Kluge Systeme

So funktioniert KI in Entwicklung, Produktion und Verwaltung

Künstliche Intelligenz verändert die Industrie – auch in hochspezialisierten Nischen. Sieb & Meyer zeigt, wie sich KI praxisnah einsetzen lässt. Vom Wissensmanagement über Entwicklungsprozesse bis hin zur Verwaltung: Chancen und Stolpersteine liegen dicht beieinander.

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Künstliche Intelligenz wird bei Sieb & Meyer nicht zum Selbstzweck betrieben, sondern als strategisches Werkzeug genutzt. In der Produktion unterstützt KI die Identifikation von Optimierungspotenzialen, die mit klassischen Methoden nicht erfasst werden können.

Die Entwicklungsabteilung von Sieb & Meyer in naher Zukunft: Ein Ingenieur öffnet ein internes KI-gestütztes Wissensmanagementsystem. Statt sich durch alte Dokumentationen zu kämpfen, tippt er eine präzise Frage ein. Sekunden später liegt die Antwort vor: fundiert, kontextbezogen und mit Querverweisen zu allen relevanten Daten. „Auf diese Weise werden wir nicht nur Zeit sparen, sondern auch Fehler vermeiden“, prognostiziert Torsten Blankenburg, CTO bei Sieb & Meyer. „Das ist einer der Punkte, an dem KI einen echten Mehrwert bietet.“

KI als Werkzeug – kein Hype, sondern Praxis

Sieb & Meyer entwickelt seit vielen Jahren Drive Controller für Hochgeschwindigkeitsanwendungen und CNC-Steuerungen für die Leiterplattenproduktion,  beides hochspezialisierte Nischenmärkte. Hier zählen Wissen, Erfahrung und die Fähigkeit, schnell auf Kundenanforderungen zu reagieren.

Künstliche Intelligenz wird bei Sieb & Meyer nicht zum Selbstzweck betrieben, sondern als strategisches Werkzeug genutzt. Im Kern geht es dabei um

  •  die Automatisierung und Optimierung von Standardprozessen, 
  • eine schnellere Recherche und Wissensbereitstellung, 
  • die Strukturierung komplexer Datenmengen, 
  • eine gezielte Kundenkommunikation sowie 
  • neue Produktfeatures. 

„Wir sehen die KI als Hebel, um Wissen im Unternehmen besser nutzbar zu machen und es gleichzeitig für die nächste Generation von Mitarbeitern zu sichern“, erklärt Torsten Blankenburg. „Die Technologie ist kein Ersatz für unsere Fachleute, sondern ein kluges Hilfsmittel, das Arbeitsprozesse unterstützen, beschleunigen und verbessern kann.

Hier wird künstliche Intelligenz eingesetzt

Sieb & Meyer verfolgt eine KI-Strategie, die mehrere Unternehmensbereiche einbindet. Mit den Einsatzoptionen ergeben sich jeweils Vorteile. Gleichzeitig müsse aber auch die (aktuellen) Hürden berücksichtigt werden, die die Möglichkeiten heute zum Teil noch limitieren.

So können in der Verwaltung Routineaufgaben wie Übersetzungen durch den Einsatz von KI automatisiert werden, was eine deutliche Effizienzsteigerung ermöglicht. Eine Herausforderung bleibt jedoch die Akzeptanz bei den Mitarbeitenden sowie die reibungslose Integration in bestehende Software-Systeme.

Im Bereich Marketing bietet KI die Chance, Kunden gezielter anzusprechen und Content automatisch zu erstellen. Einschränkungen bestehen allerdings bei Spezialthemen und Nischenanwendungen, da Large-Language-Modelle hier aufgrund mangelnder Trainingsdaten an ihre Grenzen stoßen können. 

Gebrauchsanweisung für den KI-Einsatz

Wer den Weg von Sieb & Meyer nachvollziehen möchte, sollte vier Grundsätze beachten:

1. KI als strategisches Projekt begreifen, nicht als isolierte Maßnahme.

2. Datenhoheit sichern – sensible Daten gehören in interne Systeme.

3. Akzeptanz schaffen – Mitarbeitende müssen eingebunden werden.

4. Schrittweise vorgehen – kleine Pilotprojekte ebnen den Weg für den breiten Einsatz.

Auch bei den Produkten gibt es Potenzial. So lassen sich mit sinnvollen KI-gestützten Funktionen Alleinstellungsmerkmale gegenüber dem Wettbewerb schaffen. Gleichzeitig fehlen jedoch gerade bei Nischenanwendungen ausreichend Datenmengen, um spezifische Modelle wirksam zu trainieren, da diese nicht zugänglich sind oder die Datenhoheit bei den Endkunden liegt. 

