Logistiknetzwerke unter Druck

SAP-Logistikstrategie für dezentrale Netzwerke

Die Logistikstrategie vieler Unternehmen steht vor einem Wendepunkt, statt weniger großer Zentren entstehen mehr regionale, kleinere Standorte. Mit dem Auslaufen von SAP Warehouse Management und LE-TRA rücken daher Lösungen für dezentrale Netzwerke in den Fokus.

Statt große Zentren zu betreiben, setzen viele Unternehmen in der Logistik auf Regionalität mit kleineren Einheiten. Das erfordert ein Umdenken in der IT.

Summary: SAP WM und SAP LE-TRA laufen bis spätestens 2033 aus, SAP LE-TRA im Standard bis Ende 2027. Unternehmen müssen ihre Lager- und Transportprozesse neu bewerten, weil Logistiknetzwerke stärker regional und dezentral organisiert werden. SAP LGM ergänzt SAP EWM und adressiert kleinere sowie mittlere Standorte mit standardisierten, skalierbaren Prozessen.

Das Ende von SAP WM und SAP LE-TRA markiert für viele Unternehmen einen Wendepunkt in der Logistikstrategie. SAP WM läuft je nach Einsatzszenario bereits ab 2026 aus und endet spätestens 2033. SAP LE-TRA wird bis Ende 2027 im Standard unterstützt und läuft mit verlängerter Wartung ebenfalls bis spätestens 2033 aus. Zwar lassen sich bestehende Systeme oft noch betreiben, verlieren jedoch an Zukunftsfähigkeit. Updates entfallen, Unternehmen können regulatorische Anforderungen schwerer umsetzen und neue Technologien lassen sich nur mit höherem Aufwand integrieren. Parallel dazu entwickeln sich Lieferketten weiter. Viele Unternehmen setzen nicht mehr ausschließlich auf zentrale Distributionszentren, sondern bauen ihre Netzwerke über zusätzliche regionale und kleinere Standorte aus.

Damit verändern sich auch die Anforderungen an Logistiksysteme. IT-Lösungen, die für große und komplexe Lager ausgelegt sind, passen nicht automatisch zu dezentralen Strukturen mit vielen Standorten. Hinzu kommt die operative Realität: Informationen zu Verzögerungen oder Abweichungen liegen häufig zuerst bei Transportdienstleistern vor, erreichen die übergeordneten Lager- und Transportmanagementsysteme jedoch zu spät. Das führt zu mehr manuellen Abstimmungen und schränkt die Planbarkeit ein. Auch die Personalsituation spielt eine Rolle. Häufig wechselnde Teams und kurze Einarbeitungszeiten erfordern Anwendungen, die einfach zu bedienen sind und Prozesse klar führen.

Es reicht daher nicht aus, bestehende Systeme lediglich zu ersetzen. Unternehmen müssen ihre Logistik als vernetztes Gesamtsystem betrachten und für verschiedene Standorttypen passende Lösungen finden.

Unterschiedliche Anforderungen im Logistiknetzwerk

Mit wachsender Komplexität logistischer Netzwerke stößt ein einheitlicher, für alle Standorte gleicher Lösungsansatz an seine Grenzen. Große Distributionszentren haben andere Rahmenbedingungen als regionale Lager, Depots oder Service-Standorte.

Zentrale Lager investieren in Prozesstiefe und Automatisierung, um hohen Durchsatz zu bewältigen. Kleinere Standorte hingegen brauchen Lösungen, die sich schnell ausrollen lassen, Abläufe vereinheitlichen und Nutzer benutzerfreundlich durch die Prozesse führen. In vielen Projekten zeigt sich, dass gerade neu eröffnete oder kleinere Standorte mit den Logiken klassischer Warehouse-Systeme überfordert sind.

Setzen Unternehmen für alle Standorte dieselbe Lösung ein, stimmt das Verhältnis von Aufwand und Nutzen oft nicht mehr. Besonders bei vielen kleineren Standorten kann eine zu komplexe Systemlogik Projekte verlängern, den Schulungsaufwand erhöhen und die Skalierbarkeit einschränken. Deshalb setzen sich zunehmend Ansätze durch, die sich an den Anforderungen der jeweiligen Standorte orientieren und Funktionalität, Geschwindigkeit und Wirtschaftlichkeit besser ausbalancieren. Genau hier zeigt sich der Vorteil des breit gefächerten SAP-Portfolios.

