Preisschock durch Irankrieg

Explodierende Gaspreise: Wie die Industrie jetzt reagieren muss

Der Irankrieg verknappt das Angebot an LNG und der Gaspreis schießt in die Höhe. Die Industrie ist mit dem zweiten Gaspreisschock innerhalb von vier Jahren konfrontiert. Was Unternehmen jetzt tun sollten.

LNG-Tanker
LNG-Tanker: Katar hat die Produktion des Flüssiggases zunächst ausgesetzt.

„Sorgen sind nicht angebracht“, beschwichtigte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche noch im Februar, als sie gefragt wurde, ob die Füllstände der deutschen Gasspeicher nicht zu niedrig seien. Die Versorgung sei abgesichert durch den Import von Flüssiggas. Die sich damals schon abzeichnende Eskalation in der Golfregion durch die Drohungen des US-Präsidenten ignorierte die Ministerin. Auch im „Bericht aus Berlin“ vom 1. März 2026, sprach Reiche noch davon, dass Deutschlands LNG-Versorgung sicher sei, die Blockade der Straße von Hormus durch Iran würde Deutschland nicht treffen.

Was Reiche meinte: Deutschland bezieht sein Erdgas und LNG tatsächlich nicht aus der Golfregion: Pipeline-Erdgas kommt vornehmlich aus Norwegen sowie aus Belgien und den Niederlanden, LNG importierte Deutschland im vergangenen Jahr zu 99% aus den USA. Eine akute Versorgungsnot ist also nicht in Sicht, indirekt stellt sich aber sehr wohl ein drastischer Preiseffekt ein.

Knapperes Angebot, Gaspreis schießt in die Höhe

Am Handelsplatz Amsterdam sprang der richtungsweisende TTF-Terminpreis für Gas (Lieferung Mai) am Montag (2.3.2026) auf 45,32 Euro je Megawattstunde – rund 44 Prozent mehr als noch am Freitag. Für die heftige Reaktion sorgen mehrere Effekte:

Nadelöhr Straße von Hormus: Iran hat die Straße von Hormus aktuell faktisch blockiert und greift Tankschiffe mit Drohnen an. Dadurch stecken zahlreiche Öl- und LNG-Tanker in der Region fest und kommen nicht zu ihren Zielen. Da rund ein Fünftel des weltweiten LNG-Handels die Meerenge passieren muss, sind die Auswirkungen global spürbar. Wird das Nadelöhr von Marktteilnehmern als unsicher wahrgenommen oder tatsächlich länger blockiert, wird LNG schnell als knapp „eingepreist“. Die wichtigsten Exporteure von Flüssiggas in der Golfregion sind Katar, Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate. Saudi-Arabien ist dabei, seine Produktion stark auszubauen.

Stopp der LNG-Produktion in Katar: Zum anderen haben iranische Bomben Ras Laffan, die größte LNG-Produktionsstätte im Norden Katars beschädigt, der Betreiber Qatar Energy stoppte die Produktion. Auch in der Anlage Mesaieed südlich der Hauptstadt Doha wird vorerst kein LNG mehr hergestellt. Das hat Folgen, immerhin entfallen rund 19% der weltweiten LNG-Exporte auf Katar. Das Land liefert zirka 80% seines LNG in asiatische Länder wie China, Japan und Südkorea, in Europa kauften bislang nur Großbritannien und Italien katarisches Flüssiggas. Ab 2026 gehört dann auch Deutschland zu den belieferten Ländern. Pro Jahr sollen bis zu 2 Mio. Tonnen LNG von Qatar Energy an das US-Unternehmen Conoco Phillips verkauft werden, das es wiederum weiter nach Brunsbüttel liefert. Der Kontrakt wurde über einen Mindestzeitraum von 15 Jahren geschlossen.

Geringe Speicherstände: Verschärft werden die Risiken durch die relativ niedrigen Gasspeicherstände, zumindest als psychologischer Effekt. Europaweit liegen die derzeit unter 31% (gegenüber 40% im Vorjahreszeitraum), in Deutschland liegen sie bei knapp 20% (Stand 3.3.2026). Diese Gasspeicher sollen mögliche Importausfälle oder Lieferstörungen ausgleichen.

Auswirkungen des Gaspreisschocks auf die Industrie

Bloomberg befürchtet, dass der Iran-Krieg den internationalen Gasmarkt massiv erschüttert, es könnte der gravierendste Schock sein seit Russlands Angriff auf die Ukraine. Damals hatte Russland einen Anteil von 20% am weltweiten Erdgasmarkt, heute hat Katar einen Anteil von 20% am Flüssiggasmarkt. Und auch wenn die Abhängigkeit der deutschen Industrie von einem Lieferland (Russland) vor vier Jahren noch weitaus stärker war, zeigt sich, dass die Industrie hierzulande auch heute, mit einer diversifizierten Gaslieferstruktur, stark betroffen ist.

Denn für die Industrie ist Gas Rohstoff und Energiequelle zugleich. So trifft der Preissprung nicht nur, aber vor allem energieintensive Unternehmen. Besonders die Branchen Chemie, Glas, Keramik, Metall, Papier und Lebensmittel kann schon ein kurzer Preisschock teuer zu stehen kommen. Das gilt umso mehr für Unternehmen, die ihr Gas kurzfristig nachbeschaffen müssen (Spot/Front-Month), nur teilweise gehedgt sind oder deren Verträge indexiert sind und deshalb Preisbewegungen mit kurzer Verzögerung durchreichen.

