Die moderne Lieferkette hängt heute mehr denn je an wenigen Meerengen. Wie der Irankrieg zeigt, kommt es bei einer Störung zu weltweiten Auswirkungen. Risikoprofile der wichtigsten Nadelöhre.
Renè Petri, Proxima Renè Petri, Proxima
Die Taiwan-Straße gilt als Hochrisiko-Meerenge für die Weltwirtschaft.Peter Hermes Furian - stock.adobe.com
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Summary: René Petri von Proxima ordnet Suezkanal, Straße von Malakka, Taiwanstraße, Straße von Hormus und Panamakanal als kritische Punkte globaler Lieferketten ein. Störungen wirken sich über Transportkosten, Lieferzeiten, Versicherungsprämien und Energiepreise auf Einkauf und Produktion aus. Unternehmen sollten Handelsrouten systematisch analysieren, Frühwarnindikatoren definieren und alternative Beschaffungsstrategien vorbereiten.
Die moderne Lieferkette
hängt heute mehr denn je an wenigen Meerengen: Suezkanal, Straße von Malakka,
Taiwanstraße, Panamakanal und Straße von Hormus bündeln große Teile des
globalen Handels. Kommt es dort zu Störungen, steigen Transportkosten,
Lieferzeiten und Unsicherheiten oft innerhalb weniger Tage an.
Die vergangenen
Jahre haben gezeigt, wie schnell vermeintlich stabile Handelsrouten unter Druck
geraten können: Die festsitzende „Ever Given“ im Suezkanal, Angriffe im Roten
Meer, Dürreperioden im Panamakanal oder die Spannungen rund um Taiwan verändern
die Risikolage dauerhaft. Für CPOs sind Lieferketten-Unterbrechungen Teil der
neuen Realität.
Suezkanal:
Europas wichtigste Ader im Handel mit Asien
Der Suezkanal bleibt eine
der kritischsten Handelsrouten für Deutschland. Laut einer Ifo-Studie liefen
2023 rund 9,8 Prozent aller deutschen Importe durch diesen Kanal. Die
geopolitische Lage im Roten Meer hat das Risikoprofil deutlich verschärft.
Angriffe auf Handelsschiffe führten dazu, dass große Reedereien ihre Routen
über das Kap der Guten Hoffnung umgeleitet haben. Dadurch verlängern sich
Transportzeiten erheblich. Gleichzeitig steigen Frachtkosten,
Versicherungsprämien und der Bedarf an zusätzlicher Containerkapazität.
Für europäische
Unternehmen hat das direkte Folgen: volatile Lieferzeiten, steigende
Sicherheitsbestände und enge Produktionsplanungen. Hinzu kommt, dass
Ausweichrouten bestehende Hafenstrukturen verändern. Während Rotterdam lange
als dominanter Umschlaghafen galt, schwenken Reedereien zunehmend auf Häfen in
Deutschland, Frankreich, Portugal oder Großbritannien um.
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Risikoprofil
Suezkanal
Risikoprofil: Hoch
Art des Risikos: Geopolitische Konflikte, militärische Angriffe,
Blockaden
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Auswirkungen auf die Lieferketten: Höhere Transportkosten, längere
Laufzeiten, sinkende Planbarkeit, höhere Versicherungsprämien
Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Europa, unter anderem Deutschland. Unter anderem Textilien, Bekleidung, Leder, Elektronikkomponenten,
Maschinen
Frühwarnindikatoren: Rückgang der Suez-Transite, Zuschläge fürs Rote
Meer, Eskalation im Roten Meer
Straße von
Malakka: Der unterschätzte Engpass Asiens
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Die Straße von Malakka
gehört zu den wichtigsten Handelsrouten der Welt. Bis zu 30 Prozent des
globalen Seehandels wird über diese Meerenge abgewickelt. Für Deutschland ist
sie nach dem Suezkanal einer der wichtigsten Seewege. Hier treffen mehrere Risiken
aufeinander: Viele Lieferketten aus China, Japan oder Südostasien passieren
neben Malakka auch die Taiwanstraße und das Rote Meer. Gibt es auf einer dieser
Strecken Probleme, entsteht ein Dominoeffekt. Hinzu kommt die Diskussionen um
mögliche Transitgebühren, die Indonesiens Finanzminister angestoßen hatte. Das
hat Versicherer und Logistikunternehmen dazu veranlasst, Szenarien zu
modellieren.
