Einkaufsstrategie

Das bedeutet die Warengruppenstrategie in der Beschaffung

Blick in ein Lager
Die Warengruppenstrategie fasst Materialien nach bestimmten Eigenschaften zusammen.

Viele Waren lassen sich bei der Beschaffung nicht miteinander vergleichen. Wir stellen die Warengruppenstrategie als Einkaufsstrategie vor. Was sie ausmacht und welche Vor- und Nachteile sie hat.

Büromaterial lässt sich nicht mit Schmierstoffen vergleichen, strategisch wichtige Komponenten nicht mit Schrauben und Muttern. Wer alle Materialien nach dem gleichen Schema beschafft, verschenkt deshalb beim Einkauf viel Geld.

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Wer seinen Bedarf dagegen in Gruppen von Produkten aufteilt, die vergleichbare Merkmale erfüllen, und die optimalen Beschaffungsprozesse für jede Materialgruppe entwickelt, senkt seine Beschaffungskosten um bis zu 15 Prozent. Da der Einkauf in vielen Unternehmen der größte Kostenposten ist, setzt die Waren- oder Materialgruppenstrategie gewaltige Hebel in Gang.

Dennoch verzichtet einer Studie der Schweizer Unternehmensberatung Convivax zufolge jedes zweite Unternehmen auf die Einsparpotenziale, die ihm der Einkauf nach Materialgruppen bieten würde.

Was ist eine Warengruppenstrategie?

Eine Warengruppenstrategie ist eine Beschaffungsstrategie, die unterschiedliche Waren zu Gruppen mit ähnlichen Merkmalen zusammenfasst. Eine Warengruppe zeichnet zum Beispiels aus, dass die Bedarfe bei einem Portfolio ähnlich ausgerichteter Lieferanten beschafft werden können. Andere Warengruppen werden zusammengefasst nach "strategischen Materialien" und "Standard-Materialien". Die wesentlichen Eigenschaften einer Warengruppenstrategie können auf einem Warengruppensteckbrief zusammengefasst werden. Das sind zum Beispiel:

  • der verantwortliche Lead Buyer,
  • das Lieferantenportfolio inklusive der Lieferantenbewertungen,
  • die Beschaffungsstrategie,
  • die Bedarfsplanung sowie
  • Ziele und Maßnahmen zur Umsetzung.

Mit gut 20 bis 30 solcher Steckbriefe können mittelständische Unternehmen ihr Beschaffungs- und Lieferantenportfolio übersichtlich aufbereiten und Strategien für einzelne Warengruppen erarbeiten, so die Einkaufsberatung Kloepfel Consulting.

Materialgruppen richtig sortieren

Die Warengruppenstrategie unterscheidet:

  • Hebelmaterialien, die einfach zu beschaffen sind und ein geringes Beschaffungsrisiko aufweisen, aber einen hohen Einfluss auf das Betriebsergebnis haben und einen großen Anteil des Beschaffungsvolumens ausmachen,
  • Strategische Materialien, die sehr teuer sind und sich oft nur schwer beschaffen lassen,
  • Standardmaterialien, die günstig sind und deren Einkauf einfach und oft standardisiert erfolgen kann und
  • Engpassmaterialien, die zwar keinen großen Anteil an den Beschaffungskosten haben, aber schwer zu beschaffen sind, weil es dafür nur wenige Lieferanten gibt oder die Materialien selten sind.
Tabelle über beispielhafte Warengruppen und mögliche Preisvorteile
Laut Convivax lassen sich bei unterschiedlichen Warengruppen ordentliche Preisvorteile über Ausschreibungen erzielen. (Grafik: Convivax)

Transparenz über das gesamte Beschaffungsportfolio gewinnen

Wollen Einkäufer die einzelnen Materialgruppen effizient und günstig beschaffen, müssen sie für jede Gruppe eine eigene Beschaffungsstrategie entwickeln. So kaufen sie strategische Materialien idealerweise bei Lieferanten, zu denen sie eine enge und vertrauensvolle Beziehung aufgebaut haben. Standardmaterialien wie Büromaterial, Schrauben oder Profile lassen sich dagegen auch durch E-Auctioning auf Onlinemarktplätzen beschaffen.

Um entscheiden zu können welche Beschaffungsstrategie für welche Materialgruppe die beste ist, müssen sich Einkäufer zunächst einen vollständigen Überblick darüber verschaffen, wo sie was, zu welchen Kosten beschaffen und welche Bedeutung die einzelne Warengruppe und mögliche Einsparungen beim Einkauf für das Betriebsergebnis des Unternehmens haben.

Warengruppendossiers erstellen

Die so gewonnenen Erkenntnisse stellen Einkäufer in Dossiers zu jeder Warengruppe zusammen. Diese sollten nicht nur die aktuelle Beschaffungssituation abbilden, sondern auch Prognosen darüber enthalten, wie sich etwa der Beitrag der Warengruppe zum Betriebsergebnis oder der Markt für die zu beschaffende Technologie und diese selbst künftig entwickeln werden.

Die Dossiers sollten vor allem Antworten auf folgende Fragen zu jeder Materialgruppe geben:

  • Kosten und Preise
  • Welche Mengen der zur Materialgruppe gehörenden Vorprodukte beschafft das Unternehmen zu welchen Preisen?
  • Welche Konditionen wurden für die entsprechende Materialgruppe in bestehenden Verträgen vereinbart?
  • Wie werden sich der eigene Bedarf, die Angebotssituation und die Fertigungskapazitäten auf dem Markt für die Materialgruppe künftig entwickeln?
  • Welche Preis- und Geschäftsmodelle verfolgen Lieferanten?

