Während Unternehmen nach außen von Digitalisierung sprechen, scheitert die Umsetzung in der Praxis oft an mangelndem Bewusstsein und falschen Vorstellungen. Der Einkaufsexperte Robert Coenen erklärt im Interview, warum besonders der Mittelstand Schwierigkeiten hat und was sich ändern muss.
Kathrin IrmerKathrinIrmer
Veröffentlicht
Im Digitalisierungsprozess setzen viele Unternehmen oft nur Einzelschritte um, keine Prozesskette.Andrey Popov - stock.adobe.com
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Herr Dr. Coenen, warum tun sich deutsche Unternehmen und
speziell der Einkauf so schwer mit der Digitalisierung?
Robert Coenen: Die großen Probleme liegen darin, dass viele falsche
Vorstellungen davon haben, was Digitalisierung überhaupt ist. Es fehlt die
strategische Herangehensweise. Viele Unternehmen experimentieren punktuell mit
Tools wie ChatGPT, die Mitarbeiter legen eigene Accounts an und probieren
verschiedene Funktionen aus. Aber das ist keine systematische Digitalisierung –
es sind isolierte Einzelmaßnahmen ohne Gesamtkonzept.
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Was meinen Sie damit konkret?
Die Unternehmen stehen unter Handlungsdruck und setzen auf
KI-Initiativen. Dann werden Frontend-Lösungen entwickelt, damit Nutzer
schneller die richtigen Texte oder Informationen finden können. Diese Maßnahmen
können durchaus hilfreich sein, aber sie adressieren nicht die grundlegenden
Prozesse. Das End-to-End-Denken – also die durchgängige Betrachtung und
Digitalisierung der gesamten Prozesskette – ist besonders im Mittelstand noch
wenig ausgeprägt.
Nehmen Sie die Buchhaltungen: Überall gibt es Software für
Rechnungsautomatisierung. Trotzdem definieren sich viele Abteilungen als
digital, sobald sie kein Fax mehr verwenden. Die Rechnung wird elektronisch
angenommen – das ist gesetzlich vorgeschrieben. Dann wird eventuell noch eine
Software zur Vorabprüfung eingesetzt, aber anschließend wird jeder Beleg
dennoch manuell bearbeitet. Das ist ein typisches Problem: Es wird ein
Digitalisierungsschritt umgesetzt, aber die Prozesskette wird nicht konsequent
zu Ende gedacht.
Dabei wäre doch mehr möglich?
Absolut. Wir können 80 bis 85% des ganzen
Belegflusses heutzutage komplett digitalisieren. Die Rechnung kommt
elektronisch rein, und am Ende wird sie bezahlt, ohne dass jemand eingreifen
muss. Aber es gibt enorm viele Restriktionen – das kann so nicht klappen.
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Wo liegt der Widerstand?
Es gibt viele Buchhaltungen, die dem nicht trauen. Es gibt
technische Abteilungen die sagen, wenn sie kein Papier haben, können sie nicht
mehr arbeiten. Sie müssen ihre Leistungspositionen auf ein Blatt Papier
abhaken. Es kommen ganz viele Dinge zusammen.
Und die Einkäufer?
Die sind nicht ausreichend aufgeschlossen gegenüber neuen
Ansätzen. Es gibt jüngere Mitarbeiter, die moderne Lösungen einführen möchten,
aber diese stoßen im betrieblichen Alltag schnell an Grenzen. Sie müssen sich
an etablierte Strukturen anpassen und verlieren dabei ihren anfänglichen
Gestaltungswillen. Was ich bemerkenswert finde: Privat nutzen diese Mitarbeiter
selbstverständlich digitale Technologien auf ihren Smartphones. Im
Unternehmenskontext scheint diese Kompetenz dann aber nicht abgerufen zu werden.
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Die Regulatorik hat in den letzten Jahren ja deutlich
zugenommen. Müsste das nicht ein Treiber für Digitalisierung sein?
Interessanterweise zeigt sich hier ein anderes Muster. Viele
der in den vergangenen Jahren eingeführten Regulierungen werden mittlerweile
wieder zurückgenommen oder abgeschwächt. Das
Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz wird abmoderiert, ebenso der THG-Quotenhandel,
und auch bei der CSRD gibt es Rückschritte. Dabei wurden auch hier
Digitalisierungschancen nicht genutzt.
Welche zum Beispiel?
