Armin Pascal (Leiter Einkauf) und Thomas Deck (Leiter Entwicklung) von Vega Grieshaber sprechen über lokale Lieferketten, globale Zulassungen und warum der Schwarzwald bleibt, was er ist: ein Hochtechnologiestandort.
Annette MühlbergerAnnetteMühlberger
Veröffentlicht
Arbeiten Hand in Hand bei VEGA: v.l. Armin Pascal (Prokurist und Leitung Beschaffung ) und Thomas Deck (Head of Research & Development).Ruediger J. Vogel)
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Herr Deck, trotz der Kritik am Standort Deutschland
entwickelt und produziert Vega auch künftig im Schwarzwald.
Thomas Deck: Richtig. Unsere Produkte werden
vollständig in Schiltach entwickelt und größtenteils auch hier gefertigt. In
den USA betreiben wir eine Fertigung für den lokalen Markt, dort werden unsere
Baugruppen montiert und seit kurzem auch Elektronikbaugruppen gefertigt. Auch in Indien und China gibt es Fertigungsstätten für lokal relevante Geräte. Wir
verfolgen die Strategie local-for-local aufgrund der lokalen Lieferketten,
Nachhaltigkeit und Zollthematik. Die Entwicklungsabteilung hier am Standort verantwortet
die Themen Mechanik, Software, Elektronik, Hochfrequenz und Konstruktion.
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Herr Pascal, welche Beschaffungsstrategie verfolgen Sie
für Vega?
Armin Pascal: Wir beschaffen regional, wo möglich,
und international, wo nötig. Etwa bei Elektronikbauteilen, die wir über
Distributoren einkaufen, um marktgerechte Preise zu sichern. Mechanik kaufen
wir weitgehend direkt. Ein wichtiger Markt für hochpräzise HF-Leiterplatten
oder Gehäuseteile ist für uns auch die Schweiz. Ein Grundsatz ist
partnerschaftliche Zusammenarbeit. Das bedeutet: Wir reden mit Lieferanten
nicht nur über den letzten Cent. Für uns zählt das
Gesamtpaket aus Qualität, Zuverlässigkeit, Wirtschaftlichkeit und
Nachhaltigkeit. Wir sind ein mittelständisches, inhabergeführtes
Unternehmen. Den Wirtschaftsstandort Deutschland und die Region zu stärken, ist
ein erklärtes Ziel der Geschäftsführung.
Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Entwicklung und
Einkauf?
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Pascal: Eng. Besonders am Anfang in der
Konzeptionsphase und am Ende des Produktlebenszyklus oder wenn Anpassungen
nötig werden. Während der Serie läuft der Einkauf operativ weitgehend autark.
Deck: Bei neuen mechanischen Komponenten, etwa
Gehäusen, sind wir sehr früh im Gespräch mit möglichen Lieferanten, um die
Machbarkeit zu prüfen. Die Expertise des Lieferanten spielt dabei oft eine
entscheidende Rolle. Werkzeugbau und Bemusterung können je nach Komplexität und
Verfahren bis zu 20 Wochen dauern. Deshalb müssen wir sehr früh starten. Die
Vorauswahl geeigneter Lieferanten erfolgt gemeinsam. Bei elektronischen
Bauteilen läuft es anders: Das Layout für die Leiterplatten entsteht bei uns, wird
qualifiziert und dann geht der Einkauf mit mehreren möglichen
Leiterplattenlieferanten in die Preisverhandlungen. Technikseitig achten wir bei
den elektronischen Bauteilen auf vermeidbare Exoten und darauf, dass wir keine kurz
vor End-of-Life stehenden Bauteile auswählen. Beide Abteilungen achten auf
Mehrquellenfähigkeit.
Wie lange laufen Ihre Produkte?
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Deck: Unsere Produkte haben lange
Lebenszyklen: 10, 15, teilweise 20 Jahre. Allein die weltweiten Zulassungsprozesse
dauern zwei bis drei Jahre. Damit ist eine Produktgeneration schnell fünf bis
sechs Jahre alt, während die Elektronikmärkte viel schnelllebiger sind.
