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Bild: Giuseppe Porzani/Adobe Stock

| von Dörte Neitzel

So einfach kann Chemieeinkauf sein: Wunschprodukt eingeben, Angebote screenen, den passenden Lieferanten wählen, das war‘s. Noch funktioniert das nicht überall, doch der klassische Chemiehandel bekommt Konkurrenz durch agile Startups und die bekannten Online-Giganten.

Vom klassischen Distributor…

Aktuell werden chemische Rohstoffe und Vorprodukte in Europa meist klassisch über Distributoren gekauft. Besonders C-Materialen laufen über diesen Buying-Channel. Der Handel ist kleinteilig, nicht immer übersichtlich. 32 Distributoren stehen – nach Angaben von A.T. Kearney – in Europa für 80 Prozent des Volumens, das über den Handel läuft.

Der Rest kommt von einer Vielzahl kleiner Produkt- und Branchenspezialisten.

… zum Online-Marktplatz

Jetzt hält die Digitalisierung Einzug. China macht es vor. Dort ist Alibaba Platzhirsch im Chemie-Geschäft. Über Alibaba vertreiben mittlerweile auch Konzerne wie Covestro. Amazon-Business bringt sich ebenfalls in Stellung. Mehr Transparenz für den Einkauf versprechen zudem auf Chemikalien spezialisierte Start-ups.

Teilweise mischen auch hier bekannte Player mit. So hat die BÜFA-Gruppe die Online-Plattform Chembit gegründet. Lanxess hat mit CheMondis einen europäischen Online-Marktplatz für chemische Produkte an den Start gebracht. Seit 2017 gibt es zudem das Start-up Pinpools, das sich als unabhängiger B2B-Marktplatz für den Kauf und Verkauf von Chemikalien versteht.

CheMondis: Chemie-Marktplatz, gegründet von Lanxess

Seit Ende 2018, also noch ganz frisch, ist CheMondis online. Gegründet wurde der Marktplatz für chemische Produkte vom Spezialchemie-Konzern Lanxess.

„Wir sind ein von unserem Investor unabhängiges Team von derzeit 20 Mitarbeitern und kommen aus der chemischen Industrie. Wir verstehen, was Einkauf und Verkauf in der Chemie antreibt. Unser Ziel ist es, beide Seiten auf CheMondis zusammen zu bringen, bestehende Prozesse maßgeblich zu vereinfachen und zu digitalisieren“, erklärt Geschäftsführer Sebastian Brenner. Er bezeichnet die Plattform als „neues Amazon Business für die Chemieindustrie“ und sagt: „So wollen Kunden heute einkaufen.“

Dabei orientiert sich man sich an den Beschaffungsstandards der chemischen Industrie. So prüft CheMondis jeden Marktplatz-Teilnehmer individuell auf Basis von Dun & Bradstreet-Daten sowie Sanktionslisten. CheMondis bahnt das Geschäft an. Der Vertragsabschluss erfolgt mit dem Lieferanten. Neben dem Direktkauf über sogenannte Instant Deals sind individuelle Konditionenverhandlungen möglich.

Dass die angebotenen Produkte alle für den Einkäufer relevanten Informationen umfassen, darum kümmert sich ein Team von Chemikern: „Wir screenen die Angebote regelmäßig, verifizieren sie und fordern Lieferanten gegebenenfalls auf, diese anzupassen“, erläutert Sebastian Brenner den Prozess. Eine große dreistellige Anzahl an Hersteller und Händler aus fast allen EU-28 Ländern sind mittlerweile auf CheMondis registriert und aktiv.

Chembid: Globale Chemikalien-Suchmaschine und Beschaffungsplattform

Der Distributor BÜFA hat mit Chembid eine globale Plattform für das B2B Geschäft mit Chemikalien gegründet. Mit Stockmeier ist seit Ende letzten Jahres ein weiterer großer Chemiedistributor als Gesellschafter an Bord.

Chembid dient als globale Suchmaschine für Chemikalien. Aktuell können User über die Plattform auf rund 2 Millionen Produkte aus 100.000 Shops in mehr als 150 Ländern zugreifen. „Chembid ist die größte und umfassendste Datenbank für Chemikalien im Web“, erklärt Geschäftsführer Christian Bürger.

Die Sourcingplattform will als Metasuchmaschine aber nicht nur größtmögliche Preis- und Angebotstransparenz bieten, in das Tool ist auch Ausschreibungssystem integriert, über das sich Bedarfe platzieren lassen. Lieferanten, die an Anschreibungen teilnehmen wollen, müssen nur ein standardisiertes Formular ausfüllen.

Chembid wird sowohl in Asien, als auch in Europa rege genutzt. Von den aktuell über 36.000 monatlichen Nutzern kommen 10.000 aus Europa.

Pinpools: Unabhängiger B2B Marktplatz

Die Grundfrage, die die 2017 gestartete Online-Plattform Pinpools beantworten will, lautet: „Wie finde ich zu meinem Produkt den richtigen Lieferanten?“ Gründer Alexander Lakemeyer beschreibt das Problem, das der Chemie-Einkauf hat, so: „Die Preise sind sehr volatil, der, der heute den besten Preis hat, hat ihn morgen eventuell schon nicht mehr. Angebot und Nachfrage manuell aufeinander abzustimmen, ist sehr aufwändig.“ Gegründet hat Alexander Lakemeyer Pinpools gemeinsam mit seinem Bruder, Heribert-Josef Lakemeyer.

Besonders bei B- und C-Mengen will Pinpools für den Einkauf Zeit und Aufwand sparen. Das Prinzip lautet auch hier: Der Einkauf platziert auf der Plattform eine Ausschreibung, gibt Lieferkonditionen, Mengen und weitere Parameter an. Pinpools benachrichtigt automatisiert die in Frage kommenden Lieferanten, die ein Angebot abgeben können. Der Kaufvertrag kommt zwischen Einkäufer und Lieferanten zustande.

Die RFQ kann direkt aus SAP erfolgen, vordefinierte Schnittstellen sind vorhanden. Das macht Pinpools zu einer Plattform, auf der Transaktionen final abgeschlossen werden können. Aktuell sind 100 der führenden europäischen Hersteller und Händler auf dem anbieterunabhängigen Marktplatz vertreten.

„Bei uns ringt eine breite Anbieterschaft darum, Einkäufer mit ihrer Qualität und ihren Preisen zu überzeugen“, freut sich Entrepreneur Lakemeyer. Auch bei Pinpools müssen sich die Lieferanten registrieren lassen und durchlaufen einen Prüfprozess. Ganz neu ist die Möglichkeit, dass sich Hersteller und Händler auf dem Marktplatz in eigenen Shop präsentieren können.

Autorin: Annette Mühlbauer

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