Elektronisches Bauteil

Bauteile-Fälschungen sind oft nicht zu entdecken. Was Unternehmen trotzdem tun können. (Bild: Plexus)

Die globalen Lieferketten kommen nicht zur Ruhe. Nach den Lieferengpässen in Folge der weltweiten Covid-19 Pandemie, steigenden Energie- und Rohstoffpreisen und fehlenden Arbeitskräften im Transportwesen, sehen sich Einkauf und Logistik nun mit den Auswirkungen des Ukraine-Russlands-Konflikts konfrontiert. Der Druck auf die Hersteller wächst, auf dem freien Markt und abseits gewohnter Wege Bauteile zu beziehen. Damit steigt auch die Gefahr von Produktfälschungen. Bereits auf dem Höhepunkt der Chipkrise kam es mehrfach zu solchen Betrugsversuchen.

Risikofaktor Produktfälschung

Die EU definiert Produktfälschungen als Waren, die Marken-, Urheber- oder Patentrechte eines Mitgliedsstaats verletzen. Dabei wird versucht, die Originale möglichst genau zu kopieren, einschließlich Hersteller-Logo und Verpackung. Die Fälschungen lassen sich kaum oder gar nicht von den eingetragenen Marken unterscheiden. Hinsichtlich der verwendeten Materialien sowie ihrer Verarbeitung sind die Teile jedoch oft minderwertig.

Fälschungen dieser Art finden sich sowohl in kommerziellen Produkten als auch bei Bauteilen für sicherheitskritische Systeme und Geräte. Sie reichen von günstigen Kondensatoren bis hin zu teuren Mikroprozessoren. Industrieverbände sowie Behörden sind kontinuierlich darum bemüht, im Kampf gegen Markenpiraterie Standards zu etablieren und Sicherheitsmechanismen zu verbessern. Dennoch kosten die Produktfälschungen die Wirtschaft jedes Jahr Milliarden.

Bauteile mit Qualitätsmängeln können Fehlfunktionen oder einen vorzeitigen Verschleiß verursachen und damit die Zuverlässigkeit und Sicherheit der Endprodukte gefährden. Die Unternehmensreputation leidet und das Vertrauen beim Kunden schwindet. In sicherheitskritischen Produkten (z. B. Medizintechnik, Luftfahrt) kann das minderwertige Bauteil sogar Leben kosten und strafrechtliche Konsequenzen für Händler und Hersteller nach sich ziehen.

Drei Schlüsselfaktoren für die Prävention

Nicht jeder nicht-autorisierter Anbieter ist automatisch kriminell. Grundsätzlich steigt jedoch mit jedem nicht gelisteten Distributor das Risiko. Wenn sich Hersteller entscheiden, dieses Risiko in Kauf zu nehmen, braucht es ein ganzheitliches Risikomanagement, um die Supply Chain weiter auf einem sicheren und zuverlässigen Niveau zu halten. Die folgenden Best Practices können das Risiko bei der Beschaffung gefälschter oder minderwertige Teile minimieren.

1. Die Wahl des Zulieferers

Für die Beschaffung von elektronischen Bauteilen gibt es vier Möglichkeiten:

  • Hersteller von Originalteilen (Original Component Manufacturers, OCM) stellen Produkte/Komponenten her und sind ihre geistigen Eigentümer, d. h. sie besitzen das Urheberrecht bzw. das Recht an der Marke.
  • Zertifizierte Vertragshändler bzw. Distributoren verkaufen die Komponenten im Auftrag von Herstellern.
  • Unabhängige Distributor werden von OCMs dazu autorisiert, Komponenten von ihrer Linecard zu verkaufen. Allerdings befinden sich im Katalog dieser Zulieferer auch andere Hersteller, für die sie nicht zwangsläufig zugelassen sind. Dieser Mix erschwert es den Käufern, den Überblick zu behalten und zwischen autorisierten und nicht-autorisierten Komponenten zu unterscheiden. Für OEMs ist es daher unerlässlich, die internen Qualitätsprozesse der unabhängigen Händler zu kennen und auf strenge Inspektions- und Testprotokolle zu achten.
  • Auf der anderen Seite des Spektrums stehen die Broker von elektronischen Bauteilen, die in erster Linie Lagerbestände bewegen und keine autorisierten Wiederverkäufer sind. Diese Broker lagern, wenn überhaupt, nur sehr wenig Bestand ein: Die gelieferte Ware geht meist noch am selben Tag weiter zum Kunden.

Wer den Unterschied zwischen diesen Händlern sowie ihre jeweiligen Risiken und Vorteile versteht, kann beim Kauf von Komponenten bereits viele Fallstricke umgehen. Am sichersten fahren Hersteller über den direkten Einkauf über einen OCM oder einen autorisierten/geprüften Händler. Auch die Zusammenarbeit mit unabhängigen Distributoren stellt kein Problem dar, solange diese die Echtheit der Produkte garantieren und die Durchführung von entsprechenden Tests und Qualitätskontrollen nachweisen können. Prozessaudits entlang der Lieferkette und Qualitätsnachweise sind ein gutes Zeichen für einen vertrauenswürdigen Partner.

