Energiebeschaffung

Wie ein Energiekonto  die Industrie entlasten kann

Hohen Energiepreise machen es wichtiger denn je, den Überblick über Energieverbrauch und -kosten zu behalten. Dabei helfen kann ein webbasiertes Energiekonto, in dem alle Energiedaten standortübergreifend und aus allen Messstellen zusammenfließen.

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Gerade vor dem Hintergrund der hohen Energiepreise ist es wichtiger denn je, den Überblick über Energieverbrauch und -kosten zu behalten.

Die Zeiten, in denen Industrieunternehmen ihre Stromversorgung mit einem einzigen Vollversorgungsvertrag und einem über das ganze Jahr konstanten Arbeitspreis absichern konnten, sind weitgehend vorbei. Wo früher der Lieferant auf Basis historischer Lastgänge einen festen Preis für ein oder zwei Jahre kalkulierte und „alles aus einer Hand“ lieferte, dominieren heute komplexe Beschaffungsportfolios aus mehreren Bausteinen. 

Für die Einkaufsabteilungen bedeutet das mehr Gestaltungsspielraum. Für Energiemanagement, Controlling und Buchhaltung jedoch einen deutlich höheren Aufwand. "Genau an dieser Schnittstelle setzt das Energiekonto im kaufmännischen Energiemanagement von Meine-Energie an", erklärt Dirk Heinze, Geschäftsführer Meine-Energie GmbH.

Von der Vollversorgung zum Beschaffungsportfolio

Viele klassische Energieversorger scheuen inzwischen das Risiko großer Vollversorgungsverträge. Stattdessen übernehmen sie häufig nur noch Teilmengen, die in der Regel höchstens 20 bis 30%  des Gesamtbedarfs ausmachen, und verweisen im Übrigen auf weitere Lieferanten oder den Einkauf über die Börse. Großabnehmer werden damit selbst zum Architekten ihres Beschaffungsportfolios. "An die Stelle eines einzigen Vertrags treten strukturierte Produkte wie Bänder, Blöcke und Tranchen, ergänzt um Restmengen über den Spotmarkt und zunehmend auch Power Purchase Agreements (PPA) mit Wind- und Photovoltaikparks", so Dirk Heinze. "Parallel dazu wächst der Anteil der Eigenversorgung, etwa über PV-Dach- und Freiflächenanlagen oder Blockheizkraftwerke." 

Ideal ist hier die Konstellation eines bilanzkreisführenden Hauptlieferanten, wie er etwa bei der BMW Group im Einsatz ist. Er übernimmt das Bilanzkreismanagement als Dienstleistung und liefert selbst nur einen Teil der Energie. Weitere Lieferanten stellen strukturierte Produkte oder PPA-Mengen bereit, die zwar mengen- und fahrplanseitig an den Bilanzkreis gemeldet, kaufmännisch aber direkt zwischen Lieferant und Unternehmen abgerechnet werden. Das Ausfallrisiko für diese Teilmengen liegt somit bei den jeweiligen Lieferanten, die Verantwortung für die Deckung des Gesamtbedarfs und die Struktur des Beschaffungsportfolios jedoch beim Unternehmen selbst. Aus dessen Sicht entsteht damit ein vielschichtiges Geflecht von Verträgen, Fahrplänen, Preisen und Verantwortlichkeiten.

Komplexität im Tagesgeschäft

"Mit der Veränderung der Beschaffungsmodelle steigt die Komplexität im Tagesgeschäft spürbar an", erklärt Heinze. "Wo früher jede Entnahmestelle eine eigene Lieferantenrechnung mit eindeutigem Preis hatte, werden Energiemengen heute zunächst portfolioweise beschafft und bilanziert." Erst im zweiten Schritt werden sie auf Werke, Kostenstellen oder Profitcenter verteilt.  

Die Grundlage hierfür bilden Messdaten, die häufig im Viertelstundenraster über zahlreiche Standorte und Zählpunkte hinweg anfallen. Hinzu kommen Fahrpläne aus PPA-Verträgen und strukturierten Produkten, die stündlich oder viertelstündlich strukturiert sind und bei der Ermittlung der Restmengen für den Spotmarkt zwingend berücksichtigt werden müssen. Die Vorgehensweise folgt dabei stets dem gleichen Muster: Zunächst werden alle Verbrauchsdaten zusammengeführt, anschließend werden die vertraglich zugesagten PPA-Mengen und Strukturprodukte abgezogen. Aus der verbleibenden Restmenge ergeben sich die Spotmarktmengen und gegebenenfalls die entsprechende Ausgleichsenergie.  

