Gestapelte Container auf einem Gelände und ein Gabelstapler im Vordergrund

Im Zuge des Ukrainekriegs kommen viele Lieferketten an ihre Belastungsgrenze. Welche Versicherungen helfen, die Folgen abzumildern? (Bild: NVB Stocker - stock.adobe.com)

Zahlreiche Lieferketten sind durch den Ukraine-Krieg gestört. Welche zusätzlichen Risiken ergeben sich für Industrieunternehmen? Und welche Versicherungen versichern einen Kriegsfall? Ralf Bender gibt einen Überblick.

Das produzierende Gewerbe sah sich bereits 2020 infolge der pandemiebedingten globalen Mobilitäts- und Kontakteinschränkungen erheblichen Herausforderungen gegenüber. Innerhalb kürzester Zeit rissen eng getaktete, international verflochtene Supply Chains, ganze Fertigungslinien standen still, bereits gefertigte Waren konnten nicht ausgeliefert werden.

Die Versicherungspartner der Industrie trugen ihren Teil dazu bei, die entstandenen Schäden im vereinbarten Vertragsrahmen zu regulieren. Waren Rückwirkungsschäden in den Ertragsausfall-Policen eingeschlossen, führten auch Beeinträchtigungen Dritter oder gestiegene Beschaffungskosten für Roh- und Zusatzstoffe nicht zu zusätzlichen finanziellen Belastungen.

Doch der Ukraine-Krieg verschärft die Gesamtsituation für die Industrie in einem erheblichen Maß. Inwieweit verändert die Kriegssituation also die Regulierung der resultierenden Schäden? Wie können Versicherer Unternehmen heute noch schützen?

Lieferketten aus Russland und der Ukraine unter Druck

Der Industriestandort Deutschland ist mehr von Importen aus der Russischen Föderation abhängig, als es die reinen Warenimportzahlen vermuten lassen. Das Institut der Deutschen Wirtschaft hat in einer Studie die Relevanz Russlands für die hiesigen Wertschöpfungsketten untersucht. Obgleich nur 2,7 Prozent unserer Wareneinfuhr aus Russland stammen, beziehen wir

  • 55 Prozent unseres Erdgases aus der Russischen Föderation,
  • ein Drittel unseres Erdölbedarfs,
  • zwei Drittel an Isopren-Kautschuk (Reifen) und
  • ein Viertel des für die Produktion von Katalysatoren benötigten Palladiums.

Diesbezüglich multipliziert sich pro 1 Euro russische Wertschöpfung auf 100 Euro Endnachfrage in Deutschland. Die Analysten der Bundesvereinigung Logistik (BVL) gehen weiterhin davon aus, dass insbesondere Industrieunternehmen mit dieser angespannten Lage noch mindestens bis Mitte 2023 leben müssen. Aus der Ukraine kommen verständlicherweise ebenfalls stetig weniger Importe.

Produktionsausfälle werden immer wahrscheinlicher. Diese können sich selbst bei kleineren Herstellern zu Ausfallschäden von bis zu 14.200 Euro pro Stunde aufsummieren. Welche Versicherungen sind von diesen Umständen nun betroffen, welche Abdeckungsmöglichkeiten stehen Unternehmen noch offen?

Transportversicherung – Kriegsdeckung schützt üblicherweise nur See- und Luftwege

Durch den Überfall Russlands auf die Ukraine hat sich eine neue Situation ergeben. Warentransportversicherungen beinhalten in der Regel nur Deckungszusagen für Ladungen, die durch Kriegseinwirkungen auf dem See- oder Luftweg beschädigt oder zerstört wurden. Transporte über Landverbindungen sind explizit nicht abgedeckt.

Kriegsklauseln beinhalten üblicherweise ein Sonderkündigungsrecht mit einer entsprechend kurzen Frist von 48 Stunden, um auf die sehr dynamischen geopolitischen Lageveränderungen reagieren zu können. Nahezu alle involvierten Versicherer haben diese Option inzwischen genutzt, um das unkalkulierbare Deckungsrisiko auszuschließen.

