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| von Dörte Neitzel

Wenn es um die Waren-Vorfinanzierung geht, gibt es für viele Mittelständler neben der Hausbank kaum Alternativen. Nicht so für Thomas Emmerich und Wolfgang Blatzheim. Die Geschäftsführer der 2011 gegründeten bepro GmbH haben sich auf den An- und Verkauf von Druckerverbrauchsmaterial spezialisiert. „Um die steigende Nachfrage bedienen zu können, wollten wir vergangenes Jahr unseren Lagerbestand ausbauen. Für eine Vorfinanzierung von Waren brauchten wir 100.000 Euro“, sagt Emmerich.

Projekte werden ausgeschrieben

Mit seiner Kredit-Anfrage wendet sich der Niedersachse an den Online-Finanzdienstleister Kapilendo. Nach einem Telefonat reicht der Geschäftsführer alle notwendigen Unterlagen ein – und hat bereits wenige Tage später die Zusage, dass sein Projekt aufgenommen wird.

Kapilendo funktioniert dabei wie ein Kreditmarktplatz und präsentiert online zahlreichen Privatanlegern zur Finanzierung stehenden Projekte. Inklusive für mögliche Geldgeber relevante Angaben wie Anlagebetrag, Zinssatz, Laufzeit und Rating. Anschließend rattert die Marketingmaschine. Über gesponserte Posts in sozialen Medien sehen das Projekt viele mögliche Geldgeber.

Ungewohnte Offenheit

Damit sind auch Angaben, über die sonst Stillschweigen vereinbart ist, prominent platziert und für jedermann lesbar. Auch Umsatz und Betriebsergebnis des Geldsuchers. Bankgeschäfte so öffentlich zu machen, ist für viele Mittelständler gewöhnungsbedürftig.

Für Emmerich war diese Offenheit kein Thema. Nachdem sein Gesuch online war, kamen die 100.000 Euro innerhalb von 2 Minuten und 36 Sekunden von 136 Anlegern zusammen. Tilgung und Zins begleicht der Unternehmer nun in konstanten, vierteljährlichen Raten.

Schwarmfinanzierung immer beliebter

Dass immer mehr Unternehmer ähnliche Wege gehen, zeigen die Zahlen der Schwarmfinanzierer: Die Gründer des Portals Funding Circle haben seit März 2014 weltweit rund fünf Milliarden Euro von mehr als 70.000 Anlegern an etwa 40.000 Unternehmen in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und USA vermittelt.

Bei Kapilendo kommen die Kunden größtenteils aus dem deutschen Mittelstand. Seit Sommer 2015 wurden über das Portal mehr als 130 Projekte finanziert, dafür rund 40 Millionen Euro von unterschiedlichen Anlegern eingesammelt. Eine Metallwarenfabrik konnte so etwa für 50.000 Euro eine größere Charge Zink auf dem Rohstoffmarkt kaufen

Hausbank nicht ersetzen

Kapilendo-Geschäftsführer Christopher Grätz will mit seinem Angebot die Hausbank nicht ablösen: „Wir sehen unsere Dienstleistung eher als ein komplementäres Produkt, mit dem ein Unternehmen zusätzlich Öffentlichkeit bekommt.“

Er könne sich auch vorstellen, dass Unternehmen einen Teil ihrer Einkäufe über einen Bankkredit und einen Teil über alternative Finanzdienstleister vorfinanzieren.

Gründer bleiben außen vor

Neu gegründete Unternehmen schließt der gelernte Bankkaufmann allerdings von einer Finanzierung aus. Das Risiko für Investoren sei zu hoch, wenn junge Firmen noch kein etabliertes Geschäftsmodell vorweisen können.

Anbieter wie Lendico oder Funding Circle sehen das ähnlich: Unternehmer, die eine Finanzierung anfragen, müssen Mindestumsätze nachweisen und seit mindestens zwei Jahren am Markt bestehen.

Anbieter mit unterschiedlicher Kundenbasis

Inzwischen nutzen Unternehmen unterschiedlicher Branchen Online-Kreditmarktplätze. Bei Lendico etwa kommen mehr als 19 Prozent der Kunden aus der verarbeitenden Industrie. Gefolgt von Handelsunternehmen mit gut 17 Prozent, der Kommunikationsbranche mit rund neun Prozent und dem Baugewerbe mit fast fünf Prozent.

Ein Urgestein unter den deutschen Anbietern von Finanztechnologie – kurz Fintech –ist Auxmoney. Der Düsseldorfer Kreditmarktplatz vergibt Konsumentenkredite an Selbstständige, Freiberufler, Existenzgründer und Privatleute. Seit der Gründung 2007 wurden Kredite in Höhe von einer Milliarde Euro ausgezahlt, meldete das Unternehmen diesen Sommer. Bis Ende 2019 hat Geschäftsführer Raffael Johnen bereits die nächste Milliarde im Visier.

Vorteile der Fintechs

Wird das Ausfallrisiko als zu hoch bewertet, lehnen auch Online-Finanzdienstleister Kreditanfragen ab. Dauert jedoch der Prüfungsprozess bei klassischen Banken im Schnitt vier bis sechs Monate, geben die Geldbeschaffer aus dem Internet an, Anfragen innerhalb weniger Tage zu bearbeiten.

Die Vorteile der Plattformen liegen darin, dass sie Prozesse digitalisieren, dadurch Kosten sparen und günstigere Konditionen anbieten können, als viele traditionelle Bankfilialen. Deshalb setzen auch immer mehr etablierte Banken auf Kooperationen mit Unternehmen, die Fintech anbieten

Alte und neue Kreditleiher gehen zusammen

So ist die Commerzbank etwa an der Kreditplattform iwoca beteiligt. Mit dem Online-Kreditmarktplatz Funding Circle kooperiert die Sparda-Bank. Die Ing hat Anfang des Jahres das Kredit-Startup Lendico gekauft. Von der Zusammenarbeit profitieren beide Seiten: Banken liefern Bekanntheit und Sicherheit, Fintech-Anbieter Innovationskraft und Schnelligkeit.

Autorin: Leila Haidar

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