In der eigenen Produktion unterstützt KI die Identifikation von Optimierungspotenzialen, die mit klassischen Methoden nicht erfasst werden können. Eine Hürde stellt hier für Sieb & Meyer die Abhängigkeit vom Maschinenhersteller bei der Integration entsprechender Lösungen dar.  

Großes Potenzial wird beim KI-Einsatz in der eigenen Entwicklungsabteilung erwartet. Hier bietet KI die Möglichkeit, Entwicklungszyklen deutlich zu verkürzen und damit die „time to market“ zu verbessern. Voraussetzung für einen Einsatz ist jedoch der zuverlässige Schutz sensibler Entwicklungsdaten.

Fokus Produktentwicklung: Wissen bewahren, Komplexität beherrschen

Die Einsatzmöglichkeiten von KI-Tools in der Produktentwicklung stoßen derzeit allgemein auf großes Interesse – nicht zuletzt, weil viele Unternehmen mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert sind. Der demographische Wandel führt dazu, dass wertvolles Erfahrungswissen mit dem Ausscheiden älterer Mitarbeiter verloren zu gehen droht. 

Gleichzeitig nimmt die Komplexität moderner Produkte stetig zu, sodass einzelne Mitarbeitende kaum noch in der Lage sind, Systeme in ihrer Gesamtheit zu überblicken. Hinzu kommen verschärfte regulatorische Anforderungen, die aufwendige Dokumentationen und Nachweise erfordern, sowie steigende Erwartungen seitens der Kunden, die schnellere Entwicklungszyklen und kürzere Iterationen verlangen.  

An genau diesen Punkten kann der Einsatz von Künstlicher Intelligenz unmittelbar ansetzen. Intelligente Wissensmanagementsysteme ermöglichen es, das Know-how erfahrener Ingenieure systematisch zu sichern und für nachfolgende Generationen nutzbar zu machen. Automatisierte Dokumentenprüfungen reduzieren den Aufwand bei regulatorischen Themen und schaffen Freiräume für wertschöpfende Tätigkeiten. KI-gestützte Recherchen beschleunigen Entwicklungsphasen erheblich, ohne dass dabei sensible Daten das Unternehmen verlassen müssen. Darüber hinaus kann KI in der Softwareentwicklung unterstützen – etwa beim Code-Review oder bei Abnahmetests – und so die Qualitätssicherung effizienter gestalten.  

Das Unternehmen: Sieb & Meyer

Im Laufe der über 60-jährigen Firmengeschichte entwickelte sich die Sieb & Meyer AG vom Kleinstunternehmen zum internationalen Anbieter im Bereich der Steuerungs- und Antriebselektronik. Das Lüneburger Unternehmen beschäftigt derzeit rund 315 Mitarbeitende. Die Frequenzumrichter finden speziell im Bereich Hochgeschwindigkeitsmotoren und -generatoren ihren Einsatz. Typische Anwendungsfelder im motorischen Bereich sind Werkzeugmaschinen, Turbokompressoren und -Gebläse. Für den Betrieb von hochdynamischen rotativen und linearen Motoren bietet Sieb & Meyer Motion-Controller und Servoverstärker an. Ein weiterer Kernbereich sind CNC-Steuerungen und Motion-Controller für die Leiterplattenbearbeitung.