Supply-Base der Materialgruppe

  • Von welchen Lieferanten bezieht das Unternehmen aktuell die entsprechenden Vorprodukte?
  • Welche Verträge bestehen mit den Zulieferern? Was genau wurde vereinbart?
  • Werden Materialien der entsprechenden Gruppe aktuell bei einem oder mehreren Zulieferern gesourct? Kauft das Unternehmen sie nach dem Best- oder Low-Country-Prinzip ein?
  • Welche Anbieter sind die beherrschenden, welche sind die besten Anbieter für die entsprechenden Produkte?
  • Welche allgemeinen Beschaffungsrisiken bestehen für die Materialgruppe? Welche lieferantenspezifischen Risiken gibt es?

Technologische Entwicklung

  • Welche neuen Technologien, welche neuen Produkte oder Fertigungsprozesse sind auf dem Markt für die entsprechende Materialgruppe in absehbarer Zeit zu erwarten?
  • Führt dies dazu, dass sich die Materialien, günstiger fertigen, oder in eigenen Produkten durch andere ersetzen lassen?

Alle Unternehmensbereiche einbeziehen

Um diese Fragen beantworten zu können, holen Einkäufer bei der Analysye und Beschreibung der einzelnen Materialgruppen idealerweise Kollegen aus der Entwicklung, Logistik, Qualitätskontrolle und Produktion mit an den Tisch. Ihren Input brauchen sie nicht nur, um alle für das Unternehmen relevanten Aspekte seines Beschaffungsportfolios durchleuchten zu können. Nur wer im Anschluss daran auch die besten Einkaufsstrategien für jede Materialgruppe mit den Fachleuten aus allen beteiligten Unternehmensbereichen abstimmt, holt aus der Warengruppenstrategie wirklich das Potenzial heraus, das in ihr steckt. Wo dies wie bei strategischen Materialien Sinn macht, sollten Einkäufer auch ihre Lieferanten an diesem Prozess beteiligen.

Kompetenzen klar regeln

Ist eine Materialgruppenstrategie in der Einkaufsabteilung eingeführt, sollte für jede Materialgruppe ein Einkäufer die Verantwortung übernehmen. Als Lead Buyer kann er gezielt Know-how über den Markt aufbauen und pflegen, auf dem er die Materialien seiner Warengruppe beschafft und die für ihren Einkauf beschlossenen Strategien gezielt verfolgen und weiterentwickeln.

FAQ - Warengruppenstrategie

Was versteht man unter einer Warengruppenstrategie im Einkauf?

Eine Warengruppenstrategie beschreibt den systematischen Ansatz, mit dem Unternehmen bestimmte Material- oder Leistungsgruppen – sogenannte Warengruppen – strategisch beschaffen. Ziel ist es, die Beschaffung nicht mehr rein operativ, sondern strategisch zu steuern. Dabei werden Marktanalysen, Lieferantenstrukturen, Kostenentwicklungen, Risiken sowie interne Bedarfe berücksichtigt. Auf dieser Basis definiert der Einkauf langfristige Ziele, geeignete Lieferantenstrukturen, Verhandlungsstrategien und Maßnahmen zur Kostenoptimierung.

Warum ist eine Warengruppenstrategie für Unternehmen wichtig?

Eine klar definierte Warengruppenstrategie schafft Transparenz über Beschaffungsmärkte und Kostenstrukturen. Unternehmen können dadurch Einkaufspotenziale systematisch nutzen, Risiken in Lieferketten besser steuern und ihre Verhandlungsposition gegenüber Lieferanten stärken. Gleichzeitig ermöglicht sie eine stärkere Standardisierung von Prozessen und eine bessere Zusammenarbeit zwischen Einkauf, Technik und anderen Fachbereichen.

Welche Schritte gehören zur Entwicklung einer Warengruppenstrategie?

Typischerweise beginnt die Entwicklung mit einer detaillierten Analyse der Warengruppe, etwa hinsichtlich Bedarfsvolumen, Kostenstruktur, Markt- und Lieferantenlandschaft. Darauf folgt eine Bewertung der Chancen und Risiken sowie die Definition strategischer Ziele, beispielsweise Kostensenkung, Innovationspartnerschaften oder Versorgungssicherheit. Anschließend werden konkrete Maßnahmen festgelegt, etwa Lieferantenkonsolidierung, Dual Sourcing oder langfristige Rahmenverträge.

Welche Rolle spielen Lieferanten in der Warengruppenstrategie?

Lieferanten sind ein zentraler Bestandteil jeder Warengruppenstrategie. Unternehmen analysieren ihre Lieferantenbasis, bewerten Leistungsfähigkeit, Innovationspotenzial und Risiken und definieren darauf aufbauend die gewünschte Lieferantenstruktur. Je nach Warengruppe kann dies zu einer stärkeren Bündelung bei strategischen Partnern führen oder zu einer breiteren Lieferantenbasis, um Abhängigkeiten zu reduzieren und Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Wie oft sollte eine Warengruppenstrategie überprüft oder angepasst werden?

Warengruppenstrategien sollten regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst werden, da sich Märkte, Technologien und Lieferketten dynamisch verändern. Viele Unternehmen führen mindestens einmal jährlich eine strategische Überprüfung durch. Bei stark volatilen Märkten – etwa bei Energie, Elektronik oder Rohstoffen – kann auch eine häufigere Anpassung sinnvoll sein, um auf Preisentwicklungen, geopolitische Risiken oder neue Lieferantenangebote reagieren zu können.