Erschwerend kommt hinzu, dass nicht alle relevanten Abrechnungsdaten zeitnah vorliegen. Bilanzkreisabrechnungen und Ausgleichsenergierechnungen treffen oft mit mehreren Wochen oder Monaten Verzögerung ein, obwohl Unternehmen bereits wenige Tage nach Monatsende wissen wollen, welche Energiekosten einem Standort zuzuordnen sind. "Über das Energiekonto ist es hier möglich, mit vorläufigen Preisen und Mengen zu rechnen, die bereinigt werden, wenn die entsprechenden Rechnungen vorliegen", bestätigt der Experte. "Ohne geeignete Systeme würde dies dagegen in einem aufwendigen Nebeneinander aus Excel-Listen, manuellen Berechnungen und Abstimmungsschleifen enden."

Das Energiekonto als Datendrehscheibe

Vor diesem Hintergrund fungiert das Energiekonto von Meine-Energie als zentrale Datendrehscheibe für alle energierelevanten Informationen. In der webbasierten Plattform laufen Verbrauchsdaten, Erzeugungsmengen, Vertragsspezifikationen und Kosteninformationen zusammen und werden in einer einheitlichen Struktur abgebildet. Messdaten aus intelligenten Messsystemen und Lastgangmessungen werden automatisiert importiert. Die verschiedenen Lieferverträge – von strukturierten Produkten über PPA bis hin zu Restmengen am Spotmarkt – werden mit ihren Preis- und Mengenlogiken im System hinterlegt.  

Auf dieser Basis lässt sich auch die Rechnungsprüfung automatisieren. Das Energiekonto berechnet aus den im System hinterlegten Lastgängen und Vertragskonditionen, welche Kosten sich für bestimmte Zeiträume ergeben müssten, und stellt diese den eingehenden Lieferantenrechnungen gegenüber. Abweichungen in Mengen, Preisen oder Zuschlägen werden transparent, Fehler lassen sich systematisch identifizieren. Für Multisite-Unternehmen mit hunderten Zählpunkten ist dieser automatisierte Abgleich eine wesentliche Voraussetzung, um Energierechnungen verlässlich zu prüfen, ohne die personellen Ressourcen im Controlling massiv aufzustocken.  

Ein weiterer Baustein ist die Möglichkeit, virtuelle Messstellen zu definieren, um auf diesem Wege auch die Eigenerzeugung und den -verbrauch quantifizieren zu können. So lassen sich beispielsweise Netzbezug und Eigenerzeugung einer Filiale zu einem virtuellen Gesamtverbrauch zusammenführen, auf den ein „Schattenvertrag“ gelegt wird. Dadurch wird sichtbar, was ein Standort bei vollständigem Netzbezug gekostet hätte, und welche Kosten tatsächlich bei der Kombination aus Netzbezug und Eigenversorgung anfallen. Die wirtschaftliche Wirkung von PV-Anlagen oder Blockheizkraftwerken wird so für das Controlling quantifizierbar, ohne dass physisch zusätzliche Zähler installiert werden müssen.

Unterstützung von Beschaffung und Controlling

Das Unternehmen: Meine-Energie

Unter dem Motto „Energie ist einfach“ bietet die Meine-Energie GmbH ein webbasiertes Komplettwerkzeug für das kaufmännische Energiemanagement. Es unterstützt vielfältige Prozesse wie das Energiecontrolling, die Erstellung von Energiebilanzen, das Verwalten von Kosten und Verbräuchen, die detaillierte Kosten- und Verbrauchsplanung, die Weiterverrechnung von Energiekosten, den Energieeinkauf sowie die Rechnungsprüfung.  Derzeit werden mehr als 17.000 gewerbliche Zählpunkte mit ihren Verträgen und mehr als 5 TWh Strom und Gas über meine-energie.de erfasst und verarbeitet.

Für den Energieeinkauf stellt das Energiekonto die benötigten Lastgänge und Verbrauchsprofile standortübergreifend bereit und ermöglicht es, historische Verläufe detailliert auszuwerten. Einkaufsstrategien lassen sich auf Basis belastbarer Daten entwickeln, etwa wenn es darum geht, den geeigneten Mix aus strukturierten Produkten, PPA -Quoten und Spotmarktanteilen zu finden oder das Risiko von Preisvolatilitäten zu bewerten. Die Zusammenführung aller relevanten Informationen in einem System stärkt die Verhandlungsposition des Einkaufs gegenüber Lieferanten und erleichtert die Bewertung verschiedener Beschaffungsoptionen.  