Gas ist jedoch nur einer der Dominosteine. Die Öl- und Kraftstoffeffekte kommen schnell sichtbar beim Verbraucher an – vor allem an der Zapfsäule. Eine dpa-Auswertung in der Wirtschaftswoche beschreibt den Sprung konkret: E10 war am Montagnachmittag 7,3 Cent/Liter teurer als am Freitag, Diesel sogar 8,1 Cent/Liter. ADAC-Experte Christian Laberer warnt: Wenn der Ölpreis nicht rasch nachgibt, könne der Aufwärtstrend über die nächsten Tage anhalten. Sinkende Ölpreise kämen dagegen erfahrungsgemäß langsamer an der Zapfsäule an. Beim Heizöl war der Ausschlag noch drastischer: Heizoel24 meldete zwischenzeitlich über 120 Euro je 100 Liter, am Freitag habe man noch deutlich unter 100 Euro gelegen.

Wie sollten Unternehmen jetzt auf den explodierenden Gaspreis reagieren?

Kurzfristig sind die meisten Unternehmen dem Preisschock hilflos ausgeliefert, außer dass sie vielleicht die Temperatur in Gebäuden reduzieren und Prozesse optimieren können. Wurden langfristige Lieferverträge geschlossen, sind die Auswirkungen zunächst nicht spürbar. Wer dagegen auf kurzfristige Beschaffung setzt, sollte sein Portfolio spätestens jetzt diversifizieren, also kurz- und langfristige Verträge hedgen. Auch unterschiedliche Lieferanten im Rahmen einer Multisourcing-Strategie können einen Teil der Folgen eines Preisschocks abfedern.

Mittel- bis langfristig lässt sich zwar nicht der Rohstoff Erdgas, wohl aber der Energieträger Erdgas durch Alternativen ersetzen, die weniger Abhängigkeit und damit mögliche Preisschocks bedeuten. Das können Hybridanlagen sein (Wärmepumpe mit Gaskessel für Spitzenverbräuche), der Anschluss an Fernwärme oder die Nutzung von Abwärme/Prozesswärme. Vor allem die Wärmeproduktion durch Strom mithilfe einer Wärmepumpe hat den Vorteil, dass der notwendige Strom zu einem großen Teil selbst produziert werden kann.

 

 

 

 

FAQ - Gaspreis in der Industrie

Warum steigen die Gaspreise gerade so stark?

Der TTF-Terminpreis für Gas sprang am 2. März 2026 auf 45,32 Euro je Megawattstunde – ein Anstieg von rund 44 Prozent gegenüber dem Freitag zuvor. Ausgelöst wurde dies durch die faktische Blockade der Straße von Hormus durch den Iran sowie durch Bombenangriffe auf die katarische LNG-Produktionsstätte Ras Laffan. Da rund ein Fünftel des weltweiten LNG-Handels diese Meerenge passiert und Katar etwa 19 Prozent der globalen LNG-Exporte liefert, wird das Angebot weltweit als knapp eingepreist.

Ist Deutschland direkt von Gaslieferausfällen betroffen?

Nein, nicht direkt. Deutschland bezieht sein Pipeline-Gas hauptsächlich aus Norwegen, Belgien und den Niederlanden, während 99 Prozent des importierten LNG aus den USA stammen. Eine akute Versorgungsnot besteht daher nicht. Dennoch spürt die deutsche Industrie den Preisschock indirekt, da der Gasmarkt global vernetzt ist und Knappheit an einem Ort die Preise überall treibt.

Warum sind die niedrigen Gasspeicherstände ein Problem?

Gasspeicher sollen Lieferstörungen und Importausfälle abpuffern. Aktuell liegen die europäischen Speicher bei unter 31 Prozent – im Vorjahreszeitraum waren es noch 40 Prozent. In Deutschland beträgt der Füllstand sogar nur knapp 20 Prozent. Diese geringen Reserven verschärfen die Risiken erheblich, weil kaum ein Puffer vorhanden ist, um einen längeren Ausfall aufzufangen.

Welche Branchen trifft der Gaspreisschock am härtesten?

Besonders stark betroffen sind energieintensive Industrien wie Chemie, Glas, Keramik, Metall, Papier und Lebensmittel. Für diese Unternehmen ist Gas gleichzeitig Rohstoff und Energiequelle. Vor allem Betriebe, die Gas kurzfristig am Spotmarkt nachbeschaffen müssen, nur teilweise abgesichert sind oder indexierte Verträge haben, spüren Preisbewegungen besonders schnell und unmittelbar.

Was können Unternehmen kurzfristig gegen den Preisanstieg tun?

Kurzfristig sind die Handlungsmöglichkeiten begrenzt. Wer auf Spotbeschaffung setzt, sollte sein Portfolio jetzt diversifizieren und kurz- sowie langfristige Verträge kombinieren. Eine Multisourcing-Strategie mit verschiedenen Lieferanten kann einen Teil der Folgen abfedern. Darüber hinaus lassen sich Prozesse optimieren und Gebäudetemperaturen reduzieren – mehr Spielraum besteht kurzfristig kaum.

Wie lässt sich die Abhängigkeit von Gas langfristig verringern?

Mittelfristig können Unternehmen den Energieträger Gas durch Alternativen ersetzen: Hybridanlagen, die eine Wärmepumpe mit einem Gaskessel kombinieren, der Anschluss an Fernwärme oder die Nutzung von Abwärme bieten sich an. Besonders attraktiv ist die Wärmeproduktion über Wärmepumpen, da der benötigte Strom zu einem großen Teil selbst erzeugt werden kann – was die Abhängigkeit von externen Preisentwicklungen dauerhaft senkt.