Marburger
| von Kathrin Irmer

Herr Marburger, Sie haben als Höhenkletterer an Windrädern und an Häuserfassaden gehangen. Dabei vertrauten Sie Ihr Leben Kollegen der Kletter-Spezial-Einheit an, die Sie gegründet und geleitet haben. Was haben Sie in dieser Zeit über Kommunikation gelernt?
Marburger: Sie benennen es ja schon: Vertrauen. In seine Kollegen und vor allem sich selbst vertrauen, das ist das Wichtigste. Ebenso zentral ist das Vertrauen in die Technik. Etwa, dass das Backup sicher ist. Beim Klettern gibt es hierfür sogar Redundanzen, also eine zweite Sicherung. Das reicht dann aber auch. Eine Nummer drei ist nicht notwendig.

Was bedeutet das übersetzt aus der Luft ins Büro?
Marburger: Ein Techniker sollte dem Einkäufer vertrauen. Er ist der Fachmann für finanzielle und betriebswirtschaftliche Aspekte, er ist darin so gut ausgebildet wie ein Techniker oder Ingenieur in seinem Fachgebiet. Das sollte natürlich der Realität entsprechen und erprobt sein. Ist einer der beiden Gesprächspartner unzuverlässig oder neu im Job, hilft auch die beste Ausbildung (erstmal) wenig.

Das ist ja oft ein Kernthema in Büros – die eine Abteilung hält die andere für unzuverlässig oder inkompetent. Was ist dann zu tun?
Marburger: Genau das ansprechen. Und zwar in einem wertschätzenden Tonfall. In der Luftfahrt gibt es Crewtrainings, die menschliches Versagen vorbeugen sollen. Da geht es genau um diese Art der Wertschätzung. Insbesondere, wenn jüngere und ältere oder hierarchisch auseinander stehende Kollegen miteinander arbeiten müssen, hilft diese Kommunikationstechnik. Wir haben das auch für die Klettereinheit übernommen.

Wie genau funktioniert das?
Marburger: Ich erkläre das am besten an einem Beispiel: Ein junger Einkäufer hat Bedenken wegen eines vermeintlich hohen Preises für ein Stanzblech, das er beschaffen soll. Der Techniker, ein erfahrener Ingenieur, ist überzeugt, dass sich der Preis lohnt, weil aufgrund eines passenden Maßes weniger Verschnitt anfällt. Anstatt dem Einkäufer über den Mund zu fahren: „Da fehlt dir die Erfahrung. Ich bin der Fertigungsleiter und ich sage dir, nicht der Preis ist entscheidend, sondern was ich aus dem Blech heraushole“, geht er auf ihn ein. Gemeinsam besprechen sie die Möglichkeiten: „Wir können das schmalere Blech nicht nehmen, weil wir sonst zu viel Verschnitt haben“, sagt der Techniker. „Aber das Sonderangebot ist unschlagbar günstig“, entgegnet der Einkäufer. Sie diskutierten wenige Minuten. Schließlich fragt der Fertigungsleiter: „Was halten Sie für angemessen”? Sie einigen sich darauf, ein Muster des günstigen Stanzblechs zu ordern und damit einen Probelauf zu machen. „Das ist prima“, freute sich der Einkäufer. Der Techniker hatte seine Bedenken ernst genommen. Er hat vermieden, eine gespannte Atmosphäre zu hinterlassen. Das Team funktioniert so, wie es soll, mit voller zwischenmenschlicher Leistung.

Goldene Regeln

Aber oft ist es doch so, dass Kollegen Angst haben, Bedenken gegenüber Vorgesetzten oder älteren zu äußern?
MM: Es bedarf natürlich einer Sensibilisierung, vor allem bei den Chefs und den alten Hasen im Betrieb. Sie müssen lernen: Wer Kritik persönlich nimmt und impulsiv auf sie reagiert, raubt sich womöglich die Chance, effektiver und wettbewerbsfähiger arbeiten zu können. Das wäre dann nicht im Sinne des Unternehmens. Und es beschädigt den Nachwuchs, der ja heute wegen des Fachkräftemangels schneller „Tschüss“ sagt, als noch vor Jahren.

Was können wir noch lernen von den Höhenkletterern?
Marburger: In der Höhe sind schnelle Reaktion und Flexibilität enorm wichtig. Wenn ich an einem Windrad hänge und in 160 Metern Höhe das Wetter plötzlich umschlägt, muss ich in Sekunden Entscheidungen treffen können, um am Leben zu bleiben. Das impliziert zum einen Veränderungen von außen akzeptieren und annehmen zu können, zum anderen ist das Überleben in der Höhe vor allem einer guten Planung zu verdanken. Weitsicht ist in sämtlichen Arbeitsabläufen – auch im Büro – wichtig: Wie sehen Schnittstellen aus? Welche Konsequenz hat mein Handeln oder nicht Handeln auf Kollegen, die mir Zu- oder Nacharbeiten?

Ich kann mir auch vorstellen, dass Konzentration in ihrem Job wichtig ist.
Marburger: Exakt. Ablenkung an der Fassade hängend, kann den Absturz bedeuten. Hier gibt es keine vibrierenden Handys, denn das stört nachweislich die Konzentration. Die Herausforderung ist, das auch auf langen Strecken zu leisten. Nicht nachlässig werden. Im Büro kann das bedeuten, Räume und Zeiten zu schaffen, die frei sind von E-Mail- oder Messanger-Diensten. Oder sogar das Telefon abstellen, wenn ich mich tief konzentrieren muss. Das gilt übrigens auch für Kreativprozesse, wie das Erfinden – wo es um das Gegenteil von Konzentration geht: Um Weite, um einen offenen Geist. Das kann nicht gelingen, wenn ich mich ständig ablenken lasse.

Zur Person: Manuel Marburger ist gelernter Lokführer und gründete mit 25 Jahren seine erste Firma, gewinnt 2006 den hessischen Gründerpreis mit der Geschäftsidee des industriellen Höhenkletterns und verkauft 2013 diese seine größte Firma, mit der er mehr als 30 Mal in den TV-Medien war, mit einem Millionengewinn. 2016 startet der inzwischen 44-jährige Macher mit dem Slogan „it’s time to muve“ neu durch, schreibt ein Buch über seine Erfolgsgeschichte und gründet seine Unternehmensberatung muve.

Bild: Manuel Marburger

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