„Früher brauchten wir Tage, um regulatorische Dokumente zu prüfen. Mit einer KI-basierten Lösung gelingt das in Stunden“, sagt Torsten Blankenburg. „Diese Geschwindigkeit macht uns handlungsfähiger – und unsere Kunden profitieren unmittelbar davon.“

Wissensmanagement – drei Wege, eine Entscheidung

Sieb & Meyer hat sich intensiv mit dem Aufbau eines KI-basierten Wissensmanagements beschäftigt und in diesem Zusammenhang drei mögliche Ansätze überprüft:

  1. Integration in bestehende Systeme wie Microsoft 365: wirtschaftlich und schnell umsetzbar, aber fehlende Datenhoheit. Gerade für erste Pilotprojekte eignet sich dieser Weg, da er mit geringen Investitionen schnelle Ergebnisse ermöglicht.
  2. Cloud-basierte Wissensplattformen: Nutzung von Diensten wie Google Cloud AI – verfügbar und skalierbar, aber keine Datenhoheit und Abhängigkeit von US-Firmen. Besonders interessant ist hier die Möglichkeit, flexibel Rechenleistung und neue KI-Funktionen nach Bedarf hinzuzubuchen.
  3. Inhouse-Lösungen: Entwicklung maßgeschneiderter KI-Wissensplattformen beispielsweise mittels Retrieval Augmented Generation (RAG) oder eigenen „nachtrainierten“ KI-Modellen – aufwendig in der Erstellung und Pflege, aber maximale Kontrolle. Dadurch lassen sich sensible Entwicklungs- und Fertigungsdaten vollständig im eigenen Unternehmen schützen und langfristig strategische Unabhängigkeit sichern. 

Bei Sieb & Meyer fiel die Wahl auf eine maßgeschneiderte Inhouse-Lösung, unterstützt durch eine Industrie-Promotion mit der Leuphana Universität, Lüneburg. Auf diese Weise entsteht aktuell ein System, das unternehmensspezifisches Fachwissen verfügbar macht, ohne dabei die Datenhoheit zu verlieren.

Noch sieht sich Sieb & Meyer beim Thema KI-Nutzung am Anfang. Doch die bisherigen Ergebnisse sind eindeutig und stimmen optimistisch: „Wir kratzen erst an der Oberfläche der Möglichkeiten“, betont Torsten Blankenburg. „Aber schon jetzt ist klar: KI wird unser Unternehmen in den kommenden Jahren tiefgreifend verändern.“ In fünf Jahren soll KI  nicht nur punktuell, sondern in allen Bereichen des Unternehmens wirken – von Verwaltung über Produktion bis hin zur Produktentwicklung. Das Ziel: ein vollständig vernetztes Unternehmen, in dem Wissen nahtlos fließt und Entscheidungen schneller, fundierter und transparenter getroffen werden können. Dabei ist KI kein Ersatz für Expertise. Sie ist das Werkzeug, das Unternehmen hilft, Wissen verfügbar zu machen, Komplexität zu beherrschen und schneller auf Kundenwünsche zu reagieren.

FAQ - KI in der Industrie

Wie wird KI in der Qualitätskontrolle eingesetzt?

KI-basierte Bilderkennungssysteme prüfen Produkte automatisch auf Fehler, Risse oder Abweichungen und erreichen dabei oft höhere Genauigkeit als menschliche Prüfer. Die Systeme lernen kontinuierlich dazu und können auch komplexe Defektmuster zuverlässig erkennen.

Welche Rolle spielt KI bei der vorausschauenden Wartung?

Durch die Analyse von Sensordaten kann KI Maschinenverschleiß und drohende Ausfälle frühzeitig erkennen, bevor es zu kostspieligen Produktionsstopps kommt. Dies ermöglicht eine bedarfsgerechte Wartung statt fester Wartungsintervalle und spart erhebliche Kosten.

Wie optimiert KI die Produktionsplanung?

KI-Systeme analysieren historische Daten, Auftragslage und Ressourcenverfügbarkeit, um optimale Produktionspläne zu erstellen und Durchlaufzeiten zu minimieren. Sie passen die Planung dynamisch an Veränderungen an und berücksichtigen dabei hunderte Parameter gleichzeitig.

Kann KI in der Logistik und Lagerverwaltung helfen?

Ja, KI optimiert Lagerbestände, prognostiziert Bedarfe präzise und plant effiziente Routen für Transport und Kommissionierung. Autonome Roboter und Fahrzeuge nutzen KI, um sich selbstständig im Lager zu bewegen und Waren zu transportieren.

Wie unterstützt KI die Energieeffizienz in Produktionsanlagen?

KI analysiert Energieverbrauchsmuster und steuert Maschinen, Heizung, Kühlung und Beleuchtung so, dass der Energieverbrauch minimiert wird. Durch intelligente Lastverteilung und Prozessoptimierung lassen sich oft 10 bis 30% Energie einsparen.