Origify identifiziert Produkte über deren einzigartige Oberflächenstruktur – und das in Echtzeit und per Smartphone. Das sorgt nicht nur für mehr Sicherheit und Transparenz in der Lieferkette, sondern auch für eine bessere Rückverfolgbarkeit und Fälschungssicherheit.
Von Teenager-Dino Rocky wurden etwa 100 Originalknochen registriert.Origify / Dinosauriermuseum Altmühltal
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Ende April 2026 ging Rocky auf Reisen. Rocky ist ein Teenager-T-Rex und wohnt normalerweise im Dinosauriermuseum Altmühltal im oberbayerischen Landkreis Eichstätt. Der zehn Meter lange Dino weilt jedoch zurzeit in der chinesischen Hauptstadt Peking als Leihgabe. Ein Großteil seiner Skelettteile sind Originalfundstücke aus dem US-Bundesstaat South Dakota und datieren 60 Mio. Jahre zurück. Knochen, die fehlten, wurden künstlich hergestellt, um Rocky in seiner ganzen Größe präsentieren zu können.
Um sicherzustellen, dass am Ende der Ausleihe wieder dieselben Teile im Altmühltal ankommen, die abgeschickt wurden, hat sich das Museum für eine ungewöhnliche Methode entschieden: 100 Originalknochen wurden fotografiert und mithilfe eines speziellen Verfahrens identitätsgesichert. Dafür arbeiteten die Museumsspezialisten mit Bosch Secure Authentication zusammen, das unter der Marke Origify eine Technologie anbietet, die eine fast 100%ige Rückverfolgbarkeit und die Fälschungssicherheit garantieren soll.
Fälschungssicherheit und Rückverfolgbarkeit – Pflicht und Kür
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Was bei den Dinosaurierknochen funktioniert, soll in der Industrie mit ihrer Serienfertigung die Produktauthentifizierung revolutionieren und Alternativen wie QR-Codes und Matrix-Codes überflüssig machen. Nichts weniger hat sich Oliver Steinbis, Technischer Geschäftsführer und Mitentwickler von Origify, vorgenommen, denn „Origify benötigt keine Etiketten, Tags oder Markierungen jeglicher Art“, skizziert Steinbis, „Die Authentifizierung erfolgt, ohne die Ästhetik zu beeinträchtigen oder sichtbare Elemente hinzuzufügen.“ Warum das so wichtig ist? Plagiate sind für einen enorm hohen wirtschaftlichen Verlust verantwortlich: Die OECD schätzt, dass im weltweiten Handel rund 2,5 % Fälschungen unterwegs sind, das bedeutet einen jährlichen Verlust von rund 60 Mrd. EUR allein in der EU. Zusätzlich ein geschätzter Verlust von rund 670.000 Arbeitsplätzen. Hier eine standardisierte und kostengünstige Lösung anzubieten, liegt also auf der Hand.
Etwas subtiler wirkt die Rückverfolgbarkeit. „Sie erzeugen eigentlich keinen direkten Return on Invest“, weiß Oliver Steinbis. „Es handelt sich dabei quasi um einen Service, der nur indirekt auf Ziele wie eine bessere Qualität einzahlt – eine Preiserhöhung können Sie nach Einführung eines solchen Systems in der Regel nicht durchsetzen.“ Trotzdem ist sie wichtig. Beispielsweise hat die Automobilindustrie enge Vorgaben bezüglich der Ausfallwahrscheinlichkeit von Bauteilen, sie liegt bei wenigen pro Million. „Im Fehlerfall muss der Hersteller schnell identifizieren, welche Fahrzeuge mit welcher Charge des Bauteils ausgestattet sind“, erläutert Steinbis. „Sicherheitsrelevante Bauteile müssen sogar rückverfolgbar sein – das aber möglichst günstig.“ Für Label schlagen dabei immer die Kosten für Material (Papier, Kleber) zu Buche. Solche Kosten kann Origify mit seiner Methode einsparen. Doch wie genau funktioniert das?
