Auch Beschaffungsketten sind nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Der entscheidende Erfolgsfaktor ist deshalb die Motivation aller Beteiligten. Neue Software-Funktionen, insbesondere KI, erzeugen oft Skepsis. Wie lassen sich Effizienzsteigerungen umsetzen und die Akzeptanz für die Nutzung von KI steigern?
Simon Eger, Director Central Europe bei Ivalua Simon Eger, Director Central Europe bei Ivalua
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KI-gestützte Erstellung einer Bestellung aus einem PDF-DokumentIvalua)
Künstliche
Intelligenz hat den Einkauf längst erobert. Dank KI-Komponenten sind
Transparenz, Nachverfolgbarkeit und Monitoring der Warenströme noch einfacher
automatisierbar. Dadurch schrumpft das Prozessrisiko, während die Produktivität
steigt. Dies setzt jedoch voraus, dass die KI-Lösungen nicht nur eingeführt,
sondern auch genutzt, gepflegt, trainiert und ausgebaut werden.
Viele Organisationen
haben bereits Generative AI oder KI-Agenten implementiert. Selten lehnen Führungskräfte
oder Mitarbeitende die neuen Komponenten vollständig ab. Um das Potenzial der
KI jedoch voll auszuschöpfen und sie nahtlos in die Einkaufsprozesse zu
integrieren, muss aus bloßer Toleranz Motivation werden.
Wir haben
festgestellt, dass sich Mitarbeitende, die stark mit Routinetätigkeiten
beschäftigt sind oder ihren Job gefährdet sehen, oft stark für die Nutzung von
KI engagieren. Wenn KI die repetitiven Routine- und Fleißarbeiten übernimmt,
können sich diese stärker auf anspruchsvollere, kreative und strategische
Aufgaben konzentrieren. Das steigert die Arbeitszufriedenheit und stärkt die
Motivation im Team. Mögliche Zweifel lassen sich meist durch sachliche und
empathische Kommunikation aus dem Weg räumen. Daneben gibt es aber auch
Motivationsbremsen, die auf technischer oder organisatorischer Ebene gelöst
werden müssen. Ivalua hat auf Basis eigener praktischer Erfahrungen und im
Dialog mit unseren Kunden erhaltener Einblicke sechs Herausforderungen
identifiziert:
1. Bessere Datenqualität und
Integration
Individuelle Auswahl eines Large Language Models (LLM)Ivalua)
Auf KI-generierte
Ergebnisse ist ohne valide und aussagekräftige Daten kein Verlass. Dies
betrifft beispielsweise Lieferanten- und Risikobewertungen, die automatische
Rechnungserkennung oder den Abgleich von Vertragsinhalten. Sie sind nur
vertrauenswürdig, wenn sie aus strukturierten und gut gepflegten Datenquellen
stammen. Zweifeln Mitarbeitende an den Ergebnissen, sinkt ihre Motivation.
Ergo: Nicht die Masse zählt, sondern die Frage “Wie komme ich an die richtigen
Daten”?
Oft stammen die Daten
aus fragmentierten und spärlich integrierten Teilsystemen wie ERP-Systemen,
Lieferantenportalen oder Bestell- und Vertragsdatenbanken. Wenn sie nicht
penibel gepflegt wurden, sind sie zumindest teilweise veraltet. Zudem gibt es
nicht überall durchgängige Source-to-Pay-Prozesse. Dadurch sinkt nicht nur die Effizienz,
sondern auch der Nutzerkomfort. Essenzielle Voraussetzungen für den integralen
Einsatz von KI in der Beschaffung sind folglich der Aufbau einer einheitlichen,
integrierten Datenbasis und lückenloser Prozesse.
2. Compliance und KI-Governance
Die meisten
Mitarbeitenden möchten sicher sein, dass ihre Handlungen den gesetzlichen
Bestimmungen und allgemeinen ethischen Grundsätzen entsprechen. Dazu müssen
KI-erzeugte Entscheidungen zunächst einmal nachvollziehbar sein. Nur so lässt
sich prüfen, ob sie den gültigen Compliance-Anforderungen genügen und moralisch
vertretbar sind.
Ein noch relativ
neues Konzept ist die KI-Governance. Es umfasst eindeutige Richtlinien für die
Entwicklung, Implementierung und Überwachung von KI-Systemen. Dazu gehören
regelmäßige Audits und transparente Entscheidungen. Motivation braucht
Vertrauen, und das entwickelt sich nur, wenn die Mitarbeitenden verstehen, wie
die KI ihre Entscheidungen trifft und welche Mechanismen vor Fehlentscheidungen
schützen.
