Wenn Lieferketten ins Schwimmen kommen

Meerengen und das Risiko für den Einkauf

Die moderne Lieferkette hängt heute mehr denn je an wenigen Meerengen. Wie der Irankrieg zeigt, kommt es bei einer Störung zu weltweiten Auswirkungen. Risikoprofile der wichtigsten Nadelöhre.

Die Taiwan-Straße gilt als Hochrisiko-Meerenge für die Weltwirtschaft.
Die Taiwan-Straße gilt als Hochrisiko-Meerenge für die Weltwirtschaft.

Summary: René Petri von Proxima ordnet Suezkanal, Straße von Malakka, Taiwanstraße, Straße von Hormus und Panamakanal als kritische Punkte globaler Lieferketten ein. Störungen wirken sich über Transportkosten, Lieferzeiten, Versicherungsprämien und Energiepreise auf Einkauf und Produktion aus. Unternehmen sollten Handelsrouten systematisch analysieren, Frühwarnindikatoren definieren und alternative Beschaffungsstrategien vorbereiten.

Die moderne Lieferkette hängt heute mehr denn je an wenigen Meerengen: Suezkanal, Straße von Malakka, Taiwanstraße, Panamakanal und Straße von Hormus bündeln große Teile des globalen Handels. Kommt es dort zu Störungen, steigen Transportkosten, Lieferzeiten und Unsicherheiten oft innerhalb weniger Tage an.

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell vermeintlich stabile Handelsrouten unter Druck geraten können: Die festsitzende „Ever Given“ im Suezkanal, Angriffe im Roten Meer, Dürreperioden im Panamakanal oder die Spannungen rund um Taiwan verändern die Risikolage dauerhaft. Für CPOs sind Lieferketten-Unterbrechungen Teil der neuen Realität.

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Suezkanal: Europas wichtigste Ader im Handel mit Asien

Der Suezkanal bleibt eine der kritischsten Handelsrouten für Deutschland. Laut einer Ifo-Studie liefen 2023 rund 9,8 Prozent aller deutschen Importe durch diesen Kanal. Die geopolitische Lage im Roten Meer hat das Risikoprofil deutlich verschärft. Angriffe auf Handelsschiffe führten dazu, dass große Reedereien ihre Routen über das Kap der Guten Hoffnung umgeleitet haben. Dadurch verlängern sich Transportzeiten erheblich. Gleichzeitig steigen Frachtkosten, Versicherungsprämien und der Bedarf an zusätzlicher Containerkapazität.

Für europäische Unternehmen hat das direkte Folgen: volatile Lieferzeiten, steigende Sicherheitsbestände und enge Produktionsplanungen. Hinzu kommt, dass Ausweichrouten bestehende Hafenstrukturen verändern. Während Rotterdam lange als dominanter Umschlaghafen galt, schwenken Reedereien zunehmend auf Häfen in Deutschland, Frankreich, Portugal oder Großbritannien um.

Risikoprofil Suezkanal

Risikoprofil: Hoch

Art des Risikos: Geopolitische Konflikte, militärische Angriffe, Blockaden 

Auswirkungen auf die Lieferketten: Höhere Transportkosten, längere Laufzeiten, sinkende Planbarkeit, höhere Versicherungsprämien 

Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Europa, unter anderem Deutschland. Unter anderem Textilien, Bekleidung, Leder, Elektronikkomponenten, Maschinen 

Frühwarnindikatoren: Rückgang der Suez-Transite, Zuschläge fürs Rote Meer, Eskalation im Roten Meer

Straße von Malakka: Der unterschätzte Engpass Asiens

Die Straße von Malakka gehört zu den wichtigsten Handelsrouten der Welt. Bis zu 30 Prozent des globalen Seehandels wird über diese Meerenge abgewickelt. Für Deutschland ist sie nach dem Suezkanal einer der wichtigsten Seewege. Hier treffen mehrere Risiken aufeinander: Viele Lieferketten aus China, Japan oder Südostasien passieren neben Malakka auch die Taiwanstraße und das Rote Meer. Gibt es auf einer dieser Strecken Probleme, entsteht ein Dominoeffekt. Hinzu kommt die Diskussionen um mögliche Transitgebühren, die Indonesiens Finanzminister angestoßen hatte. Das hat Versicherer und Logistikunternehmen dazu veranlasst, Szenarien zu modellieren.