Jede Oberfläche ist anders
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Zunächst macht eine Kamera ein Schwarz-Weiß-Foto der Produktoberfläche. Das kann ein Smartphone oder eine Industriekamera übernehmen, wichtig ist eine minimale Auflösung von
mindestens 12 Megapixel. „Ausgelesen werden dann 10.000 Merkmale auf einem fünf Quadratmillimeter großen Ausschnitt“, verrät Steinbis. Zum Vergleich: Menschen lassen sich per Fingerabdruck über lediglich 12 Merkmale identifizieren. „Unsere Merkmale umfassen beispielsweise Helligkeits- oder Höhenunterschiede, aber auch Produktionsdatum und -ort“, erklärt der Origify-CEO. Anschließend werden diese Merkmale in einen nur 10 Kilobyte kleinen Hash-Code umgewandelt, der seine Heimat in der Origify-Cloud-Datenbank findet und für spätere Vergleiche als Referenz dient.
Selbst verschleißanfällige Bauteile wie Bremsen kann Origify registrieren, wenn eine verschleißfreie Stelle genutzt wird.Origify
Gibt es einen Verdacht auf eine Fälschung oder muss ein Bauteil aufgrund eines Defekts zurückverfolgt werden, ist das einfach: Über die Origify Detect App lässt sich mithilfe eines Fotos oder eines Videos des betreffenden Gegenstands herausfinden, ob es sich dabei um das registrierte Original handelt. „Dieser Vergleich läuft sehr komplex, aber grundsätzlich darüber, wie ähnlich sich die beiden fotografierten Teile sind“, veranschaulicht Oliver Steinbis, „und wie weit der Abstand zum nächstähnlichen Produkt und zur Grundgesamtheit ist“. Gibt es ein Match, ist das Produkt authentisch, kein Match bedeutet, dass es sich um eine Fälschung handelt.. „ Logos, Hologramme, Gravuren oder sonstige sichtbare Merkmale können kopiert werden – eine einmalige Oberfläche dagegen jedoch nicht“, ist sich Steinbis sicher.
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Selbstverständlich unterliegen alle Produkte einem natürlichen Verschleiß, das gilt besonders für Bauteile aus der Industrie. Laut ISO-Norm ist bei Authentifizierungstechnologien wie QR-Codes ein Verschleiß von etwa 30 % hinnehmbar, bevor ein Gegenstand nicht mehr authentifiziert werden kann. Die Origify-Technologie erlaubt ein sogenanntes „Wear & tear“ von 40 %, das reicht, um Fälschungen zu 100 % zu erkennen. „Natürlich kommt es auch darauf an, welche Stelle des Produkts für die Authentifizierung genutzt wird“, betont Oliver Steinbis. „Wir setzen uns daher schon im Vorfeld mit den jeweiligen Produkten auseinander, sodass eine möglichst geeignete Umgebung für die Generierung der Merkmale genutzt wird.“ Bei Sonnenbrillen ist zum Beispiel das Scharnier fast verschleißfrei, bei Uhren hat sich ein Bereich drei Millimeter unter der Zwölf als ideal herausgestellt.
Oberflächenbilder von (fast) allen Produkten
Origify hat seinen Ursprung in der Automobilindustrie. Das Pilotprojekt wurde 2018 mit der Authentifizierung von Abgassensoren gestartet. „Das Problem bei dem günstigen Kleinstteil war, das es darauf keinen Platz für herkömmliche Methoden wie geklebte Labels gab“, erinnert sich Steinbis. „Da bei Origify jedoch lediglich ein Teil der Oberfläche kartografiert wird, spielt die Größe des Produkts keine Rolle.“ Auch die meisten Materialien eignen sich für die Authentifizierung über die Oberflächenstruktur: „Metalle, Kunststoffe und natürliche Stoffe wie Leder oder Holz, sind perfekt dafür“, so die Aussage. In der Serienfertigung findet dieser Authentifizierungsprozess am Ende der Produktionskette statt. Nur die Physik ist für Steinbis aktuell noch der Endgegner: „Glas und stark reflektierende Oberflächen bieten wenig Struktur, aus diesem Grund ist hier die Wahrscheinlichkeit höher, falsche Ergebnisse zu liefern.“ Bei teuren Weinflaschen ist der Workaround daher, den Korken zur Authentifizierung zu nutzen, bei Luxusuhren kann durch das Glas durchfotografiert werden. „Nur mit Textilien tun wir uns sehr schwer, da die Abnutzung sehr hoch ist.“
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Mit Origify lassen sich originale Bauteile von OEMs identifizieren.Ralf Grömminger / Origify
Die Origify-Technologie eignet sich jedoch nicht nur für serielle Industrie- und luxuriöse Manufakturartikel. „Speziell in der Hochsicherheitstechnologie kann sie für sehr viel mehr Sicherheit sorgen“, sagt CEO Steinbis. Das betrifft beispielsweise Steuerbanderolen, Pässe, Geldscheine oder wichtige Dokumente. Es ließen sich dabei nicht nur die speziellen Sicherheitspapiere und -tinten einsparen. Viel wichtiger ist, dass auf diese Weise menschliche Fehler, etwa bei der Passkontrolle, vermieden werden könnten – immerhin dauert eine Rückverfolgung per Origify lediglich wenige Sekunden.