Unternehmen können in begründeten Einzelfällen den Wiedereinschluss dieser Risiken mit ihren Assekuranzpartnern vereinbaren, wenn zum Beispiel vor jedem Transport eine eindeutige Anmeldung erfolgt und die signifikant gestiegene Verlust- oder Beschädigungsgefahr durch eine Zusatzprämie zumindest teilweise berücksichtigt wird. Dies wird jedoch zunehmend restriktiver gehandhabt.

Ein weiterer fundamentaler Unterschied zu den Lieferkettenstörungen durch die Covid-19-Pandemie basiert auf den gegen Russland als Staat, unterschiedlichsten Personen und Unternehmen verhängten internationalen Sanktionen. Hier empfehlen wir unseren Kunden eindringlich, sich sehr genau und in kurzen Abständen über die für sie als Unternehmen relevanten Konsequenzen und Bedrohungen zu informieren.

Angesichts der Bandbreite und Wirkungstiefe der Sanktionen, die über Due-Diligence-Systeme Geschäftspartnerschaften beeinträchtigen können, lässt sich der potenzielle Schaden kaum absehen. Mögliche rechtliche Konsequenzen bei Fehlverhalten sind in diesen Überlegungen überhaupt noch nicht enthalten.

Ein erhebliches Risiko entsteht aufgrund von Lieferverzögerungen oder Frachtausfällen durch den Ukraine-Krieg oder die weltweite Störung der Lieferketten auch im Bereich der Vermögensschäden. Werden diese durch solche globalen Ereignisse verursacht, so sind daraus resultierende Umsatzausfälle, Pönalen etc. über die Vermögensschadensklauseln der Transportversicherungen standardmäßig nicht gedeckt. Zu diesem Risiko sind auch hier einzelvertragliche Lösungen vor Transportbeginn zu treffen.

Haftpflichtversicherung – höhere Prämien und niedrigere Deckungssummen

Im industriellen Haftpflichtbereich ist ein klarer Trend zu Kapazitätskorrekturen nach unten zu erkennen – und entsprechend höherer Prämien und erhöhter Eigentragungsquoten. Besonders im Fokus stehen unter anderem die Automobilzulieferer- oder auch die Baustoffindustrie, insbesondere aufgrund der stetig steigenden Gesamtschadenszahlen.

Diese belastet die Situation, selbst wenn die Einzelrisiken kaum schadensauffällig werden. Die zunehmenden Cyber-Risiken – auch angesichts des Ukraine-Krieges – bedrohen Unternehmen zusehends und führen bereits zu Risikoausschlüssen bei Industrie-Haftpflichtversicherungen.

Technische Versicherung – Inflation und Projektrisiko erhöhen leicht die Preissituation

Die durch den Ukrainekrieg und die angespannte Lage auf dem Energiemarkt steigende Inflation wirkt sich natürlich auch auf die Höhe der Prämien aus. Hiervon bleibt auch der Bereich der technischen Versicherungen nicht verschont, der bis auf den Montage- und Bauleistungssektor sowie in Spezialfällen eigentlich keine weiteren preistreibenden Impulse aufweist und für die Risikoträger weitestgehend kostendeckend betrieben werden kann.

Fazit – globalen Unwägbarkeiten durch enge Abstimmung begegnen

Corona-Krise, Umweltkatastrophen, Krieg in der Ukraine, internationale Spannungen – die globale Politik- und Wirtschaftslage ändert sich immer schneller und umfassender. Dieser Situation können speziell produzierende Unternehmen nur entgegentreten, wenn sie ihre Betriebsrisiken in engster Abstimmung mit ihren Assekuranzpartnern analysieren, abdecken und aktualisieren sowie die internationale Lage genau im Auge behalten.

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