Risikoprofil
Straße von Malakka
Risikoprofil: Hoch
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Art des Risikos: Geopolitische Spannungen, infrastrukturelle
Anfälligkeit, steigende Versicherungskosten
Auswirkungen auf die Lieferketten: Hohe Abhängigkeit asiatischer
Beschaffungsmärkte, steigende Transport- und Versicherungskosten, erhöhte
Volatilität
Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Asien-Pazifik sowie
Europa; Textilien, Bekleidung, Leder, Elektronikkomponenten, Holz und
Holzprodukte aus Südostasien
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Frühwarnindikatoren: Politische Aussagen der Anrainerstaaten,
steigende Versicherungsprämien, Ausbau alternativer Handelsrouten
Taiwanstraße:
Risiko für Europas Technologieversorgung
Die Taiwanstraße
entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Risikofaktor für die globale
Industrie. Taiwan nimmt eine bedeutende Rolle in der globalen
Halbleiterindustrie ein. Hochleistungschips sind hierzulande für
Automobilproduktion, Maschinenbau, Medizintechnik und KI-gesteuerte Geschäfts-
und Produktionsprozesse unverzichtbar.
Eine Eskalation rund um
Taiwan würde daher weit über die Region hinausreichen. Bereits eine kleine
Blockade könnte massive Versorgungsengpässe auslösen. Doch die Lage bleibt
schwer kalkulierbar. Militärische Manöver, politische Eskalationen oder
Sanktionen könnten kurzfristig Auswirkungen auf globale Lieferketten entfalten.
Risikoprofil
Taiwanstraße
Risikoprofil: Hoch
Art des Risikos: Geopolitischer Konflikt zwischen China und Taiwan
Auswirkungen auf die Lieferketten: Risiken für Halbleiterversorgung,
Elektronikfertigung und industrielle Produktion
Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Global,
insbesondere Europa, USA und Ostasien. Unter anderem Halbleiter und Mikrochips,
Computer, Elektronik, Spezialchemikalien
Frühwarnindikatoren: Militärmanöver, politische Eskalation zwischen
Peking und Taipeh, Entwicklungen bei TSMC
Straße von
Hormus: Indirekt abhängig, doch direkt betroffen
Für Deutschland ist die
direkte Handelsabhängigkeit von der Straße von Hormus zwar vergleichsweise
gering. Dennoch bleibt die Meerenge global hochrelevant, wie der aktuelle
Konflikt zeigt.
20 Prozent des
weltweit verschifften Öls sowie große Mengen LNG passieren diese Meerenge. Die
Blockaden zeigen, dass die Energiepreise dadurch oft unmittelbar steigen. Das
betrifft auch europäische Industrieunternehmen. Zusätzlich entstehen indirekte
Effekte entlang anderer Handelsrouten. Höhere LNG-Exporte aus den USA erhöhen
beispielsweise den Druck auf den Panamakanal und verschärfen dort
Kapazitätsengpässe. Für den Einkauf in Europa ist die Straße von Hormus deshalb
oftmals weniger ein klassisches Beschaffungsrisiko als vielmehr ein Risiko in
Sachen Energiepreisschock.
Risikoprofil
Straße von Hormus
Risikoprofil: Niedrig für Deutschland direkt, sehr hoch global
Art des Risikos: Militärische Konflikte, Blockaden, Energie(preis)krisen
Auswirkungen auf die Lieferketten: Höhere Energiepreise, Belastung
globaler Transportnetzwerke, indirekte Kostensteigerungen
Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Naher Osten und
globale Energiemärkte. Öl und LNG, Helium, Düngemittel, Aluminium
Frühwarnindikatoren: Öl- und LNG-Preise, militärische Aktivitäten,
diplomatische Entwicklungen
Panamakanal:
Klimarisiken werden zum Supply-Chain-Thema
Der Panamakanal ist für
Deutschland weniger kritisch. Direkt betroffen sind vor allem Handelsströme
zwischen Amerika und Asien. Dennoch zeigt der Kanal, wie stark Klimarisiken die
globale Supply Chain beeinflussen.
