Drei Stunden statt drei Wochen: schaltschranklose Lösungen können den Installationsaufwand um bis zu 40 Prozent senken. Die fortschreitende Elektrifizierung macht’s möglich.
Sabine SpinnarkeSabineSpinnarke
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Exemplarische Installation im Karosserie-Rohbau mit elektrischen Spannern. Vario-X integriert sich nahtlos in jede Installation und ist offen für sämtliche Automatisierungsarchitekturen.Murrelektronik
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Wie der Traum vom Fliegen, sei die Idee einer
schaltschranklosen Fabrik. Der Schaltschrank, in dem alle elektrischen
Anschlusskomponenten, Steuerungen und Schutzeinrichtungen übersichtlich
angeordnet sind, steht im Weg, kostet Manpower bei Bau und Installation vor Ort
und er nimmt zu viel Platz ein. „Der Maschinenbauer konstruiert eine Maschine.
Dann kommt der Elektrotechniker mit seinem Gehäuse für die elektrische
Anschlusstechnik. Dieses Gehäuse ist im Laufe der Jahre immer aufwendiger und
größer geworden und das passte dem Maschinenbaukonstrukteur selten“, sagt Daniel
Siegenbrink, Produktmanager MX-System bei Beckhoff.
Max Steinbacher, Produktmanager FieldPower-System, WeidmüllerWeidmüller
Für die Energieverteilung gibt es schon seit vielen Jahren Verteilerboxen
fürs Feld. Weidmüller ist einer der Hersteller, die so etwas anbieten. „Ziel
bei Weidmüller war es damals bei längeren Strecken in der Intralogistik mehrere
Verbraucher – klassischerweise Motoren – mit Strom zu versorgen“, erklärt Max
Steinbacher, Produktmanager Fieldpower-System bei Weidmüller. Statt für viele
Dutzend Motoren jeweils separate Leitungen zu verlegen, kann eine Hauptleitung
mit mehreren Abzweigen genutzt werden.
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Stromversorgung weiterhin im Schaltschrank
Das Fieldpower-System heute kann weit mehr als die reine
Energieverteilung: entstanden ist über die Jahre ein modularer Baukasten, der
nicht nur die dezentrale Stromversorgung unterstützt, sondern auch die
Integration von Funktionen wie Schutz- und Steuerungskomponenten erlaubt. „Das
ersetzt nicht den Schaltschrank, in dem weiterhin die Stromversorgung und
Sicherheitsgeräte sind. Vielmehr können die Schaltschränke kompakter gebaut
werden. Und vor allem reduzieren sich die Kabellängen deutlich“, sagt
Steinbacher.
2021 gab es einen weiteren Entwicklungssprung und
Murrelektronik brachte zur Fachmesse Interpack Vario-X auf den Markt. „Vario-X
ist eine dezentrale, modulare und offene Automatisierungsplattform, die alle
Automatisierungsfunktionen erstmals komplett schaltschranklos und rein
elektrisch realisiert“, erklärt Olaf Prein, Business Unit Automation,
Murrelektronik. Unmittelbar danach folgte Beckhoff mit dem MX-System: „Wir
haben mit dem MX-System eine Lösung entwickelt, die den Schaltschrank ersetzt
und direkt in die Maschine integriert wird“, sagt Produktmanager Siegenbrink.
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Nur noch wenige steckbare Kabel
Beide Systeme sind in sich geschlossen, sie widerstehen
rauen Umgebungsbedingungen, die Feldgeräte lassen sich per Plug & Play
direkt an der Maschine im Feld anschließen. „Statt vieler Adern und
komplizierter Verdrahtung im Schaltschrank genügen wenige steckbare Kabel“, erklärt
Prein. Die Systeme sind außerdem deutlich kleiner als ein herkömmlicher
Schaltschrank. „Etwa ein Drittel der Baugröße“, so Siegenbrink, „Für alles, was
im Schaltschrank elektromechanisch geschaltet wird, mit Ausnahme des
Hauptschalters, gibt es bei uns elektronische Lösungen. Dadurch benötigen wir
weniger Komponenten als klassischerweise im Schaltschrank verbaut werden.“
Das FieldPower-System lässt sich in nahezu alle Automatisierungslösungen integrieren, da es einfach in den Energie-Strang eingebunden wird. Welche Komponenten vorher im Schaltschrank sitzen oder welchen Anschluss der Verteiler hat, spielt dabei keine Rolle.Weidmüller
Im Maschinenbau vereinfachen die Lösungen von Murrelektronik,
Beckhoff und Weidmüller vieles. Besteht eine Anlage beispielsweise aus mehreren
Arbeitsstationen, kann der Anwender in jede seiner Arbeitsstationen eines der
kompakten MX-Systeme integrieren. Die Arbeitsstationen lassen sich so versetzen,
erweitern – ohne dass Änderungen am Gesamtsystem notwendig wären. Bei Beckhoff
sind bereits 60 Module als Serienprodukte verfügbar.
