Niedrige Wasserstände und hohe Wassertemperaturen beeinträchtigen industrielle Lieferketten auf mehreren Ebenen. Sie begrenzen Transportkapazitäten, beeinflussen die Stromerzeugung und erhöhen Risiken an Produktionsstandorten. René Petri, Deutschlandchef von Proxima, zeigt, worauf Einkaufsteams achten sollten.
René Petri, Proxima René Petri, Proxima
Niedrigwasser am Rhein beim Ölhafen Karlsruhe.Jürgen Humbert - stock.adobe.com
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In Kürze: Niedrige Wasserstände und hohe Wassertemperaturen belasten 2026 mehrere europäische Flussregionen und damit industrielle Lieferketten. Betroffen sind unter anderem Rhein, Elbe, Donau, Rhône und Po – mit Folgen für Transportkapazitäten, Energieversorgung und wasserabhängige Produktion. Einkaufsteams sollten deshalb Transportwege, Standortabhängigkeiten und Frühwarnindikatoren stärker in ihre Risikobetrachtung einbeziehen.
Wasser: mehr als ein Logistikfaktor
Wasser rückt als Beschaffungsrisiko zunehmend stärker in den Fokus. Der Sommer 2026 zeigt, wie eng Europas Industrie mit ihren Flüssen verbunden ist. Ende Juli herrschte Dürre in weiten Teilen West- und Mitteleuropas, auf dem Balkan und in Italien. Auf dem Rhein sinken Ladekapazitäten, auf der Oberelbe ist wirtschaftliche Güterschifffahrt abschnittsweise nicht möglich. An Donau und Rhône beeinflussen Wasserstand und Wassertemperatur die Stromerzeugung.
Rhein und Elbe: Wenn Transportkapazität verschwindet
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Am Rhein bedeutet Niedrigwasser vor allem eines: Die Schiffe können weniger Ladung aufnehmen. Sinkt der Wasserstand, dürfen sie wegen des geringeren Tiefgangs nur noch teilbeladen fahren. Für dieselbe Gütermenge werden deshalb mehr Schiffe benötigt. Sinkt die durchschnittliche Frachtkapazität um 25 Prozent, können laut DIHK pro Monat knapp drei Millionen Tonnen weniger transportiert werden. Das entspricht fast 120.000 Lkw-Ladungen; entsprechende Ersatzkapazitäten stehen nicht ohne Weiteres zur Verfügung: die Transportkosten steigen.
Risikoprofil: Sehr hoch für Deutschland Art des Risikos: Niedrigwasser, Kapazitätsverlust Auswirkungen auf die Lieferketten: Geringere Zuladung, höhere Frachtraten Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Rhein; Mineralöl, Chemie, Roh- und Massengüter Frühwarnindikatoren: Pegelprognosen, Frachtraten, Kleinwasserzuschläge
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Bei der Elbe ist das Transportvolumen zwar geringer als am Rhein, für bestimmte Güter kann Niedrigwasser jedoch besonders gravierende Folgen haben. Während im Frühjahr in den Oberelbe-Häfen noch Transformatoren, Generatoren, Tanks und Coldboxen mit Stückgewichten von bis zu 225 Tonnen per Binnenschiff bewegt wurden, war die wirtschaftliche Güterschifffahrt zwischen Tschechien und Magdeburg im Juli wegen des Niedrigwassers nicht mehr möglich. Großraum- und Schwertransporte blieben in den Häfen, weil sie nicht kurzfristig auf Straße oder Schiene verlagert werden konnten.
Gerade für den Maschinen- und Anlagenbau ist das kritisch: Sehr schwere oder große Teile lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Transportmittel verlagern. Damit zählt die Elbe insbesondere bei Schwer- und Spezialtransporten zu den besonders anfälligen deutschen Wasserstraßen.