Wo genau sitzen Ihre Lieferanten?
Deck: Ein großer Teil unserer mechanischen
Wertschöpfung stammt aus dem Schwarzwald. Unsere Kunden honorieren, dass wir
überwiegend in Deutschland sourcen und fertigen.
Vita: Armin Pascal
Armin Pascal ist seit 2008 für Vega Grieshaber als Prokurist
und Leiter Materialwirtschaft tätig. Zuvor arbeitete Pascal für den
schweizerischen Kaba-Konzern. Armin Pascal studierte in Konstanz
Betriebswirtschaftslehre, nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann und zum Fachwirt
Einkauf und Logistik.
Pascal:Wir kaufen bewusst regional oder
zumindest europäisch. Versuche, Gehäuseteile in Fernost zu sourcen, wären
preislich attraktiv, passen aber nicht zur Philosophie der Geschäftsleitung:
Wir bleiben in Europa.
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Wie gestalten Sie die Beziehung zu Ihren Lieferanten?
Pascal: Wir wollen für die Unternehmen ein
stabiler Partner unter den Top-10-Kunden sein, aber ihr Geschäft nicht
dominieren. Das schafft Sicherheit ohne Abhängigkeit.
Welche Beschaffungsmärkte sind für Sie kritisch?
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Pascal: Die Elektronikmärkte sind stark zyklisch.
Momentan steigen die Risiken wieder. Viele Experten warnen vor einer neuen
Chipkrise, die Krise um Nexperia ist ein Beispiel. Teilweise entsteht die Verknappung
durch echte Nachfrage, teilweise ist sie aber auch politisch motiviert. Die Situation
auf dem Chipmarkt erinnert ein wenig an die Opec.
Wie reagieren Sie auf diese Schwankungen?
Pascal: Wir federn die Ausschläge durch höhere
Lagerbestände ab. Den Spielraum, die Wellen auf diese Weise abzufangen, haben und
nutzen wir.
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Deck: Lieferbereitschaft hat für Vega oberste
Priorität. Wir bieten unseren Kunden rund 300.000 Produkt-Varianten pro Jahr,
davon liefern wir mehr als 80 % in weniger als fünf Tagen aus. Möglich
wird dies durch unsere regionalen Zulieferer für mechanische Bauteile, von denen viele ihre Ursprünge in der früheren
Uhrenindustrie haben.
Passt die Zusammenarbeit mit den Lieferanten aus der
Region auch wirtschaftlich?
Pascal: Absolut. Wir betrachten nie nur den
reinen Materialpreis. Man muss die Rechnung immer bis zum Schluss machen. Die hiesige
Industrie hat einen hohen Automatisierungsgrad. Das relativiert die Lohnkosten.
Die Nähe spart in der Gesamtbilanz: Was tun, wenn eine ganze Serie nicht passt,
das Gehäuse aber in Asien gefertigt wurde? Unsere Partnerschaften sind langfristig
ausgelegt. Aber wir sehen natürlich auch den Elektronikmarkt. Hier haben wir
eine deutlich geringere Einkaufsmacht.
Hat sich der Zukaufanteil über die Jahre verändert?
Deck: Das
muss man differenzieren. In der Elektronik haben wir eine sehr hohe
Fertigungstiefe: Wir beziehen die Leiterplatten, bestücken und prüfen sie selbst
und bauen sie in die Geräte ein. Mechanische Dreh- und Frästeile beziehen wir
aus der näheren Umgebung unter anderem auch von unserem Schwesterunternehmen.
Pascal:Unser Materialanteil liegt bei 30 bis
35 %. Die Marktpreise sind eher unter Druck. Geschwindigkeit und Supply
Chain Effizienz sind wichtige Themen. Vega ist in den letzten Jahren stark
gewachsen. Viele Produkte haben wir in deutlich höheren Stückzahlen produziert,
als die Jahre zuvor. Da wir langjährige Lieferantenbeziehungen haben,
profitieren wir vom Produktstart weg von Preisen, die sich an den Volumina nach
dem Hochlauf orientieren.
Inwiefern verändert das Wachstum Ihre Zusammenarbeit?