SAP LGM und SAP EWM im Zusammenspiel

Mit SAP Logistics Management (LGM), das Anfang 2026 eingeführt wurde, erweitert SAP das Portfolio um eine Lösung, die speziell auf verteilte Logistiknetzwerke ausgerichtet ist. Sie richtet sich an Standorte, bei denen standardisierte Prozesse, schnelle Implementierung und gute Skalierbarkeit im Vordergrund stehen. Dabei handelt es sich nicht um eine vereinfachte Variante von SAP Extended Warehouse Management (EWM), sondern um einen eigenständigen Ansatz.

SAP EWM bleibt die geeignete Lösung für komplexe, automatisierte Lager mit hoher Prozesstiefe. SAP LGM hingegen unterstützt die Steuerung von Lager- und Transportprozessen in kleineren und mittleren Standorten, sodass Unternehmen diese effizient und mit überschaubarem Aufwand betreiben können.

Der zentrale Unterschied zeigt sich insbesondere in der Skalierungslogik. SAP EWM zielt auf vertikale Skalierung ab, also die maximale Prozessoptimierung innerhalb eines einzelnen, komplexen Lagers. SAP LGM hingegen unterstützt die horizontale Skalierung über viele Standorte hinweg und erleichtert die Einführung standardisierter Abläufe im gesamten Netzwerk.

In der Praxis wird daraus perspektivisch ein hybrides Modell entstehen. So könnten zukünftig zentrale Distributionszentren mit SAP EWM betrieben werden, während kleinere oder neu entstehende Standorte auf SAP LGM setzen. Beide Lösungen würden dabei ineinandergreifen und gemeinsam eine Architektur bilden, die verschiedene Anforderungen innerhalb eines Netzwerks gezielt abdecken.

Mehr Transparenz in der operativen Steuerung

Eine zentrale Stärke von SAP LGM ist die enge Verzahnung von Lager- und Transportprozessen. Viele Unternehmen steuern diese Bereiche getrennt voneinander, obwohl sie operativ eng miteinander verbunden sind. Informationen aus dem Transport fließen häufig zeitverzögert in die Planung ein, was den Abstimmungsaufwand erhöht.

SAP LGM bindet Transportdienstleister stärker in die operative Steuerung ein. Rückmeldungen zu Transportereignissen fließen in Echtzeit in die Prozesse ein und ermöglichen es, die Planung kontinuierlich anzupassen. Mit SAP LGM vergeben Unternehmen Transportaufträge digital und verarbeiten Rückmeldungen von Transportdienstleistern direkt (bidirektionales Tendering). Zudem vereinfacht LGM die Fahrzeugabfertigung am Hof (Yard-Prozesse). Gleichzeitig erstellt das System Dokumente automatisch – und reduziert so manuelle Abstimmungen.

Ein weiterer Aspekt ist die Bedienbarkeit. In Umgebungen mit hoher Personalfluktuation sind klare und geführte Prozesse entscheidend. SAP LGM setzt hier auf rollenbasierte Oberflächen und eine intuitive Nutzerführung, die eine schnelle Einarbeitung unterstützt und den Schulungsaufwand reduziert.

Transformation als strategische Aufgabe

Die Auswahl der passenden Logistiklösung hängt stark von der Rolle einzelner Standorte im Netzwerk ab. Viele Unternehmen verfügen über gewachsene Strukturen mit variierenden Anforderungen und Systemlandschaften. Unternehmen können Entscheidungen daher nicht isoliert treffen, sondern müssen sie im Kontext des gesamten Netzwerks bewerten. Dabei werden Prozesskomplexität, Automatisierungsgrad, Durchsatz und zukünftige Wachstumspläne betrachtet. Auf dieser Grundlage können Unternehmen ableiten, welche Lösung zu welchem Standort passt.