Dürreperioden führten
dazu, dass deutlich weniger Schiffe den Kanal durchfahren konnten. Dadurch
entstanden Rückstaus, längere Wartezeiten und steigende Kosten. Besonders
problematisch wird das, wenn zusätzliche LNG-Exporte aus den USA Kapazitäten
binden, wie derzeit der Fall durch die Blockade in der Straße von Hormus. Für europäische
Unternehmen wirken sich solche Entwicklungen meist indirekt aus. Sie
beeinflussen globale Transportnetzwerke, Containerverfügbarkeiten und
Energiepreise.
Autor: René Petri
René Petri ist Experte im Bereich Beschaffung und Supply-Chain-Management mit über 26 Jahren Berufserfahrung. Als Deutschlandchef bei Proxima verantwortet er die europäische Expansion des Beratungsunternehmens für Einkaufsoptimierung und Supply-Chain-Management. Er entwickelt Strategien, um globale Lieferketten effizienter, nachhaltiger und widerstandsfähiger zu gestalten.
Risikoprofil
Panamakanal
Risikoprofil: Niedrig bis mittel
Art des Risikos: Klimawandel, Dürre, Kapazitätsengpässe
Auswirkungen auf die Lieferketten: Verzögerungen, höhere Logistikkosten,
Verlagerung globaler Schiffsströme
Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Nord- und
Südamerika sowie Asien; Lithiumcarbonat und Silbererze
Frühwarnindikatoren: Wasserstand des Gatún-Sees, tägliche Transitzahlen,
LNG-Auslastung
Was
Einkauf-Teams jetzt tun sollten
Für CPOs ist es nach wie
vor nicht ausreichend, Lieferanten nur nach Kosten und Qualität zu bewerten.
Entscheidend wird, wie resilient die dahinterliegende Supply Chain tatsächlich
ist. Unternehmen sollten systematisch ihre Handelsrouten analysieren. Kritische
Warengruppen benötigen alternative Beschaffungs-Strategien, eiserne Reserven
und realistische Szenarien für geopolitische oder Klima-bedingte Störungen.
Ebenso wichtig ist ein
professionelles Risikomanagement mit klar definierten Frühwarnindikatoren. Wer
Transitzahlen, Versicherungsaufschläge, geopolitische Entwicklungen und
Kapazitätsdaten kontinuierlich beobachtet, kann schneller reagieren und
Versorgungsengpässe besser abfedern.
Die zentrale Erkenntnis
ist: Meerengen sind längst kein Randthema der Geopolitik mehr. Sie haben sich
zu strategischen Einflussfaktoren für Einkauf, Produktion und
Versorgungssicherheit in Europa entwickelt.
Warum entstehen Lieferketten-Unterbrechungen häufig an Meerengen?
Meerengen bündeln große Teile des globalen Seehandels. Störungen wirken deshalb schnell auf Transportkosten, Laufzeiten und Planbarkeit.
Welche Meerengen sind für Lieferketten-Unterbrechungen besonders kritisch?
Besonders relevant sind Suezkanal, Straße von Malakka, Taiwanstraße, Straße von Hormus und Panamakanal.
Wie wirken sich Lieferketten-Unterbrechungen am Suezkanal aus?
Umleitungen über das Kap der Guten Hoffnung verlängern Transportzeiten und erhöhen Frachtkosten, Versicherungsprämien und Containerbedarf.
Warum sind Lieferketten-Unterbrechungen in der Taiwanstraße für die Industrie riskant?
Taiwan ist wichtig für Halbleiter. Störungen können Automobilproduktion, Maschinenbau, Medizintechnik und Elektronikfertigung treffen.
Was hilft gegen Lieferketten-Unterbrechungen?
Unternehmen sollten Handelsrouten analysieren, Frühwarnindikatoren überwachen, alternative Beschaffungsstrategien aufbauen und kritische Warengruppen absichern.