Deck: Wir arbeiten deutlich enger zusammen,
insbesondere in sehr frühen Entwicklungsphasen bis hin zum späteren Serienstart.
So gehen wir zum Beispiel bei den Displays sehr viel stärker in die
Baugruppenfertigung. Wir kaufen also von einem Lieferanten nicht allein das
Display, sondern die komplette Baugruppe. Das verlangt einen intensiveren
Austausch, mit dem Lieferanten, mit dem Einkauf. Die Elektronikfertigung
wiederum liegt stärker bei uns. An dieser Stelle haben wir bewusst Wertschöpfung
im Hause behalten.
Nimmt der Elektronikanteil in den Produkten weiter zu?
Vita: Thomas Deck
Thomas Deck zeichnet seit 2015 für Forschung und Entwicklung
der Vega Grieshaber KG verantwortlich. Deck
studierte Nachrichtentechnik in Offenburg. Ab 1989 arbeitete er für Vega zunächst in der Hard- und Softwareentwicklung und Projektleitung
Radar-/Ultraschallfüllstandsensoren, später als stellvertretender
Entwicklungsleiter.
Deck: Der Anteil steigt weiter, genauso wie
die Miniaturisierung. Die Bauteile werden kleiner. Frühere externe
Programmspeicher sind heute in die Mikrocontroller integriert. Durch unser
Wachstum werden wir als Kunde am Markt allerdings ganz anders wahrgenommen.
Unsere Entwickler sind da Ansprechpartner auf Augenhöhe. Wir haben schon
mehrfach Fehler oder Bugs in Chips gefunden, die wir gemeinsam mit Herstellern
aufgedeckt haben. Deshalb pflegen wir den direkten Kontakt zu den Applikationsingenieuren
der Hersteller und gehen nicht nur über die Distributoren. Die Hersteller
nutzen unser Know-how, auch um zu sehen, wo der Markt hingeht.
China holt gerade überall auf. Spürt Vega das auch?
Deck: Unsere Produkte sind langlebig und sehr aufwändig
zertifiziert. Wir investieren extrem viel in internationale Zertifikate für die
verschiedensten Branchen und jegliche Anwendungsfelder. Das ist ganz klar ein
Wettbewerbsvorteil: Bis alle Zulassungen für ein Produkt vorliegen, vergehen
mehrere Jahre. Deshalb ist auch der Austausch von Teilen oder Lieferanten mit hohem
Aufwand verbunden. All das verschafft uns einen Vorsprung.
Die Elektronikindustrie ist schnelllebig. Wie gehen Sie
mit Abkündigungen um?
Pascal: Wichtig ist das richtige Timing.
Namhafte Hersteller kündigen Bauteile in der Regel zwar rechtzeitig ab und wir prognostizieren
ab dann den Bedarf. Kommen jedoch weitere Abkündigungen hinzu, muss man den richtigen
Zeitpunkt für das Nachfolgeprodukt bestimmen; wobei die Abkündigungen ja nicht gleichzeitig
kommen und auch die Nachfrage schwanken kann. Ein Extrembeispiel aus der
jüngsten Vergangenheit waren Messgeräte, die beim Fracking zum Einsatz kamen.
Der Boom kam plötzlich, war heftig und genauso schnell wieder vorbei. Solche
Nachfrageentwicklungen lassen sich auf lange Sicht nur schwer einschätzen. Das
macht das Abkündigungsmanagement anspruchsvoll.
Das Unternehmen: Vega Grieshaber
Die Vega Grieshaber KG entwickelt und produziert Lösungen
für die Messung von Füllstand, Grenzstand und Druck bei industriellen
Herstellungsprozessen. VEGA beschäftigt über 2.600 Mitarbeiter weltweit, 1.200
davon am Hauptsitz in Schiltach im Schwarzwald.
Woher kommen Ihre Innovationen?