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Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz war die beste
Chance, um im Lieferantenmanagement einzusteigen und zu digitalisieren. Die
Großen haben das alle gemacht, mit ihren Zulieferern, die auch die Daten
liefern. Aber der Mittelstand hat wieder nur so viel gemacht, dass die
Regulatorik gerade so erfüllt ist – nichts, was die Sache nachhaltig
weiterbringt.
Woran scheitert es konkret? An fehlender Zeit?
Ein häufiges Argument in Beratungsprojekten lautet: „Wir
haben keine Zeit dafür." Dabei ist klar, dass erfolgreiche
Digitalisierungsprojekte die Einbindung aller relevanten Fachabteilungen
erfordern – nicht nur des Einkaufs, sondern auch der Kunden im Betrieb, der
technischen Abteilungen und des Vertriebs. Das Problem ist: Alle Beteiligten
haben eigene Vorstellungen, wie Prozesse funktionieren sollten, aber diese
werden nicht systematisch abgestimmt.
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Und die Einkäufer haben in diesem Spiel nicht die
stärkste Position?
Genau. Es geht um Machtverhältnisse und Prioritätensetzung:
Welche Abteilung wird von der Geschäftsführung als besonders wichtig erachtet?
Der Einkauf ist dabei häufig nicht in der ersten Reihe positioniert.
Bezeichnend war eine Veranstaltung in Hamburg, bei der die meistbesuchte
Session das Thema hatte: „Den Einkauf im Unternehmen wertschätzend
positionieren". Dass diese Grundsatzfrage noch diskutiert werden muss,
zeigt die Herausforderung.
Mit den Krisen der letzten Jahre hätte sich das doch
ändern müssen?
Das Bewusstsein für Risiken steigt kurzfristig an, flacht
dann aber wieder ab. Sobald die akute Krise überwunden ist – sei es bei
Halbleiter-Lieferengpässen oder anderen Herausforderungen – kehrt man zum
Status quo zurück. Die nächste Krise wird dann reaktiv behandelt, wenn sie
eintritt. Eine nachhaltige, präventive Risikobetrachtung ist vor allem bei
großen Unternehmen mit eigenen Fachabteilungen etabliert. Im Mittelstand
dominiert dagegen häufig noch die situative Entscheidungsfindung.
Es beginnt mit grundlegenden Anforderungen: Unternehmen
müssen ihre eigenen Daten systematisch erfassen und auswerten. In der Praxis
erlebe ich häufig, dass Mitarbeiter zentrale Kennzahlen wie das Einkaufsvolumen
oder die Anzahl der Lieferanten nicht kennen. Führungskräfte sollten
sicherstellen, dass die wesentlichen KPIs jederzeit verfügbar sind – das ist
die Basis für datengetriebene Entscheidungen.
Woran hapert es?
Es fehlen strategische Konzepte für den Einkauf,
insbesondere im Mittelstand. Wenn ich Einkaufsleiter nach ihrer Strategie
frage, lautet die erste Antwort typischerweise: Verfügbarkeit. Das ist aber
eine Selbstverständlichkeit – ohne verfügbare Teile kann nicht produziert oder
repariert werden. Eine echte Strategie muss weiter gehen: Wie gestalten wir die
Lieferantenbeziehungen? Wie kategorisieren und steuern wir unsere Warengruppen?
Diese Themen werden in vielen Unternehmen noch nicht systematisch bearbeitet.
Auch beim Warengruppenmanagement?
Ein Beispiel: Beim Warengruppenmanagement stelle ich in
Projekten regelmäßig fest, dass die Strukturen für Controlling-Zwecke oder von
der Buchhaltung vorgegeben wurden. Sachkonten werden mit Warengruppen vermischt
– ein unsystematisches Durcheinander. Diese Problematik beobachte ich seit 15
Jahren in meiner Beratungstätigkeit, und ich habe zuvor selbst 10 Jahre lang
Einkaufsabteilungen geleitet. Die Lösungsansätze sind verfügbar und erprobt,
aber die konsequente Umsetzung findet nicht statt.
Wie wirkt sich das auf die Digitalisierung aus?
Digitalisierung erfordert einen datenbasierten Ansatz –
Zahlen, Daten und Fakten müssen im Mittelpunkt stehen. Dazu braucht es das
entsprechende Mindset. Erschwerend kommt hinzu, dass Digitalisierung häufig mit
Stellenabbau assoziiert wird. Nach außen werden zwar die Vorteile kommuniziert,
aber in der praktischen Umsetzung entstehen Widerstände aus unterschiedlichen
Gründen. Wenn neue, digital affine Mitarbeiter auf etablierte Strukturen
treffen, geht der anfängliche Schwung oft verloren.
