Excel ist für den Einkauf nicht mehr die Antwort. Moderne Plattformen arbeiten mit Zahlen statt Intuition, KI-Agenten statt manueller Prozesse und vernetzten Ökosystemen statt isolierter Insellösungen.
Kathrin IrmerKathrinIrmer
Digitale Plattformen erfinden den Einkauf zwar nicht neu, krempeln ihn aber gewaltig um.qawi - stock.adobe.com
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Summary:
Über 180 Unternehmen zeigen in einer Studie von Uniper und der Technischen Hochschule Leipzig einen niedrigen Digitalisierungsgrad im Einkauf. Digitale Plattformen, ESG-Lösungen und KI-Agenten sollen indirekten Einkauf, Compliance und Lieferantensteuerung effizienter machen. Entscheidend sind Integration, Datenbasis, Flexibilität und die strategische Nutzung freiwerdender Kapazitäten.
Lieferketten, die unter globalen Spannungen zerbrechen.
Preise, die sich schneller bewegen, als Genehmigungsprozesse reagieren können.
Und ein interner Erwartungsdruck, der den Einkauf zum strategischen Taktgeber
stilisiert – während die tägliche Realität von Tabellenkalkulation,
E-Mail-Ping-Pong und Papierformularen geprägt ist. Rettung versprechen digitale
Plattformen. Doch halten sie wirklich, was sie versprechen – und was braucht
es, um sie im Unternehmen zum Laufen zu bringen?
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Was die Zahlen wirklich sagen
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Eine gemeinsame Studie von Uniper und der Technischen
Hochschule Leipzig – durchgeführt unter Beteiligung von über 180 Unternehmen –
zeichnet über den bisherigen Digitalisierungsgrad im Einkauf ein ernüchterndes
Bild. Nur 22 Prozent der Unternehmen nutzen digitale Marktplätze heute als
primäre Bestellmethode – obwohl diese bis zu einem Drittel der im Einkauf
aufgewendeten Zeit einsparen könnten. 40 Prozent der Einkaufsverantwortlichen
arbeiten nach wie vor mit Excel. Und ein durchschnittliches Einkaufsteam investiert
jedes Jahr über 5.600 Stunden allein in den indirekten Einkauf – also einen
kompletten Vollzeitjob für Prozesse, Abstimmungen und das Auswerten von
Tabellen.
„Wir bestellen Kaffeebohnen und am Ende kostet nicht der
Kaffee Geld, sondern der ganze Prozess drumherum – über 115 Euro Prozesskosten
pro Bestellung“, erklärt Matthias Seiler, Account Manager bei Unite. „Vom
Genehmigen über die Lieferantenauswahl bis hin zur Rechnungsbearbeitung, jeder
dieser Schritte kostet Zeit, Nerven und bares Geld. Nicht das Produkt macht es
teuer, sondern der Weg dahin." Das Potenzial ist offensichtlich, aber
viele Unternehmen schöpfen es nicht aus.
Die Studie untersuchte außerdem, wie neue Technologien in der
Beschaffung indirekter Materialien in Erwägung gezogen oder bereits
eingeführt werden.Unite/HTWK
ESG und KI als strategisches Tandem
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Eine weiter Dimension des modernen Einkaufs wird in vielen
Unternehmen noch immer unterschätzt wird: die Verbindung von
Lieferkettentransparenz, regulatorischer Compliance und technologischer
Unterstützung durch Künstliche Intelligenz.
Das Münchner Softwareunternehmen Integrity Next sieht sich
an der Schnittstelle von ESG-Pflichten und strategischer Resilienz. Da wächst
der Druck aus Regulatorik und Unternehmensverantwortung laut Tobias
Hagenreiner, Solutions Consultant bei Integrity Next:
„Man möchte tiefer in die Lieferkette hineinschauen –
unabhängig von der Regulatorik – und wirklich verstehen: Habe ich irgendwo
Resilienzrisiken? Muss ich mehr diversifizieren? Habe ich Komponenten, die ich
immer wieder aus denselben Ländern source und dementsprechend auch ein Risiko
abbilde?"
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Themen wie das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LKSG),
Zwangsarbeit, Scope-3-Emissionen und produktbezogene Regulatorik wie REACH oder
RoHS haben die Komplexität im Einkauf dramatisch erhöht. Klassische
Datenerfassung stoße dabei an ihre Grenzen.
„Rein die Datengenerierung, wie es in der Vergangenheit der
Fall war, ist nicht mehr letzten Endes zielführend, weil wir sehr viele Daten
mittlerweile auch generieren“, so Hagenreiner. „Es steht und fällt damit, dass
wir KI-gestützt das Ganze automatisieren können, damit sich die Kunden auf das
fokussieren können, was wirklich wichtig ist."
Das können nur digitale Plattformen bieten, die meist ein modulares
System haben: Lieferanten-Monitoring, Dekarbonisierungsanalysen, ESRS-Reporting.
Integrity Next bietet dazu noch eine eigene Academy, die Lieferanten durch
Onlinekurse und Webinare beim Aufbau von ESG-Kompetenz unterstützt.
