Tablet PC mit Kartons und deren Lieferzeiten

Wie könnte das Lieferkettenmanagement in 20 Jahren aussehen? Eine Studie hat Szenarien untersucht. (Bild: zapp2photo/Adobestock)

| von Dörte Neitzel

Autonomer, grüner, komplexer, schneller und flexibler: So lassen sich die Ergebnisse der Forscher vom Fraunhofer Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA und den Unternehmensberatern von Ginkgo Management Consulting zusammenfassen. In einer Studie haben sie untersucht, wie sich das Supply Chain Management bis zum Jahr 2040 verändern wird.

Das selbstfahrende Mutterfahrzeug hat den Weg ins Wohngebiet gefunden und parkt zentral. Drohnen entladen es und stellen die Pakete zu. Im Jahr 2040 könnte das längst Alltag sein. Ebenso denkbar ist, dass es bis dahin ein spezielles Rohrleitungssystem gibt, über das Postsendungen die sogenannte letzte Meile bis zum Empfänger zurücklegen. Solche Zukunftsszenarien entstehen aus dem Bedarf heraus, steigende Online-Bestellungen und den zunehmenden Lieferverkehr zu bewältigen.

Forscher um Martina Schiffer von der Abteilung Fabrikplanung und Produktionsmanagement am Fraunhofer IPA sowie Georg Pietrzak und dessen Kollegen von Ginkgo Management Consulting haben in einer Studie untersucht, wie sich das Supply Chain Management (SCM) bis zum Jahr 2040 verändern könnte. Neben Urbanisierung und Digitalisierung haben sie noch acht weitere Megatrends identifiziert, die sich in den kommenden 20 Jahren auf die Wertschöpfungskette auswirken werden.

Grafik zu den größten Herausforderungen in der Lieferkette
Frage: Wo sehen Unternehmen die größten Herausforderungen für ihre Lieferketten in den kommenden fünf Jahren? (Grafik: IPA)

Zehn Megatrends wandeln Wertschöpfungskette

Treibende Kräfte für eine Neuorientierung der Lieferketten sind beispielsweise personalisierte Produkte, demographischer Wandel, Globalisierung, die wachsende Nachfrage nach umweltschonenden und fair gehandelten Produkten, Veränderungen bei der Mobilität, die Sorgen um die Datensicherheit, der wachsende Dienstleistungssektor sowie der Wandel hin zu Wissenskultur und Informationsgesellschaft.

All diese weltweiten Entwicklungen werden dazu beitragen, dass das SCM bis 2040 ...

  • ... weitgehend autonom abläuft: Fahrzeuge und Maschinen be- und entladen sich in Häfen, auf Güterbahnhöfen sowie in Postverteilzentren selbst und übernehmen die Zustellung. Sensoren und selbstlernende Algorithmen sagen voraus, wann welches Verschleißteil auszufallen droht und beschaffen rechtzeitig Ersatz: Der Mensch muss diese Prozesse nur noch planen und überwachen.
  • ... die Umwelt weniger belastet. Alternative Antriebe setzen sich durch und Verbraucher schicken ausrangierte Produkte zurück an den Hersteller. Dieser recycelt sie und fertigt daraus neue Ware.
  • ... keine Kette mehr ist, sondern ein Netz: Die Zeit der starren Wertschöpfungsketten vom Rohstoff bis zum Endprodukt ist im Jahr 2040 endgültig vorbei. An ihre Stelle tritt die vollständig digitale Smart Supply Chain, ein komplexes Netzwerk zwischen allen Beteiligten. Die Zahl der Akteure steigt, weil immer neue Güter und Dienstleistungen ausgetauscht werden.
  • ... schnelllebiger ist: Unternehmen wachsen innerhalb kürzerer Zeit zu bedeutenden Playern heran, verschwinden aber auch schneller wieder vom Markt.
  • ... flexibler ist: sich also schneller an unvorhergesehene Ereignisse wie Pandemien, Kriege oder Naturkatastrophen anpasst.
Grafik zu den Technologien, die die Logistik befeuern: Künstliche Intelligenz, Sensoren, Big Data
Welche Technologien spielen in der Logistik 2040 die größte Rolle? (Grafik: IPA)

Vorhersagen werden notwendig

Mit einer zunehmenden Veränderungsgeschwindigkeit steigt auch die Bedeutung einer Vorhersage, da die Gefahr zu einer verspäteten Reaktion steigt. Zehn Megatrends befeuern laut IPA diese Geschwindigkeit.

1. Individualisierung

Die Individualisierung und damit der Wunsch nach Selbstverwirklichung ist ein Trend, der sich ausgehend von den westlichen Staaten zunehmend global entfaltet. Das resultiert in umfangreichen Produktpaletten und -varianten. Die große Anzahl von Produktvarianten erhöht die Komplexität der Supply Chain sowohl auf der Seite der Zulieferer als auch bei der Zustellung der Produkte auf Seiten der Konsumenten. Die früher typische Lieferung fertiger Endprodukte „ab Lager“ verliert an Bedeutung.

2. Digitalisierung/Konnektivität

Die zunehmende Vernetzung und mit ihr das Smartphone erschafft neue Lebensstile, Verhaltensmuster und Möglichkeiten für persönliche Beziehungen. Leistungs- und Effizienzsteigerungen sind nur durch die umfassende Aufnahme, Verarbeitung und Auswertung aller produktions - und logistikbezogenen Daten möglich. Produktfunktionen werden mit digitalen Services erweitert und als Bundles am Markt angeboten.