Risikoprofil Straße von Malakka

Risikoprofil: Hoch 

Art des Risikos: Geopolitische Spannungen, infrastrukturelle Anfälligkeit, steigende Versicherungskosten 

Auswirkungen auf die Lieferketten: Hohe Abhängigkeit asiatischer Beschaffungsmärkte, steigende Transport- und Versicherungskosten, erhöhte Volatilität

Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Asien-Pazifik sowie Europa; Textilien, Bekleidung, Leder, Elektronikkomponenten, Holz und Holzprodukte aus Südostasien

Frühwarnindikatoren: Politische Aussagen der Anrainerstaaten, steigende Versicherungsprämien, Ausbau alternativer Handelsrouten

Taiwanstraße: Risiko für Europas Technologieversorgung

Die Taiwanstraße entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Risikofaktor für die globale Industrie. Taiwan nimmt eine bedeutende Rolle in der globalen Halbleiterindustrie ein. Hochleistungschips sind hierzulande für Automobilproduktion, Maschinenbau, Medizintechnik und KI-gesteuerte Geschäfts- und Produktionsprozesse unverzichtbar.

Eine Eskalation rund um Taiwan würde daher weit über die Region hinausreichen. Bereits eine kleine Blockade könnte massive Versorgungsengpässe auslösen. Doch die Lage bleibt schwer kalkulierbar. Militärische Manöver, politische Eskalationen oder Sanktionen könnten kurzfristig Auswirkungen auf globale Lieferketten entfalten.

Risikoprofil Taiwanstraße

Risikoprofil: Hoch

 Art des Risikos: Geopolitischer Konflikt zwischen China und Taiwan

 Auswirkungen auf die Lieferketten: Risiken für Halbleiterversorgung, Elektronikfertigung und industrielle Produktion 

Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Global, insbesondere Europa, USA und Ostasien. Unter anderem Halbleiter und Mikrochips, Computer, Elektronik, Spezialchemikalien

Frühwarnindikatoren: Militärmanöver, politische Eskalation zwischen Peking und Taipeh, Entwicklungen bei TSMC

Straße von Hormus: Indirekt abhängig, doch direkt betroffen

Für Deutschland ist die direkte Handelsabhängigkeit von der Straße von Hormus zwar vergleichsweise gering. Dennoch bleibt die Meerenge global hochrelevant, wie der aktuelle Konflikt zeigt.

20 Prozent des weltweit verschifften Öls sowie große Mengen LNG passieren diese Meerenge. Die Blockaden zeigen, dass die Energiepreise dadurch oft unmittelbar steigen. Das betrifft auch europäische Industrieunternehmen. Zusätzlich entstehen indirekte Effekte entlang anderer Handelsrouten. Höhere LNG-Exporte aus den USA erhöhen beispielsweise den Druck auf den Panamakanal und verschärfen dort Kapazitätsengpässe. Für den Einkauf in Europa ist die Straße von Hormus deshalb oftmals weniger ein klassisches Beschaffungsrisiko als vielmehr ein Risiko in Sachen Energiepreisschock.

Risikoprofil Straße von Hormus

Risikoprofil: Niedrig für Deutschland direkt, sehr hoch global 

Art des Risikos: Militärische Konflikte, Blockaden, Energie(preis)krisen 

Auswirkungen auf die Lieferketten: Höhere Energiepreise, Belastung globaler Transportnetzwerke, indirekte Kostensteigerungen 

Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Naher Osten und globale Energiemärkte. Öl und LNG, Helium, Düngemittel, Aluminium

Frühwarnindikatoren: Öl- und LNG-Preise, militärische Aktivitäten, diplomatische Entwicklungen

Panamakanal: Klimarisiken werden zum Supply-Chain-Thema

Der Panamakanal ist für Deutschland weniger kritisch. Direkt betroffen sind vor allem Handelsströme zwischen Amerika und Asien. Dennoch zeigt der Kanal, wie stark Klimarisiken die globale Supply Chain beeinflussen.