Etwas anders sieht es bei den Brokern von elektronischen Komponenten aus. Sie sollten nicht ohne weiteres auf die Liste der zugelassenen Lieferanten aufgenommen werden. Selbst dann nicht, wenn der Materialfluss in der Fertigung gefährdet ist und es zu Lieferverzögerungen kommt.

2. Kontrollen in der Beschaffung

Damit der Einkauf fundierte Entscheidungen treffen kann, muss er auf Nachweise zurückgreifen können, die Fälschungssicherheit und Qualitätskontrollen garantieren. Unverzichtbar sind in diesem Zusammenhang etablierte Prüf-Prozesse innerhalb des Unternehmens. Dabei sollte der Einkauf eng mit dem Supply Chain-Team zusammen arbeiten, um von ihrer Erfahrung in Sachen globaler Lieferketten zu profitieren. Auch der Kontakt mit dem Engineering kann sich von Vorteil erweisen, um die angebotenen Bauteile einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Mitgliedschaft in globalen Handelsverbänden, beispielsweise GIDEP (Government – Industry Data Exchange Program) und ERAI (Electronic Resellers Association International). Dort erhalten Hersteller Berichte, Empfehlungen und Leitfäden, werden über aktuelle Gefahrenmeldungen informiert und können ihre Mitarbeiter in entsprechende SCRM-Schulungen schicken. Der Beitritt beinhaltet in der Regel auch den Zugang zu Verzeichnissen, in denen bekannte gefälschte Bauteile sowie deren Lieferanten aufgeführt sind. So können Einkäufer ganz gezielt vor Abschluss eines Vertrags Auskünfte einholen und schwarze Schafe in der Branche ausmachen.

3. Prüfung durch Dritte

Zur Best Practice bei der Bauteilebeschaffung gehört es auch, Prüfberichte für die vom Broker gelieferten Komponenten anzufordern – und zwar durch eine Dritt-Partei. Die Berichte sollten als Minimum eine Reihe an Tests abdecken, darunter Dickenmessung, Röntgenfluoreszenzanalyse (XRF) und Bauteileöffnung (Decapsulation & Delidding). Für Hersteller kann es schwierig sein, auf diese Berichte durch einen externen Prüfer zu bestehen – vor allem wenn die Zeit drängt und die benötigten Bauteile an anderer Stelle nicht verfügbar sind. Vorschnelles Handeln kann jedoch kostspielige und sehr ärgerliche Konsequenzen nach sich ziehen, wenn fehlerhafte, gefälschte oder gebrauchte Teile in Endprodukte eingebaut werden.

Prüfstandards stellen ein zuverlässiges Siegel für die Qualität des Sourcings dar. Die IDEA (Independent Distributors of Electronics Association) hat zur Prävention von Produktfälschungen bei elektronischen Komponenten und zur Qualitätssicherung eigene Prüfnormen festgelegt. Der IDEA STD 1010 ist branchenweit anerkannt und bietet einen guten Ausgangspunkt, um Bauteile anhand einer Checkliste zu prüfen. Wer als Distributor diesen Benchmark-Prüfstandard für seine Komponenten angibt, hebt sich in Sachen Qualitätsbewusstsein und Seriosität bereits ein gutes Stück vom restlichen Markt ab.

Viele dieser Branchenverbände bieten Programme und Zertifizierungen für allgemeine Nachweismethoden und die Interpretation der technischen Ergebnisse an. Die umfassenden und lange zurückreichenden Dokumentation verschafft zudem einen guten Überblick über risikobehaftete Akteure in der Supply Chain. Damit sind interne Teams besser in der Lage, Angebote von Bauteilen zu bewerten und auf verdächtige Zulieferer aufmerksam zu werden. Diese Risikobewertung ist essenziell für die Implementierung von entsprechenden Sicherheitskontrollen in der Beschaffung.

Alle für einen: Branchenübergreifendes Risikomanagement

Eine gründliche Prüfung jedes einzelnen Teils entlang der Lieferkette ist unmöglich. Doch dabei geht es beim Supply Chain Risk Management (SCRM) und bei der Prävention von Produktfälschungen auch nicht unbedingt. Hersteller gewinnen bereits viel an Sicherheit, wenn sie sich die Zeit nehmen, Angebote genau zu prüfen und interne Sicherheitschecks und Kontrollen zu etablieren. Das gilt bei Engpässen genauso wie in Zeiten entspannterer Lieferketten.

Je mehr Unternehmen sich dieser Praxis verschreiben, desto sicherer wird insgesamt der Markt. Es geht darum, Betrüger und Fälscher abzuschrecken und ihnen ihre Arbeit so schwer wie möglich zu machen. In Verbindung mit objektiven, weltweiten Industriestandards lässt sich so das Risiko für die gesamte Branche, wenn nicht beseitigen, doch zumindest minimieren.

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