Risikoprofil: Hoch für Projekt- und Schwerlast Art des Risikos: Niedrigwasser, geringe Ausweichmöglichkeiten Auswirkungen auf die Lieferketten: Verzögerungen, Terminrisiken im Anlagenbau Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Tschechien, Sachsen, Sachsen-Anhalt; Transformatoren, Generatoren, Anlagenkomponenten Frühwarnindikatoren: Pegel, Schifffahrtsmeldungen, Schwertransport-Vorlaufzeiten
Donau und Rhône: Wenn Wasser zur Energiefrage wird
An der Donau zeigt sich besonders deutlich, warum Wasser mehr als ein Logistikthema ist. Im Juli wurde am ungarischen Kernkraftwerk Paks sichtbar, wie sich ein niedriger Wasserstand auf die Energieversorgung auswirken kann. Das Kraftwerk nutzt Donauwasser zur Kühlung und steht für fast die Hälfte der ungarischen Stromerzeugung. Wegen des außergewöhnlich niedrigen Wasserstands musste die Leistung reduziert werden; zeitweise stand sogar eine vollständige Abschaltung im Raum.
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Ein ähnliches Bild zeigte sich wenig später in Rumänien. Für den Einkauf verbirgt sich dahinter eine Abhängigkeit: Steht die Energieversorgung eines Produktionsstandorts auf dem Spiel, kann das auch Lieferanten und Vorprodukte treffen, die selbst niemals per Binnenschiff transportiert werden. Genau deshalb greift es zu kurz, Flüsse ausschließlich als Transportwege in die Risikobetrachtung einzubeziehen.
Risikoprofil: Hoch Art des Risikos: Niedrigwasser, Kühlwasserengpässe Auswirkungen auf die Lieferketten: Risiken für Stromerzeugung und Produktion Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Ungarn, Rumänien; Strom, energieabhängige Vorprodukte Frühwarnindikatoren: Pegel, Abfluss, Wassertemperatur, Kraftwerksverfügbarkeit
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An der Rhône kommt eine zweite Dimension hinzu: Wärme. Zu warmes Wasser kann die Energieerzeugung beeinflussen, wie sich erst kürzlich am Kernkraftwerk Bugey im Osten Frankreichs zeigte. Dort musste im Juli einer der Reaktorblöcke vorsorglich abgeschaltet werden, weil die Temperatur der Rhône stark angestiegen war. Für den Einkauf ist damit auch die Wassertemperatur ein Frühwarnindikator, den es zu beobachten gilt, besonders bei energieintensiven Produktionsstandorten.
Risikoprofil Rhône
Risikoprofil: Mittel; höher für energieintensive Lieferketten Art des Risikos: Hitze, hohe Wassertemperaturen Auswirkungen auf die Lieferketten: Mögliche Einschränkungen der Stromerzeugung Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Frankreich; Strom, energieintensive Vorprodukte Frühwarnindikatoren: Wassertemperatur, Meldungen des staatlichen Energiekonzerns EDF, Hitzewarnungen
Beim Fluss Po in Norditalien rückt hingegen der Produktionsstandort selbst in den Fokus. Das ist für den Einkauf relevant, weil die dortige Industrie unmittelbar von der regionalen Wasserverfügbarkeit abhängt. Im gesamten Po-Tal werden jährlich rund zwei Milliarden Kubikmeter Wasser für industrielle Zwecke entnommen. Gleichzeitig gehört die Region zu den wichtigsten Wirtschaftsräumen Italiens: Rund 41 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts entstehen hier, 37 Prozent der Unternehmen des Landes sind dort angesiedelt.
Im August dieses Jahres traf dieser hohe Wasserbedarf auf eine angespannte Versorgungslage. Die zuständige Behörde stufte die Wasserknappheit als hoch ein. Für Einkaufsteams ergibt sich daraus eine etwas andere Risikofrage als bei Rhein oder Elbe: Benötigen Lieferanten viel Prozess- oder Kühlwasser und wie gut sind sie gegen Einschränkungen bei der lokalen Wasserversorgung abgesichert?