Wie das konkret
aussehen kann, zeigt das Beispiel des internationalen
Technologiekonzerns Körber. Nach der erfolgreichen Implementierung der Beschaffungslösung von
Ivalua nutzte das Unternehmen den enthaltenen KI-Assistenten „IVA“ zunächst
explorativ. Die Use Cases für Pilotprojekte wurden von den Nutzern selbst
identifiziert und getestet. Compliance und die Schaffung von Vertrauen bei
Mitarbeitern waren dabei von Beginn an zentrale Elemente: Körber hat unter
anderem Leitprinzipien für KI formuliert und einen unternehmenseigenen Ethikrat
ins Leben gerufen, der den Einsatz von KI-Systemen ständig prüft.
Vertrauensbildende Maßnahmen sind klare Zuständigkeiten und ein klares
Bekenntnis zum Menschen als letzte Instanz („Human in the Loop“). Das Ergebnis: Durch die Nutzung der KI-Funktionen
in Ivalua kann der Einkauf des Konzerns strategische und wirtschaftliche
Vorteile erzielen.
Start eines KI-gestützten BeschaffungsprozessesIvalua)
3. Mehr als nur
Nutzerfreundlichkeit
Widerstände entstehen oft auch durch Konfusion oder Überforderung der
Betroffenen. Das liegt meist an einer schlecht konzipierten Benutzeroberfläche
mit unklaren Abläufen und intransparenter Navigation.
Hohe Akzeptanz
entsteht hingegen durch intuitive Benutzerführung, umfassende und durchgängige
Self-Service-Prozesse sowie rollenspezifische Dashboards. Auch konsolidierte
Lieferantenkataloge sowie KI-gestützte Auswertungs- und Vergleichsmöglichkeiten
für Lieferquellen sind dafür hilfreich.
4. Integratives Change-Management
Jede Veränderung braucht Führung: eine Person oder ein Gremium, das
Verantwortung übernimmt und unterstützend wirkt. Beim Thema KI sind vor allem
die Unternehmensbereiche Einkauf, IT, Recht und Finanzen in den Wandel
involviert. Sie verfolgen eigene Interessen und hegen unterschiedliche
Befürchtungen. In diesem Kontext bedeutet Führung, alle Stakeholder einzubinden
und ein gemeinsames Verständnis vom Nutzen der KI zu entwickeln.
Ein
systematisches Change-Management initiiert Pilotprojekte und
Schulungsvorhaben. Es sorgt für offene Kommunikation über konkrete Ziele, den
zu erwartenden Mehrwert, aber auch die Grenzen der KI. Fortlaufende
Trainingsmaßnahmen helfen den Mitarbeitenden zu verstehen, was von ihnen erwartet
wird und wie sie davon profitieren. Die Rolle der Nutzer wird häufig
unterschätzt. Sie können beispielsweise geeignete Anwendungsfälle für
Pilotprojekte beisteuern, Kriterien für die Risikobewertung entwickeln oder
Feedback zu den Fragebögen geben.
5. Vorrang für Quick Wins
Eine mittel- bis
längerfristige Roadmap ist sinnvoll und wichtig. Ebenso hilfreich ist es
jedoch, zunächst mit überschaubaren Use Cases die niedrig hängenden Früchte zu
ernten. Diese Anwendungsfälle müssen einen klar umrissenen Inhalt, eine hohe
Relevanz und einen messbaren Mehrwert haben. Beispiele hierfür sind das Supplier Risk Scoring, Bedarfsanalysen oder die Automatisierung von
Routinetätigkeiten wie Genehmigungs-Workflows. Die Ergebnisse sollten messbar
sein und großflächig kommuniziert werden. Das beschleunigt die Lernkurve und
hält die Motivation der Mitarbeitenden hoch.
Fazit: Nutzen der
KI hängt von Menschen ab
Tatsächlich bietet
Künstliche Intelligenz dem Einkauf vielfältige Möglichkeiten, um die Effizienz
zu steigern, Risiken zu verringern, für mehr Transparenz zu sorgen, präzisere
Entscheidungen zu treffen und die Gesamtkosten zu senken. Außerdem haben die Teams
mehr freie Kapazitäten für strategische Aufgaben. Diese Potenziale können
jedoch nur ausgeschöpft werden, wenn Führungskräfte, Mitarbeitende und
Geschäftspartner motiviert sind.
Dazu müssen sich die
Unternehmen insbesondere um die Qualität der Daten und die Integration der
Systeme kümmern. Gleichzeitig sollten sie einen Rahmen für eine klare
Governance und die Einhaltung von Ethikstandards setzen. Unabdingbar sind zudem
benutzerfreundliche Oberflächen und Self-Service-Systeme. Ein konsequentes
Change-Management hält alles zusammen. Last but not least wächst die Motivation
der Beteiligten durch erfolgreiche Pilotprojekte.