In der Umsetzung entsteht häufig eine gestufte Strategie. Komplexe Standorte werden gezielt weiterentwickelt, während kleinere Standorte parallel standardisiert und schneller modernisiert werden. So setzen Unternehmen Transformationen effizienter um und reduzieren Risiken.

Transparenz als Grundlage für fundierte Entscheidungen

Die entscheidende Frage ist daher, wie Unternehmen zu belastbaren Entscheidungen kommen. Die Auswahl der passenden SAP-Logistiklösung ist komplex und sollte nicht ausschließlich auf internen Einschätzungen basieren. Eine neutrale, externe Perspektive hilft, Standortprofile objektiv zu bewerten und unterschiedliche Handlungsoptionen systematisch zu vergleichen.

In der Praxis hat sich deshalb ein strukturierter Discovery-Ansatz bewährt. Dieser schafft Transparenz und reduziert Fehlentscheidungen bei der Auswahl der passenden Lösung – insbesondere in heterogenen Netzwerken. Er beginnt mit einer unabhängigen Analyse des Status quo, bei der Unternehmen Prozesse, Systemlandschaften und Anforderungen systematisch erfassen und einordnen. Ziel ist es, ein transparentes Verständnis der bestehenden Logistik sowie des SAP-Portfolios zu schaffen.

Darauf aufbauend lässt sich eine belastbare Entscheidungsgrundlage entwickeln, die für jeden Standort den passenden Lösungsansatz definiert und gleichzeitig die strategische Ausrichtung des gesamten Netzwerks berücksichtigt. Die Ergebnisse werden strukturiert dokumentiert und bilden die Basis für die weitere Transformation.

Oliver Bürger ist Senior Director Logistics Execution & Procurement bei der All for One Group. Er berät mittelständische Unternehmen bei der Transformation ihrer Logistik- und Supply-Chain-Prozesse und verfügt über langjährige Erfahrung in der Einführung und Weiterentwicklung SAP-basierter Logistiklösungen.

Logistik differenziert weiterentwickeln

Viele Unternehmen müssen bestehende SAP-Logistiklösungen ablösen. Dies ist die Chance, die eigene Logistikstrategie gezielt zu überprüfen. Unterschiedliche Standorttypen erfordern passgenaue Lösungsansätze.

SAP EWM bleibt die richtige Wahl für komplexe und automatisierte Lager. SAP LGM ergänzt dieses Spektrum für Standorte, bei denen Standardisierung, schnelle Einführung und Skalierbarkeit im Vordergrund stehen. In Kombination entsteht so eine Architektur, die die Anforderungen moderner Logistiknetzwerke besser erfüllt.

Entscheidend ist dabei die Perspektive auf das Gesamtbild. Wer seine Standorte differenziert bewertet und Lösungen entsprechend zuordnet, schafft Transparenz im Netzwerk und reduziert so die Komplexität im Betrieb. Daran zeigt sich, wie gut Unternehmen ihre Logistik künftig steuern können.

FAQ - SAP-Logistikstrategie

Was bedeutet die SAP-Logistikstrategie für Unternehmen?

Sie beschreibt, wie Unternehmen ihre Lager- und Transportprozesse nach dem Auslaufen von SAP WM und SAP LE-TRA neu ausrichten.

Warum wird die SAP-Logistikstrategie jetzt wichtiger?

SAP WM und SAP LE-TRA laufen aus, während Logistiknetzwerke stärker dezentral und regional organisiert werden.

Welche Rolle spielt SAP LGM in der SAP-Logistikstrategie?

SAP LGM unterstützt kleinere und mittlere Standorte mit standardisierten, skalierbaren Lager- und Transportprozessen.

Wie ergänzt SAP EWM die SAP-Logistikstrategie?

SAP EWM bleibt die passende Lösung für komplexe, automatisierte Lager mit hoher Prozesstiefe.

Warum braucht die SAP-Logistikstrategie unterschiedliche Lösungen?

Große Distributionszentren, regionale Lager und Depots haben unterschiedliche Anforderungen an Prozesse, Automatisierung und Skalierbarkeit.