Dürreperioden führten dazu, dass deutlich weniger Schiffe den Kanal durchfahren konnten. Dadurch entstanden Rückstaus, längere Wartezeiten und steigende Kosten. Besonders problematisch wird das, wenn zusätzliche LNG-Exporte aus den USA Kapazitäten binden, wie derzeit der Fall durch die Blockade in der Straße von Hormus. Für europäische Unternehmen wirken sich solche Entwicklungen meist indirekt aus. Sie beeinflussen globale Transportnetzwerke, Containerverfügbarkeiten und Energiepreise.

Autor: René Petri

René Petri

René Petri ist Experte im Bereich Beschaffung und Supply-Chain-Management mit über 26 Jahren Berufserfahrung. Als Deutschlandchef bei Proxima verantwortet er die europäische Expansion des Beratungsunternehmens für Einkaufsoptimierung und Supply-Chain-Management. Er entwickelt Strategien, um globale Lieferketten effizienter, nachhaltiger und widerstandsfähiger zu gestalten.

Risikoprofil Panamakanal

Risikoprofil: Niedrig bis mittel 

Art des Risikos: Klimawandel, Dürre, Kapazitätsengpässe 

Auswirkungen auf die Lieferketten: Verzögerungen, höhere Logistikkosten, Verlagerung globaler Schiffsströme 

Besonders betroffene Region(en) und Warenkategorien: Nord- und Südamerika sowie Asien; Lithiumcarbonat und Silbererze 

Frühwarnindikatoren: Wasserstand des Gatún-Sees, tägliche Transitzahlen, LNG-Auslastung

Was Einkauf-Teams jetzt tun sollten

Für CPOs ist es nach wie vor nicht ausreichend, Lieferanten nur nach Kosten und Qualität zu bewerten. Entscheidend wird, wie resilient die dahinterliegende Supply Chain tatsächlich ist. Unternehmen sollten systematisch ihre Handelsrouten analysieren. Kritische Warengruppen benötigen alternative Beschaffungs-Strategien, eiserne Reserven und realistische Szenarien für geopolitische oder Klima-bedingte Störungen.

Ebenso wichtig ist ein professionelles Risikomanagement mit klar definierten Frühwarnindikatoren. Wer Transitzahlen, Versicherungsaufschläge, geopolitische Entwicklungen und Kapazitätsdaten kontinuierlich beobachtet, kann schneller reagieren und Versorgungsengpässe besser abfedern.

Die zentrale Erkenntnis ist: Meerengen sind längst kein Randthema der Geopolitik mehr. Sie haben sich zu strategischen Einflussfaktoren für Einkauf, Produktion und Versorgungssicherheit in Europa entwickelt.

FAQ - Kritische Meerengen

Warum entstehen Lieferketten-Unterbrechungen häufig an Meerengen?

Meerengen bündeln große Teile des globalen Seehandels. Störungen wirken deshalb schnell auf Transportkosten, Laufzeiten und Planbarkeit.

Welche Meerengen sind für Lieferketten-Unterbrechungen besonders kritisch?

Besonders relevant sind Suezkanal, Straße von Malakka, Taiwanstraße, Straße von Hormus und Panamakanal.

Wie wirken sich Lieferketten-Unterbrechungen am Suezkanal aus?

Umleitungen über das Kap der Guten Hoffnung verlängern Transportzeiten und erhöhen Frachtkosten, Versicherungsprämien und Containerbedarf.

Warum sind Lieferketten-Unterbrechungen in der Taiwanstraße für die Industrie riskant?

Taiwan ist wichtig für Halbleiter. Störungen können Automobilproduktion, Maschinenbau, Medizintechnik und Elektronikfertigung treffen.

Was hilft gegen Lieferketten-Unterbrechungen?

Unternehmen sollten Handelsrouten analysieren, Frühwarnindikatoren überwachen, alternative Beschaffungsstrategien aufbauen und kritische Warengruppen absichern.