Und wie steht es um KI im Einkauf?
Vita Dr. Robert Coenen
Dr. Robert
Coenen ist Geschäftsführer der Beka GmbH in Köln und verfügt über umfangreiche
Erfahrungen in Optimierungsprojekten und Training im Einkauf. Seine
Beratungsschwerpunkte liegen in der Einkaufsberatung mit Fokus auf
Reorganisation, Digitalisierung und Prozessoptimierung sowie in der
Organisationsberatung mit Schwerpunkt auf Ablauf- und Aufbauorganisation sowie
Change Management. Zuvor war er Einkaufsleiter der Messe Düsseldorf und Leiter
Unternehmensentwicklung DB Cargo. Dr. Coenen ist zusätzlich Lehrbeauftragter
für Beschaffungsmanagement, Digitalisierung, Supply Chain Management und E-Procurement an der International School of Management in Köln und München.
Auf Fachmessen wird an jedem Stand KI prominent beworben.
Bei genauerer Betrachtung handelt es sich aber teilweise nicht um KI im engeren
Sinne, sondern um erweiterte Datenbankanalysen. Viele Anbieter nutzen den
Begriff inflationär. Die typische Reaktion in Unternehmen ist dann: „Wir haben
einen Mitarbeiter benannt, der sich das ansieht." Das ist jedoch kein
tragfähiger Ansatz für die strategische Einführung von KI-Technologien.
KI ist aber doch nicht gleich Digitalisierung?
Korrekt. KI ist primär ein leistungsfähiges Recherche- und
Analysetool. Für den Einkauf bietet sie aber erhebliches Potenzial,
beispielsweise bei der Lieferantenidentifikation. Sie kann den Arbeitsalltag
deutlich unterstützen – vorausgesetzt, man setzt die richtigen Werkzeuge ein.
Hier gilt: Die Qualität der Ergebnisse hängt wesentlich von der eingesetzten
Technologie und der Fachkompetenz der Anwender ab.
Welche Tools empfehlen Sie?
Wir vertreiben ein Large Language Model, das speziell auf
Einkaufsprozesse zugeschnitten ist. In diesem System ist umfangreiches
Fachwissen hinterlegt, das von hunderten Einkaufsspezialisten und Beratern
kontinuierlich weiterentwickelt wird. Allgemeine KI-Tools wie ChatGPT oder
Copilot verfügen über diesen Spezialisierungsgrad nicht. Die Antworten basieren
dort auf allgemeinen Datenbeständen und sind entsprechend weniger präzise für
spezifische Einkaufsfragestellungen.
Wie sollte der richtige Ansatz aussehen?
Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, dass die
Anwender dem System die richtigen Fragen stellen müssen und die KI dabei
lediglich unterstützt. Diese Perspektive ist nicht zielführend. Sie entspricht
einer typischen Einkäufer-Denkweise: Die Prozesse sollen so gestaltet sein, wie
es für den Einkauf optimal ist. Die Kunden sollen Rahmenverträge korrekt
nutzen, um den Bearbeitungsaufwand zu minimieren. Der bessere Ansatz wäre: Der
Einkauf sollte den internen Kunden ein möglichst einfaches Bestellverfahren
ermöglichen.
Was heißt das für die Digitalisierung?
Für mich bedeutet Digitalisierung, dass alle Prozesse
nahtlos ineinandergreifen. Der Bearbeitungsaufwand wird minimiert, weil viele
Vorgänge automatisiert ablaufen. Manche Prozesse werden obsolet, weil sie
bereits im Vorfeld erledigt sind. Beispielsweise konnte ich
Nachschubbestellungen schon vor 20 Jahren ohne KI direkt aus dem ERP-System
digital auslösen. Dennoch arbeiten viele Unternehmen noch mit veralteten
Systemen, bei denen diese Funktionen nicht aktiviert sind. In manchen Fällen
werden Bestellvorgänge im Lager noch manuell ausgeführt.
Warum ist das so?