KI-Agenten als Hebel für strategischen Impact
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Das Konzept des „10X Buyer" von Mercanis ist ein
anderes. Es ist ein Arbeitsmodell, in dem spezialisierte KI-Agenten operative
Aufgaben übernehmen, Daten und Prozesse orchestrieren und so 10-fachen Output
mit gleich großem Team ermöglichen, ohne dabei den strategischen Überblick zu
verlieren.
Die Grundidee: In anderen Unternehmensbereichen –
Rechtsabteilung, Vertrieb, Kundenservice – haben KI-Agenten bereits Einzug
gehalten und erzielen nachweislich erhebliche Zeitersparnisse. Im Einkauf habe
diese Entwicklung bisher noch nicht in vergleichbarer Weise stattgefunden,
obwohl der Bedarf mindestens genauso hoch ist.
„In der Praxis sehen wir bei unseren Kunden, dass diese
Tools sehr selten gut integriert sind, dass es viel Insellösungen gibt und dass
die Transparenz fehlt“, Julius Kümpers, Chief of Staff bei Mercanis. „Es gibt
immer Experten für verschiedene Tools, aber die Transparenz fehlt im Endeffekt
trotzdem, weil die ganzen Informationen in Insellösungen sind und nicht eine
Single Source of Truth vorhanden ist."
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Die Antwort: Einkaufsabteilungen bräuchten nicht nur
Automatisierung, sondern autonome Agenten, die operative Arbeit übernehmen –
vom Intake-Management über die Katalogisierung von Rahmenverträgen bis hin zur
Bedarfserfassung. Im Pilotbetrieb bei Kunden sei dabei vor allem der
Intake-Orchestration-Agent besonders wirkungsvoll.
„Welche Agenten wirklich bei uns am meisten in der Praxis
benutzt werden, ist dieser Agent Intake Orchestration, der teilweise mit dem
Guided-Buying-Prozess zusammen Prozesse automatisiert und operative Arbeit
abnimmt. Dort haben wir sehr erhebliche Zeiteinsparungen“, Bestätigt Kümpers.
Das erklärte Ziel: Ein kleineres Einkaufsteam von fünf
Personen soll den Output von fünfzig erzielen – nicht, indem ein Einkäufer die
Arbeit aller anderen übernimmt, sondern indem die freigewordene Kapazität in
strategische Initiativen und Lieferantenentwicklung fließt.
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Das Einkaufssystem für Nicht-Einkäufer
Bettina Fischer, Gründerin und CEO von Hiveby, hat selbst
als interne Prozessoptimiererin bei Lidl und Zalando gearbeitet und weiß, was
es bedeutet, nach dem Abzug externer Berater mit einem System zu leben, das die
Anwender nicht überzeugt.
„Nach der x-ten SAP- oder S/4HANA-Implementierung dachte ich
mir: Ich will wirklich einen Benefit erzeugen, ohne lange
Implementierungsprojekte, ohne viel Zutun der IT. Und so wurde Hiveby geboren“,
erzählt Bettina Fischer.
Das Resultat ist eine E-Procurement-Lösung, deren
Leitgedanke lautet: „Das Einkaufssystem für Nicht-Einkäufer." Gemeint ist
damit, dass Besteller – ob in der Fertigung, im Facility Management oder im
Büro – selbstständig und regelkonform bestellen können, ohne den Einkauf für
jeden Vorgang zu involvieren. Der Einkauf bekommt dabei nicht weniger
Kontrolle, sondern mehr Überblick.
Mit der Integration von KI-Agenten hat Hiveby dieses Prinzip
konsequent weiterentwickelt. Es gibt ein breites Spektrum an Agenten: vom
Proposal- und Intake-Agenten, der Bestellanforderungen per Teams oder Slack
entgegennimmt, über einen Commercial Agent für automatisierte Preisvergleiche
bis hin zu einem Analytics Agent, der auf einfache Anfragen wie „Zeig mir alle
Leitern, die wir im letzten Jahr bestellt haben" präzise Auswertungen
liefert.
Auf die Frage nach dem wichtigsten KI-Feature antwortete
Fischer: „Für mich ist es das Thema, dass man schnell und einfach
Bestellanforderungen über Teams oder auch im Chat stellen kann – dass man
einfach nur etwas eingibt und dann auch direkt den richtigen Match hat. Gerade
im indirekten Einkauf, wo vielleicht nur kleinpreisige Artikel bestellt werden,
aber sehr viele – da muss man Zeit sparen."
Praxisbelege lieferten Kundenprojekte wie LGI (Logistik),
das innerhalb von zehn Wochen mit Hunderten von Usern live gegangen ist, oder
Tennis Point, das Hiveby direkt in SAP S/4HANA integriert hat. Kunden wie
Securitas und die Sparkasse nutzen die Plattform ebenfalls – ein Beleg für die
branchenübergreifende Skalierbarkeit des Ansatzes.