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Durch Fortschritte in der Halbleiterindustrie und bei
Feldbusprotokollen, insbesondere den Sicherheitsfunktionen, ist heute eine hohe
Integrationsdichte möglich. Dem Anwender eröffnet dies eine größere
Flexibilität bei der Gestaltung seiner Automatisierungslösung. Neben zentralen Lösungen
bieten sich nun dezentrale Aufbau-Varianten. „Der Trend geht zur dezentralen
Bauweise: Möglichst viele Komponenten werden aus dem Schaltschrank direkt ins
Feld gebracht", meint dazu Steinbacher.
Wohin mit der Wärme?
Beckhoffs MX-System: Die Schaltschrankverdrahtung wird durch eine Backplane ersetzt, über die sich verschiedene elektronische Baugruppen über standardisierte Schnittstellen automatisch miteinander verbinden lassen.Beckhoff
Technisch limitierender Faktor ist dabei allerdings die
Verlustwärme: „Aktive Elektronik erzeugt Abwärme. Wenn die Leistung zu groß
wird – beispielsweise bei Netzteilen – kann die Wärme in einer kleinen Box
nicht mehr abgeführt werden. Es gibt technische Grenzen“, so Steinbacher. Um
die Wärme abzuführen, gibt es FieldPower-Gehäuse mit Aluminiumdeckel – diese
sind bspw. für Netzteile bis ca. 480 W Ausgangsleistung geeignet.
Strategisch limitierend ist die fehlende Kompatibilität. Das
MX-System und Vario-X sind jeweils eigenständige, in sich geschlossene
Systemlösungen, deren Komponenten weder untereinander noch mit
Systemkomponenten dritter Hersteller kompatibel sind. „Für den technischen
Einkauf, der eine Second Source haben will, ist das womöglich im ersten Moment
eine Hürde“, meint Siegenbrink. Demgegenüber stünden allerdings die Vorteile
einer durchgängigen Systemlösung.
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Zusätzlich entfallen Schaltschrankbau und Installationsaufwand:
Bei einer fiktiven Anlage mit zwölf Bearbeitungsstationen würde ein Elektriker
für den Bau der beiden Schaltschränke etwa drei Wochen benötigen. „Das
MX-System aufzubauen, dauert drei Stunden. Alle Steckverbinder haben einen 1 zu
1 Bezug", rechnet Siegenbrink vor. Statt circa 2.000 Einzelteile sind es
nur noch 100 Teile in Summe. Prein ergänzt: „Die Kombination aus dezentraler
Steuerungsintelligenz, Plug & Play-Installationstechnik und digitalem
Zwilling reduziert den Installationsaufwand um bis zu 40 Prozent und die
Inbetriebnahmezeit um bis zu 70 %."
Daniel Siegenbrink, Produktmanager MX-System BeckhoffBeckhoff
Auch das Fieldpower-System führt zu einer Reduktion des
zentralen Schaltschrankes und kann als Einzelkomponente, vorassembliert oder
bereits fertig verdrahtet geliefert werden. Typische Einsatzgebiete bei
Weidmüller sind weit verzweigte Anlagen mit vielen Motoren: Ein Beispiel ist
eine große Stallanlage mit vielen Ventilatoren, oder ein Lager: „Bei größeren
Automatisierungslager im Einzelhandel mit etwa 1500 Motoren können nicht alle
Motoren über eine einzige Leitung versorgt werden. Es braucht mehrere Abgriffsstränge,
die zentral zusammenlaufen“, erklärt der Produktmanager.
Das Vario-X System ist
laut Prein neben dem Maschinenbau prädestiniert für die Branchen Packaging und
Intralogistik. „Auch für New Energy-Lösungen, wie beispielsweise Elektrolyseure
auf Wasserstoff-Basis oder Windkraftanlagen, hat das System großes Potenzial“,
sagt Prein.
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Die Chancen für dezentrale Lösungen auf dem Markt stehen laut
Steinbacher gut: „Gerade wenn es um Redesign oder Neubauten geht, ist es heute
Gang und Gäbe mehrere kleinere Schaltschränke oder eben FieldPower-Systeme ins
Feld zu setzen.“
„Für den Markt ist es eine Revolution, weil wir uns jetzt vom Schaltschrank komplett verabschieden.“
Daniel Siegenbrink, MX-System Beckhoff
Schwieriger dürfte es sein, bestehende Anlagen zu verändern.
Womöglich erhöht der Fachkräftemangel die Chancen für dezentrale Lösungen zusätzlich:
„Der Markt nimmt es sehr gut an, besonders in lohnintensiven Ländern wie Europa
und den USA", bestätigt Siegenbrink und ergänzt „Geht es um
Automatisierungstechnik – nicht um extrem leistungsintensive Prozesse – werden
sich solche Systeme in den nächsten Jahren bei 70 bis 80% der Lösungen
durchsetzen.“