Deck: Von überall: aus dem Produktmanagement, aus
der Entwicklung, aus der Geschäftsleitung. Sie entstehen beim Kunden, auch mal beim
Lieferanten, zum Beispiel, was Fertigungsprozesse betrifft. Auch bei den
Hochleistungskunststoffen tut sich im Markt viel. Hochleistungskunststoffe können
Metalle ablösen, was sich positiv auf den Preis, das Gewicht und die
Einsatzmöglichkeiten von Bauteilen, zum Beispiel bei chemisch aggressiven
Medien auswirkt. Außerdem haben wir ein Innovationsteam, das unabhängig vom
Projektgeschäft neue Themen erforschen kann.
Pascal: Im Einkauf nutzen wir für die ersten
Muster, für die es noch gar keine konkreten Projekte gibt, bewusst neutrale
Bestellungen, damit uns Lieferanten nicht sofort mit Forecast-Fragen bedrängen.
Welchen Nutzen ziehen Sie aus agilen Entwicklungsansätzen?
Deck: Wir nutzen die Scrum-Methodik, jedoch
modifiziert und an unsere Anforderungen sowie Prozesse angepasst, um den
bestmöglichen Nutzen zu erzielen. Der
Nutzen für uns liegt in der Transparenz, in einem besseren Zeitmanagement und in
planbaren Sprints. Ob es uns schneller macht, ist schwer messbar. Sicher ist:
Die Qualität steigt.
Pascal: Aktuell
stellen wir unsere gesamte Materialwirtschaft und Produktion auf ein neues
proprietären System um. SAP war eine Option. Wir haben uns aber bewusst erneut für
eine Eigenentwicklung entschieden und gehen einen Vega-individuellen Weg.
Unsere IT ist inzwischen fast größer als die Entwicklung. Damit haben wir gute
Erfahrungen gemacht.
Was leistet das neue System?
Pascal: Unter anderem werden wir elektronische
Kataloge und automatisierte Bestellprozesse integrieren. Der indirekte Einkauf
ist mit den steigenden Umsatz- und Mitarbeiterzahlen massiv gewachsen, von PCs
bis zur Pinzette für die SMD-Bestückung. Hier brauchen wir klare Prozesse,
Rechte- und Prüfmechanismen. Unser Ziel ist, die logistischen Systeme von
Distributoren besser zu nutzen, Bestell- und Freigabeprozesse zu automatisieren
und den operativen Einkauf deutlich zu entlasten. Ein großes Thema ist auch das
Teilemanagement. Wir haben sehr viele Teile, die fast nichts kosten, die wir aber
immer wieder bewegen. Hier wollen wir künftig nur noch Jahresrahmen verhandeln.
Was darf man produktseitig erwarten?
Deck: Technologisch werden wir unsere Rolle
als Weltmarktführer in der Radar-Sensorik weiter ausbauen und kleinere,
leistungsfähigere, kostengünstigere Geräte auf den Markt bringen. Radar ist für
VEGA ein Kernbereich, gleichzeitig bauen wir unsere weiteren Produkte und die
Digitalisierung kontinuierlich aus.
Pascal: Mit wachsender Größe steigt die Gefahr,
kopiert zu werden. Deshalb müssen wir technologisch vorne dran bleiben,
innovative und gleichzeitig preislich marktgerechte Produkte bieten.
Deck: Made in Germany, starke regionale
Lieferketten, technologische Führerschaft, das bleibt unsere Linie.
Der Hauptsitz der Vega Grieshaber KG liegt in Schiltach
im Schwarzwald (Baden-Württemberg).
Wann wurde Vega gegründet?
Das Unternehmen wurde 1959 gegründet.
Welche Produkte stellt Vega her?
Vega produziert Sensoren für Füllstand-, Grenzstand- und
Druckmessung sowie Geräte zur Integration in Prozessleitsysteme.
Wie viele Mitarbeiter hat Vega und wo ist das Unternehmen
international vertreten?
Vega beschäftigt weltweit über 2.600 Mitarbeitende, davon
mehr als 1.200 am Hauptsitz. Das Unternehmen ist in über 80 Ländern mit
Tochtergesellschaften und Vertriebspartnern aktiv.
Wie hoch ist der Umsatz von Vega?
Der Umsatz der Vega Grieshaber KG beträgt 711 Mio. Euro
(Stand: 2025).