Im operativen Geschäft unterstützt das Energiekonto das Portfolio- und Rechnungsmanagement. Die Ermittlung von Restmengen zum Spotmarkt erfolgt automatisiert, Rundungs- und Aggregationseffekte werden konsistent behandelt. Verschiedene Lieferanten und Verträge mit unterschiedlichen Preislogiken werden in der Plattform zusammengeführt, sodass jederzeit erkennbar ist, welche Kosten welchem Vertrag oder Produkt zuzuordnen sind. Dies erleichtert nicht nur die Kontrolle der Lieferantenabrechnungen, sondern bildet auch die Grundlage für interne Verrechnungsmodelle. 

"Hier bietet das Energiekonto die Möglichkeit, Energiekosten verursachungsgerecht auf Standorte, Kostenstellen oder Profitcenter zu verteilen", so Heinze. "Verteilungsschlüssel lassen sich nach Bedarf festlegen, etwa auf Basis von Verbrauchsdaten, Produktionsmengen oder Flächen." Standortverantwortliche können über Berichte nachvollziehen, wie sich Verbrauch und Kosten entwickeln, welche Effizienzmaßnahmen Wirkung zeigen und wo Handlungsbedarf besteht. Gleichzeitig stehen die Daten für externe Anforderungen bereit, etwa für Energiemanagementsysteme nach ISO 50001 oder für eine Energiebilanz, die wiederum die Grundlage für die Strom- oder Energiesteuererklärung gegenüber dem Hauptzollamt bildet.

FAQ - Energiebeschaffung mit Portfolios

Was sind Portfolios in der Energiebeschaffung?

Portfolios sind strukturierte Beschaffungsstrategien, bei denen der Energiebedarf in mehrere Teilmengen aufgeteilt und zu unterschiedlichen Zeitpunkten und Konditionen eingekauft wird. Ziel ist die Risikominimierung durch Diversifikation statt einer einmaligen Komplettbeschaffung.

Welche Vorteile bietet die Portfolio-Beschaffung gegenüber der Vollversorgung?

Die Portfolio-Beschaffung reduziert das Preisrisiko durch zeitliche Streuung der Einkäufe und ermöglicht eine bessere Kontrolle über Energiekosten. Unternehmen bleiben flexibler und können auf Marktveränderungen reagieren, statt an einen einzigen Vertragszeitpunkt gebunden zu sein.

Welche Beschaffungsstrategien lassen sich in einem Portfolio kombinieren?

Typische Strategien sind Tranchen-Beschaffung (gestaffelte Teilmengen), Base-Peak-Splitting (getrennte Beschaffung von Grund- und Spitzenlast) und die Kombination aus Festpreisen und indexbasierten Verträgen. Zusätzlich können Spotmarkt-Anteile und Grünstrom-Zertifikate integriert werden.

Wie wird ein Energiebeschaffungsportfolio optimal strukturiert?

Die Strukturierung basiert auf Lastganganalysen, Risikobereitschaft und Budgetzielen des Unternehmens. Ein ausgewogenes Portfolio enthält typischerweise 60-80% abgesicherte Mengen über Festpreise und 20 bis 40% flexible Komponenten für Optimierungspotenziale.

Welche Risiken birgt die Portfolio-Beschaffung?

Komplexität in der Verwaltung und erforderliches Markt-Know-how stellen wesentliche Herausforderungen dar. Zudem besteht das Risiko von Fehlentscheidungen beim Timing einzelner Tranchen und höherer Verwaltungsaufwand im Vergleich zur einfachen Vollversorgung.

Für welche Unternehmen eignet sich Portfolio-Beschaffung?

Portfolio-Beschaffung lohnt sich besonders für Unternehmen mit einem Jahresverbrauch ab 10 GWh und hoher Energiekostenrelevanz. Kleinere Verbraucher profitieren meist nicht ausreichend, da der Verwaltungsaufwand die Einsparungen übersteigen kann.

Welche Tools und Ressourcen werden für erfolgreiches Portfolio-Management benötigt?

Unternehmen benötigen professionelle Energie-Management-Software zur Marktbeobachtung, Vertragsüberwachung und Risikoanalyse. Ebenso wichtig sind qualifizierte Mitarbeiter oder externe Energieberater sowie aktuelle Marktdaten und Preisprognosen.