Gretchenfrage: Mit oder ohne KI?
Auch wenn der Gedanke nahe liegt, Origify nutzt für seine Technologie keine Künstliche Intelligenz. „Nicht, weil sie dafür zu schlecht ist – sie setzt einfach woanders an“, erklärt Oliver Steinbis. „KI muss angelernt werden mit Daten, wie die Produkte des OEM aussehen. Dabei kommt sie aber nie aufs Einzelteil runter.“ Das heißt: Die KI könnte bei einem gefälschten Produkt zwar sagen „Du bist nicht gut genug, daher bist du eine Fälschung“. Fälscher müssten das Produkt aber nur gut genug nachbauen, damit die KI letztendlich doch getäuscht werden kann. „Und dafür sind Fälscher mittlerweile gut genug geworden“, ist sich Steinbis sicher. Hinzu kommt: Während bei einer teuren Luxusuhr eine falsch-positive Einschätzung noch verschmerzbar wäre, ist es das beim Krebsmedikament nicht mehr.
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Und warum war Origify für das Altmühltaler Museum das Mittel der Wahl? Das Rocky-Skelett musste natürlich für die Zeit der Ausleihe versichert werden – 30 Mio. EUR beträgt sein Wert. Um zu garantieren, dass später wieder dieselben Teile zuhause ankommen, die verschifft wurden, muss dies auch nachweisbar ist. So kann Rocky nun wieder in seine Heimat einziehen – nachweislich mit allen Originalteilen.
Konzerneigener Business Case
Neben Fälschungssicherheit und Rückverfolgbarkeit ergibt sich ein weiterer Vorteil bei Unternehmen mit mehreren Standorten: Die Vermeidung von doppelten Prüfungen. Beispielsweise produziert Bosch in seinem Bamberger Werk Bauteile von Sensoren. Diese werden anschließend ins Werk Feuerbach verschickt, wo sie zu fertigen Abgassensoren zusammengebaut werden. Die Bauteile durchlaufen also sowohl vor dem Versand in Bamberg als auch nach der Ankunft in Feuerbach jeweils dieselbe Prüfung. “Die Doppelarbeit entstand nur, da die Daten nicht transportiert bzw. zugeordnet werden konnten. Diesen Aufwand konnten wir einsparen“, freut sich Oliver Steinbis.
Origify fotografiert einen kleinen Bereich der Produktoberfläche, analysiert bis zu 10.000 Merkmale und speichert daraus einen Referenzcode für spätere Authentifizierungen.
Welche Genauigkeit erreicht Origify?
Bosch Secure Authentication gibt für Origify eine Genauigkeit von 99,8 % an.
Welche Materialien eignen sich für Origify?
Besonders geeignet sind laut Origify Metalle, Kunststoffe sowie natürliche Materialien wie Leder oder Holz. Schwierigkeiten bestehen bei Glas, stark reflektierenden Oberflächen und Textilien.
Benötigt Origify QR-Codes oder Labels?
Nein. Origify arbeitet laut Hersteller ohne Etiketten, Tags oder sichtbare Markierungen und nutzt stattdessen die individuelle Oberflächenstruktur eines Produkts.
Setzt Origify Künstliche Intelligenz ein?
Nein. Origify nutzt keine KI, sondern gleicht die individuellen Merkmale eines einzelnen Produkts mit einem zuvor gespeicherten Referenzdatensatz ab.