Die Smartwatch: Wer eine trägt, hat jederzeit Zugriff auf
relevante Daten – Herzfrequenz, Trainingsfortschritt, Wetter,
Benachrichtigungen –, kann sich mit anderen messen und bekommt proaktive
Vorschläge. Wer dagegen nur auf eine analoge Uhr schaut, weiß zwar die Uhrzeit,
hat aber keinen Kontext.
Genauso sieht Tobin Wilms, Senior Account Executive bei
Coupa, die Unterschiede zwischen traditionellen Einkaufsprozessen und einer
modernen Source-to-Pay-Plattform: „Wenn wir das sehen und sagen, dass wir
schnell ans Ziel kommen wollen, habe ich ohne die richtigen Daten,
Informationen und Prozesse nicht den Zugriff, um wirklich so schnell wie
möglich dorthin zu kommen, wo ich hingehen muss."
Coupa, seit 20 Jahren auf dem Markt, verwaltet über seine
Community-basierte Plattform rund 9 Billionen Dollar an kontrollierten Ausgaben
– ein Datenfundus, der die KI-Modelle des Unternehmens speist und den Kunden
hilft, Benchmarks zu setzen und Einkaufskonditionen zu verbessern. 11 Millionen
Lieferanten sind auf der Plattform registriert; bei Lieferantenabgleichen mit
mittelständischen Unternehmen habe man zuletzt Trefferquoten von 70 bis über 90
Prozent erzielt – Lieferanten, die also bereits auf Coupa aktiv sind.
Die ursprüngliche Gründungsidee formuliert Wilms so: „Warum
ist es denn bei uns im Unternehmen so schwer zu bestellen, und zu Hause so
einfach? Warum kann es nicht so einfach sein wie zu Hause bestellen – auch im
Unternehmen? Und dabei war ein Kernelement: Kein einziges Einkaufsteam kann so
schlau und so effizient sein, wie wenn mehrere Einkaufsteams zusammen mit
Community-basierten Spend-Daten arbeiten."
Blick in die Zukunft
Was wird über den Erfolg oder das Scheitern im Einkauf der
Zukunft entscheiden – jenseits von Plattformen und Dashboards. Für Matthias
Seiler von Unite ist es die Flexibilität: „Wir sehen ganz häufig, dass
Einkaufsabteilungen heute sehr schnell auf den Beinen sein müssen, weil sich
viel verändert. Dass die Teams so aufgestellt sind und auch die Strukturen und
Prozesse, dass man flexibel ist und dass man frühzeitig Risiken erkennen kann –
und von dort auch die Daten vorliegen hat, um Entscheidungen zu treffen."
Und was macht einen wirklich guten Einkauf aus – jenseits
von Zahlen und Dashboards? „Ich glaube, dass es persönliche Skills sind, dass
es dieses Zwischenmenschliche ist. Mit diesen Tools ersetzt man keine Strategie
und keinen Einkauf, sondern man schafft die Freiräume und die Zeit dafür, mit
den Lieferanten strategisch in den Austausch zu gehen – nicht nur zu
verhandeln, sondern wirklich eine Partnerschaft aufzubauen“, so Seiler. „Ich
glaube, das wird die Geheimzutat für die besten Einkaufsteams in den nächsten
Jahren."
Die technologischen Möglichkeiten für einen modernen,
datengetriebenen und KI-gestützten Einkauf sind vorhanden – und sie reifen mit
beachtlicher Geschwindigkeit. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob
Digitalisierung im Einkauf notwendig ist, sondern wie sie gelingt: mit der
richtigen Plattformwahl, einer durchdachten Integration, einer robusten
Datenbasis – und Teams, die die gewonnene Zeit für das nutzen, was wirklich
strategischen Wert schafft. Technologie schafft Freiräume. Was Unternehmen
daraus machen, liegt nach wie vor in menschlichen Händen.
FAQ Digitalisierung im Einkauf
Was bedeutet Digitalisierung im Einkauf?
Digitalisierung im Einkauf beschreibt den Einsatz digitaler Plattformen, Datenmodelle und KI-Agenten, um Bestellungen, Lieferantensteuerung, Compliance und Analysen effizienter zu gestalten.
Warum ist Digitalisierung im Einkauf wichtig?
Sie kann Prozesskosten senken, Transparenz erhöhen, Risiken früher sichtbar machen und Kapazitäten für strategische Aufgaben schaffen.
Welche Rolle spielt KI bei Digitalisierung im Einkauf?
KI kann operative Aufgaben automatisieren, Daten auswerten, Bestellanforderungen unterstützen und Einkaufsprozesse über Agenten orchestrieren.
Wie hilft Digitalisierung im Einkauf bei ESG-Anforderungen?
Digitale Plattformen können Lieferanten-Monitoring, Dekarbonisierungsanalysen, ESRS-Reporting und den Aufbau von ESG-Kompetenz unterstützen.
Was entscheidet über den Erfolg der Digitalisierung im Einkauf?
Entscheidend sind Plattformwahl, Integration, Datenqualität, flexible Prozesse und Teams, die freiwerdende Zeit für strategische Lieferantenarbeit nutzen.