3. Demographischer Wandel

Die Weltbevölkerung wird älter und insbesondere in den westlichen Industriestaaten werden in den kommenden Jahren überproportional viele Arbeitnehmer in Rente gehen. Unternehmen aus allen Branchen suchen aufgrund dessen schon jetzt nach Nachwuchsarbeitskräften. Es bedarf neuer Technologien und Lösungen, um den Arbeitskräftemangel zu kompensieren und Arbeitnehmer bei ihren Tätigkeiten zu unterstützen.

4. Urbanisierung

Ein immer größerer Teil der Bevölkerung lebt in Städten und Ballungsräumen. Neue Formen der Vernetzung und des Zusammenlebens entstehen. Die Urbanisierung führt dabei nicht nur in den Städten, sondern auch in den ländlichen Regionen zu einer Neugestaltung des Lebensraumes. Bisher nicht oder kaum besiedelte Regionen werden als Lebensraum aber auch für Produktionsstätten ausgebaut.

5. Globalisierung

Die weltweite Vernetzung von Menschen, Unternehmen und Produkten führt zu einem hochkomplexen System: Es schafft nicht nur neue Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit, sondern stellt auch wachsende Anforderungen an die Logistik. Krisensituationen verdeutlichen diese hohen Anforderungen besonders. Parallel zu Staaten und Regulierern, die versuchen globale Prozesse auf nationaler Ebene zu kontrollieren, entsteht eine Generation Global, die den weltweiten Austausch von Daten und Waren weiter verstärkt.

6. Nachhaltigkeit und Social Responsibility

Sowohl strengere Umweltauflagen von Staaten, als auch die Nachfrage nach umweltschonenden Produkten und Logistikprozessen seitens der Kunden setzen Unternehmen unter Druck. Im Zuge einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitsstrategie müssen Produktionstechnologien und die Logistik klimafreundlicher bzw. emissionsärmer werden. Gleichzeitig sind Kunden nur eingeschränkt bereit, höhere Preise zu bezahlen. Soziale Ungleichheiten und Spannungen erfordern zudem, dass Unternehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

7. Mobilität

Die Mobilität befindet sich vor dem nächsten Evolutionsschritt. Der wachsende Bedarf an flexiblen und schnellen Transportmöglichkeiten bringt eine Vielfalt verschiedener Mobilitätsformen hervor: vernetzt, geteilt und ohne CO2-Belastung.

8. Datensicherheit und -eigentum

Prozesse, Maschinen und Produkte werden immer stärker vernetzt und erzeugen immer mehr Daten. Datengetriebene Geschäftsmodelle und die Effizienzsteigerung erhöhen für Unternehmen den Anreiz, systematisch Daten zu sammeln und personengruppenspezifisch auszuwerten. Dateneigentum und die Rechte für Datenverarbeitung und - interpretation sind zu klären.

9. Mehr Dienstleistungen

Die Digitalisierung erweitert die Produktpalette und fügt neue Funktionen hinzu: Stand früher das physische Produkt im Kundenfokus, steigt der Dienstleistungsanteil am Produkt. Es entstehen neue Wirtschaftszweige und Geschäftsmodelle. Traditionelle Produktionsunternehmen müssen sich diesen Veränderungen anpassen, um ihre Kunden zu binden oder ihre Marktposition zu sichern.

10.Wissenskultur und Informationsgesellschaft

Durch die wachsende Vernetzung und die Möglichkeit wächst das globale Wissen exponentiell und neue Formen des Austauschs und des kollaborativen Lernens entstehen. Wissen wird für jedermann zugänglich und damit zum Allgemeingut. Dies erfordert neue Herangehensweisen, mit Wissen umzugehen und vor allem dieses aufwandsarm zu finden.

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Handlungsempfehlungen der Experten

Die Studienmacher leiten aus ihren Erkenntnissen einige Handlungsempfehlungen ab. Allerdings sind diese recht allgemein gehalten, da sie für das produzierende Gewerbe und die Logistikbranche anwendbar sein sollen.

1. Schnelligkeit in der Lieferkette

Die Durchlaufzeiten in der Supply Chain müssen kürzer werden. Künftig soll nicht mehr die Physik sondern die IT die Geschwindigkeit erhöhen. Dem stehen zahlreiche Einflüsse aus Politik (zum Beispiel Embargos oder Zölle) oder Naturkatastrophen entgegen.

2. Genauere Vorhersagen und bessere Planbarkeit

Unternehmen müssen wissen, wo ihre Güter zu jeder Tages- und Nachtzeit sind. Auch die Vorhersage und Maßnahmen, was gegebenenfalls bei Verzögerungen zu tun ist, muss präzise möglich sein.

3. Flexiblilität

Kooperationen und Plattformen werden eine sehr viel größere Rolle spielen als jetzt.

4. Datenkultur

Daten aus vor- und nachgelagerten Prozessen müssen zusammengeführt werden. Unstrukturierte Daten müssen handhabbar gemacht werden.

5. Produktionstechniken

Techniken, wie die additive Fertigung (3D-Druck) und die Entwicklung des 4D-Drucks wandeln heutige Produktionstechniken stärker um.

6. Umweltschutz

Der Umweltschutz wird durch die Lieferkette durch eine größere Rolle spielen, etwa durch Mehrwegverpackungen oder einen umweltfreundlichen Transport.

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