Betrachten wir den Rechnungsprozess: Warum muss eine
Rechnung noch mehrfach manuell geprüft werden? Wenn die Rechnung zur Bestellung
passt, können stochastische Prüfverfahren eingesetzt werden. Bei 10.000
Rechnungen könnte beispielsweise jede hundertste detailliert geprüft werden.
Mit dieser Stichprobenmethode erreicht man eine statistische Sicherheit von
über 99 Prozent. Stattdessen werden auch in teildigitalisierten Prozessen
umfangreiche Kontrollmechanismen aufrechterhalten, die zu Doppelarbeit führen.
Woran liegt das?
In vielen Abteilungen besteht die Befürchtung, dass mit dem
Wegfall bestimmter Tätigkeiten auch Verantwortung und Bedeutung verloren gehen.
Es handelt sich um die Sorge vor Kontrollverlust. Besonders in Deutschland ist
die Kultur ausgeprägter Kontrollmechanismen verbreitet. Wenn dann ein
Betrugsfall im Unternehmen auftritt – und solche Fälle gibt es überall – werden
die gesamten Strukturen an diesem Einzelfall ausgerichtet, um Wiederholungen zu
verhindern.
Was müsste sich grundsätzlich ändern?
Es mangelt an durchgängigen Prozessen und dem entsprechenden
Mindset. Auch die Bereitschaft zu konsequenter Umsetzung fehlt oft. Große
Unternehmen setzen professionelle Systeme wie Coupa, Ivalua oder GEP ein. Eine
Besonderheit von GEP: Von den 6.000 Mitarbeitern sind 4.500 Einkaufsberater.
Wer deren Software nutzt, profitiert vom Fachwissen von 4.500 Einkaufsexperten
– die Plattform basiert auf einem Large Language Model.
Und für den Mittelstand?
Es gibt ausreichend leistungsfähige Softwarelösungen am
Markt. Das Problem liegt nicht primär in der Verfügbarkeit von Technologie.
Viele Unternehmen sind jedoch stark in ihrer bestehenden Systemlandschaft
verhaftet und scheuen Investitionen in neue Lösungen. Das eigentliche Hindernis
ist nicht die Technik, sondern die organisatorische und mentale Bereitschaft
zur Veränderung. Solange sich diese Grundhaltung nicht ändert, wird die
Digitalisierung im Einkauf weiterhin nur schrittweise voranschreiten.
FAQ - Digitalisierung des Einkaufs im Mittelstand
Warum tun sich deutsche Unternehmen mit der Digitalisierung im Einkauf so schwer?
Es fehlt die strategische Herangehensweise und das sogenannte End-to-End-Denken. Viele Unternehmen setzen punktuell Tools ein, ohne die gesamte Prozesskette konsequent zu digitalisieren.
Welche Rolle spielt die fehlende Wertschätzung des Einkaufs?
Der Einkauf ist in vielen Unternehmen nicht als strategisch wichtige Abteilung positioniert und hat daher wenig Einfluss bei Digitalisierungsentscheidungen. Bezeichnend ist, dass auf Fachveranstaltungen noch grundsätzlich diskutiert werden muss, wie der Einkauf wertschätzend im Unternehmen positioniert werden kann.
Was ist echte Digitalisierung im Einkauf?
Echte Digitalisierung bedeutet, dass alle Prozesse nahtlos ineinandergreifen und der Bearbeitungsaufwand durch Automatisierung minimiert wird. Beispielsweise können heute 80 bis 85% des Belegflusses komplett digitalisiert werden, von der Rechnungsannahme bis zur Bezahlung ohne manuellen Eingriff.
Welche Grundlagen brauchen Unternehmen für erfolgreiche Digitalisierung?
Unternehmen müssen ihre Daten systematisch erfassen und auswerten sowie wesentliche KPIs wie Einkaufsvolumen und Lieferantenanzahl jederzeit verfügbar haben. Zusätzlich braucht es eine echte Einkaufsstrategie, die über Verfügbarkeit hinausgeht und Lieferantenbeziehungen sowie Warengruppenmanagement systematisch gestaltet.
Was unterscheidet spezialisierte KI-Tools von allgemeinen Lösungen?
Spezialisierte Large Language Models für den Einkauf verfügen über hinterlegtes Fachwissen von hunderten Einkaufsspezialisten und liefern präzisere Antworten für spezifische Einkaufsfragestellungen. Allgemeine Tools wie ChatGPT basieren auf allgemeinen Datenbeständen und sind für Einkaufsprozesse weniger geeignet.