betrachtet die reine Energiekomponente, also den Preis für die Beschaffung der Kilowattstunde. Netzentgelte, Steuern und Umlagen sind darin bewusst nicht enthalten. Die regionalen Unterschiede entstehen damit am Markt und in der Beschaffung und nicht am Netzanschluss. Für den Einkauf ist das eine gute Nachricht, denn genau diese Komponente lässt sich aktiv gestalten.
Wie stark der Verbrauch schwankt
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Der Stromverbrauch im verarbeitenden Gewerbe schwankt von Bundesland zu Bundesland.Wattline
Der mittlere Stromverbrauch im verarbeitenden Gewerbe liegt bei rund 126.080 Kilowattstunden pro Jahr und Betrieb. Dieser Durchschnitt verdeckt allerdings enorme regionale Spannweiten. Zwischen dem verbrauchsstärksten und dem verbrauchsschwächsten Bundesland liegen 236 %.
Am deutlichsten wird das an den Extremen: Hessische Betriebe ziehen im Schnitt knapp 25-mal so viel Strom wie vergleichbare Unternehmen im Saarland. Solche Unterschiede erklären sich nicht durch die Betriebsgröße allein. Fertigungstiefe, Gebäudebestand und Auslastung am jeweiligen Standort spielen ebenso hinein wie der Grad der Elektrifizierung.
Ein Teil der Spannweite steckt schon im Begriff selbst. Das verarbeitende Gewerbe reicht von der energiearmen Montage über Kunststoff-, Textil- und Elektrofertigung bis zur energieintensiven Metallbearbeitung und Gießerei. Je nachdem, welche dieser Zweige eine Region prägen, verschiebt sich ihr Durchschnittswert erheblich. Wer die eigene Stromrechnung allein am Bundesschnitt misst, vergleicht sich deshalb schnell mit einer Kennzahl, die den eigenen Standort gar nicht abbildet.
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Bremen an der Spitze: warum die Preise auseinanderlaufen
Beim Preis zeigt sich ein eigenes Muster und es deckt sich nicht mit dem Verbrauch. Die höchsten reinen Strompreise im verarbeitenden Gewerbe zahlen Betriebe in Bremen, rund 28 % über dem Bundesdurchschnitt. Wer viel verbraucht, zahlt also nicht automatisch den höchsten Preis pro Kilowattstunde. Das klingt zunächst widersprüchlich, hat aber handfeste Gründe.
Der Markt entscheidet, nicht die Steckdose
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Die reine Energiekomponente ist ein Produkt des regionalen Marktumfelds. Sie hängt davon ab, welcher Strommix in einer Region verfügbar ist und wie viel Strom aus Wind und Sonne vor Ort erzeugt und vermarktet wird. Der Marktrahmen prägt den Preis damit stärker als die Frage, wie viel ein einzelner Betrieb abnimmt.
Besonders sichtbar wird das bei der Erzeugung. In Regionen mit viel eingespeister Windkraft oder Photovoltaik steht zeitweise günstiger Strom zur Verfügung, den Lieferanten in ihre Angebote einpreisen können. Wo diese lokale Erzeugung fehlt, ist eine Region stärker auf teureren Zukauf angewiesen.
Der durchschnittliche Strompreis erreichte seinen Höhepunkt nach Beginn des Ukrainekriegs und hat seitdem das Vor-2022-Niveau nicht wieder erreicht.Wattline
Wo der Wettbewerb den Preis macht
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Auch die Dichte der Anbieter wirkt regional unterschiedlich. Wo viele Versorger um Gewerbe- und Industriekunden konkurrieren, fallen Margen und Risikoaufschläge tendenziell niedriger aus. Wo nur wenige aktiv sind, bleibt der Preis oft höher. Das erklärt, warum ein Standort mit hohem Verbrauch nicht automatisch günstiger wegkommt: Über die Energiekomponente entscheidet das regionale Marktumfeld, nicht die abgenommene Menge.
Warum derselbe Betriebstyp je nach Standort anders verbraucht
Dass identische Betriebe je nach Standort unterschiedlich viel Strom ziehen, hat mehrere Ursachen. Gebäudealter, Dämmstandard und regionales Klima bestimmen, wie viel Energie in Heizung, Kühlung und Beleuchtung fließt. Eine moderne Halle mit durchdachtem Lastmanagement kommt spürbar mit weniger aus als ein älterer Standort mit identischem Maschinenpark.
Hinzu kommen Produktionsorganisation, Schichtmodelle und die Leerlaufzeiten der Anlagen. Häufiges An- und Abfahren, ungünstige Taktung und lange Standby-Phasen treiben den spezifischen Verbrauch pro gefertigtem Stück nach oben. Zwei Werke, die dasselbe Produkt herstellen, können sich allein dadurch messbar unterscheiden. Genau hier liegt für den Einkauf ein oft unterschätzter Ansatzpunkt: Der spezifische Verbrauch je Standort ist ein Steuerungswert, kein Naturgesetz.
Der Autor: Philip Gutschke
Philip Gutschke ist stellvertretender Geschäftsführer der Wattline GmbH und verantwortet als Bereichsleiter die Energiebeschaffung sowie die Unternehmensentwicklung. Er begleitet kleine und mittlere Unternehmen dabei, ihre Strom- und Gasbeschaffung professionell aufzustellen und dauerhaft bessere Konditionen zu erzielen. Mit dem Gewerbestrom-Report will er dem Mittelstand eine Datenbasis an die Hand geben, die bislang vor allem Großverbrauchern vorbehalten war.
Was das für den technischen Einkauf bedeutet
Für Einkäufer und Produktionsverantwortliche folgt daraus eine klare Konsequenz: Der Strompreis ist kein Schicksal, sondern gestaltbar. Der erste Schritt ist Transparenz über den eigenen Verbrauch, beispielsweise durch Energiemonitoring. Wer Verbrauch, Lastprofil und Beschaffungskonditionen der eigenen Standorte nebeneinanderlegt, erkennt schnell, wo Geld liegen bleibt.
Ob und wie sich dieser Spielraum in eine passende Beschaffungsstrategie übersetzen lässt, ist ein Thema für sich. Für den technischen Einkauf zählt zunächst eine andere Erkenntnis: Der Standort prägt die Energiekosten stärker, als die meisten Kalkulationen abbilden. Wer ihn als beeinflussbaren Kostenfaktor begreift und nicht als feste Größe, verschafft sich einen Spielraum, den der reine Blick auf die Verbrauchsmenge verdeckt.
Fazit: Der Standort steht in der Rechnung
Der Gewerbestrom-Report macht sichtbar, was viele Betriebe längst ahnten: Gleiche Fertigung, anderes Bundesland, völlig andere Stromrechnung. Entscheidend ist am Ende nicht allein, wie viel ein Betrieb verbraucht, sondern wie klug er seine Energie beschafft und einsetzt. Für das verarbeitende Gewerbe wird daraus eine strategische Aufgabe und zugleich die Chance, einen Kostenblock zu senken, der lange als unveränderlich galt.