Risikoprofil Po
Risikoprofil: Mittel; höher für wasserintensive Produktionsstandorte Art des Risikos: Dürre, Wasserknappheit Auswirkungen auf die Lieferketten: Einschränkungen bei Prozess- und Kühlwasser, steigender Druck auf wasserabhängige Produktionsstandorte Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Norditalien; insbesondere wasserintensive Industrien und Vorprodukte Frühwarnindikatoren: Wasserknappheit, Abflussmengen, Speicherstände, regionale Beschränkungen bei Wasserentnahme
Der Autor: René Petri
René Petri ist Experte im Bereich Beschaffung und Supply-Chain-Management mit über 26 Jahren Berufserfahrung. Als Deutschlandchef bei Proxima verantwortet er die europäische Expansion des Beratungsunternehmens für Einkaufsoptimierung und Supply-Chain-Management. Er entwickelt Strategien, um globale Lieferketten effizienter, nachhaltiger und widerstandsfähiger zu gestalten.
Was Einkaufsteams jetzt tun sollten
Einkaufsteams sollten wissen, wo Wasser für ihre Lieferketten kritisch ist.
Erstens: Wichtige Warengruppen nach Transportmodus kartieren, einschließlich Etappen der Binnenschifffahrt bei Lieferanten und Vorlieferanten.
Zweitens: Wasser und Wasserstraßen gehören in die Bewertung kritischer Standorte: Benötigt ein Werk viel Prozess- oder Kühlwasser? Hängt die lokale Energieversorgung stark von Flüssen oder Wasserkraft ab?
Drittens: Passende Frühwarnindikatoren sind nötig. Beim Rhein sind das etwa Pegelprognosen, Frachtraten und Kleinwasserzuschläge; bei energieabhängigen Standorten zusätzlich Wassertemperaturen und Kraftwerksverfügbarkeit. Es empfiehlt sich, mehrere solcher Signale mit vorab definierten Schwellenwerten zu kombinieren.
Schließlich müssen Ausweichkonzepte realistisch sein. Lkw oder Bahn helfen wenig, wenn Kapazität, Genehmigung oder Equipment fehlen. Auch eine zweite Bezugsquelle erhöht die Resilienz erst, wenn sie nicht von derselben Wasser- oder Energieabhängigkeit betroffen ist.
Wasser verbindet Logistik, Energie und Produktion. Wer diese Abhängigkeiten transparent macht, kann früher entscheiden, welche Warengruppen Reserven brauchen, wo alternative Sourcing-Strategien sinnvoll sind und bei welchen Lieferanten ein genauerer Blick auf den Standort notwendig wird. Letzten Endes zeigen diese Beispiele aber auch, dass das Thema Resilienz in der Lieferkette längst kein reines Versorgungsthema mehr ist und mit einer im Einkauf oder der Supply Chain verankerten Verantwortung einhergeht: Geschäfts- und Unternehmensleitungen sind gefordert, das Thema auf die Tagesordnung zu nehmen und damit zur Chefsache zu machen.
Niedrige Pegel, hohe Wassertemperaturen und regionale Wasserknappheit können Transportkapazitäten, Stromerzeugung und industrielle Produktionsprozesse beeinträchtigen.
Welche Flüsse sind beim Beschaffungsrisiko Wasser besonders relevant?
Im Ausgangstext werden Rhein, Elbe, Donau, Rhône und Po als Beispiele für unterschiedliche wasserbedingte Risiken genannt.
Welche Auswirkungen hat Wasser als Beschaffungsrisiko auf den Rhein?
Niedrigwasser reduziert die mögliche Zuladung von Binnenschiffen und kann dadurch Transportkapazitäten verringern und Frachtraten erhöhen.
Wie lässt sich Wasser als Beschaffungsrisiko frühzeitig erkennen?
Geeignete Indikatoren sind unter anderem Pegelprognosen, Frachtraten, Wassertemperaturen, Kraftwerksverfügbarkeit, Abflussmengen und regionale Wasserbeschränkungen.
Was sollten Einkaufsteams beim Beschaffungsrisiko Wasser beachten?
Relevant sind Transportwege, die Wasserabhängigkeit von Produktionsstandorten, die Energieversorgung von Lieferanten sowie realistisch verfügbare Ausweichmöglichkeiten.